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Nr. 22.
Mitteldeutsche Sonptags⸗Zeitung.
Seite 5.
Stimmen, mußte sich aber 1898 mit nur 2800 begnügen, ein Z ichen, daß es mit dem Antisemitismus in unserem Wahltreise immer weiter abwärts geht. Böckel hat dies auch wohl gemerkt und aus diesem Grunde auf eine Kandidatur verzichtet. Andererseits kann man auch annehmen, daß ihm das Mandat abgekauft worden ist, indem man ihm gesicherte Stellung verschaffte. Was die Wähler nun von seinem Nachfolger Zimmermann zu erwarten haben, geht aus dem ersten Flugblatt und seiner Wahlrede hervor. Wie der Antisemit Zimmermann über den nationalsozialen Kandidaten v. Gerlach denkt, geht aus seinem Flugblatt hervor, in dem er ihn einen Mann nennt, der vorgestern kon⸗ servativ, gestern christlich-sozial, heute nationalsozial sich nennt und auch nicht die geringste Gewähr böte, daß er morgen blutroter Sozlaldemokrat würde.
Die antisemitische Versammlung am Mittwoch war von ungefähr 400 Personen besucht. Als Vorsitzenden und Leiter der Versammlung hatte sich Herr Zimmer⸗ mann einen Herrn aus Frankfurt mitgebracht, der die Versammlung in so ungeschickter Weise leitete, daß er von einem jungen, organisierten Arbeiter in dieser Hin⸗ sicht noch etwas lernen kann. Natürlich wurde die Versammlung mit einem Kaiserhoch eröffnet. Als unser anwesender Kandidat Paul Bader vor dem Vortrage das Wort zur Geschäftsordnung verlangte, wurde es ihm nicht erteilt. Dagegen versicherte ihm der Vor⸗ sitzende, daß, sowie er seine Eröffnungsrede beendet habe, Herrn Bader das Wort zur Geschäftsordnung erteilt werde. Das geschah jedoch nicht, Nachdem der Vor⸗ sitzende seine Eröffnungsrede unter Hohngelächter und Beifall beendet hatte, erteilte er Herrn„Direktor“ Zimmermann das Wort zum Vortrage. Er brach da⸗ mit schnöde sein Bader gegebenes Ehrenwort. Das erregte natürlich die Versammlung und mit Recht forderte Gen. Bader diejenigen auf, die mit ihm und für eine parlamentarische Ordnung seien, das Lokal zu verlassen. Sofort erhoben sich 150 wahlberechtigte Männer mitsamt den anwesenden Domen— fast die Hälste der Anwesenden— und verließen das Lokal. Das hatte der antisemitische Vorstand wohl nicht geahnt, daß es in Marburg auch noch Männer gibt, die auf Recht und Ordnung halten. Der Vorsitzende machte erst darauf aufmerksam, daß er bei jedem, der sich seinen Anordnungen nicht füge, von seinem Hausrecht Gebrauch machen werde. Was Herr Zimmermann nachher ge⸗ schwätzt hat, und wie er über die„roten Hallunken“ hergezogen haben mag, darüber können wir nichts be⸗ richten. Jedenfalls sind wir nicht zu kurz gekommen. Bezeichnend bei diesem Vorgang war wieder das Ver⸗ halten der Nationalsoztalen. Als Gen. Bader auf⸗ forderte, wer mit ihm und für parlamentarische Ordnung sei, das Lokal zu vrlassen, da war'n es wieder die Nationalsozialen, welche treu sitzen blieben. Als im vorigen Jahre im Reichstag bei Beratung des Zolltarifs die Geschäftsordnung von der reaktionären Mehrheit zertrümmert wurde, da waren es gerade die Nationalsozialen in Marburg, die das große Wort hatten. Zwei Versammlungen hielten die National⸗ sozialen darüber ab und protestierten gegen die Ver⸗ gewaltigung; als sie aber ihr sonst so großes Wort in die Tat umsetzen sollten, da hatte sie die Kourage ver⸗ lassen. Wenn einer von den Herren im Reichstage sein wird, wird die Geschichte auch ähnlich ausfallen.
Interessant war auch der Verlauf der antisemitischen Versammlung in Hachborn. Nachdem der Kandidat Zimmermann seinen 40 Minuten langen Vortrag beendet hatte, erhielt Genosse Bader das Wort. Da Zimmer⸗ mann auch im 10. sächsischen Wahlkreis(Döbel n) von den konservativen und dem Vund der Land wirte aufgestellt worden ist, während er hier die Konservativen aufs heftigste bekämpft, so frug ihn Bader in der Diskussion, welchen Wahlkreis er eventl. annehmen würde.
