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0 Metteldeutsche euntags⸗Zeitung.
Nr. 1.
die geliebte Mitteldeutsche vertrauensvoll in die Hände legen konnte. Dieser Jemand wurde in der Person des Genossen Phil. Scheide⸗ mann in Marburg gefunden. Er kam im Sommer 1895 nach Gießen, ging mit Feuereifer an seine Arbeit und mag nun selber weiter erzählen. f
Das tut unser Freund Philipp auch, der zum Geburtstage des Blattes aus Offenbach schreibt:
Lieber Vetters!
4 Ist's denn möglich? Die M. S.⸗Z. soll schon zehn Jahre alt sein? Allerdings, wenn ich zurückschaue, um zu übersehen, welche Fülle von aufregender und aufreibender Arbeit von allen, denen das Blatt jemals anvertraut ge⸗ wesen ist, im Laufe der Zeit hat geleistet werden müssen, dann freilich: was bedeuten da zehn Jahre? 5
Die M. S.⸗Z. war ein gar zartes Pflänz⸗ lein im mächtig rauschenden Blätterwalde der sozialdemokratischen Partei, als sie mir im Jahre 1895 anvertraut wurde. Und da ich mir bewußt war, daß mich keine leichte Aufgabe erwartete— meine Vorgänger waren Dr. David und Simon Katzenstein, zwei schwer gelehrte Männer— war es auch für unseren Freund David gar keine Kleinigkeit, mich aus dem schönen Marburg, wo ich seit 6 Jahren eine angenehme Lebensstellung gefunden hatte, nach Gießen zu lootsen. a
Schwere Gewitterwolken waren am poli⸗ tischen Horizont aufgestiegen. Im Reichstage wurde um die Umsturzvorlage gefeilscht. Ein Blitz aus dieser gewitterschwülen Atmosphäre hätte gar leicht dem zarten Gießener Kindlein das Lebenslicht ausblasen können. Dafür wurden mir allerdings in anderer Beziehung verlockende Aussichten eröffnet: ich sollte dafür, daß ich in den Parteidienst trat und meine Haut zu Markte trug, mit ziemlicher Sicherheit auf das fürstliche Gehalt von monatlich 120 Mk. rechnen dürfen, nicht viel weniger, als ich bis dahin verdient hatte. Allerdings waren noch wenige nebensächliche Bedingungen an die 120 Mk. geknüpft: ich durfte dafür das Redaktionslokal stellen, durfte es sogar auf meine Kosten heizen, beleuchten und reinigen lassen. 5
Aber da mir bon vielen Leuten gesagt wurde, daß ich müsse, wenn mich die Pflicht rufe, sagte ich zu. Einer Parteipflicht wollte ich mich unter keinen Umständen entziehen. David war froh, als er meine Zusage hatte, wurde er doch nun frei für größere wissen⸗ schaftliche Arbeiten. Ich vergesse nicht, wie er vergnügt wurde, als die Angelegenheit als ab⸗ geschlossen gelten konnte. Er erzählte, — meine Frau war mit nach Gießen gefaßten — in fröhlichster Stimmung dite schö sten Krofdorfer Geschichten, von dem„Mädchen mit den Packs Komellen“ und die reizende Szene „Wie m'r um'n Aag kimmt“. Und als dann gar auf dem Wege zum Bahnhof ein rheu⸗ matischer Omnibus an uns vorbeirumpelte, in dem sich der Kondukteur von dem Kutscher späzieren fahren ließ, da wollte uns der präch⸗ tige rote Doltor noch ganz besonders impo⸗ nieren;„Da sehen Sie mal, wie hier das Großstadtleben an uns vorüberbraust; so was giebt's doch in Marburg nicht!“
Na, wenn gar nichts uns nach Gießen ge⸗ zogen hätte, die Gäißer Omnibus hätten's uns bestimmt angetan.——
Volle fünf Jahre war mir die M. S. ⸗Z. anvertraut und ich darf wohl sagen, daß dieses Gießener Jahrfünft mir für alle Zeit— schlimme Stunden vergißt man so gern!— in angenehmer Erinnerung bleiben wird. In Gießen saß ich auf der Anklagebank und wurde verknurrt; in Gießen kandidierte ich sechsmal zu den Parlamenten der Iidt, des Landes und des Reichs und— siel sechsmal durch. Erinnerungen in Massen knüpfen sich an alle diese Daten. Die Durchfälle sind mir stets gut bekommen, aber die Agitationsarbeiten, die ihnen vorausgingen, haben mir doch zeit⸗ weilig arg zugesetzt. Aber durch sie wurde ich mit einer großen Anzahl prächtiger Menschen
in Stadt und Dorf bekannt und mit Freuden gedenke ich heute wieder der braven, kernfesten Genossen in Oberhessen.
