Ausgabe 
29.11.1903
 
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Seite 6.

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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Kr. 43.

80 15 Unterhaltungs-Cril. 7

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Für Freiheit und Recht.

Und mögt ihr den stürmischen Freiheitsdrang, Ihr Großen, ihr Schwarzen, bekämpfen, Ihr werdet den brausenden Freiheitsgesang Der stürmenden Völker nicht dämpfen!

Vor dringen die Völker mit fröhlichem Mut, Wie ihr euch auch setzet zur Wehre,

Es stürzet der Herzen heilige Glut

Die steinernen Geld⸗Altäre.

Gesprengt sind die Fesseln und frei ist der Geist, Den ihr darnieder gehalten;

Und wie der Sturm den Erdball umkreist Und Berge und Felsen kann spalten

So stürmen die Völker jetzt um euch her, Um euch, ihr Großen, ihr Schwarzen,

Zu üben an euch, ihr Herrn, nunmehr

Das Amt der zürnenden Parzen.

Wir haben ertragen lange genug

Die schändenden, sklavischen Bande,

Ihr täuscht uns nicht länger durch schnöden Betrug Und füllt uns die Augen mit Sande.

Nicht länger mehr wollen wir Sklaven sein,

Ein Spielzeug in eueren Händen,

Wir wollen Menschen, wie ihr, auch sein

Und unser Elend nun enden!

Schon leuchten die Fahnen mit heiligem Schein, Es wehen die flatternden Fahnen! Wir stürmen mit grollendem Mut hinterdrein. Wie steil auch führen die Bahnen. Wir kämpfen für Freiheit und Menschenglück, Wir kämpfen für gleiche Rechte, Die ihr uns stets Hieß't mit höhmischem Blick Bis jetzt nur Pöbel und Knechte!

Karl Haupt.

Der Sieg des Schwachen.

Erzählung von Melchior Meyr.

9. FC Fortsetzung.)

Die Bäbe hatte eine sonderbar angenehme Empfindung.Er tut's nicht? rief sie, indem ste unvorsichtig ihre Freude blicken ließ. Nach einem Moment setzte sie gleichgültig hinzu: Wenn aber sein Vater durchaus will, dann wird er doch daran müssen. Das soll einer sein, der seinen Kopf hat!

Ja, sagte die andere,diesmal richtete er aber doch nichts aus, wie's scheint. Meine Schwester ist grad im Hofe gewesen, wie sie an einander geraten sind, und hat das Meiste mit angehört.

Diese bedenkliche Nachricht setzte die Bäbe einigermaßen in Verlegenheit, sie mußte sich zusammennehmen, um mit dem Tone einer Unbeteiligten zu sagen:Der Tobias ist nicht gescheit; die Sibylle hat Geld und kriegt viel⸗ leicht das Haus; warum will er denn nicht?

Ja, erwiderte die Kamerädin,er soll eben eine andere im Sinne haben, eine Schönere, Geschicktere, Feinere. Dabei schaute sie die Bäbe schelmisch lächelnd an.

Diese erkannte, daß in der Stube des Schneiders ihr Name genannt worden und das Geheimnis verraten sei; sie errötete und schaute einen Moment verwirrt für sich hin. Aber eine sehr wohltuende Empfindung durchdrang ste; und schnell gefaßt und lächelnd lwendete sie sich zu dem Mädchen und sprach:Nun, ich weiß jetzt genug von der Geschichte. Aber ich glaube, dem Tobias und der, welche er im Sinne haben soll, geschähe ein Gefallen, wenn du dafür sorgen würdest, daß die Sache nicht weiter auskäme. Und mit ihrem holdesten Schmeichelton setzte sie hinzu:Willst du das? Bist du so gut? Gib mir deine Hand!

Nun, versetzte die andere, indem ste ein⸗ schlug,weil du so ehrlich bist und bekennst da hast du meine Hand darauf.

Die Freundin wünschte nun ihrerseits zu erfahren, wie die Bäbe mit dem Tobias denn eigentlich stände.

Aber darauf entgegnete diese:Das kann ich dir nicht sagen, liebs Mädle. Wir stehen eigentlich gar nicht miteinander, und weiß Gott, was noch geschieht. Wenn die Sache ein Gestcht bekommt, sollst du's erfahren.

