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Nr. 22.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 3.
für Gefängnisarbeit gezahlt werden müssen. Trotzdem aber sagte der Abgeordnete Lucke Gund der Landwirte) schon im September 1894 in einer Bauernversammlung in Haslach: den Tabakbauern müsse„geholfen“ werden und sollten selbstzehntausend sozialdemokra⸗ tische Arbeiter dafür aus der Arbeit kommen.
Die nächste Session bringt sicher eine Tabak⸗ steuervorlage! Zigarrenarbeiter und Zigarren⸗ händler wurden ihr zahlreich zum Opfer fallen und die konsumierende Bevölkerung in Stadt 1 0 0 je ärmer sie ist, um so mehr geschröpft werden!
Zollwucher⸗Bekenntnisse.
„Glauben Sie nur ja nicht, daß die Zoll⸗ tarifgeschichte unserer Landwirtschaft auch nur einen Deut nützt!“ So sagte der Zentrums⸗ abgeordnete Narbe in der Elsenbahn zu einem seiner Parteigenossen. Und dieser antwortete: „Ja, ja! Wir treiben eben im Strudel der Weltwirtschaft, da helfen solche Mittel⸗ chen nicht mehr!“— Den Bauern lügt diese Gesellschaft aber von dem Segen der Zölle vor. Die Antisemiten machens gerade so.
Vom Zentrumsknüppel.
Die Knüppeltaktik gegenüber der Sozial⸗ demokratie empfiehlt ganz offen ein rheint⸗ sches Zentrumsblatt, indem es Dorf⸗ bewohner, die unter dem Ruf:„Mer sind katholisch!“ mit allerlei landwirtschaftlichen Geräten auf sozialdemokratische Flugblattver⸗ teiler eindrangen, als nachahmenswerte Vor⸗ bilder darstellt. Das erscheint der ebenfalls klerikalen„Kölnischen Volkszeitung“ denn doch bedenklich, natürlich weniger aus moralischen, als aus taktischen Gründen. Wohl giebt ste zu, daß die⸗ Verfahren„an sich durchaus ver⸗ werflich“ sei, aber weit wichtiger hält sie,„daß man so der sozialdemokratischen Presse, welche unehrlicher Weise solche Dinge der ganzen Zentrumspartei anzuhängen liebt, nur Wasser auf die Mühle treibt, indem man ihr Gelegen⸗ heit giebt, über„geistige Waffen“ zu spotten. Ein derartiges Vorgehen ist ebenso zu verur⸗ teilen, wie das gewalttätige Auftreten von Sozialdemokraten in gegnerischen Versamm⸗ lungen, insbesondere in Berlin, worüber die freistnnige Presse sich gegenwärtig so bitter zu beklagen hat.“
Das„gewalttätige Auftreten“ von Sozial⸗ demokraten in gegnerischen Versammlungen ist bekanntlich erlogen und Eugen Richters Preß⸗ klique geht wieder besseres Wissen fortgesetzt mit den längst widerlegten Behauptungen hausieren. Doch die Taten der bürgerlichen Knüppelhelden sind erwiesen und werden von ihrer eigenen Presse bezeugt. Den Ge scheiteren unter den bürgerlichen Politikern ist das natür⸗ lich unangenehm; man will deshalb öffentlich nichts mit den Knüppelhelden zu tun haben, im Geheimen freut man sich aber der An⸗ wendung dieser„geistigen Waffen.“
Zum Fall Krupp.
Vor dem Gericht in Neapel wurde vorigen Samstag gegen Maler Allers aus Hamburg wegen Sittlichkeitsverbrechen verhandelt. Unserem Stuttgarter Partetorgan wurde über den Prozeß berichtet: Die Villa Allers auf Capri wurde als eine Stätte widernatürlicher Orgien enthüllt, Allers als Urheber ermittelt. Seine Freunde sind mitverdächtig, darunter der verstorbene Krupp, der Gönner und Gläubiger Allers! Die Eltern von fünf Knaben hatten, weil mit hohen Geldsummen abgefunden, ihren Strafantrag zurückgezogen; ein sechster Knabe blieb fest und bekundete haarsträubende Einzel⸗ heiten. Entgegen der bestimmten Zusage seines Rechtsbeistandes erschien Aller s trotz richtiger Ladung nicht zur en dieser Wort⸗ bruch machte den peinlichsten Eindruck. Das Urteil lautete: Allers wird wegen rückfälliger widernatärlicher Unzucht an minderjährigen Knaben zu 4 Jahren 6 Monaten Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurtellt. Die Villa und das Vermögen Allers' auf Capri
hohe Entschädigungen an die Eltern der geschän⸗ deten Knaben zu zahlen.
