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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 35.
den Zolltarif im Reichstag zuspitzten. Eine gewaltige Protestbewegung ging unter der Führung der Genossen durch das Reich, die in ungezählten massenhaft besuchten Versammlungen ihren Ausdruck fand. In den Groß⸗ städten und Industriezentren vermochten die Versamm⸗ lungslokale die Erschienenen nicht zu fassen.
Unsere Gegner hatten die redliche Absicht zu einem großen Schlage auszuholen. Die aus dem Wahlkampf des Jahres 1898 berüchtigte Flugschriftenfabrik des Hülleschen Verlags, wurde ersetzt durch die Machwerke des Bürger⸗Fränkel, den Eugen Richter mit der Heraus⸗ gabe des„Sozialistenspiegels“ zu übertrumpfen suchte. Ein aus Vertretern aller bürgerlichen Gesellschaftsklassen gebildetes Komitee schwang den Klingelbeutel, dabei auf die Tatkraft und die Opferfreudigkeit unserer Genossen verweisend. Großsprecherisch verkündete man, Singer habe in München erklärt:„Wir wollen alles aufbieten um in die gesetzgebenden Körperschaften eine so stattliche Zahl von Sozialdemokraten hineinzubringen, daß man in Deutschland ohne die Sozialdemokratie nichts mehr machen könne, auch keine Gesetze“. Und daß Bebel ausrufen konnte:„In dem beginnenden Wahlkampf müssen mir unsere vollste Schuldigkeit leisten, bis zur völligen Erschöpfung unserer physischen und materiellen Kräfte“, dem sollte durch umfassende Belehrung der breitesten Wählermassen über die Wertlosigkeit des sozial⸗ demokratischen Programms begegnet werden,
Der Schlag, den man gegen uns zu führen beab⸗ sichtigte, war ein Schlag ins Wasser. Für uns war der Ausfall der Wahlen ein glänzender. Gestählt ist die Partei aus dem Wahlkampf hervorgegangen, bereit, jeden Augenblick den Kampf mit gleichem Nachdruck zu führen.
von Nah und gern.
Gießener Angelegenheiten.
— Lassalles Todestag. Kommenden Montag sind 39 Jahre verflossen, seitdem Ferdinand Lassalle, der Begründer des Allgem. deutschen Arbeitervereins und damit der sozial⸗ demokratischen Arbeiterbewegung überhaupt, zu Genf an der im Duell erhaltenen Wunde starb. Was Lassalle für uns bedeutet, ist schon in diesem Blatte oft dargelegt worden. Seine Ver⸗ dienste um die Sache der Arbeiter und Besitz⸗ losen behalten diese in dankbarer Erinnerung und alljährlich halten unsere Genossen Ge⸗ dächtuisfeiern zu Ehren Lassalles ab. In Gießen findet die diesjährige Feier am Sonn⸗ tag nachmittag von 3½ Uhr in Loay's Bier⸗ keller statt. Gen. Vetters wird über Lassalles Wirken sprechen.
—„Hie Bebel, hie David“. Unter dieser Ueberschrift leistet sich der Gießener An⸗ zeiger einen Leitartikel, worin er die in unserer Partei zwischen den„Revisionisten“ und der „revolutionären Orthodoxie“ bestehenden Gegen⸗ sätze darzulegen sich bemüht, eine schwere Krise für die Sozialdemokratie herannahen sieht, die vielleicht den Zerfall unserer Partei zur Folge haben könne. Daß das Blatt den Zeitpunkt, bis zu welchem die deutsche Sozialdemokratie aus den Fugen gehen wird, gar nicht erwarten kann, geht aus einer anderen Notiz hervor, in der über die in mehreren sozialdemokratischen Versammlungen über die Vizepräsidentenfrage erfolgten Auseinandersetzungen berichtet wird und heftiger Krakehl auf dem Parteitag vor⸗ ausgesagt wird.— Nun, unsere Partei ist in der Lage, sich eine„Krise“ und hestige Debatten, woran bürgerliche Parteien zu Grunde gehen würden, leisten zu können. Aber den Gefallen, daß sie auseinanderläuft, wird die Sozialdemo⸗ kratie den Ordnungsleuten vorläufig noch nicht tun.
— Ueber die Verhältnisse unserer hessischen Parteipresse brachte neulich das Offenbacher Abendblatt einen Artikel. Darin wurde auf die Mängel derselben hingewiesen
und zu ihrer besseren Ausgestaltung der Vor⸗
schlag gemacht, dem Wunsche der Gießenec, Wetzlarer, Marburger ꝛc. Genossen nach einem täglichen Organ dadurch Rechnung zu tragen, daß man das Offenbacher Abendblatt in einer besonderen Ausgabe für Gießen und Umgegend erscheinen läßt. Dabei sollte die Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung nicht nur bestehen bleiben, sondern erweitert und auch in den übrigen Landkreisen Hessens eingeführt werden. Wir finden diesen Vorschlag, der bereits in einer Offenbacher Parteiversammlung erörtert
und gut geheißen wurde, durchaus diskutabet, wenn wir auch die sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten keineswegs unterschätzen. Wir würden es mit Freuden begrüßen, wenn die Verhandlungen uber diesen Punkt zu einem günstigen Ergebnisse führten.
