Ausgabe 
3.7.1904
 
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Seite 4.

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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 27.

im dortigen Gemeinderat und damit die Mehr⸗

heit. In Seligenstadt dagegen, wo

ebenfalls am Samstag gewählt wurde, erlangte die Pfaffenpartei die Mehrheit. Unsere Genossen haben dort nur ein Mandat inne.

Der Kretschmann-Brief⸗Prozeß beginnt am Montag vor dem Mainzer Land⸗ gericht.

Die Wahlreform in Hessen.

Bei der Weiterberatung der Wahlvorlage sprach am Donnerstag zuerst Abg. Schmitt(Zentrum), der sich ebenfalls gegen Heyl und seine Truppe wandte. Als Gegner erllärten sich Hir s chel und Schill(natl.). Nachdem Gutfleisch für die Vorlage eingetreten, prä⸗ zisiert Ulrich die prinzipielle Stellung der Sozialdemo⸗ kratie, die allgemeines direktes und geheimes Wahlrecht mit Proportionalsystem verlange. Nun aber werde die sozialdemokratische Partei den Ausschußantrag annehmen und die Kautelen in Kauf nehmen, um das Zustande⸗ kommen der direkten Wahl zu sichern, wenn auch die meisten Kautelen gegen die Sozialdemokratie gerichtet seien. Die nationalliberale Partei habe durch ihre Stellungnahme sich selbst gerichtet. Das sind die wirklich vaterlandslosen Gesellen, die im eigenen Vaterland die Bauern von ihren Höfen fortschaffen. Wer ernsthaft die direkte Wahl wolle, stimme für das Gesetz.

Gießener Angelegenheiten.

Aus der Sitzung der Stadt ver⸗ ordneten vom Donnerstag ist zu erwähnen, daß der bisherige Herausgeber des Gießener Adreßbuchs, Buchdruckerei Kindt, den Ver⸗ trag mit der Stadt gekündigt hat. Ein Ab⸗ kommen mit der Brühl'schen Druckerei, wo nach diese 300 Mk. für Lieferung des Materials an die Stadt zahlt, wird genehmigt. Bezüglich der Sonntags ruhe im Handelsgewerbe liegt

eine Eingabe des deutsch⸗nationalen Handlungs⸗

gehülfen⸗Verbandes vor, welche die Offenhaltung der Läden auf die Zeit von 111 Uhr Sonntag eingeschränkt wissen will, es wird beschlossen, es bei dem bisherigen Zustand zu belassen. Man will sofort auf diesen Wunsch eingehen, wenn in den Nachbarstädten ein Gleiches geschieht. Auf dem alten Friedhofe sollen die Fichten⸗ bäume beseitigt und die alten, zum Teil künst⸗ lerischen Denkmäler freigelegt werden. Zum Besuche der Kurse für Fortbildungsschul⸗Unter⸗ richt erhalten zwei Lehrer eine Zubuße von Seiten der Stadt. Ebenso zwei weitere Lehrer zum Besuche des Kongresses für Knaben⸗Hand⸗ arbeit in Worms.

Der Konsumverein Gießen und Umgegend hat mit Schluß dieses Monats sein 3. Geschäftsjahr vollendet. Wie wir hören, stieg der Umsatz in dem letzten Jahre wiederum ganz erfreulich und ebenso die Zahl der Mit⸗ glieder. Bei der großen Zahl der in Gießen wohnenden Arbeiter sollte die Zunahme aller⸗ dings noch eine größere sein; immerhin ist eine stetige und gute Entwickelung der Genossenschaft zu verzeichnen. Wie aus dem Inseratenteil zu entnehmen ist, bleibt Sonntag, den 3. Juli das Geschäft wegen Inventur geschlossen.

Ueber die Behandlung der Ar- better auf dem Braunstein⸗Zergwerk gehen uns lebhafte Klagen zu. Die Steiger pflegen beispielsweise die Arbeiter verächtlich mit Spitzuamen anzureden; ein Arbeiter der bereits 8 Jahre auf dem Werke beschäftigt ist, wurde von einem Steiger ohne jede Veran- lassung mitKerl ꝛc. beschimpft und als er sich das verbat, entlassen. Die Direktion sollte doch dafür sorgen, daß die Leute, deren Ar⸗ beit dem Unternehmen hohe Gewinne bringt, wenigstens einigermaßen anständig behandelt werden.

Vom Gerüst gestürzt. Bei einem Neu⸗ bau in der Ederstraße stürzte am Samstag ein Maurer aus Kirchgöns vom Gerüst und erlitt dabei einen Schenkelbruch.