Die Nachricht der Kamerädin war gegründet. Der alte Schneider hatte von einem Bekannten gehört, ihm scheine es, als ob der junge Schuster ein Aug' auf die Sibylle habe; dies hatte ihn aufgeregt und bestimmt, den Angriff auf Tobias früher zu unternehmen, als er im Sinne gehabt. Zu seinem Erstaunen fand er den Burschen widerspenstig. Er sei jetzt nicht in der Laune, um ein Mädchen anzuhalten; wenn der Schuster sein Glück versuchen wolle, könne er ihn nicht hindern, und wenn er sie kriege, werde er sich

darum auch keinen Tod antun.

Der Alte machte Vorstellungen, er ereiferte sich, er drohte.

Tobias blieb bei seinem:Es geht nicht, ich kann nicht. 5

Nun fing der Gewaltige au zu schmähen und stellte ihm nicht undeutlich Schläge in Aussicht. 0 N

Der Sohn, mit dem Duldermut der Re⸗ signation, erwiderte:Das wird die Sach' auch nicht anders machen.

Der Alte stand ratlos da; er fühlte, daß er jetzt doch nicht gleich zur Tat schreiten könne, und nachdem er ihn einen Moment angesehen, sagte er:Was ist denn nun mit dir auf ein⸗ mal? Ist am Ende die Pfarrmagd wieder an dich gekommen, trotz ihrer Reden?.

Darauf aber versetzte Tobias mit Würde: Zu so etwas hat die Bäbe viel zu viel Cha⸗ rakter! Du weißt recht gut, wie ich und das Mädchen miteinander stehen, und daß ich sie gar nicht wert bin. elenden Menschen, und sie hat recht, und ich geb' ihr recht.

Und denkst du am End' doch noch an sie, du Dummkopf! rief der Alte.

An sie denken tu' ich, bemerkte Tobias mit Ruhe;aber weiter auch nichts.

Der Alte, der nicht mehr wußte, was er entgegnen sollte, verstummte, und nur ein ge⸗ wisses Schnaufen ließ ahnen, was in ihm vorging.

Unter diesen Umständen fand es der Sohn für geraten, den Auftritt zu beendigen; er sagte: Plag mich jetzt nicht, Vater; denn jetzt geht's einmal nicht. Es kann wohl sein, daß es mir

in kurzem anders ist, und dann will ich dir

nicht entgegen sein. Der Schuster wird mir die Sibylle so schnell nicht wegnehmen.

Der Alte fand nun auch für gut, abzubrechen und mit einer Art von Knurren die Frist zu gewähren. Ein Trost war es für ihn, daß der Schuster zwar ein derber Bursche war, aber lange nicht so schön wie sein Tobias; daher es allerdings keine Wahrscheinlichkeit hatte, daß er diesen bei ihr, die ihn liebte, so geschwind ausstechen werde.

Dieser erste Beweis von Selbständigkeit gegenüber seinem Vater, die Ermannung wenig⸗ stens zupassivem Widerstand, trug unserem Burschen sehr gute Früchte. Die Bäbe kam verwandelt nach Hause: sie sah plötzlich alles umgekehrt! Der gute Tobias! So brav war er, so treu hing er ihr an, obwohl sie ihn gekränkt und sich angestellt hatte, als kennte sie ihn nicht! Er stemmte sich gegen den Vater und riskierte seinen Zorn um ihretwillen! Und was hatte sie getan? Sie hatte ihn verachtet und verlassen, weil ihm einmal in seinem Leben etwas begegnet war, das ihr nicht gefiel. Kann das nicht auch anderen Leuten geschehen, wenn sie plötzlich erschreckt werden? Hat noch niemand den Kopf verloren? Ist es noch keinem passiert, daß er sich nicht mehrverwißt und eine Dummheit gemacht hat, daß es eine Schande war? Sie hatte wenig Liebe bewiesen bei dieser Gelegenheit und wenig Geduld! Sie hatte dem braven Menschen Unrecht getan, großes Unrecht! Aber sie wollt' es auch wieder gutmachen sobald als möglich!

