Ausgabe 
29.11.1903
 
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Seite 2.

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Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung.

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einzelne mit seinem Gefühl, Gemüt, Herzen abzumachen hat, die den Nachbar nichts angeht. Das heißt ebenPrivatsache. Hat daher einer Gefallen an sein er Kirche, an seiner Religion, an der Bibel, am Koran, an den brahmanischen Veden, nun wohl, so hüten wir uns, ihm das, was ihm teuer ist, zu schmähen, zu ver⸗ spotten und zu verkleinern. Lassen wir ihn un⸗ gestört glauben und beten, wie er will. Nur darf er dies nicht fanatisch ausartend betreiben, so wenig wie wir antireligiöse Kämpfe mitmachen. Freiheitliebend wie die Sozialdemokratie ist, ist sie unbedingt auch für vollständige Freiheit auch im religiösen Bekenntnis. Das beweist u. a. unsere Stellungnahme zur Jesuitenzu⸗ lassung in Deutschland, wenngleich gerade von ultramontaner Seite die heftigsten Verleumdungen wider uns in die Köpfe der katholischen Be⸗ völkerung gestreut werden.

Wir vergessen nie, wie durch unvernünftiges, intolerantes Verhalten wir unsern Nächsten aufs tiefste kränken und verbittern würden. Und statt zum Anhänger unserer Partei machen wir ihn dann unvermeidlich zu unserem hartnäckigen Widersacher.

Unser Beruf ist weder Religion zu lehren, noch Religion zu verachten. Mag ein jeder seiner Nation und seiner Väter Religion treu bleiben oder nicht das ist uns völlig gleich⸗ giltig, wie wir schon oft genug betont haben.

Der Sozialismus trägt weit besseres Ver⸗ langen! Was er von seinen zielbewußten An⸗ hängern, was wir von unsern Parteigenossen ohne Rücksicht auf Konfesston, Nationalität, Sprache und Hautfarbe voraussetzen, ist: Kenutnisnahme von unserm Parteiprogramm und furchtloses und beharrliches Eintreten für Durchführung seiner Prinzipien, wo es im staatlichen und kommunalen Leben nur irgend angebracht ist.

Wahre Religion man beachte wohl: nicht das, was sich öffentlich breit macht und in Landeskonferenzen der Päpstlichen und der von ihnen gehaßten und sie bitter wiederhassenden Lutherischen salbadert nein, wahre Religion kann selbstredend, wie oft nachgewiesen wurde, nicht das mindeste gegen die sozialdemokratische Volksbewegung einwenden; wird doch diese von den unhaltbaren gesellschaftlichen Zuständen vor⸗ wärts getrieben. Die sozialistische Bewegung in unsern Tagen wächst und gedeiht ganz natur⸗ gemäß und bedarf keiner künstlichen Lockmittel. Allein blindwütende Ausbeuter, Finsterlinge und Gedankenschwache sind unermüdlich darin, unter dem Deckmantel derReligion, diese zu ihren Verdummungszwecken und lediglich für ihre Interessen zu mißbrauchen. Und so suchen sie tagtäglich dem arbeitenden Volke einzureden, un se re Bestrebungen seienreligions⸗ feindlich, fanatisch, schädlich(wem?) usw. Dieser fortwuchernden Verlogenheit, diesem ge⸗ heimen und öffentlichen Muckertum werden wir wachsamen Auges mit allen zulässigen Waffen zu begegnen wissen. Wir werden nicht ruhen und nicht rasten, bis das Volk auch über seine geistigen Angelegenheiten selbständig urteilen und entscheiden wird.

politische Rundschau.

Gießen, den 26. November.

Der Reichstag

tritt zufolge einer im Reichsanzeiger veröffent- lichten kaiserlichen Verordnung am 3. Dezember zusammen. Zu eigentlichen geschäftlichen Ver⸗ handlungen dürfte es aber kaum in dieser Woche noch kommen; denn es ist anzunehmen, daß nach der voraussichtlich am 4. Dez.(Freitag) erfolgenden Präsidentenwahl bis Dienstag der nächsten Woche Vertagung eintritt.

Die Verschwörung der Brotwucherer.

Nur ein einziges Ziel hat der Agrarier und der in allen wirtschaftlichen Fragen mit ihm verbrüderte Konservative: Die Füllung des eigenen Geldsackes. Hierzu ist diesen ökonomischen Jesuiten jedes Mittel recht. Mit einer schier unglaublichen Unverschämtheit fordern

sie die Verteuerung der Lebensmittel und würden vor einer Volksaushungerung keineswegs zurück⸗ schrecken. Mit einer perfiden Verschmitztheit maskieren sie ihr egoistisches Endziel mit allen möglichen heuchlerischen Scheinmotiven, um ihren selbstsüchtigen Raubgelüsten einen volks⸗ beglückenden Anstrich zu geben.

