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Nr. 27.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 3.
tragte gegen die angeklagten Banukdirektoren 5 und 6 Jahre Gefängnis und Ehrverlust, während sich die Verteidiger in tagelangen Reden be⸗ mühten, die Bankräuber als vollendete Ehren⸗ männer hinzustellen.— Ein anderer Prozeß, in welchem von dem nationalliberalen Reichstagsa“geordneten Münch⸗ Fer ber höchst schmutzige Geldgeschichten festgestellt wurden, verhandelte die Zivilkammer in Fürth. Münch sowie sein Gegner erhielten Geldstrafen.
Unternehmer und Terrorismus.
Ein Gegenstück zum Saarbrücker Prozeß, über den die Ordnungepresse kein Wort zu sagen wußte, spielte sich in Dres den ab. Zwei Redakteure der„Sächs. Arbeiterzeitung“ waren der Beleidigung der Firma Siemens, Glasfabrik in Dresden angeklagt. Die Zeugen⸗ aussagen bestätigen, das in den inkrimi⸗ nierten Artikeln Ausgeführte, sodaß selbst das Gericht anerkannte, der Beweis, daß die Firma das Koalitionsrecht der Arbeiter nicht respektiere, sei geglückt. Auch sonst lauteten die Zeugenaussagen zu Gunsten der Angeklagten. So bekundete der Gewerberichter Dr. Häntzsche, die Fabrikleitung behandelte die Arbeiter sehr hart und rigoros in jeder Beziehung. Gewerberichter Stübing erklärt, daß die Firma gezen ihre Arbeiter sehr inhuman sei. Trotzdem wurden die Redakteure Fleißner und Nitzsche jeder zu 1200 Mark Geldstrafe verurteilt!
Was Arbeiter mit sich machen lassen.
Der etwa 4000 Mitglieder umfassende Mittel deutsche Verband der Evan gelischen Arbeiter⸗Vereine und der Verein der Eisenbahnarbeiter in Erfurt haben sich dem Reichs verbande gegen die Sozialdemokratie angeschlossen.— Nun werden wir aber entgiltig vernichtet. Was mögen aber das für„Arbeiter“ sein?
Untaugliche Mittel.
Die Stockholmer Zeitung„Aftonbladet“ ver⸗ öffentlichte die Abschrift eines Briefes, den Eugen Schumann, welcher den Gouveneur Bobrtkow erschoß, vor seiner gewiß sehr mutigen Tat an den Zaren richtete. Darin heißt es unter anderm:
„Durch Lügen und falsche Darstellungen ist es dem Generalgouveneur und Minister, Staats⸗ sekretär v. Plehwe, gelungen, Ew. Majestät zu Verordnungen und Beschlüssen zu veranlassen, welche den Gesetzen widersprechen, die Ew. Majestät bei der Thronbesteigung fest und unver⸗ brüchlich in voller Kraft zu wahren versprach. Da keine Aussicht vorhanden ist, daß innerhalb eines übersehbaren Zeitraumes eine wahre Dar⸗ stellung des wirklichen Zustandes an Ew. Majestät gelangen wird, und daß der Generalgouveneur abgerufen werde, so bleibt nur noch übrig, zur Nolwehr zu greifen und zu versuchen, ihn un⸗ schädlich zu machen. Das Mittel ist gewaltsam, aber das einzige. Bei der Gelegenheit opfere ich mein eignes Leben mit eignen Händen, um zu versuchen, Ew. Majestät noch mehr davon zu überzeugen, daß im Großfürsten⸗ tum Finnland, wie in Polen und den Ostsee⸗ provinzen, ja, im ganzen russischen Reiche, Miß⸗ stände herrschen.“ 5
Wenn das Schreiben auch wirklich den Zaren erreichen sollte, wird es doch schwerlich auf ihn Eindruck machen und ihn etwa bestimmen, die schauderhaften Zustände zu beseitigen, wenn er überhaupt dazu im Stande wäre. Wenn auch ein Werkzeug der Gewaltherrschaft beseitigt ist, das System bleibt, es kann nur durch Auf⸗ klärung und Organisatton des russichen arbei⸗ tenden Volkes gestürzt werden.
