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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung ·
Nr. 26.
Von Nah und Fern. Mord in Aschaffenburg.
Am Samstag Nachmittag machte die bei ihrem Bruder in Aschaffenburg zu Besuch weilende 22 jährige Schwester des Obergärtners Haas einen Spaziergang durch die Fasanerie auf den Büchelberg und wollte um 6 Uhr wieder zu Nagl sein. Das Mädchen kam jedoch zur estgesetzten Zeit nicht, und ihr Bruder beruhigte sich mit dem Gedanken, daß es sich in der Zeit eirrt und später kommen werde. Als das
ädchen jedoch über Nacht ausblieb, machte Herr Haas am Sonntag Morgen der Polizei Anzeige. Eine darauf vorgenommene Streife durch Fasanerie, Godelsberg, Büchelberg hatte den Erfolg, daß gegen 11 Uhr in der Nähe des Büchelberghauses die Leiche des Mädchens, mit durch stochenem Halse auf dem Rücken liegend, gefunden wurde. Der Körper war etwa 25—30 Schritte weit ins Gebüsch geschleift worden. Man nimmt Lustmord an. Uhr und Kette, sowie Geldbörse des Mädchens werden vermißt. Ein Feldschütze will das Mädchen, dem auf ungefähr 20 Schritte eine männliche Person folgte, am Samstag abend gegen 8 Uhr am Büchelberg gesehen haben. Als der Tat ver⸗ dächtig wurde ein in Kassel geborener, zuletzt in Marburg wohnender und von seiner Frau getrennt lebender Kaufmann Kelle am Sonn⸗ tag Nachmittag verhaftet.
Vierfache Gatten mörderin.
Ein Prozeß, wie er in den gerichtlichen Annalen kaum seinesgleichen finden dürfte, spielte sich vorige Woche vor dem Schwurgericht des Landgerichts in Allenstein(Ostpreußen) ab. Im Kreise Ortelsburg, unweit der russi⸗ schen Grenze, liegt das Dorf Röblau. Die Einwohner dieses Dorfes leben in guten wirt⸗ schaftlichen Verhältnissen und sind friedfertige Leute. Nur selten ist die Staatsanwaltschaft genötigt einzuschreiten. Um so größer war die Erregung, als im Frühjahr 1902 die Stille durch die plötzliche Verhaftung der Gastwirts⸗ frau Przygodda gestört wurde. Frau Przygodda soll jetzt zum fünftenmal verheiratet sein. Ihr fünfter Gatte soll eines Tages die Beobachtung gemacht haben, daß seine Frau ihm eine Quantität Arsenik ins Essen geschüttet habe. Aus diesem Anlaß kam es zwischen den beiden Ehegatten zu einem heftigen Auftritt. Gast⸗ wirt Przygodda erstattete Anzeige, zumal er festgestellt hatte, daß seine Frau große Mengen Arsenik verborgen halte. Da fiel es auf, daß die ersten vier Männer sämtlich ganz plötzlich aus dem Leben geschieden waren. Alle vier waren Besitzer von bäuerlichen Gehöften und befanden sich in günstigen wirtschaftlichen Ver⸗ hältnissen. Die Staatsanwaltschaft ordnete die Ausgrabung aller vier Leichen an. Es ergabssich, daß schon die Erde in der Nähe der vier Gräber mit Arsenik durchsetzt war. Die ärzt⸗ liche Untersuchung ergab auch, daß alle vier Männer soviel Arsenik genossen hatten, daß sie sterben mußten. Da ein erkennbarer Be— weggrund zu diesem fürchterlichen Verbrechen nicht vorhanden ist, die Tatsachen aber trotz beharrlichen Leugnens gegen Frau Przygodda sprechen, so zweifelte man zunächst an der geistigen Zurechnungsfähigkeit der Frau. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde sie längere Zeit in der Provinzial-Irrenanstalt Kortau beobachtet. Es ergab sich jedoch, daß sie voll⸗ ständig geistig gesund ist. Sie ist deshalb in das Untersuchungsgefängnis wieder zurück— gebracht worden und hat sich nun wegen vier vollendeter und eines versuchten Mordes zu verantworten. Es waren drei Tage für die Verhandlung angesetzt. Das Urteil, das am 19. Junt gefällt wurde, lautet: Die Angeklagte, Besitzersfrau Przygodda, wird dreier Gatten⸗ morde für schuldig erachtet. Der Gerichtshof erkannte demgemäß dreimal auf Todes⸗ strafe und Ehrverlust. Gegen das Urteil ist von der Verurteilten Revision angemeldet worden.
