Ausgabe 
29.11.1903
 
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Nr. 48.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

gekränkte Leberwurst zur Junkerpartei hinüber⸗ wechselte, haben wir schon berichtet.

In letzter Stunde brachten die National⸗

liberalen die Nachricht aus dem Kreise Alten⸗ kirchen, daß der konservative Pfarrer Heckenroth, der Reichstagskandidat in unserm Wahlkreis, sich mit dem Zentrum kartelliert habe, um die Nationalliberalen, darunter Reichstagsabge⸗ ordneten Krämer, zu verdrängen. Darauf re⸗ plizierten die Konservativen, daß dem Zentrum von den Nationalliberalen dasselbe Kartell gegen die Kandidatur Heckenroth angeboten worden sei, aber dort keine Gegenliebe gefunden habe! Man braucht sich also gegenseitig nichts vorzu⸗ werfen.

Die Antisemiten erlebten bei dieser Wahl einenErfolg von der Art, wie sie zahlreiche bei der Reichstagswahl zu verzeichnen hatten. Der Reuthersmann aus Offenbach hatte etwa 4 Wochen lang seine Wähler bearbeitet, er ist täglich von Dorf zu Dorf, von Mann zu Mann gewandert in unentwegter Arbeit auf Wahl⸗ männersuche. Der Erfolg konnte daher nicht ausbleiben. Am Wahltage konnte man in der antisemitischen Hochburz Schwalbach zwei ganze antisemitische Wahlmänner zählen. Und diese zwei Wahlmänner stimmten bei der Ab⸗ geordnetenwahl unentwegt schon im ersten

Wahlgang für den Kandidaten der National⸗

liberalen, der zugleich der Kandidat der viel⸗ geschmähtenJuden undJudenliberalen war. Der Antisemitismus steht eben im Zeichen des unaufhaltsamen Niederganges.

Was uns betrifft, so haben wir bei dieser Wahl ohne Agitation viel gesehen und viel gelernt. Bei dem elendesten aller Wahlsysteme konnten wir nur einen kleinen moralischen Erfolg verzeichnen. Viel hätte trotzdem nicht gefehlt und unser kleines wackeres Fähnlein wäre aus⸗ schlaggebend geworden in einem zweiten Wahl⸗ gange. In diesem Falle wären die Unsern eben so entschieden gegen den konservativen Kandi⸗

aten marschiert, wie sie im ersten Wahlgange ür Bebel votiert haben. Einen eigenen Wahl⸗ erfolg werden wir niemals bei diesem Wahl⸗ system zu verzeichnen haben. Aber die aus⸗ schlaggebende Stellung, in die wir gelangen können und wollen, wird uns als bestes Er⸗ ziehungsmittel des rückratlosen Liberalismus dienen. Die Denkzettel, die unsere Parteigenossen in Breslau, in Teltow⸗Breskow und in Biele⸗ feld den Liberalen aller Schattierungen beige⸗ bracht haben, werden hoffentlich auf diese ihre Wirkung nicht verfehlen.

(Anmerkung der Redaktion.) Mit den letzten Sätzen unseres Parteifreundes können wir uns nicht ganz einverstanden erklären. Wir sind nicht der Meinung, daß, falls unsere Genossen die Entscheidung in der Hand gehabt hätten, sie zur Rettung der National⸗ Alberalen verpflichtet gewesen wären. Vielmehr würden unsere Wahlmänner dieselbe Taktik wie anderwärts be⸗ obachtet, nämlich Wahlenthaltung bei der Stichwahl geübt haben. Den Nationalliberalen Rückgrat beibringen? Das dürfte ein aussichtsloses Beginnen sein! Einen Unterschied zwischen Nationalliberalen und Konservativen wird man selbst bei mikroskopischer Untersuchung kaum entdecken.)

h. Unnötige Prozesse. Eine Verordnung des Regierungspräsidenten wegen der Viehseuchengefahr hat das Gericht in der letzten Zeit fast in jeder Sitzung beschäftigt. Und jedesmal erfolgt Freisprechung derjenigen, die dagegen verstoßen haben sollen. Warum hebt man dann diese Verfügung nicht auf? So werden dem Staat eine Menge unnötiger Kosten verursacht. hb. Eine überaus harte Strafe diktierte die Strafkammer am Mittwoch dem Angeklagten R. aus Krofdorf auf. Er erhielt wegenGotteslästerung 6 Monate Gefängnis! Dies wegen einer Aeußerung, die er in einer Wirtschaft, vielleicht in angeheiterter Stimmung getan hat!

Aus dem Rreise Dillenhurg⸗Herborn.

Vom Westerwald schreibt man uns: Die Land⸗ sagswahl ist vorüber und der nationalliberale Amts⸗ richter Hofmann in Rennerod ist gewählt worden. Gewählt ist eigentlich zuviel gesagt; von der Kasino⸗ klique ernannt dürfte diese Wahl richtiger bezeichnen.

