Ausgabe 
3.1.1904
 
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Gießen, Neujahr 1904.

11. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

Ags⸗Zeitung.

Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

Abonnementspreis:

Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die

finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.

Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

2 Juserate Die 5gespalt. Bei mindestens

Zehn Jahre!

Wie unsern Lesern bekannt ist, hat unser Blatt mit der vorigen Nummer das erste Jahr⸗ zehnt seines kampfesfrohen Daseins vollendet, mit der vorliegenden beginnt sie das zweite. Bekanntlich wurde dieMittel deutsche von dem Genossen Dr. David, jetzt Reichstagsabgeord⸗ neten für Mainz, gegründet und stand dann fünf Jahre lang unter der Leitung des Genossen Ph. Scheidema nn, jetzt in Offenbach und eben⸗ falls Mitglied des Reichstags. Unsere Leser wird es interessieren zu hören, was diese Beiden über ihre Erlebnisse mit der Zeitung erzählen. Geben wir daher erst dem Gen. Dr. David das Wort, der die Gründung wie folgt schildert:

Wie die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung

in's Leben gerufen wurde.

Die Reichstagswahl im Sommer 1893 hatte auch uns im Gießener Wahlkreis einen groß⸗ artigen Stimmenzuwachs gebracht. Die ersten Nachrichten aus der Stadt und den nächst⸗ liegenden Arbeiterorten erweckten in uns die Hoffnung, zum ersten Male in die Stichwahl zu kommen. Jedoch die nachfolgenden Mel⸗ dungen aus den entfernteren Landorten brachten

die Enttäuschung. Wie in zahlreichen anderen

Wahlkreisen, so ging's auch bei uns. Die politische Rückständigkeit der Landbevölkerung brachte uns um den im ersten Jubel erhofften Erfolg.

In meiner damaligen Stellung als Lehrer

am Gießener Gymnasium konnte ich mich nicht

öffentlich an der Agitation beteiligen. Mit stillem Grimm vernahm ich das negative Resultar vom platten Lande. Sollte das immer so weiter gehen? Konnte ich selbst nicht mithelfen, die kleinbäuerliche Bevölkerung in die Kültur⸗ bewegung des werktätigen Volkes in der Indu⸗ strie mit hineinzuziehen? Ich war auf dem Lande aufgewachsen, kannte die Verhältnisse der bäuerlichen Bevölkerung, sprach ihre Sprache. Aber Liebknecht hatte mir auf eine Anfrage vor den Wahlen dringend abgeraten, meine Stellung aufzugeben. In ihr könne ich auch Gutes für unsere Sache wirken, meinte er. Da kam mir denn, unter dem unmittelbaren Eindruck der Wahlniederlage der Gedanke, ein Agitationsorgan, speziell zur Gewinnung der Landbevölkerung, zu gründen, das ich heimlich in meinen Mußestunden redigieren wollte.

Der Plan wurde im engeren Kreise von Freunden und Parteigenossen beraten und ge⸗ billigt. Die Vertreter der Parteiorganisation wurden durch ein hektographiertes Zirkular über den Zweck des Unternehmens aufgeklärt. In einer Konferenz im Lokal des Genossen Orbig wurde die Sache durchgesprochen mit dem Re⸗ sultat, daß die Zeitung als Parteiorgan aner⸗ kannt und verbreitet werden sollte. 5

Eine finanzielle Unterstützung oder Garantie wollte und konnte die Partei freilich nicht übernehmen. Auch sonst stand uns kein Kapital zur Verfügung. Meine Ersparnisse, ganze 100 Mk., reichten gerade aus, um die Probe⸗ nummer zu bezahlen. Aber was brauchten wir mehr? War die Probenummer einmal heraus, dann waren, so hofften wir bestimmt, tausend Abonnenten da, und dann würden wir uns chon weiter durchschlagen. Die Redaktion

konnte ich, so lange ich in meiner Stellung an der Schule war, unentgeltlich leisten. Auch für die Erpedition war, für die erste Zeit wenigstens, keine Vergütung vorgesehen. Adolf Schmidt sollte sie übernehmen und zugleich als verant⸗ wortlicher Redakteur zeichnen.

Soweit war allesim Blei und die Sache hätte losgehen können. Da stießen wir auf die erste große Schwierigkeit. Keine der Gießener Druckereien wollte sich dazu hergeben, ein solches Blatt zu drucken. Eine nach der andern lehnte ab. Schlietzlich sagte die Keller'sche Druckerei zu; ste setzte den Aufrufartikel, schickte uns den Abzug und lehnte dann auch ab. Was tun? Ich machte einen letzten Versuch, fuhr nach Frankfurt a. M. zu Schmidt und Kobisch, die damals dieVolksstimme druckten. Sie er⸗ klärten sich bereit und stellten einen Kredit bis zu 600 Mk. in Aussicht.

Zu Weihnachten 1893 erschien die Probe⸗ nummer in 3000 Exemplaren.

Achtung! da sind wir! so begann der Aufruf.Nur sachte! Was wollt Ihr? ging es weiter. In Fragen und Antworten wurden dann die Ziele der Zeitung ausein⸗ andergesetzt. Zum Schluß hieß es:

Als ein treuer Berichterstatter, Beratet und Freund wird die Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung in das Heim des arbeitenden Mannes eintreten. Nehmt sie freundlich auf; je näher Ihr sie kennen lernt, um so lieber wird sie Euch werden.