So möchten ste jetzt die Einfuhr fremder landwirtschaftlicher Produkte, die so wie so schon mit drückenden Einfuhrzöllen belegt ist, durch die Einführung von Stromschiffahrts⸗ abgaben noch mehr verteuern, um schließlich den Lebensmittelimport gänzlich lahm zu legen und die Preise für alle Bodenprodukte selbst zu diktieren. Die Herren Großbauer und Junker werden uns dann mit Brot⸗ und Fleischpreisen beglücken, daß uns Hören und Sehen vergeht.

Während in allen Handelszentren sich ein Sturm der Entrüstung gegen die geplante Wiedereinführung der Flußzölle erhebt, sieht die Reichsregierung dem agrarischen Treiben wohlgefällig zu. Doch muß sich das Volk mit aller Macht gegen die Volksausbeuter wenden!

Wahlgeheimnis in Ostelbien.

Wie manchmal trotz Wahlkouvert und Dunkel⸗ kammer die geheime Wahl für den Arbeiter aussieht, zeigt ein Arbeitszeugnis, das dem Vorwärts vorlag und folgendermaßen lautete:

Der Arbeit!!! hat bei mir vom 12. Mat 03 bis zum 17. Juni 03 in Arbeit gestanden.

Ich bin mit seinen Leistungen sehr zufrieden gewesen, mußte ihn aber entlassen, da er sozialdemokratisch gewählt hat. Behrensdorf, den 17. Juni 03.

v. Tresckow.

Zwei blaue Stempel verschönen noch dies

Zeugnis: 1.:v. Tresckow⸗ Behrensdorf, Post Glienicke, Kreis Beeskow. 2.:Gemeindevor⸗ stand zu Behrensdorf, Kreis Beeskow⸗Storkow. Das famose Zeugnis widerspricht zunächst der Gewerbe⸗Ordnung, dessen§ 113 den In⸗ halt der Zeugnisse auf die Art und Dauer der Beschäftigung einschränkt. Nur wenn die Arbeiter es verlangen, kann das Zeugnis auf Angaben über Führung und Leistungen ausgedehnt werden. Ohne Einverständnis des Arbeiters durfte der Arbeitgeber v. Tresckow den Entlassungsgrund nicht vermerken. Also zunächst ist es ungesetzlich. a

Dann liefert das Dokument den Beweis, welchen unglaublichen Wahlterrorismus gewisseHerren gegenihre Arbeiter ausüben. Wie konnte denn der Edle v. Tresckow wissen,

seine Stimme gegeben hat? Vielleicht war er zugleich Wahlvorsteher?

Von der militärischen Gerechtigkeit.

Als ein Gegenstück zum Fall Hüssener darf ein Urteil gelten, welches vom Marine⸗ kriegsgericht in Kiel gegen die Matrosen Lampichler und Lemke vom Linienschiff Kaiser Wilhelu der Große gefällt wurde. Die Beiden wurden wegenUeberfalls auf den Ober maat Rouge unter Annahme militä⸗ rischen Aufruhrs zu 6 Jahren 1 Monat Zuchthaus, 5 Jahren Ehrverlust und Aus⸗ stoßung aus der Marine verurteilt.

Den Anlaß zu demAufruhr hatte der Hbermaat selbst gegeben, der die Matrosen wegen Nichtgrüßens zur Rede stellte.

Der Kanonier Orzichowski wurde vom Danziger Kriegsgericht zu 3 Jahren Ge⸗ fängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes verurteilt, weil er im Manöver über Zapfenstreich ausgeblieben war und als er vom Leutnant Heitz erwischt wurde, diesen anredete:Herr Leutnant, Sie wissen doch, daß Sie nicht mißhandeln dürfen! Der Leutnant sagte darauf:Du bist ja ein ganz frecher Hund. O. erwiderte:Wenn der Herr Leutnant mich du nennen, dann werde ich dasselbe tun. Als schließlich O. verhaftet werden sollte, bedrohte er den Wachtmeister. Der Kanonier wird wohl gewußt haben, warum er den Leutnant an das

Mißhandlungsverbot erinnerte. Und dafür 3 Jahre Gefängnis!

