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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
Katholiken Deutschlands“ bezeichnen. Aus diesem Anlasse wimmelte es in der Rheinstadt von Schwarzröcken, woran es dort schon in gewöhn⸗ lichen Zeiten nicht fehlt. Und die Herren ver⸗
stehen es, durch Aufgebot großer Massen und
durch äußerliches Festgepränge zu imponieren. Etwa 3000 Mitglieder zählt der Katholikentag; und an dem Festzuge, der am Sonntage statt⸗ fand, zum Teil aber verregnete, beteiligten sich nach den Berichten 300 Arbeitervereine mit etwa 20000 Mann.— Als Prästdenten des Katholikentages fungieren: von Orterer, der Präsident der bayrischen Kammer, ferner Frei⸗ herr von Stotzinger als erster und Graf Praschma als zweiter Vizeprästdent und Fürst Löwenstein wurde Ehrenpräsident. Jedenfalls wollte man durch die Wahl einer so feudalen Führung bekunden, daß das Zentrum auch Arbetter⸗ partei ist.— Bei den Verhandlungen selbst, die in einer Reihe Vorträge der verschiedenen Zentrumsgrößen bestehen, erntet jeder Redner „stürmischen Beifall“. So ein Katholikentag ist im Grunde nur ein einziger von den Aus⸗ führungen der Redner unterbrochener Beifalls⸗ sturm. Die„Arbeit“ des Katholikentages besteht in der Zustimmung zu den zahlreichen Anträgen, wodurch diese zu Beschlüssen werden. Diese Anträge werden von Ausschüssen geprüft und der geschlossenen Generalversammlung vorgelegt, die ste dann annimmt. Eine Diskussion findet nicht statt. Man liebt den Widerspruch nicht. Pomphaftes Schau⸗ und Festgepränge soll die r Taten der Zentrumsleute ver⸗ decken.
Neuer Reichsschatzsekretär.
Der bisherige Staatssekretär im Reichsschatz⸗ amt v. Thielmann hat sein Amt niedergelegt und an seine Stelle ist der bayrische Staats⸗ rat v. Stengel getreten. Damit ist aber nicht gesagt, daß nun die Schulden⸗ und Defi⸗ zitwirtschaft im Reiche aufhört.
Mörder Hüssener.
Das Reichsmilitärgericht hat das milde Urteil gegen Hüssener aufgehoben und den Prozeß zur nochmaligen Verhandlung an die Vorinstanz zurückverwiesen. Ob der Jüngling noch die ihm gebührende Strafe erhält, bleibt mehr als fraglich.
Ausland. Der Humbert⸗Prozeß
hat am Samstag mit der Verurteilung der Angeklagten sein Ende gefunden. Gegen sie verhängte der Gerichtshof folgende Strafen: Therese und Frédérie Humbert werden zu fünf Jahren Kerker, Emile Daurignac zu zwei Jahren Gefängnis, Romain Daurignac zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Therese und Frédéric Humbert werden über dies zu Geldstrafen von je 100 Francs verurteilt. Als Verteidiger der Gauner-Familie fungierte der Rechtsanwalt Labori, der sich s. Zt. bei dem Zola⸗Prozeß einen Namen gemacht hat. Alle Welt bewunderte ihn damals als uner⸗ schrockenen Kämpfer ums Recht, und jetzt wendet er seinen ganzen Scharfsinn auf, um eine Schwindlerfamilie der verdienten Strafe zu entziehen! Das wird sein Ansehen kaum erhöhen..