Am andern Morgen erhielt der junge Schneider einen Brief durch die Kamerädin zugesteckt, folgenden Inhalts:Liebster Tobias! Du wirst dich wundern, daß ich an dich schreibe,

Sie hält mich für einen

wo ich doch gesagt hab', ich wolle nichts mehr von dir wissen, und zweimal an dir vorbei⸗ gegangen bin, ohne dich anzusehen und zu grüßen. Aber da hab' ich eben unrecht gegen dich ge⸗ handelt, und ich schäme mich, daß ich's getan hab'. Wie mir gesagt worden ist, hast du mit deinem Vater Streit gehabt, weil du die Sibylle nicht willst und mir treu bist trotz meines schlechten Benehmens gegen dich. O liebster Tobias, du bist besser als ich! Was Du gefehlt

hast, das ist geschehen ohne alle Ueberlegung;

aber ich hab's überlegt, was ich getan hab', und das ist eben das Schlechte. Du hast den Schwur der Liebe gehalten, und ich hab' ihn D weil ich dir nicht verziehen hab', ondern gleich bös geworden bin! Aber wenn du wüßtest, wie leid es mir tut, und wie ich mir jetzt Vorwürfe mache, du würdest mir ge⸗ wiß vergeben und mich wieder gern haben! Vergib mir, Tobias mein Auserwählter! Vergib deiner dich ewig liebenden Bäbe! Wenn du das Geschehene vergessen kannst, und wenn du noch immer der Alte bist gegen mich, so komm heute abend eine halbe Stunde nach Betläuten in die Nähe des Pfarrhofs; ich hab mir was ausgedacht, wie wir ungestört mit einander reden können, trau' mir's aber nicht aufs Papier herzuschreiben und will dir's lieber sagen. Ich hoff, wir können dann in aller Ruhe überlegen, was wir anfangen sollen. Dein Vater läßt uns in Güte nicht zusammen, das seh' ich nun schon auch ein, wir müssen an etwas anderes denken, und wir wollen über etwas einen Rat halten, woran ich schon früher gedacht hab'. Ich will nach Betläuten an den Zaun kommen bei unserm Stadel. Man kann Uns da vom Pfarrhaus aus nicht sehen wegen des Holderbaums, der davor steht und dessen Aeste fast bis an den Boden gehen. Auf dem

Wege draußen wird um die Zeit wohl auch

niemand sein; du mußt dich eben umsehen! Auf Wiedersehen, liebster, bester Tobias! Ich mein' halt, es kann nicht anders sein, und du wirst mir doch wieder gut und kommst zu mir. Du wirst dich dann überzeugen, wie ich bin, und wie ernst es mir ist mit meiner Lieb' zu dir, und was ich für dich tun kann, weil ich dich liebe!

Liebe fürchtet keine Not,

Scheut auch nicht den bittern Tod.

Wahrer Lieb' ist nichts zu viel,

Denn ihr winkt das höchste Ziel! Auch wir werden zusammenkommen, gewiß, und es wird uns noch wohlgehen in diesem Leben. Ich verbleibe deine bis in den Tod getreue Bäbe.

Die Wirkung dieses Briefes auf Tobias ist schwer zu beschreiben. Er fühlte ein Entzücken, wie er nicht geglaubt hätte, daß es menschen⸗ möglich wäre. Die Bäbe bat ihn um Verzeihung! Die Bäbe schrieb, er habe den Schwur der Liebe gehalten und sei besser als sie! Die Bäbe liebte ihn ewig und war ihm treu bis in den Tod ihm, der geglaubt hatte, er sei ein Mensch, von dem ein rechtes Mädchen gar nichts mehr halten könne! die wiedergewonnene Liebe, die wiedergewonnene Ehre es war zu viel auf einmal! Wie schön, wie herrlich war es, daß sie ihm nun den anderen Vorschlag machen wollte, auf den er so viel Vertrauen gesetzt hatte, bevor er ihn nur kannte! Nun gab es gewiß etwas ganz Besonderes zu wagen, etwas gegen den Vater, ohne daß er ahnen konnte, was! Und das geschah ihm recht, dem gewaltigen,zähbastigen Manne, der ihm keine Ruhe gab und N solche Leute auch noch ihren Meister finden!

Liebe fürchtet keine Not, Scheut auch nicht den bittern Tod!

Das läßt sich hören! Das kann man sich gefallen lassen! Er fühlte Mut für zehn, der Glückliche, von der Geliebten Gepriesene! Er wollte mit dem Teufelreißen(raufen), wenn's darauf ankam um ein Mädchen wie die Bäbe!

Diesen Gedanken, stillen wie laut werdenden, gab sich unser Schneider nur in gestcherter Einsamkeit hin. Vor seinen Leuten mäßigte er seine Freude zu dem Ausdruck heiterer Zufrieden⸗ heit: und in dieser, die man so lange nicht an ihm gesehen hatte, gefiel er dem Vater und der

dem man zeigen mußte, daß

En.