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Seite 4.

Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung

Nr. 22.

Aber auch mehrere der verrückten Fahrer selber haben den Hals dabei gebrochen. Unverständlich ist, daß der französische Minister den gemein⸗ gefährlichen Unfug nicht verboten hat.

Von Nah und Lern.

Hessisches.

Sozialdemokratischer Wahlsieg in Offeubach⸗Land. Wie erinnerlich, wurde die Wahl unseres Genossen Orb als Land⸗ tagsabgeordneter für den Offenbacher Landkreis für ungültig erklärt und eine Neuwahl der Wahlmänner in Bieber angeordnet. Diese nat am Montag stattgefunden und mit einem glänzenden Siege unserer Partei geendet. Unsere Wahlmännerliste erhielt 336 Stimmen, während es die Zentrumsleute trotz fieberhafter Agitation auf nur 28690 brachten. Damit ist die Wahl unseres Genossen Orb als Abge⸗ ordneter des 16. Wahlbezirks gesichert und der Kuhhandel der Gegner im Landtage, durch welchen man der Sozialdemokratie das Mandat zu entreißen hoffte, hat nicht zu dem gewünschten Resultate geführt.

Gießener Angelegenheiten.

Jetzt haben wir ihn! Den liberalen Kandidaten nämlich Herr Kommerzienrat Heyligenstädt ist der Erkorene. Natürlich ist derGießener Anzeiger pflichischuldigst außerordentlich entzückt von dem gemachten guten Griff das heißt von einemGriff kann nicht gut geredet werden, Herr Heyligenstädt wird schon mehr dazu gedrängt und gestoßen worden sein. Er(der Anzeiger) empfiehlt die Kandidatur mit folgenden Worten:

Angesichts der Kandidatur des Herrn Heyligenstädt, bekanntlich eines Mannes, der sich aus kleinsten Verhältnissen, aus einem einfachen Arbeiter zu einem der größten In⸗ dustriellen in unserem Wahlkreise empor⸗ gearbeitet hat und der auch in Arbeiterkreisen als ein Mann von humansten Gesinnungen und Freund einer vernünftigen Arbeiterschutz⸗ Gesetzgebung bekannt und angesehen ist, können wir auf eine würdige und sachverständige Ver⸗ tretung unseres Wahlkreises im Reichstage hoffen.

Trifft aber ganz genau zu, was wir im Leitartikel der letzten Nummer sagten. Wenn ein Sozialdemokrat sich aus kleinen Verhält⸗ nissen emporarbeitet, wird es ihm zum Vor⸗ wurf gemacht, anders dagegen, wenn es sich um einen Nationalliberalen handelt!

Nun wird sich Herr Heyligenstaedt recht ein⸗ gehend mit dem Inhalt des Eugen Richter'schen Sozialistenspiegels und ähnlichen Produkten vertraut machen müssen!

Antisemitische Preßpolemik. Folgende hübsche gegen Genossen Scheidemann gerichtete Briefkastennotiz fand sich kürzlich in dem Offenbacher Antisemitenblatt:

Geschwollener Giftmolch vomOffen⸗ bacher Abendblatt. Verspritzen Sie Ihre stinkenden Säfte nur immerzu! Wenn man auf dem Wege einem ekelhaften Gewürm begegnet, so geht man ihm am liebsten aus dem Wege, so halten's auch wir. Uebrigens gereicht es uns zur besonderen Ehre, daß Sie, der Sie das gemeinste Subjekt sind, das uns bis jetzt bekannt geworden ist, uns mit einem so ganz besonderen Hasse verfolgen.

Und solche Gesellschaft will noch Anspruch auf Anstand machen, wirft den Sozialdemokraten gehässige Kampfesweise vor! In einer andern Nummer heißt es in der Form eines Inserats: Tüchtige Tierbändiger! In der Redaktion desOffenbacher Abendblattes ist die Toll⸗ wut ausgebrochen ꝛc. Und dieses unsagbar blöde und bubenhafte Machwerk hat dem Gieß. Anz. so gut gefallen, daß er es abdruckte. Das Amtsblatt hat also auchWitz wenn es ihn sich in dem berühmten Hirschel⸗ Organ holt! S'st halt ein Elexd mit dem Amtsblatt und in dem Amtsblatt!

