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Gießen, den 29. November 1903.
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Die preußischen Landtagswahlen
aben mit den am vorigen Freitag vollzogenen bgeordnetenwahlen ihren Abschluß gefunden. Was in den letzten Tagen vorher mit ziemlicher Sicherheit feststand, geschah: die Freisinnigen ließen es lieber geschehen, daß der Junkerpartei noch etliche Mandate zufielen, als daß sie der stärksten Partei in Preußen, der Sozialdemo⸗ kratie, hätten Gerechtigkeit widerfahren lassen und einige Mandate zugebilliat. Damit wären der Linken etwa ein Dutzend Sitze erhalten geblieben, beziehungsweise erobert worden.
So ist es der größten, stärksten und best⸗ organisterten Partei Preußens nicht gelungen, auch nur einen einzigen ihrer Angehörigen in das Abgeordnetenhaus des preußischen Landtags zu entsenden. Junker und die Pfaffen besitzen nach wie vor die überwiegende Mehrheit. Im Uebrigen hat es nur geringe Verschiebungen der
Parteiverhältnisse gegeben.
Die Beteiligung unserer Partei an den Landtagswahlen, um welche innerhalb der Partei jahrelang sehr lebhaft debattiert wurde, hat weder ihr selbst unmittelbare Vorteile ge⸗
bracht, noch das Parteiverhältnis des Landtags
irgendwie wesentlich beeinflußt. Trotzdem wird man sich auf keiner Seite des Gefühls ent⸗ 1 0 können, daß diese letzten preußischen
andtagswahlen ein wirkliches historisches Er⸗ eignis gewesen sind, und daß die Beteiligung der Arbeiterschaft an ihnen keineswegs ein flüchtiges Experiment gewesen ist, das durch das erste Fehlschlagen abgeschlossen und erledigt erscheint, sondern daß sie vielmehr den Aus⸗ gangspunkt für sehr ernste politische Ereignisse der nächsten Zukunft bildet.
Dabei fällt das entscheidende Gewicht keines⸗ wegs der Tatsache zu, daß das Ergebnis dieser Wahlen für die Sozialdemokratie auch im ge⸗ wöhnlichen Sinne des Wortes keineswegs ent⸗ mutigend ist. Wenn wirklich auch für uns eine möglichst ausgedehnte Teilnahme an den Einrichtungen des bürgerlichen Parlamentaris⸗ mus, wenn wirklich auch für uns die Gewinnung von Mandaten der Endzweck aller Anstrengungen wäre, so bliebe uns noch ein guter Trost, denn eine Anzahl Wahlkreise werden uns bei der nächsten Wahl als reife Früchte zufallen.
Aber ist denn diese Wahlbewegung überhaupt zu dem Zwecke in Szene gesetzt worden, um nur ja, sei es für welchen Preis immer, ein
paar Sitze in der angenehmen Gesellschaft des
Dreiklassen⸗Parlaments zu erringen. Wäre dem so, dann hätte unsere Partei wahrhaftig ihre roßen Ueberlieferungen aufgegeben und das Pringtp ihrer revolutionären Kampfmethode gebrochen. Davon kann aber natürlich keine Rede sein. Wir messen den Erfolg unserer Bestrebungen nicht nach der Zahl der Mandate, die wir erobern, sondern nach dem Grade der Erschütterung, den die bestehende Ordnung der Dinge durch sie erfahren hat. Bei den Reichs⸗
tagswahlen laufen beide Erscheinungsformen
nahezu parallel; die Größe unseres unmittel⸗ baren Wahlerfolgs gibt uns einen recht zuver⸗ lässigen Maßstab für die fortschreitende Revo⸗ lutlonierung des Geistes. Den gleichen Maß⸗ stab bei den Klassenwahlen anzuwenden, wäre
sichtspunkten recht gut verstehen, wenn ein Teil der Genossen— und keineswegs unversöhnliche Gegner der Wahlbeteiligung— den Ausgang der preußischen Wahlen mit einer gewissen reinen Genugtuung betrachten. Die Beteiligung an diesen Wahlen konnte doch— was immer auch nebenher dabei abfallen mochte— im Grunde nichts andres sein als eine Demonstration gegen die Entrechtung der Massen. Ihre Ergebnisse konnten keine tiefere Empörung hervorrufen, den bestehenden Zustand nicht schärfer brand⸗ marken, die Abscheulichkeiten, Unsinnigkeiten, Unmöglichkeiten des geltenden Wahlsystems nicht höher an den Pranger stellen als es geschehen ist.
„Heute muß Gewalt vor Recht gehen!“ antwortete der Landrat des Kreises Teltow⸗ Beeskow, als ein Genosse empört über die fortwährenden Gesetzes⸗Verletzungen protestierte. Der Herr Landrat war auch gleich so gütig, den tatsächlichen Zustand der preußischen Ver⸗ fassung durch das Aufgebot einer bewaffneten Macht zu illustrieren. Ja, Gewalt geht vor Recht; aber nur so lange, bis dieses Recht selber zur Gewalt wird. Der preußische Wahlkampf ist zu Ende, der Kampf um die Gewalt in Preußen dauert fort. Er hat eben erst be⸗ gonnen!—
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Sozialismus und Religion.
Wohl lautet ein altes Sprüchwort;„Lügen haben kurze Beine“ und die Wahrheit wird über alle Lügen siegen. Inzwischen aber sieht man alle Lügen immer wieder von neuen auf⸗ tauchen und umhergehen.