In großen Orten, wie Hof z. B. haben sich 2 bis 3 Mann, meist aus geschäftlichen Gründen beteiligt. Auch das Streberchen Burkhardt, der noch mehr die Wahrheit liebt, wie Herr Stöcker selbst, hielt den

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bargendaß hier keine von

Zentrumspfaffen geleithammelte Schaafheerde vor⸗ handen ist, wie ihm eine solche das Reichstagsmandat zugeschanzt hat. Wir sind wahrhaftig keine Freunde der nationalliberalen Partei, aber tausend Mal lieber wie ein Burkhardt ist uns doch noch Herr Hof mann, der sich wenigstens persönlich von einer ge⸗ hässigenStöckerschen Kampfesweise ferngehalten hat. Versandten doch diechristlichen Burckhardt⸗ männer noch in letzter Stunde an ihre Vertrauens⸗ männer ein geheimes Zirkulär, welches Herrn Hofmann das schreckliche Verbrechen vorwarf, er gehe nicht zur Kirche. Nundie um Stöcker werden es durch ihr eigenartigesChristentum noch fertig bringen, daß überhaupt Niemand mehr in die Kirche geht. Unsere Parteigenossen aber müssen unermüdlich tätig sein, um der pfäffischen Klique der Burkhardt und Stöcker das Wasser abzugraben. Große Unzu⸗ friedenheit herrscht hier mit dem neuen Fleisch⸗ schaugesetz. In Hof sitzt ein Fleischbeschauer, der aber nur in Bach und Ruhl seine Tätigkeit ausübt. Durch diese Orte fährt der Marienberger Tierarzt jedoch nach Hof, übt dort die Fleischschau aus, und was die Hofer im eigenen Orte für 75 Pfennige haben könnten, müssen sie so mit Mk. 1.50 bezahlen. So bringt man die Bauern ums Geld und verekelt ihnen eine, an sich durchaus nützliche, wohltätige Einrichtung. Vielleicht macht die Regierung in Wiesbaden derartigen Narrenspossen ein Ende und läßt den Tierarzt in Bach und Ruhl und den Hofer Fleischbeschauer in Hof. Oder sind die Westerwälder Bauern dazu da, die Einkommensverhältnisse der Tierärzte verbessern zu helfen? T.

Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain.

r. Die Stadtverordnetenwahlen die am Dienstag stattfanden, hatten eine Be⸗ wegung unter die Marburger Bürgerschaft ge⸗ bracht, wie es bei derartigen Anlässen noch nie der Fall war. Bisher war es in der Ordnung, daß einige angesehene Männer zur Wahl gingen, und die von derRathauspartei vorgeschlage⸗ nen Kandidaten wählten. Die vorletzte Wahl dagegen erweckte durch die Kandidatur des Arbeitervertreters(so nannte er sich wenig⸗ stens) Herrn Optiker Engel etwas Interesse an der Wahl, und brachte etwa den 6. Teil der Wähler zur Urne. Nachdem Herr Engel gewählt war, glaubte man, würde etwas Leben in die Bude kommen. Aber nichts von allem. Nicht mal bei der bekanntenButterbrot⸗Affäre mit den Handwerksburschen wandte derAr⸗ beitervertreter Herr Engel sich gegen die Aus⸗ führungen des Herrn Oberbürgermeisters, trotz⸗ dem das Herz des Herrn Engel vor der Wahl so warm für die armen Arbeiter schlun. Auf Engel, der inzwischen zu den Freimaurern übergegangen ist, kann sich also die Marburger Arbeiterschaft nicht verlassen.

Ein ganz anderes Bild bot dagegen die am Dienstag stattgefundene Stadtverordneten⸗ wahl der dritten Klasse. Schon die Vorbe⸗ reitungen ließen auf hartnäckigen Kampf schließen; die Wahl bekam einen politischen Anstrich, was früher nie der Fall war. DerBürgerverein, der sich als Führer der Marburger Einwohner⸗ schaft aufspielte, stellte den Antisemitenhäuptling Heppe auf und zog sich dadurch die Unanade des Oberbürgermeisters zu. Dieser erklärte öffentlich, daß er sein Amt niederlegen werde, wenn Heppe gewählt werde. Als Grund gab er an, daß Heppe zur Fastnachtszeit einen

