Ausgabe 
2.10.1904
 
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Nr. 40.

Gießen, den 2. Oktober 1904.

II. Jahrgang.

Redaktion:

Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

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2 IJuserate Die ögespalt. Bei mindestens

Der Bremer Parteitag

hat einen Verlauf genommen, der in der sozia⸗ listischen Welt und insbesondere in der Arbeiter- schaft Deutschlands die größte Befriedigung hervorrufen wird. Unsere Freunde, die Feinde erwarteten mit ziemlicher Bestimmt⸗ heit eine Wiederholung der Dresdener Vor⸗ änge und der Aerger ist nun nicht gering, daß solche ausgeblieben sind. Wir können es den Gegnern nie recht machen. Und Dietz hatte Ein recht, als er in seiner Schlußrede bemerkte: ind wirinteressant, dann kriegen wir was aufs Dach und erledigen wir in ruhiger Weise die Geschäfte, dann kriegen wir auch was ab und man sagt uns, ihr seid langweilige Leute. In der Tat sind die Herren Gegner mit uns sehr unzufrieden und diese Unzufrieden⸗ heit kommt in allen bürgerlichen Preßorganen mit Ausnahme vielleicht der Frkftr. Ztg. und einzelner audern zum Ausdruck. Be⸗ sonders viel haben, wie tmmer, die paar von den Nationalsozialen noch übrig gebliebenen an uns auszusetzen. Zweck der nationalsozialenPartei war bekanntlich, die Sozialdemokratieabzu⸗ lösen und weil das nicht so schnell ging, begnügt man sich damit, immerwährend an unserer Partei herumzunörgeln und ihr altkluge Lehren zu erteilen. Das betreibt namentlich Herr v. Gerlach, der Abgeordnete für Marburg, mit unermüdlichem Eifer und wenn seine auf⸗ dringlichen Predigten von uns nicht ernst ge⸗ nommen werden, wird sein Organ, dieHessische Landeszeitung ernstlich böse und schimpft wie ein Rohrspatz. f f Nun, das soll uns nicht weiter anfechten! Und ebensowenig, was die Kreisblatt- und Schweinburg⸗Presse an uns auszusetzen hat. Alle Parteiblätter bringen denn auch ihre Be⸗ friedigung über die Bremer Tage zum Aus⸗ druck. Gewiß, alle Wünsche sind nicht be⸗ friedigt worden, das ist ja auch nicht möglich aber im allgemeinen ist dasArbeitspro⸗ gramm ordnungsgemäß erledigt und außerdem noch eine Reihe wichtiger Fragen angeregt worden, derer Erörterung manche interessante und wertvolle Ausführungen brachten. 5 In der Diskussion über den Geschäfts⸗ bericht des Vorstandes fand die Tätigkeit der Parteileitung verdiente Anerkennung. Es gab wenig tadelnde Kritik. Dies, wie auch die ein⸗ stimmige Wiederwahl der bisherigen Vorstands⸗ mitglieder beweist, daß die Leitung das all⸗ gemeine Vertrauen der Partei genießt. Und das ist wichtig und notwendig. Beim Bericht der Kontrollkommisston gab es einige unangenehme Fälle zu erledigen, die gewiß nicht vorzukommen brauchten, ihren Grund aber in den Charaktereigenschaften und dem

Verhalten einzelner haben. Da muß überall die nötige Selbsterziehung geübt werden! Auch die Verhandlungen über die parlamentarische Tätigkeit bewies, daß sich die Fraktion auf das Vertrauen der Partei stützen kann. ö Bei der Organisationsfrage sind die erwarteten großen Debatten ausgeblieben. Der

Beschluß, das ganze Material einer Kommission

zur Ausarbeitung einer Vorlage zu überweisen, ö 7 unseres Erachtens der beste und praktischste Ausweg. In der Maifeier bleibt es

propagierten Gedanken, auf die Arbeitsruhe zu verzichten, lehnte die Mehrheit der Partei ab.

Bezüglich der Kommunalpolitik wurden die Vorschläge Lindemanns unverändert an⸗ genommen. Damit ist ja das große Gebiet der gemeindepolitischen Fragen nicht erschöpft, aber es sind Richtlinien geschaffen für eine sozial⸗ demokratische Kommunalpolitik.

Bebels prächtiges Referat über den A m ster⸗ damer Kongreß hat allerlet neue Lichter auf die Beschlüsse des inkernationalen Arbeiter⸗ parlamentes geworfen. Wenn Bebel recht hat, so wäre der Versuch zur Annäherung der feind⸗ lichen französischen Brüder nicht ganz aussichtslos.

Die rote Ratsversammlung ist geschlossen . das Ergebnis der Arbeit zeugt von eifriger Pflichterfüllung. Die Partei kann mit ihren Abgeordneten zufrieden sein. Die Ratsver⸗ sammlung ist geschlossen, nun gilt es, ihre Ar⸗ beit der Partei fruchtbar zu machen. Möge Bremen der Ausgangspunkt neuer, eifriger Arbeit für die großen Ziele der Sozialdemo⸗ kratie sein!

Sozialist sein

Sie verlangen von mir, daß ich näher er⸗ kläre, was unter dem Ausdruck zu verstehen ist, Sozialist sein. Kein Einzelner hat indessen ein Recht dazu, im Namen des Sozialismus zu reden und deshalb kann ich nur sagen, was ich und viele andere über die mir gestellte Frage denken.