Nach den Reden der Verteidiger nahm Madame Humbert selbst das Wort, um ihre längst angekündigten„Enthüllungen“ zu machen. Es kam dabei aber nicht sehr viel heraus. Sie erzählte:„Die Crawfords existieren, die Mil⸗ lionen existieren. Crawford hat mir gesagt: Sie wissen nichts, wir heißen nicht Crawford. Das Vermögen ist während des Krieges 1870 entstanden durch Aufkauf von Rente zu niedrigen Preisen. Wir heißen Regnier. Ich habe nichts da⸗ von Frédéric gesagt. Er hörte den Namen heute zum ersten Male.(Ein Geschworener lacht.) Meine Herren Geschworenen, Sie lachen. Sie müssen nicht lachen. Ich weiß nicht, ob der Name richtig ist. Die Crawfords haben es gesagt.“— Während die übrigen Verurteilten sich bei dem Urteil beruhigten, haben die beiden Höchstverurteilten Therese und Frederic Hum⸗
bert Kassation beantragt. Sie dürften damit aber wenig Glück haben, denn die Aufhebung des Urteils kann nur erfolgen, wenn! Form⸗ fehler vorgekommen sind.— Im Uebrigen hat der Prozeß die Zustände in der Justiz grell beleuchtet, diese ermöglichten erst dem geriebenen Frauenzimmer ihre unerhörten Schwindeleien.
Der frühere engliche Premierminister
Salisbury, einer der in den letzten Jahrzehnten meistge⸗ nannten Staatsmänner, ist nach kurzer Krankheit am Montag gestorben. Salisbury war als Führer der konservativen Partei, die natürlich nicht auf dem niedern Niveau der deutschen Konservativen steht, wiederholt berufen, das engliche Kabinett zu leiten, wenn die„Tories“ — so nennt man in England die Konservativen — im Unterhause die Mehrheit hatten. Von den drei großen Epochen in der Geschichte seines Wirkens, der Zeit des russisch⸗türkischen Krieges von 1874— 78, des Kampfes um die irische Homerule in der Zeit 1880— 86 und des Trans vaalkrieges, ist es die Zeit der inner⸗ politischen Kämpfe, aus der die politische Per⸗ sönlichkeit Salisburys uns am bedeutendsten entgegentritt.
Als Gegner des zweifellos bedeutenderen liberalen Gladstone bekämpfte Salisbury im Gegensatze zu dem jetzigen konservativen Mini⸗ stertum rücksichtslos die Rechte der Iren; er war der rücksichtsloseste Feind der„Homerule“, der Selbstverwaltung Irlands und betrachtete Irland lediglich als ein von England und vom Hochadel auszubeutendes Land.
Für die Arbeiterfrage hatte er lange nicht ein so tiefes Verständnis wie sein Vorgänger Disraeli, der später den Namen Lord Beacons⸗ field annahm und von dem das vielzitierte Wort herrührt:„Ganz Europa besteht heute aus zwei Nationen, aus der Nation der Reichen und aus der Nation der Armen!“
Der Partei Bericht.
(Schluß.) N
Ueber die Maifeier sagt der Bericht des Parteivorstandes: Alle Berichte stimmen darin überein, daß der Grundgedanke der Maifeier— die würdigste Begehung der Feier geschehe durch Arbeitsruhe— bei der diesjährigen Maifeier weiteste Ausbreitung und An⸗ wendung gefunden habe. Auch von Maßregelungen, Aussperrungen ꝛc. größeren Stils, hat man wenig gehört. Aus München wurde sogar gemeldet, daß die größeren Betriebe es ihren Arbeitern freigestellt haben, am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen.
Die Berliner Gewerkschaften, denen die Arrangements des Vormittags obliegen, hatten 40 Versammlungen veranstaltet, die sämtlich überfüllt waren. Auch in sämt⸗ lichen Vororten— wir zählten deren 25, fanden Vor⸗ mittagsversammlungen statt.
Nur aus der Pfalz wurde eine nicht befriedigende Beteiligung an der Arbeitsruhe gemeldet. Dieses Ver⸗ halten der pfälzischen Arbeiter verdient Entschuldigung, wenn man die schwere geschäftliche Depression in Betracht zieht, unter der speziell die Arbeiter der Pfalz seit Jahr und Tag zu leiden haben.