Sozialistenverhaftungen in Rußland
Dieser Tage sollen in Kiew viele Haus⸗ suchungen stattgefunden haben und 200 Sozi a⸗ list en verhaftet worden sein. Dabei wurde eine geheime Druckerei entdeckt. Dte russischen Revolutionäre und mit ihnen das ganze russische Volk werden sich dadurch nicht abhalten lassen, an der Beseitigung der Gewalt⸗ herrschaft weiter zu arbeiten.
Eine kleritale Hochburg
haben unsere italienischen Genossen erobert. Im klerikalen Wahlkeise Berga mo siegte bei einer Nachwahl der sozialistische Kandidat Advokat Maironi mit 2000 Stimmen Mehrheit über den Konservativen.
Russisch⸗japanischer Krieg.
Vor der Entscheldung. Die in den letzten Tagen vom Kriegsschauplatze eingetroffe⸗ nen Nachrichten lassen darauf schließen, daß erstens die Russen nicht im Stande sind, dem Vordringen der Japaner wirksamen Wider⸗ stand entgegen zu setzen; zweitens scheint ein entscheidender Kampf sehr nahe bevorzustehen. Die Japaner rücken unaufhaltsam vor und bereiten den Russen zahlreiche kleinere und größere Niederlagen. Von Petersburg her gemeldete russische Erfolge erwiesen sich als Schwindel oder mindestens als Uebertreibungen. — Am 27. Juni besetzten die Japaner Föng⸗ shuling, nordwestlich von Siujen. Die Russen flohen in Unordnung. Der Verlauf des Krieges ruft in Rußland natürlich eine sehr trübe Stimmung hervor.— Die Mobilisterung in Rußland stößt infolge der Mißstimmung der Bevölkerung auf wachsende Schwierigkeiten. Aus 1 17 wurde berichtet: Es herrscht hier große Erbitterung, daß die in den letzten Tagen mobilisterten Reserveofftziere mit großen Verspätungen an ihrem Bestimmungsorte eintreffen. Aus dem Bezirk Kasan kam über⸗ haupt kein Offizier.
Vor Port Arthur fand am Donners⸗ tag wiederum ein Seegefecht statt, über das der japanische Admiral Togo berichtete, daß dabei ein Schlachtschiff vom Pereswjet⸗Typus gesunken sei; ein Schlachtschiff vom Sewa⸗ stopol⸗Typus und ein Kreuzer vom Diana⸗ Typus wurden gefechtsunfähig gemacht. Die japanischen Schiffe blieben im Wesentlichen un⸗ beschädigt.
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Das arbeitende Volk muß aufhören, seine eistige Nahrung aus den Zeitungen seiner einde zu ziehen, welche kein anderes Ziel haben als die Beschönigung und die Erhaltung der traurigen und schmachvollen Zustände, unter denen es schmachtet; und da dte Presse nur durch die Presse im Zaum gehalten, überwunden werden kann, so gebietet die Selbstverteidigung dem arbeitenden Volk, der alten Presse eine neue Presse entgegenzusetzen, der Bourgeois⸗, Junker⸗ und Pfaffenpresse eine
Arbeiterpresse! Wilhelm Ltebknecht.
CCC cc ccrecc Soziales, Gewerkschaftliches,
Arbeiterbewegung.
Große Bauarbeiter Aussperrung angedroht! Eine Konferenz von Bau⸗ unternehmern Süd⸗ und Mitteldeutschlands hat vorige Woche in Frankfurt zu den Bau⸗ arbeiterstreiks in Mainz und andern Orten Stellung genommen. Sie hat beschlossen, den Nane Zentralleitungen der Maurer- und
immererverbände Bedingungen zu stellen, die bis zum 2. Juli angenommen sein müssen, andernfalls im ganzen Bereiche des Mittel⸗ deutschen Arbeitgeberverbandes am 18. Juli die ie ee Arbeiter entlassen werden sollen. In Frankfurt fanden deshalb 5 große. Bauarbeiterversammlungen statt.
Opfer der Bergarbeit.
Im Oberbergamtsbezirke Dortmund be⸗ trug im Jahre 1903 die Gesamtzahl der töd⸗ lich verunglückten Bergleute 561 gegen 474 im Vorjahre. Also bald 100 Tote mehr!
Blinder Eifer schadet nur.
