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Seite 2.
Mittoldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 40.
Ach sein, wenigstens einen Teil seiner Zeit in Arbeit zu kommen. Und viele von euch werden sich nur mit Mühe durchhelfen können oder gar Schulden auflaufen lassen müssen, durch die sie
im nächsten Jahr von vorn herein gedrückt und
behindert sind. So habt ihr die eine schwere Zeit hinter euch, nur um in eine noch schwerere hineinzugehen.
Gewiß gibt es viele Leute, die mit euch fühlen, die euch von Herzen gern helfen möchten. Aber was kann ein Einzelner gegen die allge⸗ meine Not, die in unsern ganzen bestehenden Gesellschaftsverhältnissen begründet ist? Der Einzelne kann da nichts, er ist ohnmächtig dieser Uebermacht gegenüber. Aber es gibt eine Macht, die stärker ist als alle gegebenen Verhältnisse, eine Macht, die alle Fortschritte in der Welt errungen hat und in Zukunft erringen wird. Und diese Macht, das sind die vielen Einzelnen, wenn ste sich zusammenschließen, wenn sie dem Heer der Satten und Zufriedenen ein größeres Und stärkeres Heer der Unterdrückten und Unbe⸗ rücksichtigten gegenüberstellen.
Sagt, haben darüber schon einmal alle von euch nachgedacht? Habt ihr darüder schon ein⸗ mal mit einander gesprochen? Habt ihr schon andere Zeitungen gelesen, als die„Kreisblätter“ und„Generalanzeiger“? Nein, fast gar nichts habt ihr bis jetzt getan, als höchstens einmal über eure menschenunwürdige Lage gestöhnt und geschimpft. Damit allein aber ist gar nichts geholfen. Ihr habt noch viel zu wenig politisches Interesse, und wer sich darüber 11. und den Nutzen davon hat, das sind eben
te Herren, die euch ausnutzen und schinden. Da ist in einem Buche über die oberhesstsche Landwirtschaft(Dr. Eugen Katz, 1904) ein Bericht aus Rodheim abgedruckt, in dem es heißt:„Der Landarbeiter hat zum Lesen gar keine Muße. Die Besitzlosen sind viel zu elend und entnervt, um sich für eine Idee zu be⸗ geistern.“ Und ein anderer Berichterstatter sagt: „Die Leute sind geistig zu beschränkt, um sozi⸗ alistische Gedanken aufnehmen zu können, und das ist gut so“!! Sagt, Landarbeiter, findet ihr das selbst wirklich auch gut so? Seid ihr selbst damit einverstanden, daß man eure Kräfte so bis zum Aeußersten ausnutzt, daß in euern müden Köpfen überhaupt kein Gedanke mehr Platz hat? Daß man euch so mit äußerer Gewalt abhält, über die Wege nachzudenken, die es auch für euch zur Besserung eurer Lage vielleicht geben könnte? Nein, das darf doch nicht sein, so völlig dürft ihr doch nicht ver⸗ gessen, daß ihr auch Menschen seid und keine Arbeitstiere. Und so ein halbes Stündchen das findet auch der Geplagteste von euch immer einmal, um einen Blick in solche Zeitungen zu tun, die es ehrlich mit den arbeitenden Schichten des Volkes meinen, und es wird euch wohltun, wenn ihr so ein Blatt lest, das auch euch aus dem Herzen spricht, das sich um eure Not kümmert, das rücksichtslos auch den Großen und Besitzenden, denen gegenüber ihr so wehrlos seid, die Wahrheit sagt. Lest nur zuweilen einmal die„Mitteldeutsche Sonntags- Zeitung“, kümmert euch einmal ein wenig um die so viel geschmähte und verleumdete Sozialdemokratie, die freilich jedem zufriedenen und selbstsüchtigen Spießbürger oder gar Grafen und Baronen ein Dorn im Auge sein muß, die euch aber in den Sonnenschein einer besseren Zukunft führen möchte. Das kann sie freilich nur, wenn ihr selbst so verständig seid, das auch zu wollen, wenn ihr zu uns übertretet in Scharen, wenn ihr uns helft, die 3 Millionen Stimmen, die wir bei der letzten Reichstags⸗ wahl schon errungen haben, zu vermehren und zu verdoppeln. Denn wir sind eine echte Volkspartei, die keine Macht hat und haben will, als nur die Masse des Volkes, zu der ihr auch gehört. Und je mehr von euch zu uns kommen, umso besser können wir auch für euch Fortschritte der Gesetzgebung erkämpfen, je eher ihr kommt, umso eher kann euch geholfen werden.