Hirschelchen über unser Kreis⸗ fest. Unseren Genossen wird es nicht geringes Vergnügen bereiten, zu hören, wie der jetzt aus der Krippe des Bauernfängerbundes fressende Antisemitrich in seinem Friedberger Blättchen für künstlichen Dünger über unser prächtig verlaufenes Kreisfest schimpft. Seine wüten⸗ den und verlogenen Anwürfe werden auch bei

dem ernstesten unserer Genossen eine dröhnende Lachsalve hervorrufen. Und weil wir zur Be⸗ lustiaung unserer Freunde beitragen möchten, sei die Leistung hier fast vollständig abgedruckt. Hört, wie dieser Mensch seine paar bedauerns⸗ werten Leser anschwindelt:

Um 1.20 kamen die Genossen mit Kind und Kegel angezogen. Dann gings mitJuchhe durch Watzen⸗ born bis vor die Wirtschaft zur Ludwigshöh. Als die Blase eine geraume Zeit gestanden hatte, kam dann Genosse Häuser mit 2 Adjutanten und einer Mufikbande anmarschirt, um die obenstehende Gesellschaft abzuholen. Sozze Häuser hieß sie willkommen und krächzteBataillon Marsch. Da kam aber Wachtmeister Vogel von Gießen in die Quere und verbot den Umzug und Musik durch Watzenborn, auf Wunsch der Watzenbörner. Als die Heerde Watzenborn passiert hatte, durfte die Mufik spielen. Am Festplatz schleimte sich nun ein soziol⸗ demokratisches Reptil, welches angab, im Wahlkreis Solingen in den Reichstag gewählt worden zu sein, ganz gehörig aus. In seiner Mut taufte er Watzenborn inSchwatzenborn, er schimpfte noch mehr und brüllte etwas von der Freiheit, worauf aber die Sozzen nicht viel hörten, denen Essen und Trinken lieber zu sein schien, als das Blech(nach Schema F.) anzuhören, was sie schon so oft gehört hatten. Als die Gieß ener Bebels⸗ Gesellschaft, wie sie hier zu Lande genannt werden, gehörig satt war, gings des Abends wieder nach Haus.

Unsere Berichte sind der Schabbeszeitung in die Knochen gefahren. Sie heult und jammert darüber in innigstem Schmerz und ist fast aus Rand und Band. Wir haben ihr allerdings einen ärgerlichen Strich durch die Rechnung ge⸗ macht, die Schoppen Wein im Hotel Großherzog wollen doch bezahlt werden. Die Arbeiter allein wollens auch bald nicht mehr bezahlen und das bischen Indensold von Singer, Arous und Co. schickt nicht.

Von Teilnahme der Watzenbörner Vereine konnte die Schabbeszeitung allerdings nichts berichten. Selbst in Steinberg zeigten sich viele, die man für echte Sozial⸗ demokraten gehalten hatte, sehr gleichgiltig. Manche hatten, um sich nicht zu schämen, ihre Kreppeln und Kuchen heimlich gebacken. Geschmückte Häuser, wozu das Komitee aufgefordert hatte, waren fast gar nicht zu sehen. Daß die Sozialdemokraten sich mit ihrem Fest eine gehörige Blamage geholt haben, müssen sie wohl selbst zugeben. Beim Bauern⸗ stand können sie eben doch nicht landen.

Muß sich der Mensch aber geärgert haben. Wir haben, um die Bildung und christliche Gestttung des Junkersöldlings zu zeigen, ver⸗ schiedene Stellen besonders hervorgehoben. Auf unserem Feste waren aber auch eine große An⸗ zahl Watzenbörner von den beiden Gesang⸗ vereinen waren mindestens zwei Drittel der Mitglieder anwesend die den in jeder Be⸗ ziehung guten Verlauf des Festes und besonders die allgemeine Aufmerksamkeit und das Interesse bei der Festrede selbst beobachtet haben. Diese muß nicht bloß die Beschimpfung der Arbeiter in diesem Erguß empören, sondern auch die Ehrlosigkeit, mit der das Blättchen seine eigenen Leute anlügt. Es hat zwar in Watzenborn nur ein Bäckerdutzend Leser, aber auch diese werden einsehen, wie recht seiner Zeit der Antise mit Wilberg hatte, als er schrieb:Keine Partei hat in ihren Reihen soviele Gaukler und moralisch ver⸗ sumpfte Schaumschlä ger gezählt, wie die unsrige und keine hat sich von Phrasenhelden und elenden Spekulanten nasführen lassen wie die antisemitische. Diese Einsicht kam ja auch schon bei der Reichstagswahl zum Ausdruck. In Watzenborn⸗Steinberg erhielten Stimmen:

1898: 1903: Antisemit 89 76 Sozialdemokrat 168 211

Man sieht, keine noch so gemeine Lüge und niedrige Schimpferei hält den Bankrott auf. Selbst jetzt nicht, wo die Spekulanten aus der Kasse des Junkerbundes besoldet werden und deshalb noch ein paar Prozent frecher sind.

h Sängerkrieg. Bei dem am Sonntag in Hausen stattgefundenen Sängerfeste kam es zwischen Sangesbrüdern von Steinbach und Albach zum Streit, wobei es blutige Köpfe absetzte. Wir wollten mal die antisemitischen

Fischweiber hören, wenn Derartiges auf unserem Kreisfest vorgekommen wäre.