Aus Wie seck erhalten wir eine längere Zuschrift, die sich gegen die in der vorigen Nummer veröffentlichte (die Bureaukosten des Bürgermeisters betreffend) wendet. Der Raumverhältnisse wegen müssen wir sie auf die

daß unser Genosse Bartels als Referent mit seinen

Wählerversammlungen hielt unsere Partei vergangene Woche ab in Klein⸗Linden, Dauernheim, Geiß⸗-Nidda und Nonnenroth. In Klein⸗Linden war der Besuch der Versammlung im Verhältnis zu der zahlreichen dort wohnenden Arbeiter⸗ schaft ein schlechter zu nennen. Sehr zahlreich hingegen waren am Sonntag die Zuhörer in Dauernheim und Geiß⸗Nidda erschienen, wo ebenso wie in Klein⸗Linden, Genosse Krumm sprach, dessen Ausführungen unge⸗ teilteste Zustimmung fanden. Das Gleiche war der Fall in Nonnenroth, wo Vetters sprach. Lelder konnte dort unser Redner nicht früh genug am Platze sein, weil sich die Versammlung in Laubach so lange hingezogen hatte, es waren deshalb schon ein Teil der Leute wieder fortgegangen. Donnerstag fand eine von unserer Partei einberufene, sehr stark besuchte Wählerversamm⸗ lung in Langgöns, der antisemitischen Hochburg, statt. Abg. Köhler mochte wohl fürchten, daß Gen. Krumm, der im Antisemitenblatt alsWolf in Schafskleidern bezeichnet wird, hier allzugroße Eroberungen machen könne, darum war er erschienen und hatte sich Herrn Hirschel als Redestütze mitgebracht. Dieser ergriff denn auch in der Diskussion das Wort und sprach länger als eine Stunde. Er suchte den Zollwucher zu verteidigen und brachte im Uebrigen die alten Zitate und die gegen unsere Partei erhobenen Angriffe vor. Gen. Krumm widerlegte die Hirschel'schen Einwendungen, die sich be⸗ sonders auf den Zolltarif bezogen, in ruhiger und sach⸗ licher Weise. Hirschel erhielt dann nochmals das Wort, wobei er weniger auf die bei den Reichstagswahlen in Betracht kommenden Fragen einging, sondern sich mehr mit unsern Genossen im Landtage beschäftigte. Genosse Vetters wi's dann noch auf die Angriffe der kapita⸗ listischen Parteien auf das Wahlrecht hin, das zu schützen die Aufgabe jedes Wählers sein müsse, tadelte die Hal⸗ tung der Antisemiten in Fragen der Kolonialpolitik ꝛc. und empfahl die Wahl Krumms. Die Versammlung, in der sich die beiden Parteien in etwa gleicher Stärke gegenüberstanden, nahm im Uebrigen einen recht ruhigen Verlauf und wir sind damit sehr zufrieden.

Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterhach.

Die Wahlbewegung kommt in unserem Kreise jetzt mehr in Fluß. Der von den Liberalen auf den Schild gehobene Kreisrat Wallau hält zahlreiche Versammlungen ab und er macht zweifellos den bis⸗ herigen Abg., dem Antisemiten Bindewald eine em⸗ pfindliche Konkurrenz. Dieser sucht natürlich für sich zu retten, was zu retten ist. Unsere Partei hielt am Sonntag zwei Versammlungen ab und zwar in Angers⸗ bach und Frischborn. Gen. Or big⸗Gießen sprach in beiden Versammlungen unter dem lebhaften Beifall der zahlreichen Zuhörer. Zum erstenmale trat auch am Sonntag ein Sozialdemokrat in Laubach auf. Dort hatte Bindewald eine Versammlung anberaumt,