Oder wollt ihr warten, bis eure Herren euch aus Gnade und christlicher Barmherzigkeit aus eurem Elend helfen? Dieselben Herren, die euch das Recht des Zusammenschlusses, das
Koalitionsrecht um keinen Preis geben wollen, während sie selbst im„Bunde der Landwirte“ doch so kräftig für ihre eigenen Zwecke Radau zu schlagen wissen? Dieselben Herren, die die Hütekinder aus der Schule lassen und Knechte und Mägde in einen Schlafraum zusammen legen, um dann große Phrasen über die ent⸗ stttlichende Wirkung des Stadtlebens zu machen? Dieselben Herren, die durch ihre Fidetkommiß⸗ wirtschaft die Bodenpreise in die Höhe schrauben, den kleinen Bauern unmöglich machen zu Land zu kommen und dem Arbeiter in kleinen Ge⸗ meinden keinen Baugrund finden lassen? Und dann denkt an das schöne Kontraktbruch⸗ gesetz, das eben in Preußen durchgedrückt werden soll. Danach soll der Arbeiter, auch wenn er aus noch so triftigem Grunde sein Arbeits verhältnis bei einem junkerlichen Herrn verläßt, bei keinem andern mehr Arbeit finden dürfen. Und wie sehen dann oft diese Verträge aus, die mit euch geschlossen werden! Und in Hessen ebenso wie in Preußen! Was habt ihr danach für Rechte? Gar keine! Der Arbeit⸗ geber dagegen kann euch zu jeder beliebigen Stunde auf die Straße setzen und auch wo⸗ möglich noch einen Teil des rechtmäßig ver⸗ dienten Lohnes dabei zurückbehalten. Da wird aus dem Kreise Lauterbach sogar ein Ver⸗ trag genannt, in dem deutschen Arbeiterinnen vorgeschrieben wird, in Streitfällen mit dem Arbeitgeber dürften sie sich nicht an's Gericht wenden! Eine solche Bestimmung ist natürlich Unsinn und niemals gültig. Aber ihr seht, für wie dumm man euch hält und wie man eure Dummheit auszubeuten bereit ist.
Da ist Aufklärung not, Landarbeiter, ihr müßt nachdenken lernen, damit ihr euch selbst helfen lernt. Und Aufklärung möchten wir euch bringen und möchten euch helfen, so⸗ bald ihr euch nur ein wenig regt nach dieser Hilfe. Einen andern Ausweg aber für euch gibt es gar nicht. Denn mit dem bloßen Ab⸗ warten und Dulden erreicht niemals einer auch nur das Geringste. Drum kommt, unterstützt uns, tretet in die Reihen unseres Millionen heeres, da findet ihr Waffen und Mittel, die auch euch aus eurer Not vorwärts helfen. Vorwärts! Vorwärts! 9
Politische Rundschau.
Gießen, den 29. September 1904.
Die Internationale.
Der 28. September war ein richtiger Ge⸗ denktag für die Arbeiterklasse. Vor vier Jahr⸗ zehnten wurde an diesem Tage in St. Martins Hall zu London die Internattonale Arbeiter-Assoziatton geboren. Die Grün⸗ dung war eine Tat, die in derGeschichte zählt: in der Geschichte der Kultur ganz allgemein und der Arbeiterklasse ganz im besonderen.
Karl Marx war das schöpferische Genie, das den Sozialismus zur Wissenschaft erhob, er war der Geber des Kommunistischen Mani⸗ festes, und er war der Kopf der Internationale. Daß sein wissenschaftlicher Wille durchdrang, das hat der Internationalen Arbetter⸗Assoziation ihre geschichtliche Bedeutung gegeben, und so ist das Bedenken, daß wir einem Fundament⸗ bauwerk proletarischer Klassenkampforganisation schuldig sind, zugleich ein Gedenken an eine der Lebensgroßtaten, durch die unser geistgewaltiger Kämpfer Marx sich die unverlöschliche Dank⸗ barkeit der Proletarier aller Zungen erworben hat. In Deutschland vollzog der Nürn⸗ berger Arbeitervereinstag 1868 mit dem Ueber⸗ tritt zur Sozialdemokratie die Annahme des Programms zur Internattonale.
Die deutsch⸗ österreichische Sozialdemokratie
hielt vergangene Woche ihren Parteitag in Salzburg ab. Er wurde vom Genossen v. Vollmar im Namen der Sozialdemokraten Deutschlands begrüßt. Er sagte:„Wenn auch durch die Politik der Herrschenden unsere Länder
von einander getrennt wurden, sind wir doch
ein Volk gemeinsamen Denkens und Fühlens.! denen das eine noch nicht einmal 14 Jahre
Manchmal bleibe Deutschland hinter Oesterreich zurück. Während er hier frei und offen sprechen dürfe, habe man in Deutschland den Schimpf erleben müssen, daß Pernerstorffer, der meinte, in Deutschland freiere Luft atmen zu können, das Gegenteil erfahren habe. Noch trauriger sei es, daß sich eine süddeutsche Regierung fand, welche Preußen Schergendienste leistete.