Zur Landeskonferenz. Bekanntlich sind für die diesjährige Landeskonferenz in

Pfungstadt zwei Tage vorgesehen. Für viele Parteiorte, namentlich in unserer Gegend, wo noch die ziemlich weite Entfernung des Kon⸗ ferenzortes in Betracht kommt, wird deshalb die Beschickung mit finanziellen Schwierigkeiten verknüpft. Da aber auch für unsern Kreis eine möglichst zahlreiche Vertretung auf der Konferenz wünschenswert ist, so wäre es gut, wenn sich mehrere Orte auf einen Deligirten einigen, wie wir das schon kürzlich anregten und im Inter⸗ esse der Sache für geboten erachten.

Die Konferenz beginnt Samstag den 30. Juli abends 8 Uhr.

Die Unterzeichnungslisten für die Errichtung eines Gewerbegerichts für den Kreis Gießen, welche noch ausstehen, sollen spätestens bis zum 15 Juli an unsere Expedition oder an die bekannten Adressen des Kreiswahlvereins⸗Vorstandes eingeliefert werden. Dies zur Beachtung für alle diejenigen, welche solche Listen noch im Besitz haben.

Aus dem Rreise Wetzlar.

r. Die Listen für die Gewerbe⸗ gerichts wahl werden bereits diesen Samstag (2. Juli) geschlossen, deshalb verlange jeder, der wählen will, seine Eintragung. Viele Ar⸗ beiter beschweren sich über die ungünstige Wahl⸗ zeit; die Leute sollten bei dem Landrat Be⸗ schwerde führen, die unseres Erachtens Erfolg haben muß.

h. Ein lustiger Krieg ist zwischen den beiden Wetzlarer Ordnungsblätter ausgebrochen. Das Amtsblatt warf nämlich dem sogenannten unparteiischenGeneral⸗Anzeiger einem Blätt⸗ chen von der Schweinburg⸗Kouleur, Abdruck seinerOrginal-Artikel vor. Bei dieser Gelegen⸗ heit sagen sich die beiden christlichen Patrioten⸗ Organe allerhand Liebens würdigkeiten über die sich jeder anständige Mensch freut. Das Amts⸗ blatt sagt zum Beispiel: f

Es ist doch gut, daß eine Zeitung nur ein Stück Papier ist, daß sich nicht schämen kann. Es müßte sonst über manche Dreistigkeit, mit der man seine reine, weiße Fläche be druckt, feuerrot werden.

Sehr richtig, das paßt für beide und noch eine Anzahl andere ihres Kalibers.

* Eine freigebige Gemeinde. Am ver⸗ gangenen Sonntag fand in Biedenkopf ein großes Kriegerfest statt. Zum Besuch desselben bewilligte die Gemeinde Naunheim bei Wetzlar jedem ihrer Veteranen 5 Mark aus der Gemeindekasse. Das Wetzlarer Amtsblatt hebt diese Verwendung des Gemeindevermögens rühmend hervor, findet sie offenbar ganz in der Ordnung. Nun, wenn etwa andere Einwohner von Naunheim mal ein auswärtiges sozialdemokratisches Fest besuchen wollen, werden sie hoffentlich auch auf eine Beihilfe aus der Gemeindekasse rechnen dürfen, denn der Gemeinderat macht doch sicher keinen Unterschied in der Behandlung seiner Gemeindeangehörigen. Ob sich der Landrat nicht ein wenig für diesen Ausgabeposten interessiert? 5

* Bürgermeister Lichtenthäler in Krof⸗ dorf hat seit einiger Zeit die Geschäfte der Bürgermeisteret wieder übernommen, nachdem das Strafverfahren, daß gegen ihn und den Bürgermeisterei⸗Sekretär eingeleitet war, eingestellt worden ist. Bekanntlich wurde L. kurz vor Weihnachten samt dem Sekretär verhaftet und nach Wetzlar abgeführt. Der Sekretär wurde bereits nach wenigen Tagen entlassen, der Bürgemeister jedoch ca. 14 Tage in Haft behalten und dann eiustweilen vom Amte suspendiert. Jetzt hat sich nun nach langer, halbjähriger Untersuchung seine Unschuld herausgestellt und auf grund des neuen Gesetzes betreffend die Ent⸗ schädigung unschuldig Verhafteter kann er Ansprüche er⸗ heben. Zu diesem Ausgang ist Herr Lichtenthäler gewiß zu beglückwünschen. Die Mehrheit der Bevölkerung wird es allerdings sehr merkwürdig finden, daß die damals bekannt gewordenen Verfehlungen als so geringfügige, eine Verfolgung nicht begründende, angesehen werden konnten. Soviel Glück hat wirklich nicht jeder bei der Dame Justitia.

k. Das Stiftung sfest des Arbetter⸗Ge⸗ sangvereinEintracht Krofdorf findet be⸗ kanntlich am Sonntag, den 10. Jult statt. Dazu haben zahlreiche Brudervereine der Um⸗ gegend ihre Beteiligung zugesagt. Es darf wohl erwartet werden, daß die Arbesterschaft der Um⸗ Pouch den jungen Verein durch zahlreichen

esuch unterstützt.

X. Fellingshausen. Der GesangvereinKon⸗ kordia feiert diesen Sonntag, den 3. Juli sein 13.

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