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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
cee Pfingsten. es
Wenn sich Novembernebel kalt,
Grau auf die Fluren senken: Wenn wir es merken, daß Geistgewalt. Nicht die Natur kann lenken,
Daß in dem Ding, dem brutalen Sein Nur die Gemeinheit königt,
welche die Lüge mit heuchelndem Schein Als Gottesweisheit beschönigt. 16
Seite 6.
Kinderbegeisterung, Kindermut,
Niemand möge sie schelten;
Wem sie nimmer entzündet das Blut, Soll uns als Mann nicht gelten.
Aber wenn ihm die Blüten nicht Dauernde Früchte getragen,
Schwindet schnell mit des Frühlings Licht, All' sein Hoffen und Wagen.
W enn in blühender Maienlust Höher die Herzen schlagen, Schwillt begeistert die junge Brust, Kühn zu wetten, zu wagen;
Was unmöglich weiland erschien, Will bedünken erreichbar; Siegesträume den Geist durchzieh'n Rosigen Wolken vergleichbar.
Ninderbegeisterung, Kindermut, Hoffnung auf baldige Siege,
Wärmen da nimmer das frierende Blut, Stärken da nimmer zum Kriege.
Nein, da gilt nur der männliche Sinn, Welcher mit Ernst es lernte,
Ohne Belohnung und ohne Gewinn Schaffen für künftige Ernte.
7 G K Unterhaltungs-Ceil.
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D
Auch ein Vild aus dem Kechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte.
3(Fortsetzung.)
Amtsrichter D. und der Kreisphysikus waren gegenwärtig. Dieselben suchten mich umzu⸗ stimmen, daß ich von der Wiedererlangung der Mündigung absehe und priesen die Ent⸗ mündigung, ich hätte dadurch einen Bei⸗ stand usw. Ich erwiderte ihnen, daß mir dieselbe überall hinderlich wäre, sowohl in geschäftlicher Beziehung als in der öffentlichen Gesellschaft. Dann frug Amtsrichter D. nach der Buchführung. Mein Vater hatte nur eine Strazze und war trotzdem ein wohlhabender Mann geworden. Ich hatte sie vorschriftsmäßig. Anatsrichter D. frug mich:„Können Sie Bilanz ziehen?“ Ich bejahte es.„Ob Sie Bilanz ziehen können?“ herrschte er mich an, als ob ich nicht laut genug gesprochen hätte. Ich antwortete nochmals laut:„Ja!“„Ich frage Sie, ob Sie Bilanz ziehen können?“ fuhr er mich zum dritten Mal in aufgeregtem Tone an. Erwartend von ihm, daß er mich augen⸗ blicklich prüfe, schaute ich auf. Doch hütete er sich davor, eine Prüfung vorzunehmen und begnügte sich durch ein protziges:„Hm! hm!“ seine Befriedigung über mein letztes Stillschweigen zu äußern. Bezüglich der wenigen Schulden, die von meiner verstorbenen Mutter noch zu zahlen waren, und welche ich abbezahlte, um mich nachher mit der Schwester in F. und dem Schwager in C. zu vergleichen, äußerte Amts⸗ richter D.:„Sie konnten ja auch gerade so gut etwas Anderes mit dem Gelde anfangen, als Rechnungen bezahlen.“ Dann meinte er wieder, ich sei mit großem Aufwande über die Straße gegangen. Ich bewies ihm dagegen, daß ich nur zwei anständig aussehende, nicht einmal neue Anzüge besäße, die stets in properer Ordnung gehalten, tadellos angezogen wären und durchaus Niemand auffallen könnten, wären es auch nicht, soweit mir bekannt. Ich war entlassen.— Wenige Tage später wurde ich zum Kreisphysikus vorgeladen, damit derselbe meine geile Fähigkeiten nochmals allein prüfe.— Dleser stellte Betrachtungen darüber an, weil ich mein Geschäft verlegen wollte, da die Schwester das Geschäftshaus verkaufen ließ und sagte:„Ja, man wird Ihnen aber ver⸗ bieten, überhaupt ein Geschäft zu treiben, da Sie als Entmündigter nicht selbständig sein dürfen.“ Ich antwortete ihm ruhig, daß ich meine Arbeiten stets sauber, exakt und pünktlich ausführte und würde die Kundschaft zufrieden. gestellt, wofür die regelmäßigen Einnahmen und der lebhafte Verkehr Beweis genug seien und hätte dabei nur 1 Mädchen zur Hilfe im Ge⸗ schäft.— Diese beiden Vorladungen kosteten mich je 40 Mk. Meine Mündigung erhielt ich aber nicht. Unter dem Titel„Auflassung“