Festzüge, natürlich mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis, fanden statt in Brem en, Hamburg, Stuttgart und Offen⸗ bach. In Leipzig, Dresden und Magdeburg mußte zwar von der Veranstaltung eines geschlossenen Festzuges Ab⸗ stand genommen werden, jedoch wurden diesmal der zwanglosen Wanderung der Massen nach dem vorgesehenen Bestimmungsort Schwierigkeiten von den Aufsichtsbeamten nicht bereitet. 5
Die internationalen Beziehungen wurden wie bisher gepflegt. Am 20. Juli fand in Brüssel eine internationale Konferenz der im Bureau vertretenen Nationen statt, um die Tagesordnung des im nächsten Jahre in Amsterdam stattfindenden internationalen Kongresses festzusetzen. Dieselbe Konferenz sprach auch den dänischen und deutschen Genossen ihre Glückwünsche zu den erfochtenen Wahlsiegen aus, worauf unsere Delegierten für die den deutschen Genossen erwiesene internationale Wahlhilfe herzlich dankten.
Wahlen. Im Herbst vorigen Jahres haben in einer großen Anzahl von Orten Gewerbegerichtswahlen stattgefunden. Allerorts, wo eine gute Gewerkschafts⸗ bewegung vorhanden ist, drang die Liste der freien Gewerkschaften teils ohne Gegenliste, teils mit sehr großer Mehrheit gegen die Liste der christlichen Gewerkschaften oder die der Hirsch⸗Dunckerschen Gewerkvereine durch. In Berlin wurden auch vier sozialdemokratische Beisitzer von den Arbeitgebern gewählt. In Augsburg hatten
sich die christlichen Arbeitervereine und die Hirsch-Duncker⸗ schen Gewerkvereine vereinigt, um gemeinsam die freien Gewerkschaften zu bekämpfen. Trotzdem die ersteren das Wohlwollen und die Unterstützung der Unternehmer ge⸗ nossen, siegte die Liste der Gewerkschaften mit 4500 gegen 2890 Stimmen, die auf die vereinigten Gegner fielen. In Rummelsburg bei Berlin siegte auch die sozialdemokratische Liste in der Klasse der Arbeitgeber. Bei der Gewerbegerichtswahl in Schwerin, welche am 11. Oktober stattfand, kamen wie bei der diesmaligen Reichstagswahl auf Antrag der Gewerkschaften Stimm⸗ zettel in amtlichen Umschlägen zur Verwendung. Die vom Gewerkschaftskartell aufgestellten Kandidaten wurden einstimmig gewählt. Das Proportionalwahlsystem kam bei den Wahlen in Gießen und München zur Anwendung. In Gießen steigerten die Gewerkschaften ihre Stimmen von 237 vor drei Jahren auf 763 Stim- men, während die vereinigten christlichen Arbeitervereine es nur auf 69 Stimmen brachten. Dafür erhielten sie einen Arbeiterbeifitzer, verloren dagegen zwei Sitze von den Arbeitgebern an die Gewerkschaften. In gleicher Weise äußerten sich die Wirkungen des Proporz in München.— Im Elsaß finden die Gewerbegerichts⸗ wahlen, wie auch die Gemeindewahlen stets Sonntags statt.
An den Gemeinderats⸗ und Stadtverord⸗ neten wahlen beteiligen sich die Genossen in stets zu⸗ nehmendem Maße. Alle dabei erzielten Erfolge aufzu⸗ führen, ist unmöglich. Die Berichterstattung muß sich bescheiden, einzelne typische Fälle herauszuheben. So z. B. beteiligten sich unsere Genossen in Altenburg im Oktober v. J. zum erstenmale an den Stadtverordneten⸗ wahlen und errangen fünf Mandate. Dadurch, daß man alle Steuerzahler bis zu einem Einkommen von 4500 Mark der dritten Abteilung zugeteilt hatte, glaubte man die Sozialdemokratie aus dem Rathaus fernhalten zu können. Unsere Genossen brachten es dennoch auf 3884 Stimmen, während die Gegner nur 2686 Stimmen aufbrachten. Weitere Erfolge unserer Partei führt dann der Bericht von einer Reihe anderer Orte an.— Mehrere badische Gemeinden besitzen auch sozialdemokra⸗ tische Bürgermeister, was daraus zu erklären ist, daß der Gewählte der Bestätigung des Landesfürsten nicht unterliegt.
