Ausgabe 
3.1.1904
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 1. 9

Pon Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten. Glückliches Neujahr!

Diesen Wunsch zum Jahresbeginn allen unseren Lesern! Möge das neue Jahr ihnen allen eine Besserung ihrer Lebenslage bringen, soweit sie es bedürfen. Und wer von ihnen bedürfte es nicht? Nur ganz vereinzelt wer⸗ den sich darunter welche finden, deren Lage eine zufriedenstellende wäre, nichts zu wünschen übrig ließe.

Doch immer wieder müssen wir darauf hinweisen: die Lage des Einzelnen kann dau⸗ ernd nur gebessert werden, wenn die Lage der Gesamtheit gehoben wird. Hieran im neuen Jahre tapfer und nachhaltig mitzuarbeiten, das sei vor allem unser Gelöbnis an der Jahreswende!

Zwar, wenn wir einen Blick auf das ver⸗ flossene Jahr werfen und das Ergebnis unse⸗ rer Arbeit, unserer Agitation überschauen, dür⸗ fen wir einigermaßen befriedigt sein. Nach den Reichstagswahlen zeigten verschiedene Land⸗ tags⸗, Gemeinde- und Gewerbegerichtswahlen, daß unsere Sache marschiert, daß Wahrheit und Erkenntnis auf politischem und sozialem Gebiete erfolgreich gegen Rückständigkeit und Unwissenheit ankämpften. Aber nicht allein die Wahlen zeigen uns die Fortschritte der sozial⸗ demokratischen Bewegung. In den letzten Tagen,

anläßlich der Crimmitschauer Aussperrung sehen

wir eine ganz gewaltige Kundgebung der deut⸗ schen Arbeiterschaft. Welche Opferfreiwillig⸗ keit, welche großartige Solidarität legt sie hier an den Tag! Hunderttausende von Mark wer⸗ den von Besttzlosen, die oft selbst am Notwen⸗ digsten Mangel leiden, zur Unterstützung der kämpfenden Kameraden aufgebracht! Hier zeigt sich in schönster Weise, wie das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Geist der Solidarität innerhalb der deutschen Arbeiterwelt erstarkt ist. Und doch wie viele Tausende ausgebeuteter armer Menschen stehen unserer großen Bewe⸗ gung noch gleichgültig gegenüber, leisten ihren Bedrückern Sklaveudienste! Die Aufklärung dieser Massen erfordert noch eine gewaltige Ar⸗ beit, die geleistet werden muß. Und sie wird getan werden! Grüßen wir das neue Jahr in der Hoffnung auf den Sieg unserer Sache und eine bessere Zukunft!

Gewerkschaftsfest. Wie unsern Lesern bereits bekannt ist, findet das diesjährige Winterfest der Gewerkschaften diesen Samstag, den 2. Jauuar im Saale des Café Leib statt. Sowohl der ArbeitergesangvereinEin⸗ tracht, wie auch dieFreie Tur nerschaft haben ihre Mitwirkung zugesagt. Ersterer wird unter anderem auch das Koschatsche Walzerlied Am Mörther See, das bei der Abendunter⸗ haltung auf Lonys Bierkeller so viel Beifall fand, wieder zum Vortrag bringen. Die Turner werden mit Pyramidenstellen und sonstigen turnerischen Produktionen zur Unterhaltung beitragen. Ferner findet Geschenke⸗Verlosung keine Versteigerung! statt. Dazu wird jeder Festtellnehmer ersucht, Geschenke zu stiften, die aber bis spätestens Samstag Mittag bei Orbig abgeliefert sein sollen, damit sie ge⸗ ordnet und nummeriert werden können. Die Festrede hält Genosse Krumm. Wegen der Fleischpreise haben die Antisemiten im Landtage eine Anfrage an die Regierung gerichtet mit der Ueberschrift: Die Schädigung des Publikums durch den Zwischenhandel mit Schweinen und Schweine⸗ fleisch. Darin wird gesagt:

Zu gegenwärtiger Zeit werden nach Angabe von Gastwirten und Privaten in Darmstadt bet den Metz⸗ gern bezahlt: Für 1 Pfd. Schweinefleisch 76 Pfg., für Au Speck 1. Mk., für 1 Pfd. Schmalz 70 Pfg. Im Allgemeinen erhält zu gegenwärtiger Zeit der Land⸗ wirt unseres Landes für das Pfund Lebendgewicht 1. Qualität 38 40 Pfg., für das Pfund Schlachtge⸗ wicht 1. Qualität 4550 Pfg.