Herr Zimmermann gab auf die ihm unangenehme Frage keine Antwort. Trotzdem„freie Diskussion“ zu⸗ gesichert war, mußte sich Genosse Bader mit Anfüh⸗ rung des Nötigsten begnügen. Im weiteren Verlauf der Diskussion ergriff der Bündler Klingelhöfer das Wort. Erst bedauerte er das Auftreten des Antisemiten, sagte aber nachher: der Bund der Landwirte hat zwar den Beschluß gefaßt, für den konservativen Herrn v. Pappenheimer zu stimmen. Ich erkläre aber, das ich mich an diesen Beschluß nicht halte, indem ich für den Antisemiten Zimmermann stimme, und fordere ich die Mitg ieder des Bundes der Landwirte auf, das Gleiche zu tun.— Mehr kann man wirklich nicht ver⸗ langen! In Döbeln und andern Kreisen läßt sich der Antisemit von den Konservativen und dem Bund der Landwirte aufstellen und in Marburg verhauen die Antisemiten die Konservativen. Wahrlich, eine nette Gesellschaft. Der Arbeiter, der noch diesen Leuten seine Stimme giebt, ist wirklich zu bedauern. Hoffentlich
wird woel die verktätige Bevölkerung unseres Wahl⸗ kreises aus all den vielen Versammlungen usw. gelernt haben, das es für sie keinen besseren Kandidaten giebt, als den Kandidaten der Sozialdemokratie:
Paul Bader!
Lokalfrage. Den Parteigen ossen zur Nachricht, daß uns auch das Lokal des Herrn Hildemann, Barfüßertor, zu politischen Versammlungen zur Ver⸗ fügung steht. Wir bitten die Gen ssen, dies Lokal und das des Genossen Daniel Jesberg, Wehrdaerweg 2, zu berücksichtigen und dort auch u verkehren. Ferner machen wir bekannt, daß das Bureau des Wahlkomitees sich bei dem Gen. Daniel Jesberg, Wehrdaerweg 2, befindet und bitten wir die Genossen, alle wichtigen Mitteilungen nach dort gelangen zu lassen. Weiter wird auf die am Donnerstag, den 4. Juni, stattfindende außerordentliche Parteiversammlung bei Jesberg aufmerksam gemacht. Da etwas wichtiges auf der Tagesordnung steht, werden die Genossen ersucht, zahlreich zu erscheinen.
Das Wahlkomitee. J. A: R. Rösler, Schriftführer.
St. Konsum verein. Mitten im Wahl⸗ kampfe, an dem auch viele Mitglieder des Konsumvereins teilnehmen, fanden dieselben doch soviel Zeit, um auch der edlen Musikkunst ihren Tribut zu zollen. Das am Abend des Himmelfahrtstages im Hildemannschen Saale arrangirte Konzert wies erfreulicherweise einen äußerst zahlreichen Besuch auf; der große Saal war bis auf das letzte Plätzchen von den Mit⸗ gliedern des Vereins und ihren Angehörigen besetzt. Nach einem von Frau Gisela Mi hels gehalteneu Vortrag über das Genossenschafs⸗ wesen speziell über die Aufgaben und die Stellung der Frauen zu demselben, der wohlverdienten Beifall fand, begann das Konzert, zu welchem als Einleitung unser Parteigenosse Dr. Mi chels einen kurzen aber sehr interessanten. Vortrag über Musikgeschichte hielt; außerdem gab derselbe vor jeder Programmnummer eine kurze Schilder⸗ ung des Lebenslaufes der betr. Komponisten, mit unverwüstlichem Humor gewürzt, zum besten, was sehr viel zum besseren Verständnis der vorgetragenen Musikpiecen beitrug. Dieselben bestanden in Kompositionen aus dem I de, 19. Jahrhundert und solchen der modernen Zeit und wurden in ausgezeichneter Weise zu Gehör gebracht. Klavier- und Violinvorträge wechselten ab mit Gesangsvorträgen und es ver⸗ dienen sämtliche Mitwirkenden gleiches Lob. Nach dem Konzert fand noch ein kleines Tänzchen statt. Allen Teilnehmern aber wird der schön⸗ verlebte Abend unvergeßlich bleiben und wir sagen den betr. Damen und Herren hierdurch unsern verbindlichsten Dank.
Patrioten.
Wegen Steuerhinterziehung wurde den Inhabern der Firma Pfeifer u. Diller in Horchheim bei Worms, Kaffee⸗Essenzfabrik, eine Strafe von Mk. 30 000 auferlegt. Bei dieser Gelegenheit wurde auch bekannt, daß di! Firma trotz der schlechten Zeiten im Jahre 1901 bei verhältnismäßig geringem Anlagekapital einen Reingewinn von Mk. 180000 hatte.
*Die Frau hat Recht. Vom Glogauer Land⸗ gericht ist die Ehe des Dreschgrafen Pückler auf Antrag seiner Frau und auf Grund des Paragraphen 1568 des Bürgerlichen Gesetzbuches geschieden worden. Diese Bestimmung besagt, daß ein Ehegatte die Scheidung beantragen kann, wenn der andere Ehegatte durch schwere Verletzung der durch die Ehe begründeten Pflichten oder durch ehrloses oder unsittliches Verhalten eine so tiefe Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses verschuldet hat, daß dem Ehegatten die Fortsetzung der Ehe nicht zugemutet werden kann.
Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.
. Es geht vorwärts! Eine recht er— freuliche Entwickelung hat der Metall⸗ arbeiterverband in der letzten Zeit ge⸗ nommen. Binnen kurzer Frist hat sich seine Mitgliederzahl um 50 000 vermehrt und beträgt jetzt 150000. Die Redaktion der Metallarb.⸗ Zeitung nennt diesen Erfolg das Ergebnis treuer und hingebungsvoller Arbeit der Ver⸗ bandsmitglieder, sie hat aber auch nicht Unrecht, wenn sie schreibt:„Dank schulden wir aber auch unseren Freunden, den Feinden, die mit immer weniger Scheu ihre arbeiterfeindlichen Pläne enthüllen, indem sie brutale Maßregeln über die Arbeiter verhängen und diese dadurch zur Erkenntnis ihrer Interessen, ihrer Klassenlage
bringen.“
Zur Beachtung bei der Reichstagswahl!
Das Geheimnis der Wahl ist gesichert! Keine Stimmzettelspitzelei mehr! Nach dreißigjährigem Sträuben hat sich die Regierung zum Aerger der Rückwärtser endlich entschlossen, die verfassungsmäßige Geheimhaltung der Wahl zu sichern.
Jeder kann diesmal furchtlos den Mann seiner Ueberzeugung wählen. Niemand kann seine Abstimmung kontrollieren. Kein Gutsherr, Inspektor, Fabrikleiter ꝛc. kann mehr die Arbeiter mit kenntlich gemachtem Wahlzettel zur Urne marschieren lassen.
Jedermann nehme sich in der Tasche von Hause einen sozialdemokratischen Wahl⸗ zettel ins Wahllokal mit. Er muß ungefähr 9 zu 12 Zentimeter groß sein.
Wesentliche Abweichungen in der Zettel— größe machen die Wahl ungültig!
Im Wahllokal empfängt er ein amt⸗ liches Wahlkouvert, die alle gleich sind und keinerlei Kennzeichen haben dürfen.
Mit dem Wahlkouvert geht jeder einzeln in einen Nebenraum oder an einen durch einen Verschlag abgetrennten Tisch. Hier steckt der Wähler, unbeobachtet von jeder⸗ mann, seinen sozialdemokratischen Stimm⸗ zettel in den Umschlag und schließt ihn wie einen Brief; Zukleben ist nicht not⸗ wendig.
Die Wahl dauert diesmal von 10 bis I Ie
Niemand darf aber seine Stimme nach 7 Uhr abgeben, auch wenn er vor 7 Uhr im Lokal ist. Es empfiehlt sich also, nicht im letzten Augenblick, sondern so früh wie
Stimme bis 7 Uhr abgeben kann. Eure Arbeitgeber können Euch bei diesen Wahlen nicht mehr für die Betätigung
Eurer sozialdemokratischen Ueberzeugung bestrafen. Ihr wählt frei! Wählt sozialdemokratisch!
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Partei-Nachrichten.
Eine Erbschaft Bebels. Aus Straß burg wird berichtet: In Anerkennung seines Kampfes gegen den Wilitarismus hat der altelsässische Bankier Staeh⸗ ling, welcher vor einigen Tagen starb, dem Reichstags⸗ abgeordneten Bebel 10 000 Franks testamentarisch ver⸗ macht.— Natürlich führt Bebel, wenn er die Erbschaft annimmt, die Summe der Partei zu.
Versammlungskalender. Samstag, den 3.0 Mai.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbi g.
Großen⸗Buseck. Abends 9 Uhr, Wähler ver⸗ sammlung bei Größer. Ref. Krumm.
Reiskirchen. Abends 9 Uhr Wähler versam m—
lung. Ref. Vetters.
Fünfter nass. Wahlkreis.
Am 2. Pfingstfeiertag findet eine Vertrauensmänner⸗ Versammlung für den 5. nass. Wahlkreis beim Genossen W. Türk, Emmerichenhain, Nachmittags 1 Uhr statt. Genosse Bartels-Berlln und Fauth⸗Wetzlar werden anwesend sein. Die Genossen des Dillkreises können an der Wagentour teilnehmen. Abfahrt 9 Uhr Haiger. Anmeldung an den Vertrauensmann Louis Troth, Haiger.
Quittung.
Für den Wahlfonds gingen weiter ein: Gewerk schafts⸗Kartell Mk. 50.—; Holzarb.⸗Verb. Mk. 20.—; Heuchelheim Mk. 70.—; Lollar Mk. 20.—; Gießen, Liste Nr. 46 Mk. 10.75; Liste Nr. 38 Mk. 770 Liste Nr. 44 Mk. 13.—; S. Mk. 2.
möglich zu erscheinen, damit jeder seine 5
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