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Seite 6.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 35.
Von Nah und Lern.
Eine Begnadigung.
Dem Unteroffizier Degen vom Husaren⸗ Regiment in Kassel, der wegen Mordver⸗ suchs, begangen an der ledigen Elisabeth Hemel, vom Oberkriegsgericht des 11. Armee⸗ korps zu sechs Jahren Zuchthaus und Aus⸗ stoßung aus dem Heere verurteilt worden war, hat der Gerichtsherr in Uebereinstimmung mit dem Kaiser zwei Jahre der zu verbüßenden Strafe auf dem Gnadenwege erlassen. Wie schon früher mitgeteilt, war Degen in der ersten Instanz freigesprochen und erst auf die Berufung des Gerichtsherrn hin zu angegebener Strafe verurteilt worden. Dagegen legte Degen Reviston ein, die aber verworfen wurde.
Fünf Jahre Zuchthaus wegen 5 Pfennigen.
Das Reichsgericht beschäftigte sich mit einem Falle, wo wegen 5 Pfennigen ein Mann zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt werden muß. Es handelt sich um den Dachdecker E. R., welchem vom Schwurgericht in Neuruppin diese unerhört hohe Strafe auferlegt worden war, weil er gebettelt und auf der Landstraße zwischen den Orten Linde und Löwenberg dem Schneider L. 5 Pfennige mit Gewalt abgenommen. Mil⸗
dernde Umstände hat das Gericht nicht an⸗ genommen. Nur wegen der Geringfügigkeit es Objekts ist auf die Mindeststrafe erkannt, die nach§ 250 des Str.⸗G.⸗B. für einen auf offener Landstraße begangenen Raub zulässig ist. In seiner Reviston behauptete der Angeklagte, bei der Geringfügigkeit des Objekts hätte nur auf Gefängnis erkannt werden dürfen. Das Reichs⸗ gericht erkannte auf Verwerfung der Reviston.
Es handelt sich um Abs. 3 des§ 250 des Str. G.⸗B., welcher besagt: Auf Zuchthaus nicht unter 5 Jahren wird erkannt, wenn der Raub auf einem öffentlichen Wege, einer Eisen⸗ bahn, einem öffentlichen Platze, auf offener See oder einer Wasserstraße begangen wied.— Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Ge— fängnisstrafe nicht unter einem Jahre ein.— Es ist eins so ungeheuerlich wie das andere; der Absatz 3, sowie der Umstand, daß die Ge⸗ schworenen dem Manne keine mildernden Umstände zubilligten und ihn kaltblütig auf 5 Jahre ins Zuchthaus schickten!
Kinder in der Fabrik.
In der Theorie fordert das Zentrum Aus⸗ schluß der Frau von der Fabrikarbeit, in der Praxis sind es aber gerade ultramontane Arbeitgeber, welche die größte Vorliebe für die billige Frauenarbeit betätigen. Das zeigt sich überall dort, wo hauptsächlich Ultramontane als Unternehmer fungieren, z. B. in der Aachener Textilindustrie, weiter im Bezirk M.⸗Gladbach, Bocholt usw. und ganz besonders in Oberschlesten in der Domäne der Zentrumsgrafen. Hier werden, was sonst in Deutschland nicht üblich ist, Frauen auf Gruben und in Hüttenwerken beschäftigt und mit Anbruch der Krise wurden männliche Arbeiter freigesetzt, dafür Frauen eingestellt. Noch besser wird es jetzt in der Zentrumsdomäne M.⸗Gladbach. Dort hat ein Fabrikant in der Fabrik eine sogenannte Kinderkrippe eingerichtet. Die Frauen nehmen die Säuglinge mit zur Fabrik, dort werden dieselben der Obhut einer sechzigjährigen Matrone anvertraut, und wenn die Arbeiterinnen einen Augenblick Zeit abknapsen können, eilen sie zur Krippe, legen die Kinder an die mit schmutzigen Kleidern bedeckte Brust, um den Hunger der Kleinen ft stillen. Daß das gesundheitlich sehr vorteilhaft, wird kaum ein Arzt bestätigen, zu der Muttermilch genießen die Kinder auch den Fabrikstaub. Vielleicht wird man die Kinder⸗ krippe aber als Wohlfahrtseinrichtung ausrufen. In Tatsache hat man die Einrichtung geschaffen, weil dadurch möglich ist, daß junge Mütter, die noch billiger arbeiten als ihre unverheirateten Kolleginnen, in die Fabrik hineinkommeun. Jedenfalls darf man erwarten, daß der Gewerbe⸗ Inspektor sich um die Angelegenheit bekümmert und dafür sorgt, daß die geradezu mörderische Einrichtung aufgehoben wird. Erst werden die
Kinder im Mutterleibe vergiftet, sind sie zur Welt gebracht, schleppt man sie direkt hinein in die Fabrik— Deutschland marschiert an der Spitze der Sozialreform.