Schließlich wird die Regierung gefragt, was ste zu tun gedenk, um das gegenwärtige Mißverhältnis zwischen den Einkaufs⸗ und Ver⸗ kaufspreisen des Schweinefleisches zu beseitigen

und ob sie bereit set, die allgemeinen Einkaufs

preise von Vieh in Gegenüberstellung mit den am Orte jeweils geltenden Verkaufspreisen von Fleisch und Fleischprodukten, in den großen Städten des Landes allwöchentlich öffentlich anschlagen zu lassen. Eine Aufklärung der Verhältnisse im Fleisch⸗ und Viehhandel ist ja sehr wünschenswert. Wenn die anfragenden Herren aber vorher vonFleischnotgeschrei, der Händlerpresse sprechen, so ist das eine höchst alberne. von Leuten, die durch Zolltarif und Grenzsperre die Preise auf eine unglaubliche Höhe treiben halfen. Uebrigens können sich die Herren, die vonSchädigung des Publikums durch Zwischenhandel sprechen, mal bei dem Gießener Amtsblatt Belehrung holen, das kürzlich lebhaft für den Schutz des Zwischenhandels eintrat! i

Vorsicht mit Feuerwerkskörper nl Das Abbrennen von Feue werkskörpern in der Neujahrsnacht ist auch in Gießen sehr in Schwung. Wir raten einem Jeden, diesen gefährlichen Unfug zu unterlassen, durch den schon sehr schwere Unfälle herbeigeführt wurden. So wird aus Schierstein a. Rh. berichtet, daß dort am Abend vor Weihnachten in dem Lößner'schen Laden beim Abbrennen eines sog. Frosch's der ganze Vorrat der Feuerwerkskörper explodierte und eine fürchterliche Brandkatastrophe verur- sachte. Die Tochter des Ladeninhabers erlitt dabei so schwere Brandwunden, daß sie noch in der Nacht star b.

Die Neujahrsnum mer desWahren Jakob ist wieder sehr reichhaltig. Außer den beiden farbigen Bildern:Silvesterfeier bei Dörchläuchting undDer Ritt auf dem Rasiermesser, erwähnen wir die Illustrationen:Zur Aufhebung des Jesuitenge⸗ setzes,Silvester,An der preußisch⸗russischen Grenze, Der Hochverräter,In der Silvesternacht, sowie das zweite Bild aus der Edmund Edelschen SerieBourgeois⸗ Typen und den in Wort und Bild erheiterndenReichs⸗ tags⸗Guckkasten. Der textliche Teil enthält die Ge⸗ dichteNeujahr,Schwarz ist Trumpf,Goldenes Abc,Ein Neujahrsgruß von Klara Müller, Der Kampf um das Wahlrecht und zahlreiche kleinere Beiträge.

Die Sylvester-Zeitung 1908 ist soeben im Verlage der Buchhandlung Vorwärts zum Preise von 10 Pfennig erschienen. Den Inhalt des in Zwei⸗ farbendruck hergestellten Festblattes haben wir schon neulich mitgeteilt. Bestellungen nimmt unsere Expedi⸗ tion entgegen.

Aus dem Rreise gießen.

Wieseck. Der Wahlverein hält am Samstag, den 2. Januar im Gambrinus bei Wacker seine Weihnachtsfeier ab. Dieselbe besteht in Konzert, Weihnachtsverlosung, Vor⸗ trägen usw. Es ist alles getan worden, um den Mitgliedern einige frohe Stund zu be⸗ reiten und deshalb recht zahlreiches Erscheinen

der Mitglieder und ihrer Angehörigen und Freunde zu erwarten. Eine grausige Tat versetzte an den

Feiertagen die Einwohner in Alten- useck in hochgra⸗ dige Aufregung. Am ersten Weihnachtstage, abends gegen 11 Uhr überfiel der dort wohnende 538jährige verheiratete Zigarrenmacher Wilh. Becker IX. den 21jährigen Weißbinder Karl Alban und richtete die⸗ sen durch mehrere fürchterliche Stiche derart zu, daß der Verletzte sofort tot zusammenbrach. Schon am Tage vorher verfolgte Becker den Alban; und die Em⸗ pörung über bestialische Tat ist um so größer, als der Täter sein Opfer ohne jeden ersichtlichen Grund ver⸗ folgte und abschlachtete. Der Mörder wurde noch in der Nacht verhaftet und in das Gießener Untersuchungs⸗ gefängnis transportiert, wo er sich in der Nacht zum Sonntag erhängte. Der Mensch war als gewalt⸗ tätiger und roher Patron bekannt und gefürchtet, wegen verschiedener Rohheitsdelikte ist er schon bestraft worden, ein⸗ mal hat er sogar seine Mutter lebensgefährlich verletzt. Dagegen war Alban ein braver und allgemein geachteter Mensch, der zusammen mit seiner Schwester seine betag⸗ ten Eltern unterstützte. Er war als Mitglied des Volks⸗ vereins Parteigenosse und als solcher tat er jederzeit seine Schuldigkeit. Unter Beteiligung der gesamten Ein⸗ wohnerschaft wurde er Sonntag Nachmittag zu Grabe getragen; en Volksverein, dem Turnverein und dem GesangvereinGermania wurden Kränze mit entspre⸗ chenden Widmungen niedergelegt. Seit Menschenge⸗ denken ist in Alten⸗Buseck eine solche abscheuliche Tat nicht vorgekommen; die Erregung in dem friedlichen Orte ist daher erklärlich und begreiflich.

