Ausgabe 
30.8.1903
 
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Nr. 35.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

Schriftstück übermittelt, in welchem der junge Kreisrichter, der im Städtchen vor Laugeweile starb, seine Geneigtheit aussprach, einen ver⸗ schuldeten Handwerker, der die Ketten des Hauses Seebald an Händen und Füßen trug, aus seiner Hütte herauswerfen zu helfen. Zur Vornahme dieser menschenfreundlichen Handlung bedurfte er der Genehmigung des Gläubigers. Herr Thomas Seebald junior stand vor dem erheben⸗ den Augenblicke, in dem er als Chef des großen

Hauses seine erste Unterschrift zu leisten hatte.

Im Leben der vornehmen Leute bildet der erste Hase, die erste Unterschrift und die erste Nacht in den Armen der bezahlten Unschuld ein besonderes Ereignis. Ueber den ersten Hasen war Herr Thomas Seebald junior bereits hinaus. Seit dem Tage, da er das Knallen eines Jagd⸗ gewehres zu ertragen vermocht hatte, war er ständiges Mitglied jener nützlichen Gesellschaft geworden, die den vaterländischen Witzblättern eine nicht zu erschöpfende Fülle menschlicher Schwachheit liefert. Die erste Nacht dankte er der Gefälligkeit eines bleichen Nähmädchens, das in der Vorstadt Tag und Nacht arbeitete, um einem gichtkranken Greise, der einst bessere Zeiten gesehen, den Weg ins Armenhaus zu sparen.

Die erste Unterschrift dankte er der Geneigt⸗ heit des jungen Kreisrichters. Herr Thomas Seebald junior besaß eine sehr deutliche Hand⸗ schrift. Allein die Würde seiner gegenwärtigen Stellung, sowie das Bewußtsein, daß er als Besitzer eines Wunderschrankes nun über allen Kreisrichtern und Sachwaltern seines weiten Vaterlandes stehe, verhinderten ihn, sich bei dem Geschäfte seiner ersten Unterschrift jener klaren Zeichen zu bedienen, die das Herz seines Er⸗ ziehers so oft höher schlagen ließen. Der junge Mann warf also ein feines Gewirr vornehmer Buchstaben auf das Papier und überließ es dem Scharfsinn seiner Mitbürger, sich unter dem Namen Seebald ein Kleefeld oder einen Schnee⸗ schild vorzustellen.

Dann zog er sich in seine Heiligtümer zu⸗ rück und nahm auf seinem Schreibtische jene Stellung ein, in der ihn der Leser vor einer Weile gefunden hat. In diesem Augenblicke glich er der Karikatur eines jungen Monarchen, der sein erstes Todesurteil unterzeichnet hat.

Bei einer guten Zigarre stellen sich die guten Gedanken von selbst ein. Der junge Herr faßte den Plan, einen Teil seines Vermögens von den Dächern der Vorstädte zu lösen und einer Aktiengesellschaft zu widmen, die aus dem Schoße der großen, vaterländischen Firma Mörwitz und Sohn demnächst entspringen sollte. In den nächsten drei Minuten beschloß er, dem langen George einen braunen Leibrock mit weißen Knöpfen anzuschaffen und die Würde eines Kammerdieners zu verleihen. Unbemerkt schweif⸗ ten seine beweglichen Gedanken hierauf in die Gesindestube, wo die beiden Schneiderinnen an der Arbeit saßen. Die jüngere hatte sehr zarte Händchen und große, furchtsame Augen; jene Augen, die er besonders liebte... es war kein Wunder, daß sein blasses, vornehmes Gesicht in jenem rosigen Schimmer zu erglühen begann, der unsere vaterläudischen Jünlinge so anziehend

macht.

Dec die hastige Art, mit der George seinen jungen Herrn in diesem Augenblicke störte, rückte der arme Mensch die Möglichkeit, Kammerdiener zu werden, in weite Ferne. 08

Es waren Gäste angekommen, ihr Beileid auszusprechen; vornehme Personen, denen sich Herr Thomas Seebald in der ganzen Größe seines kindlichen Schmerzes zu zeigen hatte.

Der Bürgermeister, der Kreisrichter, ein alter Hauptmann mit einer Kupfernase und einem lahmen Bein, der Chef der Firma Mör⸗ witz und Sohn, der Redakteur des Lokalblattes, der Eigentümer des Hotels zurDeutschen Warte... sie alle priesen die Tugenden des Verstorbenen in einer Art, als beabsichtigten te, dem jungen Herrn das Material zu einer

iographie des Vaters zu liefern.