wem der Arbeiter in der geheimen Wahl

Eine andere, am 20. November in Halle erfolgte Verurteilung eines ehemaligen Füstliers beweist, wie wenig Rücksicht der Militarismus kennt, wenn sich ein armer Teufel gegen die Gesetze vergangen hat. Der Angeklagte, Schrift- setzer Müller, ist jetzt 38 Jahre alt und hatte im Jahre 1888, wo er als Füsilier bei dem Infant.⸗Regt. Nr. 36 stand, seinem Truppenteil den Rücken gekehrt. Er ging nach Holland, verheiratete sich dort ohne Konsens der Militär⸗ behörde glücklicherweise ist das Verbrechen der unerlaubten Verehelichung verjährt und glaubte auch die Fahnenflucht sei nun nach 15 Jahren verjährt. Nach dem früheren Wehr⸗ gesetz wäre das auch der Fall gewesen; neuer⸗ dings verjährt die Fahnenflucht aber erst mit dem vollendeten 39. Lebensjahre. Er kam nun Anfang Novembe einige Monate vor Ablauf der Verjährungsfrist nach Deutsch⸗ land, um, wie er bei der Verhandlung unter Tränen beteuerte, seinen Kindern eine gute deutsche Erziehung zu geben. Das Mili⸗ tärgericht nahm den Angeklagten aber sofort in Haft und machte ihm den Prozeß. Obwohl darauf hingewiesen wurde, daß seine Frau mit den

Kindern in den unglücklichsten Verhältnissen lebten, erhielt er 1 Jahr 1 Monat Gefäng⸗ nis mit der Begründung, das militärische Interesse müsse berücksichtigt werden!!

Aus der Ferienkolonie.

Eine scheußliche Soldatenmiß hand⸗ lung wird aus Bayreuth gemeldet. Der Unteroffizier Bechtold der 5. Eskadron des 6. Chevaulegerregiments befahl einem Gemeinen, einen Rekruten auszuhauen. Derselbe vollführte den Auftrag, aber in ganz bestialischer Weise. Er nahm einen Stallbesen und schlug dem Rekruten das Genick ab. Der Schwer⸗ verletzte mußte sofort ins Lazarett transportiert werden. An seinem Aufkommen wird gezweifelt. Der Unterofftzier, sowie der beauftragte Soldat sind verhaftet. Welche Strafe wird dern rohe Patron bekommen? Ob das Gericht nicht zarte Rücksicht anf seinegute Führung und seinFortkommen nehmen wird?

Sozialdemokratische Wahlerfolge.

Bei den Gemeindewahlen in Ilmenau in Thüringen gewann unsere Partei vier neue Mandate und hat damit acht von den 18 Sitzen im Gemeindekollegium inne. Auch in Elter⸗ winden in Tlöüringen wurden vier Parteigenossen gewählt. In Debschwitz bei Gera eroberten die Genossen sechs von acht zur Wahl stehenden Mandaten. Ferner wurde in Oelsnitz i. V. in der Klasse der Ansässigen der dritte Partei⸗ genosse in das Stadtverordneten⸗Kollegium ge⸗ wählt. In dem Vororte Pforten bei Gera wurden sieben Parteigenossen in den Gemeinderat gewählt und je einer in den thüringischen Orten Langenwiesen und Blankenhain. 1

Die Stadtverordnetenwahlen in Charlot⸗ tenburg brachten unserer Partei einen glän⸗ zenden Sieg. In sechs Bezirken wurden die sozialdemokratischen Kandidaten mit bedeutenden Mehrheiten gewählt, im stebenten Bezirke hat Stichwahl zwischen unserem Genossen und dem Liberalen stattzufinden; letzterer erhielt nur eine Stimme mehr als der Sozialdemokrat!

In Dresden verdoppelten sich zwar die sozialdemokratischen Stimmen bet der Stadt⸗ verordnetenwahl, aber trotzdem brachten unsere Genossen keinen Kandidaten durch. 5

Auch in Hanau unterlagen unsere Genossen. Die Gegner brachten es in der 3. Abteilung auf 1615 Stimmen, während die sozialdemo⸗ kratische Liste mit 1550 Stimmen in der Minder⸗ heit blieb. Trotzdem haben wir auch hier einen respektablen Stimmenzuwachs zu verzeichnen.

In Görlitz wurden die drei Sozialdemo⸗ kraten in der 3. Abteilung enen und in n kamen unsere Genossen in Stich? wahl. ö

Majestätsbeleidigendes Orbuungsblatt.

Vor einigen Tagen wurde dieRheinisch⸗ Westfäl.⸗Zeitung, ein Scharfmacherblatt und Organ der Grubenbarone, wegen Majestäts⸗ beleidigung beschlagnahmt. Das Vergehen

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