sollte ich noch für mich tätig sein. In der Zeitung wurde gleichzeitig veröffentlicht, daß mir Niemand etwas borgen solle ꝛc. Ich war Niemand etwas schuldig geblieben und wurde so öffentlich beleidigt. Amtsrichter D. sagte sogar aus, daß ich kein Geld in die Hände bekommen solle, nicht einmal selbst verdientes. Während meiner Geschäftsführung, die doch seine Zustimmung hatte, widersprach sich das allerdings. Zum Ueberfluß wurde im März von der Vormundschaft ein Rechtsanwalt be⸗ auftragt, meine Zahlungen für die Lieferanten zu buchen. Der hatte sich aber in meinem Geschäft überhaupt nicht blicken lassen, und ich mußte wöchentlich einmal mit meinem Hauptbuche zu ihm kommen. Da schrieb er Alles wörtlich ab und gab mir den klugen Rat, ihm die einzuzahlenden Gelder zu über⸗ geben, damit er sie auf die Post sende. Ich ließ es dagegen einfach bleiben, da ich näher zur Post hatte als er, und mir auch die Post⸗ quittungen im Buche lieber waren als seine. Für seine überflüssige Arbeit konnte er mir keine Achtung abgewinnen.—
Am 1. April 1892 ging das Geschäft in die Hände des Hauskäufers Br. über. Mir wurde die Bedingung gestellt, daß ich für 600 Mk. seine Frau in den betr. Arbeiten zwei Monate lang unterrichte. Für die Summe garantierte er mir sowie der Vormund und meine Schwester. Allein nach Ablauf der 2 Monate und sorg⸗ fältigem Unterricht lachte man mich aus, ste seien einem Entmündigten nichts schuldig und die Ueberlieferung des Geschäftes, die Amts⸗ richter D. angeordnet hatte, verstünde sich mit dem Unterricht ohne jegliche Vergütung. Bei Gelegenheit einer Eingabe wegen Warenklage,
schickte mir der Amtsrichter D. dieselbe mit der
schriftlichen Bemerkung zurück, daß mir über⸗ haupt jede Klage und Beschwerde ver⸗ boten seien. Ich hatte damit wiederum einmal einen Beweis, daß ein Entmündigter von seinen Feinden belogen und betrogen werden kann. Freilich ist dies eine gewagte Sache, denn diese Leute können einmal an den Unrechten kommen, welcher dergleichen nicht ruhig über sich ergehen läßt und sich so im Zaume hält, wie ich es tat.— Br., der neue Hausbesitzer, verlangte sogar von mir, ich müsse ihm ohne Lohn und bei Selbstverköstigung weiter im Geschäft helfen und behauptete frech, er hätte auf Grund seines Einverständnisses mit Amtsrichter D. mich mit⸗ gekauft.— Frau Br. begriff aber nicht Alles, denn zwei Monate reichten nicht, soviel zu er⸗ lernen, um nur notdürftig die Arbeiten versehen zu können.— Da ich nun eigens gemietete Stube und Kammer, sowie eigne Möbel und Kleider ze. täglich in sauberer Ordnung hielt und die übrige Zeit mit Rechnen, Zeichnen, Malen und Lernen ꝛc. ausfüllte, so hatte ich den ganzen Tag Beschäftigung. Ich bemühte mich von Zeit zu Zeit immer wieder um eine Stelle,
aber Niemand wollte mich annehmen, aus dem
Grunde, daß ich wegen Geisteskrankheit ent⸗ mündigt wäre, und schenkten sie mir daher kein 1 Durch meine noch kürzliche Tätigkeit im Geschäft hatte ich doch das Gegen⸗ teil bewiesen. Aber so sind viele Menscheu, und es heißt nicht umsonst:„Wenn die Glocke
zur Verleumdung läutet, dann ist schnell eine
Welcher, wenn ihm die Kraft gebricht,
So sich zu trösten erdreistet;
Nabe mir selber bemessen die Pflicht,
Habe mein Wollen geleistet,
Beugte mich nicht vor der siegenden Macht weder auf Drohen noch Bitten, Habe des Erdenlebens Nacht Stark und stolz durchschritten.