Mit Lügen sucht Denkfaulheit und Reaktion, Junkertum und Kapitalismus auch uns, die Sozialdemokratie, zu bekämpfen, weil wir uns
ihren Ausbeutungsgelüsten nicht mehr unter⸗
werfen wollen.
Was der Sozialismus der Sozialdemokratie bedeutet, das sagt schon das Wort selbst. Was der Sozialismus in der Welt will, das sollte von Rechts wegen jedes Schulkind wissen, ge⸗ schweige jeder Erwachsene. Und doch, wie ganz anders sieht es in der Wirklichkeit mit diesem so hochwichtigen Wissen in bürgerlichen Kreisen aus! Wer inmitten des täglichen Daseinskampfes lebt und webt und wirkt, der bekommt mancher⸗ lei zu hören und zu sehen. So auch hört man Leute, welche die sozialdemokratischen Bestre⸗ bungen nicht kennen oder nicht kennen wollen, gar oft noch reden: die Sozialdemokratie wolle dem Volke die Religion„rauben“, den Bibel⸗ glauben verächtlich machen. Nichts ist unlogischer und dümmer, als diese gegnerische Vehauptung.
Wir, die wir die Zustände und Vorgänge der Zeit kritisch beobachten, wir wissen's genau: wäre die Wahrheit, d. h. die Aufklärung auch hinsichtlich des Verhältnisses von Sozialismus und Reltgion durch geeignete Agitation besonders in den finsteren Domänen des Zentrumsturms mehr vorgedrungen— wir hätten, wenn auch zum größeren Verdruß der Volksfeinde, dem neuen Reichstag sicher noch ein ganz anderes, lichtfreundlicheres Aussehen gegeben.
Schon der Begriff„Sozialismus“ lehrt jeden, der Belehrung annimmt, daß unsere Parteiarbeit vornehmlich rein sozialpolitischen, volkswirtschaftlichen Aufgaben gewidmet ist und mit nichten für oder gegen eine Religkonsansicht
bpöllig verkehrt. Man kann es aus diefen Ge- auftritt.
Verbesserung, allmähliche Umwälzung der allgemeinen sozialen und politischen Lage, das allein haben wir Sozialdemokraten stets im Sinn, damit der proletarischen Welt der Arbeiter das Los auf Erden erträglich, angenehm werde, damit all' die mühselig Beladenen, die wirt⸗ schaftlich Schwachen, wes Standes und wes Gewerbes sie auch seien, zwar nicht auf Karossen mit Gummirädern über den Jahrmarkt des Lebens hineilen— denn dies ist närrischer und und schädlicher Luxus. Wohl aber wirken wir unentwegt darauf hin, daß von Grund aus eine neue Gesellschaftsordnung, welche die heutigen schreienden Gegensätze von Ueberfluß und Armut, von Herr und Diener, von Nichts⸗ tuern und Ueberarbeiteten, nicht mehr kennen soll. Denn Raum und Lebensmtttel für alle, able, bietet Murer Erd dar in Hülle und Fülle, Wir wollen, daß die Arbeiterklasse und alle die kleinen Leute in der Stadt und auf dem Lande, um ihr Brot und Kleid in ausreichendem Maße zu verdienen, sich nicht so unmenschlich abrackern und schuften müssen, während die Begüterten Millionen verprassen. Wir wollen, daß auch der arm Geborene für sich und die Seinen eine geräumige und gesunde Wohnstätte habe; daß er nicht in engen dumpfen Löchern verkomme, während der Großkapitalist alle Prachtwohn⸗ ungen, Palästen und Villen für sich allein in Anspruch nimmt. Endlich, indes keineswegs als letztes, fordern wir, daß unsere Kinder in der Schule nicht auch fernerhin an Geist und Gemüt leer ausgehen. Wie meint doch Heinrich Heine im ersten Kapitel seines Wintermärchens „Deutschland“:
Wir wollen auf Erden glücklich sein, Und wollen nicht mehr darben; Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, Was fleißige Hände erwarben.
Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder.———
Mit einem Wort: Wir wollen Recht schaffen dem Darbenden und Gedrückten.
Der Sozialismus beschäftigt sich mit rein menschlichen oder weltlichen Dingen. Und fragt man uns ausdrücklich: wie wir's mit der Reli⸗ gion halten, so antworten wir abermals klar und wahr:
Schon unser Erfurter Parteiprogramm stellt die Forderung auf:„Erklärung der Reli⸗ gion zur Privatsache“. Das hat den guten Klang und Wert eines Naturgesetzes. Und
wenn wir es nicht sagten, es wäre doch so.
Die Religion ist, dank der historischen Entwicklung, auf dem besten Wege, allgemein zur Privatsache zu werden. Wo, in welcher Gegend findet man in unserem Zeitalter einige Millionen Menschen zusammen, welche genau und aufrichtig eines und desselben Glaubens in allen Stücken wären? Nein, wir sagen: das ist weder bei je 1000000, noch bei 100 000, noch bei 10000, kaum bei je 1000 Menschen der Fall. Was dem einen heilig, ist dem andern oft gleichgiltig und in den Augen des dritten vielleicht gar lächerlich. Wie vermöchte die Sozialdemokratie, selbst wenn sie's wollte und nichts anderes zu tun hätte, all die Gegensätze im Glauben wieder zu vereinen? Das liegt in keines Menschen Macht mehr. Wer das Gegenteil behauptet, schwindelt sich und andern etwas vor. Denn das ist wie vorhin gesagt, eine Sache, die der
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