Sozialist sein, das heitzt zunächst, daß ich jedem menschlichen Wesen das gleiche Recht einräume, das ich für mich beanspruche, nach Glück zu streben und in Besitz aller der Güter zu gelangen, die das Dasein schenken kann. Das heißt in Uebereinstimmung mit dieser Grundregel, welche auch die der Demokratie ist, als Regel eine volle Gleichstellung zwischen meinen Interessen und denen anderer anerkennen, einen Zustand schaffen, in dem Platz zur Ent⸗ wickelung für Neigung und Anlage eines jeden vorhanden ist.

Sozialist sein, heißt für die Abschaffung aller Vorrechte wirken und Gleichheit auf dem ökonomischen und politischen Gebiet einführen, dahin streben, daß die alte verhaßte Grenze zwischen arm und reich, Untergebenen und Herren aufgehoben wird, sodaß es nur eine Klasse gibt, die sowohl die Pflicht als auch die Möglichkeit hat, zu arbeiten, und die niemand anderes sün sich arbeiten lassen und Gewinn daraus ziehen kann.

Sozialist sein, heißt keineswegs bloß den Triumph einer bestimmten Partet vorbereiten, einen bestimmten Teil des Volkes einfach zur Macht bringen. Nein, es heißt arbeiten für eine Gesellschaftsordnung, in der alle aktiven Kräfte harmonisch verbunden werden und zu aller Nutzen zusammenwirken sollen. Das gilt für die Kinder eines Landes wie für die ver⸗ schiedenen Nationen. Frieden soll an die Stelle des Krieges treten, gegenseitige Dienste und Sympathie an die Stelle streitenden Eigenwillens und die Solidarität der Interessen an die Stelle der Zügellosigkeit der Selbstsucht.

Sozialist sein, heißt die Bedeutung der Organisation für die Menschheit selbst wie für

ber Alten. Den von verschiedenen Seiten

Eigentum eine Grundlage und eine Sicherung für jedes Elnzelwesen bedeutet, nur noch der Weg offen steht, jeden Einzelnen zum Eigentums⸗ besitzer zu machen und ihm seinen Reichtum zu sichern, indem man den gemeinsamen Reichtum schafft. Jeder einzelne Gesellschaftsbürger muß in Zukunft als Aktienbesitzer eines ape Ver⸗ eins betrachtet werden, in dem sein Beitrag sein guter Wille, seine Fähigkeit, seine Anstreng⸗ ung ist und welchen Vereins Gesamtgewinn nach gerechten Grundsätzen auf die Einzelnen verteilt wird, die bemüht waren, ihn zu schaffen.

Sozialist sein, das heißt verlangen, daß die Freiheit durch die Organtsation mehr und mehr zur Wirklichkeit werden soll, die Freiheit, welche allen gleichen Zutritt zur Bildung und zu einer Lebensstellung gibt, eine Organisation, die im privaten wie im öffentlichen Leben der eigentums⸗ besitzenden Herrengewalt gegenüber den Eigen⸗ tumslosen ein Ende macht, welche die Macht von Menschen über Menschen verringert und welche uns zu einem Zustand führt, indem jeder das tun will, was er tun muß, ohne Zwang, ohne andere Herren als Gewissen und Vernunft.

Sozialist sein, daß heißt daran glauben, daß dieses große Umbildungswerk hier auf Erden durchgeführt werden kann, daß es im Einklang steht mit dem Streben jedes edlen Herzens und der gesunden Einsicht und daß es übereinstimmt mit den Ergebnissen der Wissen⸗ schaft, sowie mit der Richtung der geschichtlichen Entwickelung.

Aber der ist kein Sozialist, welcher bei einem stillen Zugeständnis stehen, einer stillen Hoffnung, einem trägen und toten Glauben stegen bleibt. Der Scozialist ist zu erkennen an Wort und Tat, er arbeitet ohne Furcht, ohne Schwanken daran, alle großen Fragen der Zeit umzuge⸗ stalten, unsere Gewohnheiten und Bräuche, die Gedanken und Einrichtungen, die Moral und die Kunst, die Familie und die Werkstatt.

Mit einem Wort: Sozialist sein, das heißt arbeiten für eine Welt, welche angepaßt ist der neuen Ordnung der Produktion und den Gleich⸗ heitsgrundsätzen der Demokratie, für eine Welt, die niemals vollkommen und fertig wird, sondern immer noch Platz für etwas Besseres hat. Eine Welt, in der man sagen kann, daß die Freiheit und die Solidarität sich frei entwickeln können, daß Reichtum der Gesamtheit und Gewinn des Einzelnen, daß Licht und die Moralität, die Gerechtigkeit und das Glück für jeden Menschen vorhanden sind.

Diese treffenden Ausführungen sind dem Blatte des alten französischen Sozialisten Benoit Malon entnommen und stammen aus der Feder Georges Renard.

Landarbeiter Oberhessens!

Mit dem Oktober ist die schwere Zeit des Jahres für euch zu Ende, die schwere Zeit, in der ihr an manchem heißen Tage wie das Vieh vom frühsten Morgendämmern bis in die Nacht hinein euch habt plagen und abhetzen müssen. Und doch, wenn die Zeit auch schwer war, sie hatte doch das Gute, daß es Arbeit und Lohn gab. Nun kommt der Winter mit seiner Not und Kälte. Besorgt müßt ihr nach anderem Verdienst euch umsehen. Und wie mancher von

die Gesellschaft verstehen, daß, wenn wirkliches

euch muß da mit wenuigem sich begnügen, muß