Was würde ans Tageslicht gekommen sein, wenn die mit schwerem Gelde zum Schweigen gebrachten Eltern der übrigen fünf Knaben ihren Strafantrag aufrecht erhalten hätten! Doch das Ergebnis der Aussage des einzigen fest e Knaben ist schon für unsere deut⸗ chen Kruppianer von solch niederschmetternder Wirkung, daß es ihnen nach weiteren Einzel⸗ heiten kaum gelüsten dürfte. Der Zufall wollte es, daß das Urteil gerade drei Wochen vor dem Tage der deutschen Mage ce ge⸗ fällt wurde. Die neapolttanischen Richter haben es nicht besser einzurichten vermocht. Die „Elenden“!
Fähnrich Hüssener.
Ganze vier Jährchen Gefängnis für einen Mord! Mit dieser überaus gelinden Strafe kam der Fähnrich Hüssener weg, der, wie bekannt, den Soldaten Hartmann am Ostersonntag auf so niederträchtige Weise hinter⸗ rücks erstach.
Als die grausige Bluttat bekannt wurde, ging eine tiefe Erregung durch das ganze Volk, die sich noch steigerte, als dieser unreife Mensch in dem Briefe an die Mutter des Erstochenen den feigen Mord als„harte Soldatenpflicht“ hinzustellen und sich damit zu entschuldigen suchte.— In der Verhandlung wurde fest⸗ gestellt, daß der Angeklagte von jeher ein roher, gewalttätiger, blutdürstiger Patron war, von unglaublichem Dünkel besessen. Dabei legte er in einem Briefe an seine Mutter eine widerwärtige Frömmelei an den
Tag.
Das Gericht nahm— es ist kaum glaublich— einen minderschweren Fall an und verur⸗ teilte den Totschläger nur zu 4 Jahren und einer Woche Gefängnis und Degradatton, während der Strafantrag auf sechs Jahre Zuchthaus lautete.
Man vergleiche mit diesem Urteil das gegen die Löbtauer Arbeiter gefällte! Und wie viele unserer Genossen werden wegen Bagatellen zu schweren Strafen verurteilt!
Wegen Mordversuchs verurteilte das Oberkriegsgericht in Kassel den Unteroffizier Friedrich Degen vom 14. Husarenregiment zu 6 Jahren Zuchthaus, 3 Jahren Ehr⸗ verlust und Ausstoßung aus dem Heere. Dieser Stellvertreter Gottes hatte seinerzeit seine Ge⸗ liebte, die Dienstmagd Hemel, in die Fulda gestoßen, um sich ihrer zu entledigen. Das Mädchen war aber von einem anderen gerettet worden. In erster Instanz war Degen frei⸗ gesprochen worden, da man die Hauptbelastungs⸗ zeugin für nicht genügend glaubwürdig erachtete. In der heutigen Verhandlung aber wurde ihre Vereidigung vorgenommen.
Soldatenschindereien.
Trotz der verschiedenen Erlasse gegen die Soldatenmißhandlungen nehmen diese doch nicht ab, es scheint fast, als ob sie eher in der Zunahme begriffen wären. Dazu tritt bei den einzelnen Fällen eine geradezu erschreckende Roheit und Unmenschlichkeit der„Stellvertreter Gottes“ in Erscheinung. Anderseits muß man sich wundern, daß sich die Opfer der Aus⸗ schreitungen gegen die Quälereien nicht hand⸗ greiflich wehren. So stand vor Kurzem der 22 jährige Unteroffizier Kisch vom 15. Pionir⸗ Bataillon in Straßburg vor dem dortigen Oberkriegsgericht.