Industriearbeit und Krüppelhaftigkeit.
Die Arbeitsstätte ist für den modernen Proletarier kein Segensfeld. Längst hat er sich gewöhnt, von einem„Schlachtfelde der Arbeit“ zu reden. Wie sehr er ein Recht dazu besttzt, lehrt folgende Statistik der Rhein⸗ provinz. Im Jahre 1902 waren dort bei einer Gesamtbevölkerung von 5 759 798 ins⸗ gesamt 49 508 Verkrüppelte vorhanden, davon 32242 männliche. 16 419 dieser Ver⸗ krüppelten hatten ihre Gebrechen durch Unfall, 7936 durch Ueberanstrengung und Krankheit erworben. Der gewerbefleißigste Bezirk, Düsseldorf, besitzt allein 17732 er⸗ wachsene Verkrüppelte, 8580 stehen unter 16 Jahren, hiervon 5865 im schulpflichtigen Alter, von diesen wächst ein großer Teil, unfähig die Schule zu besuchen, ohne jedweden Unterricht heran. So sorgen die patriotischen Industriellen für die Mehrung der Volkskraft!
In der besten aller Welten.
Ueber eiue Wiener Gerichtsverhandlung berichtet die„N. Fr. Pr“.: Die Bauarbeiterin Leopoldine Listopad erschien, nach dreimaliger Abstrafung wegen Bettelns, neuerdings als Angeklagte vor dem Bezirksgerichte Josefstadt. Sie gab zu, gebettelt zu haben:„Was soll ich tun? Ich hab' zwei Kinder. Der Bub“, — sie trug den Knaben auf den Armen— „ist blind. Eine Kostfrau nimmt ihn nicht. Ich kann nicht in die Arbeit gehen, weil mir das Kind niemand abnimmt.(Weinend): Es bleibt nichts, als daß ich mit dem Buben ins Wasser Nhe Der Wachtmann Pürsche bezeichnet die
ngeklagte als eine„professionelle“ Bettlerin. Der Richter verurteilte die Listopad zu vier Tagen strengen Arrest.„Ich werd“, sagte sie beim Abgehen,„probieren, wieder auf einem Bau zu arbeiten, aber das Kind...!“
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7 2 Unterhaltungs-Ceil.
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Saat und Ernte.
Es wogt des Kornes gold'nes Meer Die Winde wehen leise.
Der Schwalben leicht beschwingtes Heer Schon rüstet sich zur Reise!
Wer in der Erde Schoß versenkt
Den guten Keim, den echten,
Der wird mit Früchten reich beschenkt, Den Kranz der Ernte flechten.
Wer Swietracht nur und Völkerhaß Im Menschenherzen nähret,
Dem Volke ohne Unterlaß
Das Waffenhandwerk lehret;
Der sät den Krieg, er möge bang Vor seiner Ernte zittern,
Sie künden Tod und Untergang Mit brausenden Gewittern.
Doch wer der Freiheit edle Saat In's Herz des Menschen säet, Wer immer treu in Wort und Tat Für Recht und Wahrheit stehet, Wer nimmer scheut des Kampfes Müh'n, Nie der Verfolgung Plage, Dem wird der schönste Sieg erblüh'n Dereinst am Erntetage! Max Kegel.
Der Wunderschrank.
Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk. (Fortsetzung.) V
Im Hause des Herrn Thomas Seebald war der Tod eingekehrt.
Man hatte den unheimlichen Gast mit all dem Glanze empfangen, welcher der Würde
dieses erhabenen Hauses zu entsprechen schien. Ueber dem Portale wehte eine lange Trauer⸗ fahne; denn das vaterländische Bürgertum hat allmählich die Gewohnheit der Könige ange⸗ nommen, welche durch jenes Mittel ihren ge⸗ liebten Untertanen verkünden, daß sie die Reise in eine bessere Welt anzutreten im Begriffe seien.