Aus dem herrlichen Kriegsheere.
In der letzten Zeit sind wieder recht zahl⸗ reiche Soldatenschindereien der gemeinsten Art vorgekommen, welche beweisen, was für ein System zur„Erziehung“ des jungen Deutsch⸗ land angewendet wird.
So hatte sich vorige Woche der Unteroffizier Warschau vom 14. Fußartillerieregiment vor dem Kriegsgerichte in Straßburg zu verant⸗ worten. Es handelt sich um nicht weniger als 290 Fälle von Soldatenmißhandlungen. Zu den krassesten Vorkommnissen gehört der Befehl des Unteroffiziers an Rekruten seiner Korporal⸗ schaft, den Spucknapf auszutrinken. Einer seiner Leute, der einen Heringskopf be⸗ reits in den Kohleneimer geworfen hatte, sollte ihn von dort wieder aufheben und verspeisen. Der Mann weigerte sich, allein der Unteroffizier zwang ihn, den Mund zu öffnen, den aus dem Kohleneimer heraufgeholten Heringskopf zu kauen und dann hinunterzuschlucken, und ähn⸗ liches mehr. Den Rekruten Grimm ließ er mehrmals vor seinem Bette knien und ein Gebet hersagen, das folgendermaßen begann:„O Herr, ich bin ein Duseltier, mach ein gescheites Mensch aus mir“, und mit den Worten schloß:„Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die
kummervollen Nächte an seinem Bette weinend
saß, der kennt euch nicht, ihr militärischen Mächte“. Warschau wurde zu 18 Monaten Gefängnis und Degradation verurteilt.
Wegen Mißhandlung von Untergebenen in 5 Fällen wurde ferner der Kapellmeister Henckel von dem in Stade garnisonierenden Füsilierbataillon Nr. 76 seitens des Kriegs⸗ gerichts zu 3 Wochen Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte pflegte die Leute mit den Füßen in die Kniekehlen zu treten.
Um einen weiteren Fall von Rekruten⸗„Er⸗ ziehung“ nach bekannten Mustern handelte es sich am Montag bei einer Verhandlung vor dem Mainzer Kriegsgericht. Der Unteroffizier Göhrmann vom Fuß⸗Artillerie⸗Regt. Nr. 3 hatte sich wegen Mißhandlung und vorschrifts⸗ widriger Behandlung Untergebener zu verant⸗ worten. Im Ganzen wurden ihm 45 bis 50 einzelne Fälle zur Last gelegt, in denen er Rekruten an der Kehle faßte und wider die Spinde warf, mit der Faust den Leuten auf die Köpfe schlug und ihnen in das Genick stieß. Auch mit Fußtritten war der Angeklagte sehr freigebig, selbst außer der Zeit zog er die Rekruten zum Stubendienst ꝛc. heran. Aus der Beweisaufnahme war zu ent⸗ nehmen, daß die ganze Korporalschaft unter dieser„Erziehungsmethode“ des Angeklagten litt. Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen fortgesetzter Mißhandlung Untergebener und einer vorschriftswidrigen Behandlung zu 2 Monaten Gefängnis. In der Begrün⸗ dung des Urteils wird gesagt, daß der Ange⸗ klagte seine Erziehungsmethode bei jedem gering⸗ fügigen Anlasse zur Anwendung gebracht. Mildernd falle die„Geringfügigkeit“ der Miß⸗ handlungen ins Gewicht.
Eine Statistik über die Soldatenschinde⸗ reien, verzeichnet von Ende Juni bis Ende September d. J. 42 gerichtliche Aburteilungen. An Strafen wurden ausgesprochen 1 Jahre Zuchthaus, 9 Jahre 5 Monate 15 Tage Ge⸗ fängnis, 9 Monate mittlerer Arrest c., 8 De⸗ gradationen, 1 Versetzung in die 2. Klasse des Soldatenstandes, 1 Ausstoßung aus dem Heere. Der Freiheitsentzug beträgt im Ganzen 12 Jahre 3 Monate 15 Tage.
* 1 Die Sittlichkeit in der Kaserne wird
durch ein Vorkommnis illustriert, das sich in der Kaserne des 83. Infanterie⸗Regiments in
Cassel abspielte. Drei junge Mädchen, von
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