Ausgabe 
28.6.1903
 
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Nr. 26.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung

Seite 3.

Nicht weniger wie 1012 Versammlungen fanden an

jedem Abend in den verschiedenen Dörfern statt. Aus allen möglichen Himmelsrichtungen hatte Herr v. Gerlach seine Gehi fen herbeigeholt und als Redner auftreten lassen, jedoch nicht immer mit dem gewünschten Erfolg, nameutlich, wenn der rote Bader dazwischen kam. Noch am Vorabend der Wahl versuchten die Gerlachianer den Sozialdemokraten ein Schnippchen zu schlagen, indem sie eine große öffentliche Versammlung in Marburg und je eine in Cölbe und Ocker shausen abhielten, um dadurch die sozialdemokratische Versammlung, welche am gleichen Tage in Marburg stattfand, zu sprengen. Aber weit gefehlt. Die sozialdemokratische Versammlung war von 450 Personen besucht! Bader sprach unter großem Beifall und schilderte u. a. seine Erlebnisse in der Wahlbewegung. Cbenso stark besucht war auch die nationalsoziale Versammlung, in der v. Gerlach sprach. Dagegen konnte die nationalsoziale Versammlung in Cölbe nicht abgehalten werden, da nur 9 Personen erschienen waren. Eine wenige Tage vorher stattgefundene sozialdemokratische Versammlung war dagegen von 80 Personen besucht. Ebenso erging es ihnen in Ockershausen, wo die Versammlung zwar gut besucht war, die Rede des Nationalsozialen jedoch sehr kühl aufgenommen wurde.

Aber auch wirRoten glauben unsere Schuldigkeit in Bezug auf Agitation getan zu haben. Zwar hatten wir nicht nötig, wie es Herr v. Gerlach getan hat, an jedem einzelnen Wähler im ganzen Wahlkreis Flugblätter und Stimmzettel per Post zu schicken. Umso mehr haben sich aber die Genossen an der Ver⸗ teilung von Flugschriften in anerkennenswerter Weise beteiligt. Und der Erfolg ist auch nicht ausgeblieben, indem unsere Stimmen um 200 Prozent(1898: 38 Pro⸗ zent) zugenommen haben.

Eine von 160 Personen besuchte Parteiversamm⸗ lung fand am letzten Samstag statt, um zu der Stich⸗ wahl zwischen dem konservativen v. Pappenheim und dem nationalsozialen v. Gerlach Stellung zu nehmen. Der Zweck der Versammlung hatte viele Neugierige herbeigelockt. Auswärtige Genossen waren von Kirch⸗ hain, Cölbe, Ockershausen und Cappel durch Abgesandte vertreten. Nachdem der Vertrauensmann je ein Schreiben, welches sich auf die Stichwahl bezog, vom Parteivorstand, von unserem Kandidaten P. Bader und von Herrn Professor Rathe verlesen hatte, entwickelte sich über unsere Stellung zur Stichwahl eine sehr leb⸗ hafte Debatte. Das man nicht für den Konservativen stimmen konnte, war ja selbstverständlich. Der Haupt⸗ punkt drehte sich darum, ob man für den National⸗ sozialen stimmen sollte. Genosse Dr. Michels, der das einleitende Referat übernommen hatte, beleuchtete noch einmal das flottenschwärmerische Benehmen der sogenannten Nationalsozialen, brachte auch einige Blüten aus der Hessischen Landeszeitung und den national⸗ sozialen Flugblättern zur Verlesung und kam zum Schluß zu der Ueberzeugung, daß man einen Mann, der für jede Heeres⸗ und Flotten⸗Vorlage stimmt, der ferner sich nicht gescheut hat, in seinen Flugblättern die infame Lüge zu verbreiten, die Sozialdemokraten wollten den Bauern sein bißchen Hab und Gut weg⸗ nehmen, daß man diesem Mann bei der Stichwahl seine Stimme nicht geben kann. Im gleichen Sinne sprachen die Genossen Abel, Weiershäuser, Wolf aus Marburg und Genosse Wedemann aus Cölbe. Genosse Wagner aus Kirchhain war jedoch dafür, daß man in der Stichwahl seine Stimme Herrn v. Gerlach geben könnte. Es fand eine geheime Abstim ung statt, an der sich nur Parteigenossen beteiligen durften. Die Abstimmung hatte folgendes Resultat: 23 waren für das Eintreten für Herru v. Gerlach, 73 für Stim⸗

menenthaltung, 5 Zettel ungültig. Der Vertrauens⸗ mann ermahnte darauf die Parteigenossen, den Beschluß strikte durchzuführen, da dieser Beschluß auch den Ge⸗ nossen in den entferntesten Orten mitgeteilt werde.

Im Verschiedenen wurde die jetzt zu betreibende Agitation im Wahlkreise besprochen. Das noch be⸗ stehende Wahlkomitee wurde beauftragt, einen Entwurf auszuarbeiten, über den dann in einer am Samstag den 4. Juli stattfindenden Parteiversammlung beraten werden soll.