— Ueber die Entwickelung der Tabak⸗Industrie in Gießen und Um⸗ gegend macht der vor einiger Zeit erschienene Jahresbericht der hessischen Gewerbe⸗ Inspektionen folgende Angaben, die für einen großen Teil unserer Leser von Interesse sein werden. Danach waren beschäftigt:
in der Stadt Gießen
1111 Anzahl[Männliche Arbeiter Arbeiterinnen Jahre Fabriten er⸗ jugend⸗ er⸗ jugend⸗
wachsene liche[wachsene] liche
1892 15 331 26 672 88 1894 16 379 40 648 86 1896 18 379 46 741 96 1808 19 365 35 746 98 1902 19 271 19 70⁰ 95
in der Umgebung von Gießen
1892 21 156 19 669 106 1896 21 216 40 92⁰ 137 1898 33 369 32 1003 153 1901 34 146 29 978 163 1802 32 158 17 981 126
Aus den Anfangs- und Endzahlen und aus den fettgedruckten Höchstzahlen für jede Arbeiter⸗ kategorte kann man die Entwicklung der Gießener Zigarrenindustrie bequem erkennen. In der Zigarrenindustrie sind, wie man ersehen kann, überwiegend Frauen beschäftigt. Natürlich stellen die Herren Zigarrenfabrikanten Frauen nicht deswegen ein, um ihnen Verdienst zu geben oder die Langeweile zu vertreiben, sondern um billigere und willigere Arbeitskräfte zu haben. — Der Gewerbe⸗Inspektoren⸗Bericht enthält übrigens vieles Interessante, worauf wir noch Gelegenheit nehmen werden einzugehen.
f. Ueber das Bundesfest des Arbei⸗ ter⸗Sängerbundes für den Rhein- und Maingau, das am 9. August in Dieburg stattfand, konnten wir in der vorletzten Nummer nur eine kurze Notiz bringen, weil uns der Bericht darüber infolge eines Versehens zu spät zuging. Für einen großen Teil unserer Leser ist derselbe aber auch jetzt noch von Interesse und deshalb tragen wir aus ihm noch Folgendes nach.— Eingeleitet wurde das Fest durch einen Fackelzug am Samstag Abend, an welchem sick etwa 500 Personen beteiligten. Hieran schloß sich ein Festkommers in dem wundervoll ge⸗ legenen städtischen Schloßgarten. Sonntag Morgen von 7 Uhr ab brachten Extrazüge von allen Bahnrichtungen die Bundes vereine. Als Preisrichter bei dem Konkurrenzsingen, das um 9 Uhr begann, fungierten: Prof. J. Gelhaar⸗ Frankfurt a. M., Musikdirektor Karl Reisert⸗ Frankfurt a. M., Mustkdirektor J. Knettel⸗ Bingen, Musikdirektor Brodt⸗Hanau, Musik⸗ direktor Erich Venkome-Wiesbaden, Musik⸗ lehrer Ph. Jäger⸗ Heddernheim und Wilhelm Kleinschmidt⸗Höchst a. M.
In der ersten Abteilung(Vereine mit über 45 Sängern) mit dem Pflichtchor:„Vergißmein⸗ nicht“ von Willi Stollwerk, beteiligten sich 10 Vereine. Den 1. Preis erhielt Union-Frank⸗
furt a. M.
Zweite Abteilung(Vereine von 30 bis 44 Sängern):„O Welt Du bist so schön“, eben⸗ falls von W. Stollwerk; Beteiligung 12 Ver⸗ eine. Den 1. Preis erhielt Bruderliebe⸗ Langendiebach.
Dritte Abteilung a.(Vereine von 24 bis 29 Sängern):„Spielmann's Tod“ von G. A. Uthman; Beteiligung 12 Vereine. 1. Preis: „Eintracht“-⸗Gießen.
Dritte Abteilung b.(Vereine bis 25 Sängern): „Spielmanns Tod“; Beteiligung 13 Vereine. 1. Preis:„Vorwärts“ Klein- Steinheim.