Der tote Herr Thomas lag daneben auf dem Rücken, die wachsgelben Hände friedlich gefaltet. Was sollten die Klagen seiner Freunde, die Tränen seiner Frau, die Seufzer seines Sohnes? Er war heimgegangen. Morgen

werden sie ihn begraben mit all dem Pomp,

den sein Wunderschrank zu zahlen vermag. Im gemessenen Schritt eines Trauermarsches wird man ihn durch die Straßen tragen, die er so oft behaglich durchwandert hat, um die Häuser zu sehen, auf denen seine Banknoten lagen. Am Grabe wird der Pfarrer eine Rede halten über das schöne Wort:Was trauert ihr und vergeht vor Leid, da ich meinen Sohn u mir genommen? dann senken ste das in ie kühle Erde, was sterblich war an Herrn Thomas Seebald dem Aelteren.

Es gab in der Tat eine Leichenfeier, wie sie nicht jeder Tag bringt. Die Leichenbestattungs⸗ Unternehmung des kleinen Städtchens begründete an diesem Tage ihr Ansehen und ihren Ruf, und die vaterländische Jugend bekam zum ersten Male Gelegenheit, die launigen Uniformen zu bewundern, welche der gute Landesfürst über die Beamten seines großen Reiches kürzlich ver⸗ hängt hatte.

Als die trauernden Gäste in den zahlreichen Wagen, die der Wunderschrank des Hauses See⸗ bald bereitgestellt hatte, allmählich davonrollten, um ihre Uniformen auszuziehen oder das ge⸗ meine Geschäft des Werktags fortzusetzen, blieb der würdige Pfarrer allein bei dem Grabe zu⸗ rück. Er entledigte sich des schweren Seidenman⸗ tels, gleich den Beamten, die ihr Staatskleid mit dem Kanzleirocke vertauschten, und schritt mürrisch durch die Gräberreihen gegen eine feuchte Ecke des Friedhofes, wo sich eine kleine, armselige Gruppe gesammelt hatte, die einen kahlen Holzsarg umstand. In drei Minuten schloß sich der grobe Lehm über der sterblichen Hülle einer kleinen, gebückten, hustenden Frau, die dem jungen Menschen, der fassungslos davon⸗ wankte, vor Jahren ein kleines Holzpferdchen mit schwarzen Heidelbeeraugen gekauft hatte, um ein freudloses Knabenleben durch einen Lichtstrahl zu erhellen.

(Schluß folgt.)

DerBöhnhase.

Gerade in unserer Muttersprache haben fast alle wichtigeren Stadien der Kulturentwickelung erkennbare Spuren zurückgelassen, so daß sogar der modernste Mensch des zwanzigsten Jahr⸗ hunderts noch täglich Redewendungen gebrauchen kann, deren heute freilich meist längst ver⸗ gessener Ursprung auf das Mittelalter, ja vielleicht gar auf die halbmythische germanische Urzeit zurückgeht, die uns Tacitus schildert. L. Günther liefert in den Grenzboten eine reich⸗ haltige Zusammenstellung deutscher Rechtsalter⸗ tümer, wie sie in unserer heutigen Sprache noch zu finden sind. Wir entnehmen seinen Ausführ⸗ ungen einen kurzen Abschnitt über Spracheigen⸗ tümlichkeiten aus dem Gebiete des Zunftswe⸗ sens. Von jeher hat in den deutschen Städten das Handwerk, von dem wir noch heute sagen, es habe einengoldenen Boden, in Blüte gestanden. Aber eifrig wachten in alter Zeit auch die Meister darüber, daß niemand ihnen ins Handwerk pfusche, d. h. als nicht zur Gilde, Zunft oder Innung gehörendes Mitglied das gleiche Gewerbe ausübe. Wer sich dieses herausnahm, der mußte gewärtigen, daß auf ihn als sogenanntenBöhnhasen oderDach⸗ hasen Jagd gemacht wurde; denn so nannte die Verfolgung den unzünftigen Handwerker, ganz besonders den Schneider, die heimlich in ihren Kämmerchen unter dem Dachboden(Bühne, ndd. boen, boéne) zu arbeiten gezwungen waren, um sich der Eutdeckung zu entziehen. Heute muten uns diese Zustände schon recht fremdartig an; denn wenn auch noch in unserer Reichs⸗ ee vonZünften die Rede und

enInnungen sogar ein recht umfangreicher Abschnitt gewidmet ist, so weisen doch diese modernenKorporationen von Gewerbetreiben den bei unserer grundsätzlich anerkannten Gewerbefreiheit erklärlicherweise nur noch einen schwachen Abglanz ihrer alten Herrlichkeit auf. In unserer Umgangssprache aber haben sich manche der technischen Ansdrücke aus dem älteren Gewerberecht zu viel allgemeineren Begriffen umgewandelt. Denn alszur Zunft gehörig pflegen wir heute im weiteren Sinne auch wohl Nichthaudwerker, ja sogar akademisch gebildete Personen zu bezeichnen(Zunft der Professoren,

Krieg.