Ja, die Agitation! An sie knüpfen sich die schönsten Erinnerungen. Es wird mir mein schlimmster Feind nicht bestreiten wollen, daß ich ziemlich eifrig ag'tiert habe. An siebenund⸗ dreißig Abeuden hinter einander Versammlungen abhalten, heute stundenlang auf der Bahn, morgen stundenlang zu Fuß, übermorgen die halbe Nacht auf dem Leiterwagen— bei Frost und Schnee(Nachwahl 1896), jede Nacht in einem andern Bett, zwischendurch die Zeitung und Flugblätter fertigstellen, Korrespondenzen erledigen— ach ja, die gut bezahlten Reptilien⸗ redakteure, die von den Agitatoren zu erzählen wissen, die sich von den Arbeitergroschen mästen, haben eine Ahnung!
Und doch! Dieser Kampf mit den Gegnern ist eine Lust. Wie freue ich mich noch heute an die oft imposanten Volksversammlungen in Gießen, in denen mit den Gegnern gerungen werden konnte! Weder vor noch nach meiner Gießener Tätigkeit habe ich solche Gelegenheiten oft gehabt. Es ist mir ein geradezu behagliches Gefuͤhl, zu wissen, daß innerhalb fünf Jahren kein Gegner in der hessischen Universitätsstadt hat sprechen können, ohne daß ich die Klingen mit ihm gekreuzt hätte— bis auf einen. Dieser eine sprach nur unter der Bedingung, daß jede Diskussion unterbliebe, dieser eine hieß Eugen Richter.
Na, und wenn ich an bestimmte Versamm⸗ lungen in Lollar, Lich, Langsdorf usw. denke, dann lacht mir das Herz im Leibe—— doch so kann ich ja nicht weiter erzählen, sonst ge⸗ brauchte ich die ganze Nummer der M. S.⸗Z. für mich allein.
Also: die M. S.⸗Z. war uns stets eine schneidige Waffe im Kampfe mit den Gegnern; sie hat uns vortreffliche Dienste geleistet und wenn sie sich immer besser entwickelte und auf festere Füße zu stehen kam, so war das in erster Linie der Treue und hingebenden Mit⸗ arbeit der vielen Parteigenossen zu danken, die sich keine Mühe verdrießen ließen.
Ich wünsche der nunmehr Zehnjährigen alles Gute, sie möge weiter wachsen, blühen und gedeihen. Ihnen, lieber Vetters, wünsche ich, daß Sie allezeit dieselbe freudige Hilfe bei den Genossen finden mögen, wie ich sie gefunden habe. Dann wirds auch in Zukunft vorwärts gehen. Und„Vorwärts“! soll allezeit unsere Parole bleiben.
Herzliche Grüße Ihnen und allen den wackern Genossen in Gießen und Oberhessen!
Ph. Scheidemann.
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Für die freundlichen Worte und Wünsche des roten Philipp unseren herzlichsten Dank auszusprechen, ist uns angenehme Pflicht. Und wir dehnen diesen Dank zugleich auf alle Freunde und Genossen aus, welche unser Organ in dieser oder jener Form unterstützteu. Möge uns diese Unterstützung und Mitarbeit auch ferner erhalten bleiben; die Zahl derjenigen, die sie leisten, sich immer vergrößern zum Nutzen des Blattes und der von ihm ver⸗ tretenen Sache!*
Denn wenn ein sozialdemokratisches Blatt, ein Organ der Besitzlosen und Unterdrückten seinen Zweck erfüllen soll, so müssen ihm diese ihr volles Interesse zuwenden, sie müssen es in jeder Beziehung als ihr Blatt betrachten, das ihre Gefühle, Wünsche und Forderungen in der Oeffentlichkeit zum Ausdruck bringt. Das eben ist der große Unterschied zwischen der sozialdemokratischen und bürgerlichen Presse: während der Eigentümer des bürgerlichen Blattes seine Zeitung einfach als Erwerbs- und Geldquelle betrachtet, damit viel verdienen will und danach seine Maßnahmen und den Inhalt der Zeitung einrichtet, gehört das sozialdemokratische Blatt der Gesamtpartei, welche dadurch Aufklärung schafft, zum Wohle der Gesamtheit arbeitet und so im hohen Maße kulturfördernd wirkt. Das ist oft genug auch von ehrlichen Gegnern anerkannt worden.