Kisch war vom Oktober 1901 bis Mat 1902 Korporalschaftsführer und miß han delte täg⸗ lich in und außer dem Dienste, beim Exerzieren und in der Instruktionsstunde in geradezu bar⸗ barischer Weise. Er ohrfeigte fast sämtliche Rekruten täglich, stieß sie in den Rücken sowie mit der Hand ins Gesicht, bearbeitete sie mit der Klopfpeitsche, jagte sie bei Tag und bei Nacht unter fünf Betten hin und her, oft 50 bis 100 Mal des Abends, bis sie nicht mehr konnten. Ging es nicht rasch genug, so traktierte er sie mit der Klopfpeitsche, warf sie zu Boden und gegen die Stubentür, würgte sie mit
wird mit Beschlag belegt. Außerdem hat Allers
beiden Händen und stieß sie gegen die
Wand. Beim Turnen stopfte er ihnen Lohe in den Mund, wobei er die Rekruten auf die Erde legen ließ und ließ sie wie Hunde das Sprungseil mit dem Mund von der Erde auf⸗ nehmen. Er zwang die Rekruten, sich gegenseitig mit ein er Schrubberbürste und Sand den Ober⸗ körper abzureiben, bis er wund wurde und die Leute längere Zeit Schmerzen litten. Er ver⸗ anlaßte die Rekruten, sich gegenseitig zu verklopfen, ließ sie fast täglich mit präsentiertem Gewehr in der Kniebeuge sitzen, sowie in der Stube umherlaufen.
Damit ist aber die Liste der Scheußlichkeiten, die bei der Verhandlung aufgezählt wurden, noch lange nicht erschöpft. Der Vertreter der Anklage erklärte, die Rekruten wären so ein⸗ geschüchtert, daß ste die unglaublichen Quälereien nicht einmal anzuzeigen wagten. Erst als der Menschenschinder einem Soldaten auf den kranken geschwollenen Fuß getreten hatte, kamen die Untaten heraus. Kisch wurde zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis und zur Degradation verurteilt.— Eine ganze Reihe weiterer Soldatenschindereien hatten die Kriegs⸗ gerichte in der letzten Zeit abzuurteilen; hinter den Mauern der Gießener Kaserne haben sich, wie aus einer Verhandlung des Frank⸗ furter Kriegsgerichts hervorgeht, ähnliche Dinge abgespielt.—
Und da redete der antisemitische Reichstags⸗ kandidat für Wetzlar, Giese, von„angevb⸗ lichen Soldatenmißhandlungen“!
Ehrenrettung des Hänge⸗Peters.
Ein Gesuch um Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Dr. Karl Peters ist, wie berichtet wurde, dem Kaiser wirklich eingereicht worden. Freunde von Karl Peters unter Führung des freikonservativen Abgeordneten b. Kardorff hätten das Schriftstück, das auch die Unterschrift vieler„höchstgestellten Persön⸗ lichkeiten“ trage, unterzeichnet. Warum empfehlen die Herren nicht gleich Dr. Peters für den Posten des Kolonialdirektors?
Ueber die Tätigkeit der sozialdemokra⸗ tischen Neichstagsabgeordneten
urteilt der Agrarier Dr. Oertel— ein ver⸗ bissener Gegner der Sozialdemokratie:
„Es läßt sich gar nicht leugnen, daß die Sozialdemokratie im Reichstage eine Rolle spielt, die über ihre eigentliche Bedeutung und ihre parlamentarische Stärke weit hin⸗ ausgeht. Das kommt daher, daß die meisten sozialdemokratischen Abgeordneten während der Tagung bis zu einem gewissen Grade Berufsparlamentarier sind. Sie beschäftigen sich fast ausschließlich oder doch hauptsächlich mit den parlamentarischen Aufgaben, sie be⸗ kommen ihre bestimmten Ressorts angewiesen, sie studteren infolgedessen die Materialien, die in ihr Ressort gehören, mit großem Fleiß und Eifer. Daher kommts, daß die meisten sozialdemokratischen Redner trotz aller Mängel und trotz aller unzureichenden Klarheit doch den Stoff ziemlich beherrschen. Wenn derartige, auf einem verhältnis⸗ mäßig fleißigen Studium beruhende Ausführungen durch ein paar nonchalante Redensarten abgetan werden, so kann das keinen guten Eindruck machen.“
Sozialdemokratischer Bürgermeister.
In Ispringe in Baden wurde unser Genosse Wilh. Haug mit 150 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Auf den bisherigen mit Recht bei der Arbeiterklasse nur wenig beliebten Bürgermeister entfielen nur 106 Stim⸗ men. Daß darüber der badische Staat zu Grunde gegangen sei, davon ist noch nichts bekannt geworden. Man wird sich übrigens wohl mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß diesem sozialdemokratischen Bürgermeister bald weitere folgen werden.
Verbrecherischer Sport der Besitzenden.
Bei einem Automobil⸗Wettrennen zwischen Paris⸗ Madrid wurden eine Menge
Leute überfahren, getötet und schwer verletzt.
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