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Johannes Wedde.
gläubige Gemeinde zusammen. Einen ehrlichen Mann verleumden, der seine Straße ruhig wan⸗ delt, ist eben so leicht als einen Schla enden ermorden. Aber der Ruf eines verleumdeten wieder herzustellen ist so schwer als Pockennarben auszuglätten.“ Mehrmals in dem Jahre, welche ich bei Br. wohnte, kam letzterer herauf 155 ich hätte ihn mit dem Haus betrogen.
inmal sogar machte er mit geballten Fäusten mehrere Wutangriffe auf mich und drohte, mich vom obersten Stockwerke über das Geländer in den Hausflur zu werfen. Er achtete nicht einmal die Gegenwart des gerade mit mir beschäftigt gewesenen Händler E.„B. Ich blieb ruhig vor ihm stehen, ohne ein Glied zu rühren und erwiderte:„Tun Sie's doch!“ Selbst Frau B. eilte herbei um ihrem Manne Beistand zu leisten und nicht ein Wort der Besänftigung hatte sie für ihren Mann. Daher mietete ich mich bald nachher, zum 1. April 93 in eine ebene gelegene Wohnung(Stube) ein. — Als ich dorthin auszog, wiederholte sich diese Scene und mit Wutgeschrei, ich hätte sein Haus nicht zu verlassen(ich hatte 3 Monate vorher auf den 1. April gekündigt) belästigte er mich bis zuletzt. Ich konnte in der Eile nicht ordent⸗ lich packen und es stürzten verschiedene Sachen unterwegs Zmal vom Wagen aus den Papp⸗ schachteln. Im Herbst 1892 hatte ich viele Schererei mit dem Vormunde. Anfangs zahlte er mir alle 3 Tage 2 Mark Zinsengelder, dann aber rur M. 1.50.
Mein Vermögen betrug noch über 6000 Mk. und hatte 4% Zinsen zu erwarten, abgesehen davon, daß Schwester und Schwager einig waren, mir 1000 Mk. für die paar Wochen Einj. Dienst und einen Teil für meinen Unter⸗ richt(den größten Teil durch eigne Ersparnisse selbst gedeckt) anzurechnen, was in Wirklichkeit kaum den vierten Teil ausmachte. Sie hatten auch den Erlös der Möbel aus dem Geschäfts⸗ hause und einen großen Garten unter sich ver⸗ teilt. Im Juni mußten die Mietsleute aus den Landhause meiner verstorbenen Eltern ausziehen, weil mein Schwager glaubte, das Haus leer⸗ stehend besser verkaufen zu können. Dadurch fehlten die Zinsengelder für mich gänzlich. Gerne hätte sch in dem leerstehenden Hause eine Stube bewohnt, um die Wohnungsmiete zu sparen, und den Garten oder ein Teil des⸗ selben benützt, um so lange er unverpachtet war, etwas Nutzen daraus für mich zu gewinnen. Allein der Vormund widersetzte sich energisch meinen Wünschen.
(Fortsetzung folgt.) re
Splitter.
Jeder Mensch darf über die Torheiten der andern lachen, wenn er es auch über die seinigen thut. Sonst hat er das Recht dazu e,
eixner.
** Hätte das Leid mehr Mut, Es würde sehr Vieles gut! Frieda Schanz.
** * Dies über alles: sei dir selber treu Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage, Du kannst nicht falsch sein gegen irgend wen. Shakespeare.