Daß auch unsere kleine Mitteldeutsche, so⸗ viel in ihrer Kraft stand jederzeit in demselben
Sinne arbeitete und gegen Lüge, Unrecht, Aus⸗ beutung und Mißstände auf allen Gebieten ankämpfte, ist selbstverständlich und bedarf keiner besonderen Erwähnung. Daß ste aber auch erfolgreich wirkte, dafür dürften die verschiedenen Wahlergebnisse im Kreise Gießen sowohl wie in den Nachbarwahlkreisen den Beweis liefern. Während der Reichstags⸗ wahl⸗Bewegung haben wir die Zahlen für jeden einzelnen Kreis vorgeführt, heute wollen wir nur auf unsere Stimmenzunahme im Gießener Kreise seit 1893 hinweisen. 2852 Stimmen wurden 1893 für den Sozialdemo⸗ kraten in der Hauptwahl abgegeben. Bei der 96er Nachwahl kam Scheidemann bereits mit 3351 in die Stichwahl und 1898 waren unsere Stimmen auf 4495 angewachsen.
Und bei den letzten Wahlen im Sommer marschierte die Sozialdemokratie mit 602 5 Stimmen an der Spitze der Parteien im Kreise und darf man bei der nächsten Wahl die Er⸗ oberung des Kreises erwarten. Eben solche oder wenigstens annähernde Fortschritte wurden bet Landtags⸗ und Gemeinderatswahlen in Gießen und den Reichstagswahlen in den Nachbar⸗ kreisen gemacht. Dazu hat doch sicher die Mitteldeutsche mit beigetragen!
Wohl den meisten Parteiblättern ging's im Anfang in finanzieller Beziehung so, wie es uns David von seiner Gründung erzählt. Ich war dabei, als die Frankfurter„Volksstimme“ ge⸗ gründet wurde und ich kann nur sagen, ich wünschte selbst meinem Feinde nicht die Plagen, die wir, die Gründer des Blattes, in der ersten Zeit damit durchgemacht haben. Und jetzt? Die letzten Sonntagsnummern der Volksstimme erschienen 32 Seiten stark!
So sehen wir am Wachstum unserer Presse das Fortschreiten unserer Bewegung. Trotz⸗ dem tut in unserem Bezirke eine weitere Aus⸗
gestaltung unserer Parteipresse dringend not!.
Hieran kräftig mitzuarbeiten sei unser Aller Aufgabe!
Setzen wir zum Beginne des zweiten Jahr⸗ zehntes des Bestehens unseres Parteiorgans aufs neue mit gemeinsamer und unablässiger Arbeit zu seinem weiteren Ausbau ein! Ehe viel Zeit in's Land geht müssen wir ein Tage⸗
blatt haben!
Herzlichen Dank nochmals allen Freunden und Mitarbeitern. Vorwärts zu weiteren Kämp⸗ fen und Erfolgen und Hoch die Sozial⸗ demokratie!
Vetters.
politische Rundschau. Gießen, den 29. Dezember.
Die„Wahlfreiheit“ im Saargebtet
erscheint durch einen Prozeß, der sich vorige Woche vor dem Landgerichte in Saarbrücken abspielte, in eigenartiger Beleuchtung. Der Vorsitzende der staatlichen Bergwerks direktion, Hilger klagte gegen den Zentrumsredakteur Lehnen, weil dieser gegen Hilger den Vor⸗ wurf schwerer Wahl beeinflussung erho⸗ ben hatte. Der Beklagte wurde zu 900 Mark Geldstrafe und Tragung der Kosten— die etwa 10 000 Mk. betragen— verurteilt. Der Verlauf des Prozesses ließ eine Verurtei⸗ lung erwarten. Die Verteidigung war in der Beweisführung aufs äußerste gehemmt. Nicht das, was in diesem Prozeß gesagt wurde, ist interessant, interessant war, was nicht ge⸗ sagt werden durfte. So verweigerte Minister Möller seine allgemeine Genehmigung zu Aussagen der Bergbeamten. Diese durften nur aussagen, wenn der Kläger, Geheim⸗ rat Hilger, die Einwilligung gab! Unbequeme Fragen an die Zeugen wurden vom Gerichts- hof als„unerheblich“ abgelehnt. So wurde u. A. die Frage abgelehnt, ob Bergbeamte im Wahllokal gesessen haben, um die Abstim⸗ mung zu kontrollieren“. Bergwerksdirek⸗ tor Schäfer wurde gefragt, ob eine Anweisung vorgelegen habe, über die politische Seine von anzulegenden Bergleuten zu berichten un ob solche Berichte von seiten der Steiger und Obersteiger vorgelegen hätten. Die Beantw
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