roßen Bündel Heu aufs Rathaus bringen ieß, mit der Bemerkung: das sei Heu für die Heuochsen auf dem Rathaus. Ja, man ulkt den Oberbürgermeister nicht ungestraft an! Ob er übrigens seine Drohung ausgeführt haben würde, ist noch fraglich. Außer dem Bürger⸗ verein entwickelten die Beamten eine lebhafte Agitation und erzielten damit auch Erfolg. Nach alter Gewohnheit wird der sogenannte Rathauszettel in der Hauptsache von den Magi⸗ stratsbeamten aufgestellt; natürlich kommen da⸗ bei nur gutePatrioten als Kandidaten in Frage, nie aber Angehörige der Arbeiterschaft, die man jedenfalls nicht als volljährig betrachtet. Als man aber merkte, daß die Arbeiterschaft sich an den Wahlen beteiligen würde, gings wie im Ameisenhaufen. Diese Tatsache bildete das Tagesgespräch, es erschienen noch andere Parteien auf dem Plane, und stellten Kandidaten auf, um denRoten das Wasser abzugraben.

Eine e e wie bei den Reichstags wahlen!

Mit voller Kraft stürzten die Gegner in die

Wühlarbeit, liefen von Wirtshaus zu Wirts⸗ haus, warnten vor den Arbeiterkandidaten und empfahlen ihren August Heppe. Vernünftigere erkannten an, daß die Arbeiterpartei, die ein⸗ zige ist, die mit einem Programm auftritt. Wir waren uns bewußt, daß keiner unserer Kandidaten durchdringen würde, doch es mußte der Anfang gemacht werden und wir können auf das Resultat stolz sein. Die Gegner er⸗ zielten 115 bis 241 Stimmen, unsere Kandidaten 72 bis 971! Für den Anfang ein recht erfreu⸗ licher Erfolg, der noch dazu fast ohne Agitation erreicht wurde! Bei der nächsten Wahl wird die Arbeiterschaft ein gewichtiges Wort mit⸗ sprechen. In der Zwischenzeit müssen alle Ar⸗

beiter das Wahlrecht erwerben, damit sie das

nächste Mal mit dem nötigen Nachdruck in den Kampf eintreten können.

Der Kindesunterschiebungs ⸗Prozeß

gegen das gräfliche Ehepaar Kwilecki hat mit der Freisprechung sämtlicher Angeklagten geendet. Damit wird die Geschichte nun aller⸗ dings nicht sauberer und namentlich bleibt frag⸗ lich, ob das Kind, um das der Streit sich drehte, wirklich von der Gräfin geboren wurde. Allein es fehlte an dem nötigen Beweismaterial. Von dem Publikum wurde das Nichtschuldig der Ge⸗ schworenen mit Jubel begrüßt.

Kleine Mitteilungen.

* Ein gefährlicher Betrieb scheint die Zuckerfabrik in Groß⸗Gerau zu sein. Nachdem dort erst vor 8 Tagen ein Sattler, der in die Transmission geriet, sein Leben einbüßte, ereignete sich am Montag ein ähnlicher Unfall. Der Arbeiter Seebold wurde von der Transmission erfaßt, wobei ihm ein Arm zerstückelt und ein Bein gebrochen wurde, auch trug er schwere innere Verletzungen davon..

** Ein Fels stur zhat in Ems zwei Menschen⸗ leben gefordert. Dort werden Arbeiten vorgenommen, welche die Freilegung eines Raumes um die König⸗ Wilhelm⸗Felsenquelle bezwecken. Dazu wird ein Teil des Bergabhanges abgetragen und Stützmauern aufge⸗ führ. Wie es scheint, war aber für die oberen Ge⸗ steinsschichten dadurch der Halt verloren; am Samstag nachmittag erfolgte ein größerer Absturz. Zwar konnte sich noch der größte Teil der dort tätigen Arbeiter flüchten, doch zwei wurden von dem Gestein erreicht und getötet.

Quittung. Für die ausgesperrten Weber in Crimmit⸗ schau gingen ein: Gießen: Wahl⸗V. 30 Mk., Glaser⸗Verb. 10 Mk., Schneider 20 Mk., Skat 25 Pfg., Alten⸗Buseck 14 Mk. A. Bock. Marburg: Gewerkschaftskommission 10 Mk., Buch⸗ drucker 36 Mk., Holzarbeiter 17.80 Mk., Schneider 16,95 Mk., Schuhmacher 11 Mk., Metallarbeiter 4.80 Mk., Fabrikarbeiter und Formstecher 9.20 Mk. f R. Rößler.

8 Versammlungskalender.

Samstag, den 28. November.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei LöbWiener Hof. Metallarbeiter. Abends 9 UhrVersammlung bei Orbig.

Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Jesberg. T.⸗O.: Partei und Ge⸗ werkschaft. Ref. Vetters⸗Gießen.

Sonntag, den 29. November.

Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Abends

8 Uhr außerordentliche General⸗Versammlung bei Karl Stein müller. Erscheinen notwendig.

Dienstag, den 1. Dezember.

Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 8 Uhr

Sitzung bei Orbig.

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