Aus dem Rreise Jriedberg⸗Püdingen.

J. In Unfall⸗ und Invaliden⸗An⸗ gelegenheiten und⸗Prozesse n empfiehlt es sich für alle Arbeiter, die damit zu tun haben, von den erhaltenen Schriftstücken auch die Umschläge, Couverts usw. aufzuheben, da diese oft wichtige Dokumente bilden. Als Be⸗ weis diene folgendes: Eine Frau in Friedberg, deren Mann vor Kurzem verstorben, liegt mit dem Vorstande einer Berufsgenossenschaft in Streit wegen Auszahlung einer Reute. Den ablehnenden Bescheid des Vorstandes erheelt die Frau am 8. Oktober. Am 8. November legte sie Berufung ein. Die Berufung wurde zurückgewiesen, weil nach Mitteilung des betr. Postamtes die Frau den Entscheid schon am 7. Oktober erhalten hätte und mithin die Frist nicht gewahrt sei. Die Frau war aber in der Lage, auf Grund des Couverts mit dem Post⸗ stempel bei der Post nachzuweisen, daß man dort eine falsche Mitteilung an die Berufsge⸗ nossenschaft gemacht hatte und das Postamt mußte nunmehr eine andere Bescheinigung aus⸗ stellen. Hoffentlich kommt die Frau nun zu ihrem Geld. Den Arbeitern aber raten wir, die Umschläge von Briefen dieser Behörden aufzuheben bis zur vollständigen Erledigung ihrer Rechtssachen.

Aus dem Rreise Wetzlar.

* Aus Krofdorf. Unter Bezugnahme auf eine Notiz imGieß. Anz., worin mitgeteilt wird, daß dem

Unternehmer, welcher die Gradlegung der Straße Krof⸗

dorf⸗Gießen ausführt hat, die Vertragssumme vom Ge⸗ meinderat um 5 Prozent erhöht worden sei, schreibt man uns, daß diese Erhöhung durch nachträgliche Aen⸗ derung des Vertrags begründet und berechtigt war. Diese Notiz im Anzeiger geht jedenfalls von neidischen Konkurrenten aus.

EinegroßartigeStaatsaktion wurde kürzlich gegen den Wirt Klinkel in Odenhausen in Szene gesetzt. Am heiligen Sonntag morgen erschien der Bürger meister⸗ Sekretär von Krofdorf mit Polizeidiener, ließ mehrere junge Leute aufs Rathaus kommen, um festzustellen, wer bei dem Wirt getanzt habe! Die Folge war ein Strafmandat für ht Wirt, gegen das dieser Einspruch erhoben

at.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

r. Stadtverordneten⸗Versamm⸗ lung. In der letzten Stadtverordnetenver⸗ sammlung handelte es stich u. A. um den Ab⸗ schluß eines Vertrages über den Neubau einer Volksschule. Dieser wurde schon vor 1 Zeit genehmigt; man konnte sich

0 ein deshalb veröffentlichtes Preisausschreiben meldeten sich nur auswärtige Architekten. Sämtliche Marburger hatten es abgelehnt, sich an der Konkurrenz zu beteiligen, was man ihnen auch nicht verdenken kann. So kam es, daß der erste Preis nach Charlottenburg fiel. Der Magistrat hatte daraufhin einen Vertrag mit dem Charlottenburger Architekten abge⸗ schlossen dahingehend, daß er sämtliche Zeich⸗ nungen zum Neubau liefern und dafür 2500 Mark erhalten sollte. Der Architekt selbst hatte erst 9000 Mark verlangt, war jedoch später mit 2500 Mk. zufrieden. Einige Stadtverord⸗ nete übten daher Kritik an dem ganzen Preis⸗ ausschreiben und traten dafür ein, daß der Neubau einem Marburger Architekten über⸗ tragen werde. Infolge dieser Kritik wurde der Magistratsantrag mit Stimmengleichheit abgelehnt und kommt deshalb in der nächsten Sitzung nochmals zur Verhandlung.

Herr August Heppe, der sich bei der letzten Stadtverordnetenwahl eineSchlappe

eholt hat, kann sich immer noch nicht 1

r hatte gegen die Gültigkeit der Wahl Ein⸗ spruch erhoben, da bei der Wahlhandlung Un⸗ richtigkeiten vorgekommen seien. Namentlich hatte er gegen die Wahl des Kreissekretärs Voß Einspruch erhoben. Die Versammlung erkannte an, daß Voß nach der Städteordnung nicht wählbar sei. wahl stattfiuden.

nicht über den Architekten einigen. Auf

Deshalb muß eine Neu⸗

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