Vom serbischen Königsmord.
Die Militärverschwörung in Serbien soll nur in Folge eines Zufalls nicht vor
Ausführung der Morde bekannt geworden sein. Vor einigen Tagen jagte sich der Oberstleutnant Schiwkowitsch in selbstmörderischer Abficht eine Revolverkugel in den Kopf. Trotzdem kleine Gehirnfasern herausgetrieben wurden, blieb er wie durch ein Wunder am Leben. Man be⸗ zeichnete damals als Grund des Selbst⸗ mordversuches finanzielle Kalamitäten. Nun kennt man die wahre Ursache. Oberstleutnant Schiwkowitsch schickte, so berichtete die„Frankf. Ztg.“, am Vorabend des Attentates, am 10. Juni, mittags, einen Brief mit voller Unterschrift an den König, in dem er genau den Plan des Ueberfalles angab, alle Namen der Verschwörer verriet und auch den Zeitpunkt des Ueberfalles mitteilte. Der König empfing im Moment grade eine Deputation, steckte den Brief uneröffnet in seine Generalsblouse und 5 gänzlich, ihn später zu eröffnen. So fand man auch am 19. Juni den Brief in der Blouse, und nach der Eröffnung des Briefes erfuhr man den wahren Grund des Selbstmord⸗ versuches des Oberstleutnants Schiwkowitsch.
b Unterhaltungs-Ceil. J
ee 4
Der Zukunft entgegen!
Der Sturm jauchzt durch den Frühlingswald, Wo junge Knospen schwellen.
Und rüttelt aus dem Winterschlaf
Mit seinen Kampfgesellen,
Was weit und breit noch nickt und gähnt, Den Lenz noch fern und kraftlos wähnt.
Goldpfeile schwirren durch's Gezweig:
Es gischt und braust und wettert...
Der Lenz rückt zum Bastillensturm,
Ver alles niederschmettert,
Was bannen will die freie Kraft,
Die jubelnd neues Leben schafft.
So naht der Menschheit Frühling einst,
Weckt stolzes Siegeshoffen,
Uns're Rerzen stehen dann
Der Wahrheit Sonne offen.
Schon glänzt der Sukunft Frührotschein,
Die maienfrisch bald bricht herein! Heinrich Berg.
Auch ein Bild aus dem Rechtsstaat e. Eine Irrenhausgeschichte.
6(Fortsetzung.) Abends gab es viermal in der Woche Magarinesuppen, einmal Speck, Sonntags
Limburger Käse oder Leberwurst. Auch wurde täglich 1 Schoppen dünnes aber frisches Bier ausgegeben. Die Verpflegungskosten machten laut Statuten jährlich 260 Mk., doch wurden auch Ausnahmen gemacht, und für eine und dieselbe Verpflegung höhere Preise genommen. So mußte mein Vormund jährlich 480 Mark zahlen. Einige Andere zahlten für die erste Klasse teils weniger, teils ebensoviel, selten mehr, nur wenn es vornehmere Leute waren.
Im Anfang meines Aufenthaltes miß⸗ trauten mir die Wärter sehr, da sie an mir sonst nichts fanden und die in den Akten ange⸗ kündigten Wutanfälle erwarteten. Als sie jedoch sahen, daß diese überhaupt nicht vorkamen und sie meinethalben keine Mühe hatten, im Gegen⸗ teil ich ihnen durch Arbeit Erleichterung schaffte befreundeten sie sich allmählich mit mir und war der Verkehr mit denselben nur durchaus freundschaftlich. Dies kann ich sogar vom Direktor sagen, abgesehen von seinem feind⸗ seligen Amt, daß er gegen mich verwaltete, bezüglich dessen ich seine Leistungen keineswegs anerkannt habe; im näheren Verkehr war er aber durchaus nicht boshaft gesinnt. Die Wärter, ebenso der Gärtner ließen mich Kränze zu Begräbnissen machen und vergüteten mir einen Geldbetrag, was jedoch sonst verboten war. Ich ließ mir für das Geld Guitarresaiten be⸗ schaffen, spielte und sang abends, manchmal
von Wärtern und besseren Pfleglingen begleitet. Dies wurde mir vom Direktor nicht verboten.