der Juristen, der Philologen), und ebenso hat derPfuscher seine 1 Bedeutung, die deutlich noch in den neuerdings von 11 5 7 studierten und approbierten Aerzten so viel ge⸗ schmähtenKurpfuschern zu erkennen ist, mehr und mehr erweitert, so daß wir das Wort oft schon schlechthin fürStümper gebrauchen. Heute kann ferner sogar der Gelehrtesein Handwerk verstehen, aber freilich auch seine Wissenschaft, handwerksmäßig, d. h. schablonen⸗ haft betreiben, er kann weiter einem anderen Kollegenins Handwerk pfuschen, worauf dann dieser es vielleicht unternimmt, ihmdas Hand⸗ werk zu legen. Ja sogar die Wendungdas Handwerk grüßen, wie man es einst nannte, wenn die Handwerksgenossen beieinander vor⸗ sprachen(um z. B. eine Unterstützung zu ver⸗ langen), wird jetzt wohl in schersbaster Rede für den Fall gebraucht, daß sich Fachgenossen jeder Art kollegiale Besuche machen.

Gemeinnütziges.

Keine Unterdrückung des Durstes. Ueber das Trinken der Feldarbeiter giebt ein Arzt folgende beachtenswerte Andeutungen, die nicht nur für diese allgemein beherzigenswert erscheinen: Viele Landleute bekämpfen bei den Feldarbeiten den Durst, um dadurch dem heftigen Schwitzen vorzubeugen. Dies ist aber verwerflich und kann unter Umständen zu gefährlichen Krankheiten führen. Der Durst ist als Mah⸗ ung zum Ersatz der dem Körper verloren ge⸗ gangenen Flüssigkeiten anzusehen, und es treten bei Nichtbeachtung dieser Mahnung allmähliches Austrockenen der Gewebe und schließlich der Sonnenstich ein. Abgesehen von diesen schlimmsten Folgen leuchtet auch ein, daß durch den aus Mangel an Flüssigkeiten geschwächten Stoff⸗ wechsel die Körperernährung beeinträchtigt wird. Es ist daher keinesfalls rätlich, den Durst völlig zu unterdrücken. Wenn man jedoch trinkt, trinke man langsam und mäßig; anzu⸗ empfehlen ist es, dem Trinkwasser etwas Zitronensäure, die man krystallistert in den Drogenhandlungen und Apotheken erhält, zuzu⸗ setzen. Es wird dadurch der durch Wasserzufuhr bewirkten Veränderung der Magensäure in rationeller Weise entgegenwirkt.

Humoristisches.

Frommer Wunsch. Vorsitzender: Ange⸗ klagter, Sie sind zu lebenslänglichem Gefängnis verur⸗ teilt worden. Haben Sie dazu noch etwas zu sagen? Angeklagter: Ja, hoher Gerichtshof, i möcht halt recht schön bitten, daß i mei' Straf im Vatikan absitzen därf.

Keine Sommerfrische. Fürst Ferdinand hat einem Interviewer mitgeteilt, daß er nicht aus Furcht vor irgend einer Gefahr seinHeimatland ver⸗ lassen habe; er habe nur in Bulgarien keine geeignete Sommerfrische ausfindig machen können.

(Glühlichter.)

Ein guter Kerl! Richter:Es liegt eine Alimentationsklage vor; Sie sind der Vater des Kindes? Holzhacker-Sepp(stolz):Dös will i moanen, wer denn sunst! Richter:Schon gut; aber es handelt sich um die Bemessung des Betrages, welcher hierfür monatlich bezahlt werden kann. Holzhacker⸗Sepp: Aber Herr Richter, mei Rosl ist a blutarms Madl, i verlang für dös koan Kreuzer von ihr, na i nöt!

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Geschichtskalender.

29. August. 1523: Ulrich v. Hutten, f auf der Insel Ufenau i. Züricher See.

30. 1831: Aufruhr der Kommunalgarde in Leipzig zwecks Einführung einer neuen Städteordnung.

31. 1864: Ferdinand Lassalle, 1 in Genf.

1. September. 1901: Chinesische Sühneprinz⸗ Komödie in Basel. 1898: Selbstmord des Obersten Henry in Paris(Dreyfuß⸗Prozeß).

2. 1895: Wilhelm II. Rottenrede beim Garde⸗ festmahl. 1867: Internationaler Arbeiter⸗Kongreß in Lausanne.

3. 1856: Royalistenputsch in Neufchatel.

4. 1898: Brüsewitz begnadigt. 1895: Stöcker! Scheiterhaufenbrief imVorwärts veröffentlicht. 1870; Proklamation der Republik in Frankreich.

5. 1902: Rudolf Virchow, f. 1870: Manifest des Braunschweiger(soz.⸗dem.) Ausschusses gegen den 1868; Soz.⸗dem. Vereinstag in Nürnberg.