In dem badischen Städtchen Malsch war das ein⸗ trächtige Zusammenwirken der sozialdemokratischen Bürger⸗ ausschußmitglieder mit dem Bürgermeister den Ultra⸗ montanen recht unangenehm geworden und unter der Führung der Pfarrer wurde der Bürgermeister dem Bezirksamt und dem Ministerium wegen zu„freier“ Gesinnung denunziert. Doch der Bürgermeister ließ sich nicht einschüchtern, sondern erließ freimütig folgende Erklärung:„Den sozialdemokratischen Bürgerausschuß⸗ mitgliedern, die bis jetzt auf dem Rathaus tätig waren, darf ich mit Recht das Zeugnis ausstellen, daß sie nur für das Wohl und die Fortschritte der Gemeinde einge⸗ treten sind. Ich erkläre hier offen, daß wir ohne sozial⸗ demokratische Bürgerausschuß mitglieder noch keine Spar⸗ kasse, keine gewerbliche Fortbildungsschule sowie auch keine Wasserleitung hätten. Deubel, Bürgermeister.“
Die Erklärung ist ebenso ein ehrendes Zeugnis für den Freimut und die Unbefangenheit des Bürgermeisters, wie für die von den Genossen im Dienste der Gemeinde ausgeübte Tätigkeit.
Die Beteiligung an den Landtagswahlen ist bei den Genossen in immer größere Aufnahme gekommen und derzeit fast allgemein. Von den Landtagswahl⸗ erfolgen, die der Bericht aufzählt, sei nur das über Hessen Angeführte erwähnt. Hierbei zählt uns der Parteivorstand 7 hessische Mandate zu, in Wirklichkeit haben wir nur 6. Der Versuch, uns das Mandat von Offenbach⸗Land, das kassiert worden war, zu entreißen, scheiterte. Genosse Orb wurde wiedergewählt, bezw. der Wahlbezirk Bieber wählte die 6 sozialdemokratischen Wahlmänner mit 70 Stimmen Mehrheit wieder.
In den einzelnen Landtagen befinden sich Sozial⸗ demokraten(die Zahlen in Klammern geben die Gesamt⸗ zahl der Mitglieder des betr. Landtags an): Bayern 11(154); Württemberg 6(93); Baden 6(33); Hessen 6(50); Oldenburg 6(40); Sachsen⸗ Weimar 2(33); Anhalt 4(36); Sachsen-Alten⸗ burg 4(30); Sachsen-Koburg-Gotha 10(30); Sachsen-Meiningen 7(24); Lippe-Detmold 3(2); Reuß a., 1(i;(deu ß e e Schwarzburg-Rudolstadt 7(16); Bremen 20 (150); Hamburg 1(160); Elsaß-Lothringen 1(58).
Nicht vertreten ist die Sozialdemokratie demnach in den gesetzgebenden Körperschaften in Preußen, Sachsen, Braunschweig, Schaumburg, Schwarzburg⸗Sondershausen, Waldeck und Lübeck.
Seit den Münchener Parteitag stand die Agitation unter dem Einfluß der bevorstehenden allgemeinen Reichstagswahlen. Bebels Referat in München war das Alarmsignal und die Herausgabe desselben als Broschüre ein wesentliches Unterstützungsmittel unserer Redner in der vorbereitenden Wahlagitation. Letztere schlug um so höhere Wogen, jemehr sich die Kämpfe um
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