Letzterer war aber nicht immer rosiger Laune. Eines Morgens sah er mich Kränze winden. Mittags war Begräbnis eines Wärter⸗ kindes und ein Pflegling(auch Strümpfestricker wie ich) half mir mit Grün ordnen. Da frug er:„Für wen sind die Kränze?“ Ich ant⸗ wortete:„Für Herrn Dr. K., den Herrn Apotheker ꝛc.“„Für das Geld?“ Ich hatte nämlich zuvor für 8 Kränze zu winden Mk. 1.55 erhalten.„Das könnten Sie auch über Feier⸗ abend machen, fuhr er fort, anstatt daß zwei Mann von der Arbeit abgehalten werden.“ Ich entgegnete ihm, daß sich lebende Blumen am Morgen vor der Leiche verarbeitet, in Kränzen am frischesten erhielten; worauf er sich entfernte. Ein anderes Mal nach dem Fluchtversuch, wo er mich in die unterste Magazinzelle sperren ließ, höhnte er mich, ich sei nicht fähig, ein Geschäft zu führen und könne überhaupt keinen Brief schreiben. Freilich in der Zelle konnte ich das allerdings nicht und erwiderte:„Derartige Bemerkungen können Sie sich hier schon leisten.“ Einmal beschwerten sich Pfleglinge über das schlechte Essen, da sagte er ihnen:„Ihr seid ja nicht da zum Lange⸗ leben, sondern zum Ableben.“— In den ersten 2 Jahren meines dortigen Aufenthaltes schrieb ich öfters an meine Schwester, mich doch zu holen, oder wenigstens zu besuchen, weil ste jedes Jahr ein oder zwei Sendungen machte; sie vertröstete mich aber nur. Daß sie Schuld an meiner Internierung war, wußte ich da noch nicht. Dazwischen bat ich schriftlich meinen
Vormund um einige Tage Aufnahme, damit
ich im Sommer wenigstens einen Versuch zur Arbeitserwerbung machen könne, aber auch der hielt mich hin.— Schließlich erfuhr ich, daß eine einfache Bürgschaft zur Freilassung genügend sei, auch ohne Bewilligung des Vormundes oder der Verwandtschaft. So schrieb ich an einen Freund. Dieser besuchte mich bald, und fuhr mit seiner Frau und einem Nachbar am nächsten Sonntag mit eigenem Gespann zum Hospital, trotz des strömenden Regens. Mein Freund erhielt zwar beim Direktor die Erlaubnis mich zu besuchen, seine Frau und der Nachbar wurden jedoch zurückgewiesen. Auch durfte mein Freund das erste Mal einen daselbst internierten Bekannten nicht sehen, weil er so krank sei, wie man ihm sagte, daß 2 Wärter bei ihm sein müßten, was noch niemals der Fall gewesen ist.— In den ganzen 4 Jahren und 2 Monaten meiner Internierung lernte ich noch andere kennen, von welchen ich absolut nicht begreifen konnte, weshalb dieselben inter⸗ niert waren.— Die Besuche des Direktors Dr. T. mit seinen Studenten hatten für gesunde oder genesene bezw. auf dem Wege der Genesung befindlichen Pfleglinge gar keinen Wert. Er bekümmerte sich hauptsächlich um Abnormitäten bezw. Kopfbildungen von Mißgeburten ꝛc., seine sogenannte„Pathologie“. Wohl ging er mit den Leuten die Anstalt hindurch und kam auch einmal in die kleine Abteilung wo ich war. Ich fragte ihn ruhig:„Nicht wahr, Herr Medizinalrat, man muß lebenslänglich hier bleiben, oder gibt es auch eine Aussicht, daß man endlich entlassen werden kann?“ Da sah er mich scheu an und sagte:„Wenn Ihr Zu⸗ stand derartig ist, daß Sie entlassen werden können, dann wird man Ihnen Urlaub erteilen.“ Ich erwiderte ihm, daß ich darum bitte, ent- lassen zu werden, oder mindestens einen Urlaub zu erhalten. Während dessen retirierte er all⸗ mählich die Türe hinaus und der Treppe zu, und sah halb nach mir als ob er sich vor mir fürchtete, während ich doch ruhig sprach und ihm langsam nur bis zur offenen Türe not⸗ wendigerweise folgte, um verstanden zu werden. Bei meinen letzten Worten war er schon halb die Treppe hinunter, als ob er ein schlechtes Gewissen hätte. Dann habe ich nichts mehr von ihm gehört. Die Revisionen hatten ebenso wenig Erfolg. Während der ersten 2 Jahre
meines Dortseins habe ich nur ein einziges Mal den Landesdirektor sprechen können, betreff Urlaub gegen Bürgschaft meines Freundes. Die beiden Revisoren, welche im Juli 94 ein⸗ mal durchkamen, kannte ich nicht, wußte daher