Von einem hübschen Histörchen berichtet die „Sächsische Arbeiterzeitung“. Auf dem Glück⸗ auf⸗Schachte in Neubannewitz quetschte sich vor
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einiger Zeit ein in der Brikettfabrik beschäftigter Arbeiter beim Bedienen der Pechmühle einen
Finger weg. Als der Berginspektor anläßlich dieses Unfalles in die Fabrik kam, um den Ursachen dieses bedauerlichen Vorkommnisses nachzuforschen und eventuell Anordnungen zu treffen, die einer Wiederholung solcher Unfälle vorbeugen sollten, war der Brikettmeister eifrig bemüht, dem Verletzten selbst die Schuld zuzu⸗ schieben. An der Maschine versuchte der bei den Arbeitern sehr unbeliebte Meister den Berg⸗ inspektor zu überzeugen, daß nur die Ungeschick⸗ lichkeit des Arbeiters die Veranlassung des Unfalles set. Schließlich rief er aus:„Es kann hier überhaupt nicht passieren, daß sich einer quetschen kann.“ Im Uebereifer, den Arbeiter als allein Schuldigen hinzustellen, griff er mit der linken Hand genau an die Stelle, wo sich der Arbeiter die Finger zerquetscht hatte. Doch kaum hatte der Meister mit der Hand in die Maschine gegriffen, da zog er sie auch schon mit einem Schmerzensschrei schnell wieder zurück. Ein Finger war aber zerquetscht in der Maschine geblieben. Auf diese Weise hat der Meister dem Berginspektor wider Willen gezeigt, welch gefährliches Ding die Maschine ist und daß von einer Verschul⸗ dung des verletzten Arbeiters gar keine Rede sein.— Hoffentlich sorgt man nun auch dafür, daß die Maschine mit S hutzvorrichtungen ver⸗ sehen wird, die eine Wiederholung solcher Ver⸗ letzungen ausschließen. Für den verletzten Meister aber sollen die Arbeiter auf dem Miles e recht wenig Mitleid übrig aben.
Von Uah und Fern.
Hessisches.
Wer ist bei den Gemeindewahlen
wahlberechtigt?
Bei den Gemeinderatswahlen in Hessen sind stimmfähig: 1. alle in der Gemeinde wohnen⸗ Ortsbürger; 2. alle männlichen Einwohner, welche die deutsche Reichs angehörigkeit besitzen und welche seit 2 Jahren ihren Unterstützungswohnsitz in der Gemeinde erworben haben, vorausge setzt, daß sie zur Zeit der Wahl 25 Jahre alt und seit Beginn des dem Rechnungsjahre, in welchem die Wahl stattfindet, vorausgegangenen Rechnungsjahrs in der Gemeinde kommunalsteuerpflich⸗ tig sind.
Nicht stimmberechtigt sind diejenigen, wel che
a. unter Vormundschaft oder Kuratel stehen;
b. über deren Vermögen Konkurs erkannt worden ist, während der Dauer des Kon⸗ kursverfahrens;
c. infolge strafrechtlicher gegen ste ergangener rechtskräftiger Verurteilungen von der Stimmberechtigung in öffentlichen An⸗ gelegenhetten ausgeschlossen sind, für die Dauer der Entziehung;
d. zur Zeit der Wahl(d. h. des ganzen Wahlverfahrens einschließlich der Zeit der Aufstellung der Liste) zu ihrem Lebens⸗ unterhalte eine nicht bloß vorübergehende Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln beziehen, oder in den letzten der Wahl vorhergegangenen zwölf Monaten bezogen haben;
e. mit der Entrichtung der Kom mmunal⸗ steuer zur Zeit der Wahl sich länger als 2 Monate im Rückstande befinden.
Wählen kann nur, wer in der Wähler⸗ liste steht. Daher muß sich bei Auslegung derselben jeder Wahlberechtigte überzeugen, ob sein Name darin verzeichnet ist.
— Glemeindewahlen in Hessen. In Bauschheim bei Darmstadt gelang es unsern Genossen bei der am Donnerstag voriger Woche stattgefundenen Gemeinderatswahl zwet Mandate zu erobern. Es waren nur drei Mandate zu besetzen; unser dritter Kandidat blieb mit wenig Stimmen in der Minderheit.— Einen glänzenden Sieg erkämpfte unsere Partei bei den Gemeinderatswahen in Hatn⸗ stad t. Drei von unsern 4 aufgestellten Kan⸗ didaten wurden mit 165 Stimmen gewählt.
Unsere Genossen haben nunmehr sechs Sitze