In allen Abteilungen stand den Vereinen ein selbstgewählter Chor zu. Gegen /2 Uhr war das Konkurrenzsingen zu Ende. Um 3 Uhr bewegte sich ein stattlicher Festzug mit sechs Musikchören, an welchem sich zirka 5000 Per⸗ sonen beteiligten, durch die Straßen nach dem Festplatz. Der Letztere war trotz seiner Größe
alsbald überfüllt. zu den Massenchören geschritten: Vorgeschriebener Chor„Der Menschheit Er⸗ wachen“ von G. A. Uthmann. Dieser Gruppe gehörten 13 Vereine mit 614 Sängern an. Gruppe II. und IV. Vorgeschriebener Chor „Empor zum Licht“ von G. A. Uthmann. Der Gruppe II gehörten 15 Vereine mit 402 Sängern an, der Gruppe IV 17 Vereine mit 401 Sängern. Gruppe III. Vorgeschriebener Chor„Weckruf“ von R. Heinrich. 12 Vereine mit 326 Sängern. Gruppe V. Vorgeschriebener Chor„Ich weiß es kommt mein Stündchen Nacht“ von R. Heinrich. Dieser Gruppe end 12 Vereine mit 422 Sängern an. ährend in der Festhalle die Massenchöre zu Gehör gebracht wurden, fanden Reigenaufführungen von einzelnen Arbeiter⸗ Radfahrvereinen auf dem Festplatz statt, welche ganz besonderen Beifall fanden.— Das Fest war ein richtiges Volksfest und unterschied sich in seiner Art und Weise sehr vorteilhaft von den Festivitäten der bürgerlichen Vereine. Alle Teilnehmer werden deshalb mit Befriedigung auf dasselbe zurückblicken.
Der Gesangverein„Eintracht“ ⸗Gießen, der seit einem Jahre von Herrn Aug. Bauer dirigiert wird, hat gezeigt, daß er unter dem rastlosen Eifer seines Dirigenten in der Lage ist, mit jedem anderen gleich starkem Vereine zu konkurrieren. Es ist deshalb sehr bedauerlich, daß sich viele Arbeiter, die dem Arbeitergesang⸗ verein angehören müßten, in allen möglichen, im bürgerlichen Fahrwasser schwimmenden Ver⸗ einchen befinden.
Wir rufen deshalb ihnen an dieser Stelle nochmals zu:„Herein mit Euch in den Ar⸗ beiter gesangverein, wohin Ihr gehört!“
„Wenn nur ein Teil diesem Rufe Folge leistet, sind wir fest überzeugt, daß die Eintracht bei dem nächsten Bundesfest in der Lage sein wird, in der I. Gruppe zu singen und den Kampf mit den größeren Vereinen mit Ehren aufnehmen kann.
Höchst wahrscheinlich findet das dritte aul, e im Jahre 1905 in Gießen
att.
Nach der Festrede wurde
Aus dem Rreise gießen.
— Aus Hausen wird uns mitgeteilt: Wie in vielen anderen Orten unseres Kreises, wo Arbeiter in größerer Anzahl wohnen, be⸗ stand auch hier früher ein Wahlverein. Durch die bedauerliche Lauheit seiner Mitglieder ist er aber wieder eingeschlafen. Nun haben einige rührige Genossen wieder einen Arbeiter⸗Verein zu Stande gebracht, dessen Aufgabe die Förde⸗ rung unserer Bestrebungen sein soll. An alle Genossen und Arbeiter in Hausen ergeht des⸗ halb die Aufforderung, sich dem Verein an⸗ zuschließen. Diesen Samstag 29. Aug., findet bet dem Wirt Konr. Wallbott die General- Versammlung statt, in welcher der Vorstand entgültig gewählt werden soll und selbstverständ⸗ lich auch neue Mitglieder aufgenommen werden. Hinein in die Organisation!
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Das Wetzlarer Kreisblatt ent⸗ rüstete sich dieser Tage über den„Vorwärts“, weil dieser die Pläne mit der Insel Pichels⸗ werder veröffentlicht hatte. Nachdem der An⸗ zeiger die erfolgte Verhaftung des Redakteurs, Genossen Leid, mitgeteilt hat, muß er— jeden⸗ falls im Auftrage irgend eines Vorgesetzten— schreiben:
„Man will scheinbar einmal ein Exempel an dem Blatte statuieren, das sich seit längerer Zeit die Spezialität zugelegt hat, zugetragene Geschichten als Wahrheiten zu bezeichnen und mit unerwiesenen Behauptungen die Verhetzung gegen alles, was im heutigen Staate Autorität hat, zu betreiben. Daß sich daneben bei einem Blatte, wie dem Vorwärts, auch geschäftliche Interessen geltend machen, ist selbstverständlich. Wenn man die letzte Abrechnung durchsieht, die der Parteivorstand dem Parteitage vorlegte, so findet man, daß ein erheblicher Teil der Gelder, mit denen die sozialdemokratische Propaganda bestritten wird, aus dem Zentral⸗
Gruppe I. 1