abfallen sollten. Daß Gegner in keiner Ver sammlung erschienen, ist selbstverständlich. Courage haben sie blos in eigenen Versammlungen. Am Sonntag, 24. Mai, hielt der Pfarrer Heckenrot Kandidat der Konser⸗ vativen zwei Versammlungen in Friedewald und Daaden ab, in denen Genosse Bartels ihm entgegen trat. Dieser Kandidat der reaktionären Konservativen, welcher den Vorsitz allein führte, war in Bezug auf Gewährung unbeschränkter Redefreiheit liberaler als alle anderen Parteien. Auch der Herr Pfarrer gehört zu jenen gemäßigten Konservativen, die in Sozialpolitik machen wollen, um ihre vermuckerte Partei aufzufrischen. Antwortete er doch dem Genossen Bartels, daß er aus der konservativen Partei austreten würde, sobald sie sich von den Grundsätzen des Christentums bei ihrer Haltung zu Gesetzentwürfen entfernen würde. Den von Genossen Bartels gerichteten Wunsch, in Daaden die Diskussion fortzusetzen, nahm er gern an. Es war eine heitere Versammlung für uns. Ein Nationalliberaler zog gegen die Konservativen vom Leder und der Herr Pfarrer liebäugelte nun gerade auch nicht mit den Nationalliberalen. Eine etwas schärfere Tonart zog ein

christlicher Bergarbeiter auf gegen einen stammelnden Antisemiten. Unter schallender Heiterkeit der Versamm⸗

lung zeigte Genosse Bartels, daß alle genannten Parteien

nichts taugen. Weder den Konservativen, Nationallibe⸗

ralen noch Antisemiten blieb etwas geschenkt. Während

die anderen Redner immer ein Wortgefecht hatten, ant⸗

wortete unserem Genosse Bartels Niemand. Auch

der Kandidat Heckenrot nicht. Dieser schloß mit der

Bemerkung die Versammlunger hätte viel zugelernt,

denn er sei noch Neuling in der Politik. Stimmt!

Man merkt es nämlich sehr.

Ganz richtig. Am vorvergangenen Sonntag sagte der Pastor von Rodheim (Bieber) in seiner Predigt u. a.: Niemand könne Christum leugnen, sogar die Sozial⸗ demokraten stützten sich mit ihren Lehren auf ihn. Das ist gar nicht so unrichtig. Die Verwirklichung des Sozialismus bedeutet die Verwirklichung der Lehren Christi, mit denen aber das heutige offiztelle und Scheinchristentum im schreiendsten Wiederspruch steht.

h. Alsschlichter Mann aus der Werkstelle stellt das Zentrum einen Berg⸗ arbeiter Breidebach auf. Die Aussicht, daß das Zentrum den Wetzlarer Wahlkreis erob ern wird, ist ziemlich schwach, darum leistet es sich eine Arbeiterkandidatur. Man hört nichts davon, daß es auch in solchen Kreisen Arbeiter auf⸗ stellt, die als sein sicherer Besitzstand gelten.

Aus dem fünften nassauischen Wahl⸗ kreis. Die Christlich⸗sozialen hatten am 25. Mai

zu der ca. 60 Personen erschienen waren. In langen ermüdenden Ausführungen berichtete er über seine Tätigkeit im Reichstage und verfehlte dabei natürlich nicht, nach bekannter antisemitischer Art auf die Juden und Sozialdemokraten loszupauken. Gen. Vetters trat ihm in kurzen Ausführungen entgegen. Er wies besonders auf den Militarismus hin, der allen Völkern schwere Lasten aufbürde. Weiter setzte unser Genosse die ungerechte Verteilung dieser Lasten durch das indirekte Stenersystem, on dem Bindewald kein Wort gesagt hatte, auseinander, beleuchtete denPatriotismus der herrschenden Klassen und kritisierte das Verhalten der Antisemiten in vielen Fragen. Bindewald's Antwort auf die kurzen Ausführungen Vetters dauerte etwa 15 Stunde. Seine patriotischen Phrasen fanden wohl den Beifall der Kleinbürger, doch wurde die längere Erwiderung unseres Genossen mit großer Aufmerksamkeit angehört und wird nicht ohne Eindruck geblieben sein.