Je mehr Ihr sie aber liebt, umsomehr werden die Reichen und Vornehmen sie hassen. Denn sie wird ihnen die Wahrheit sagen. Die Wahrheit aber hören sie nicht gern. Darum werden sie darauf ausgehen, sie niederzudrücken.

So heißt es denn gleich von Anfang an, fest zusammengestanden. Jedermann aus dem Volke muß mithelfen, damit das Werk gelinge. Frisch auf drum zur Werbung unter Freunden und Bekannten bei Jungen und Alten in Stadt und Land!

Seid fest und beharrlich! Dann wird die Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung frisch und fröhlich gedeihen ünd gar bald eine treffliche Wehr und Waffe sein im Kampf für Wahrheit, Recht und Volkswohl!

Nun galt es, den Expeditionsapparat in Bewegung zu setzen. Da mußte manches erst noch gelernt werden. Ein Hinterzimmer im Hause Wallthorstraße 27, wo der Vater von Adolf Schmidt eine Wirtschaft eröffnet hatte, diente als Expeditionsraum. Die Probenummer fand allerorts eine freudige Aufnahme und als die letzte Januarnummer heraus war, da hatten wir in der Tat unsere 1000 Abonnenten. Da⸗ mit war das neue Unternehmen gerechtfertigt. Nun ging's mit frischem Mut weiter.

Die Redaktion besorgte ich meist in den Nachtstunden. Spät Abends brachte mir Adolf Schmidt unter dem Schutz der Dunkelheit die Parteiblätter in meine Privatwohnung in der Ludwigstraße. Die Manuskriptsendungen wan⸗ derten in der Regel in den Bahnhofsbriefkasten, damit das Postamt möglichst wenig davon

merkte und bei der zu erwartenden polizeilichen Nachspürung nach dem eigentlichen Redakteur keine Liebes dienste leisten könnte.

Unter den Mitarbeitern der ersten Zeit ist an erster Stelle Simon Katzenstein zu nennen, der die RubrikZur Belehrung und Unterhaltung versorgte und unter dem Dichter namen Ernst Hardeck auch kleine poetische Bei⸗ träge lieferte. Adolf Baer spendete aus seinem Leseschatz dieSprüche zur Lebensweis⸗ heit. Auch ungenannten Freunden verdankte die Zeitung manche Zusendung. Durch die erste bezahlte Geschäftsannonce kam die Firma Benner und Krumm unseren Finanzen zu Hilfe.

Ja unsere Finanzen! Die hatten es nötig. Hatten wir uns auch nicht in der Zahl der Leser verrechnet, so hatten wir doch nicht die unausbleiblichen Abzüge durch Rückständigbleiben und Verluste von Abonnentengelder bedacht. Dazu kamen Agitationskosten. Wir bereisten Oberhessen, unternahmen Rekognoszierungsfahr⸗ ten in die Dillenburg⸗Herborner Gegend; von Wetzlar, wo uns treue Freunde einen kleinen Stock Abonnenten verschafften, ging's lahnab⸗ wärts nach Weilburg, Weilmünster, Dietz, Limburg, Hadamar. Ueberall wurden Stütz⸗ punkte gesucht und meist auch gefunden.

Mittlerweile kam die wohllöbliche Polizei der Redaktion auf die Spur. Allzuschwer war das bei der Kleinheit der Stadt ja nicht. Ich sah ein, daß meine Stellung an der Schule binnen kurzem unhaltbar werden würde. Der Direktor des Gymnastums, der verstorbene Prof. Dr. Hermann Schiller, wollte mich zwar noch nicht aufgeben. Man bot mir seitens der Re⸗ gierung die Mittel zu einem längeren Studien⸗ aufenthalt in Frankreich an. Offenbar, um mich aus der Gießener Sphäre herauszureißen. Allein die Annahme dieses Anerbietens würde mich moralisch verpflichtet und festgebunden haben. So lehnte ich ab und nahm, um auf gute Manier aus der unerträglich gewordenen Situation herauszukommen, Ostern 1894 Urlaub auf unbestimmte Zeitbehufs literarischer Ar⸗ beit. Nach ein paar Wochen öffentlicher Tätig⸗ keit für die Partei erhielt ich dann die amtliche Mitteilung, daß ich aus der Liste der Lehramts⸗ Assessoren gestrichen sei. Ich zog in eine Mansardenwohnung in der Marburgerstraße 22; wohin später auch die Redaktion verlegt wurde. Nun konnte ich mit voller Kraft an dem Wachs⸗ tum der Zeitung arbeiten.

Der erste Jahrgang schloß mit einem Abon⸗ nentenstand von zirka 1800. Das Gros der Leser waren die Industriearbeiter in und um Gießen, die ihr neues Organ rasch lieb ge⸗ wonnen hatten und wacker unterstützten. Da⸗ neben aber hatten wir auch manchen treuen Freund in der kleinbäuerlichen Bevölkerung gewonnen. Waren unsere Hoffnungen auf Massenabonnement in den rein bäuerlichen Orten auch nicht in Erfüllung gegangen, so waren doch gute Anfänge erzielt worden.

Der Frankfurter Parteitag brachte die Agrar- frage für die ganze Partei in Fluß. Man wählte mich in die mit der Ausarbeitung eines Agrarprogramms beauftragte Kommission. Das brachte mir eine Menge Arbeit und die Er⸗ kenntnis, daß auf diesem Gebiet noch umfassende theoretische Studien zu leisten seien, bevor die Partei sich über ein praktisches Agrarprogramm einigen könnte. Ich beschloß, meine Tätigkeit für einige Jahre darauf zu konzentrieren und ging auf die Suche nach Jemandem, dem ich