So erfuhren die Winde, die Vögel, die verschuldeten Handwerker in den Vorstädten die traurige Kunde, daß Herr Thomas Seebald, der Besitzer des Wunderschrankes, an einem Schlagflusse, der beliebten Todesart der Reichen, gestorben sei.
Die kunstgewerbliche Treppe des Hauses trug das Trauerkleid. Ernst und steif, wie eine zu dieser Treppe gehörige Figur, stand der lange George am Fuße derselben, um die Gäste stumm zu grüßen, welche sich voraus⸗ sichtlich bald einfinden mußten. Er hatte den blauen Frack mit einem schwarzen vertauscht, und sein Antlitz zeigte einen Ausdruck, in dem sich der Schmerz um ein Verlorenes mit der Sorge um ein Zukünftiges sehr glücklich ver⸗ einigten. Geschäftige Geister eilten ab und zu. Das große Warenmagazin des Städtchens hatte seine Vertreter hierher gesandt und bewies seine Leistungsfähigkeit durch die Tatsache, daß in zwanzig Minuten zur rascheren Erledigung der Aufträge ein elektrischer Fernsprecher her⸗ gestellt war, der das betrübte Reich des Todes mit den lachenden Räumen der vaterländischen Modewerkstätte verband.
1 Es klopfte, es scharrte, es flüsterte in allen en.
Die Beamten einer Leichenbestattungs⸗Unter⸗ nehmung schritten in großer Würde von Zimmer zu Zimmer, und ihr sorgfältig geordnetes und beherrschtes Gesicht, ihre leise, gemessene Sprech⸗ weise brachten bald jene Stimmung zur Geltung, welche der Majestät des Todes so gut entspricht.
Die kleine, klugblickende Hausfrau hatte ihre Tränen getrocknet. Sie saß im Gestndezimmer des schönen Wohnhauses hinter einem mäßigen Bergrücken, der aus trauernden Spitzen, schwarzen Kleiderstoffen und ähnlichen Erzeugnissen vater⸗ ländischer Leichenbestattungs⸗Industrie gebildet wurde. Die arme Frau nahm die Lichtseite dieses Höhenzuges in Besitz, und ihre welken, hilflosen Hände glitten über die Abhänge und in die Taler der schwarzen Kleiderstoffe oder verirrten sich prüfend in dem verworrenen Gestrüpp der trauernden Spitzen. b
Jenseits der Wasserscheide standen zwei ge⸗ duldige, weibliche Figuren mit dem gesenkten Blicke geschäftlichen Hochachtung. Es waren Schneiderinnen, die das Warenmagazin der kleinen, klugblickenden Hausfrau zu Diensten stellten. Ihre bleichen Wangen schienen in Erwartung der Nachtarbeiten, die ihnen der Todesfall unfehlbar bringen mußte, noch etwas an Farbe verloren zu haben. ü
Herr Thomas Seebald junior zog sich in die Gemächer des zweiten Stockwerkes zurück. Dort entledigte er sich des feinen Ueberrockes, steckte sich eine Zigarre an und nahm auf der Ebenholzplatte des kunstgewerblichen Schreib⸗ tisches Platz. Die greisenhafte Sonne des Herbstes zeichnete das Schattenkreuz des hohen Bogenfensters auf den feinen, teppichbelegten Boden des Zimmers und bestrahlte die gleißen⸗ den Rückenschilde der kostbaren Einbände, welche die Werke der großen vaterländischen Dichter und die Weinflaschen des langen George um⸗ schlossen. Der gezähmte Papagei begann auf seinem Gestellchen bänglich hin und her zu rücken, da er seinen Herrn in dieser Stellung sah; denn der kluge Vogel merkte sich gar wohl die Stunde, in der gewöhnlich die Spiegel versuche angestellt wurden. l
Allein Herr Thomas Seebald junior stand heute über allen Papageien der Welt. Seit zwölf Stunden war er Chef seines Hauses. Schon in der ersten jener flüchtigen Gefährtinnen der Menschen hatte er sich die Tatsache klar Fe daß er seinen Vater verloren habe und
esitzer eines Wunderschrankes geworden sei, der ihn für der Rest seines Lebens der Mühe gemeiner Arbeit völlig überhob.
Mit dieser Erkenntnis überkam ihm die Würde seines Besitzes. Am frühen Morgen
hatte ihm der Sachwalter seines Vaters ein.