Aus dem Rreise Wetzlar.

Zur Wahlbewegung im Kreise Wetzlar⸗ Altenkirchen. Vier Partei⸗Versammlungen fanden statt in Gleiberg, Krofdorf, Vetzberg und Dutenhofen. Die drei erstgenannten Orte sind ja die sogenannten Hochburgen der Sozialdemokratie dieses Kreises und ist ja schon deshalb nicht zu verwundern,

Aus führungen den reichen Beifall der Genossen erntete. Aber der Erfolg in Dutenhofen ist um so bemerkens⸗ werter, als dort noch niemals eine sozialdemokratische Versammlung stattgefunden hat, überhaupt noch kein fi Sozi dort aufgetreten ist. Die Versammlung war von zirka 100 Personen besucht, mindestens 5 Bauern des Ortes. Aus diesem Grunde legte Genosse Bartels den Hauptnachdruck bei seinem Referat auf den Zolltarif und seine Wirkungen auf die Landwirte. Dann kritisierte er kurz die Reichspolitik und beschäftigte sich am Schluß mit den Lügen über die Sozialdemo⸗ kratie und was sie dann in Wirklichkeit will. Es müßte mit dem Nuckuck zugehen, wenn bei dem Beifall, den Genosse Bartels von jenen Klein- und Mittel⸗Bauern

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eine Versammlung nach Haiger einberufen. Haupt⸗ redner war Kandidat Dr. Burckhardt, der viel von Gewerkschaften erzählte und sachlich die National⸗ liberalen anzapfte, die Sozis blos nebenbei. Vom Zolltarif sprach er nicht ein Wort. Der zweite Redner, Herr Lizentiat Weber sprach viel über das sozialpoliti⸗ sche Programm seiner Partei. Schon während der Referate hatten sich einigegebildete Herren Direktoren und Prokuristen der Agnesta⸗Hütte, so anständig und nationalliberal benommen, daß der überwachende Beamte mit Auflösung drohen mußte. Ob das die Helden gern gewollt hätten? Ihr Redner zapfte dann die anwesenden Parteigenossen Trott und Bartels so niedrig an, wie es solch einem gebildeten Herrn nur möglich ist. Genosse Bartels leuchtete ihm aber so heim, daß er, ohne zu antworten, mit seinen vornehmen Schreifreunden bald verschwand. Dann fragte Genosse Bartels den Kandidaten, weshalb er in seiner Kandidatenrede eigent⸗ lich den Zolltarif vergessen hätte? Antwort: Ueber die Zollfrage hätte er am Abend vorher schon an einem anderen Orte gesprochen. Und nun entspann sich eine zollpolitische Debatte zwischen den Referenten und unserem Genossen, in der er nach der Meinung vieler Versammelten gewiß nicht den Kürzeren gezogen. Alle meinen nämlich, nachdem, was man ihnen bisher erzählt, hätten sie sich einen Sozialdemokraten anders blos nicht so anständig und wissend vorgestellt. Man sieht, nach allen Erfahrungen, wenn die Sozialdemokraten überhaupt erst mal auftreten, zerreißt das Lügengewebe, das man über sie gesponnen.

Aus dem Rreise Marburg⸗-Mirchhain.

R. R. Als antisemitischer Kandidat tritt, wie neulich schon mitgeteilt, Herr Oswald Zimmermann aus Dresden auf, derDirektor des dortigen antise⸗ mitischen Blattes. In einer am 20. Mai stattgefundenen Wählerversammlung entwickelte der auf die Nach⸗ folgerschaft Böckels spekulierende Herr seinProgramm, das sich von dem, was Böckel vertrat und zerteat, nur wenig unterscheidet. Böckel, seit den beiden letzten Legislaturperioden Abgeordneter für den Marburger

hatte nicht auch für unsere Partei dort Stimmen

Kreis, erhielt bei der vorletzten Wahl noch 6000