Ockershausen gab bei der Wahl von 1898 nur 18, dagegen bei der letzten Wahl 101 sozialdemo⸗ kratische Stimmen ab, während alle anderen Kandidaten

nur 68 Stimmen auf sich vereinigten. Den Vorsitzenden

des dort bestehenden VereinsKriegerkamerad⸗ schaft hat sich furchtbar geärgert, daß seineKame⸗ raden rot gewählt haben. Das mußte gerochen werden. Er berief deshalb am letzten Sonntag eine Versamm⸗ lung des Vereins ein, in der er eine Vernichtungsrede gegen dieroten Kameraden hielt. Natürlich wurden dann dieroten Kameraden ausgeschlossen; auch will der Herr Vorsitzende Becker ein besonderes Augenmerk auf diejenigen Kameraden richten, die dieMitteldeutsche Sonntagszeitung lesen. Der Herr Vorsitzende Becker wird gut thun, wenn er alle Kameraden vom Verein ausschließt, da derselbe doch nur aus Arbeitern besteht und diese mit denroten Kameraden gleiche Interessen haben und voran treten müssen. Aber auch der andere VereinKriegerverein hatte unter der roten Wahl zu leiden. Derselbe wollte am Sonntag sein Krieger⸗ fest feiern. Wie man hört, soll der Landrat dem Kriegerverein das Mitnehmen der Fahne auf dem Feste verboten haben, warum? weil die Kerle sozialdemokratisch gewählt haben sollen.

Wahlmogelei. Verschiedene Klagen sind dem Wahlkomitee zugegangen, daß die Vorschriften des Wahl⸗

gesetzes nicht beachtet wurden. Soz. B. hat der Bürger⸗

meister in Bensdorf für seinen Knecht gestimmt. Außer⸗ dem sollen in verschiedenen Orten die Wählerlisten nicht vorschriftsmäßig ausgelegen haben.

Kleine Mitteilungen.

l Gerichtsvollzieher Schmitt aus Beer⸗ felden wurde vom Schwurgericht in Darmstadt wegen Verbrechens im Amte unter Zubilligung mildernder Um⸗ stände zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr ver⸗ urteilt.

* Steckbrieflich verfolgter Pfarrer. Der Würzburger Untersuchungsrichter erließ einen Steck⸗ brief gegen den katholischen Pfarrer Kirchner, geb. 1861 in Kirchlauter an den Haßbergen, zuletzt in Hausen am Main, wegen betrügerischen Bankrotts und Unterschlagung. Es wird vermutet, daß Kirchner sich in die Schweiz geflüchtet hat.

e Ein Prügelkaplan. Aus purer chrislicher Nächstenliebe hat der Kaplan Wolpert in Lechhausen beim Religionsunterricht den siebenjährigen Knaben einer Arbeiterswitwe derart mit dem Stock mißhandelt, daß der Junge zwei Stunden bewustlos liegen blieb. Der Diener Gottes wird sich vorläufig vor demirdischen Richter zu verantworten haben.

Partei-Nachrichten.

3 Monate wegen Stöcker⸗ Beleidigung.

In dem Prozeß wegen Beleidigung Stöckers wurde Genosse Noske, Redakteur unsres Königsberger Partei⸗ blattes zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Gerichtshof nahm an, daß Stöcker in dem Prozeß Ewald objektiv etwas Un wahres gesprochen habe;

es sei aber in keiner Weise erwiesen, daß er wissentlich oder fahrlässig einen Meineid geleistet habe. Mit Rücksicht auf die Schwere der Beleidigung sei, wie geschehen, erkannt worden.

Ein Jahr Gefängnis wegen Majestäts⸗ beleidigung! Wegen Mapjestätsbeleidigung, die in einer Notiz derPosener Volkszeitung begangen sein soll, ist der verantwortliche Redakteur der Breslauer Volkswacht, Genosse Ludwig Radlof, Dienstag vormittag von der ersten Strafkammer des Breslauer Landgerichts zu der furchtbaren Strafe von ein em Jahre Gefängnis verurteilt und wegen Fluchtverdachts sofort verhaftet worden. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt.

Der Gerichtshof führte in der Begründung aus, daß der Ausfall der Wahlen felbstverständlich ohne Einfluß auf die Höhe der Strafe sei, daß jedoch die vergiftende Wirkung solcher Majestätsbeleidigung eine scharfe Sühne erheischt. Deshalb wurde auf die furchtbar hohe Strofe erkannt.

Briefkasten. Wieder mußten mehrere Einsendungen zurückgestellt

werden. Versammlungskalender mußte ebenfalls zurück⸗ bleiben.

Die Stichwahlen.

Daß von den 122 Kreisen, in denen unsere Partei in der Stichwahl stand, uns nur wenige würden, wußten wir im voraus. Die Sozial⸗ demokratie hat in der Stichwahl stets mit den gesamten Gegnern zu kämpfen, nur in den seltensten Fällen kommt ihr eine bürgerliche Partei zu Hilfe. Mehr als den vierten Teil der 122 Kreise konnten wir nicht zu gewinnen erwarten und so ist es denn auch gekommen. Bis jetzt hat unsere Partei in 26 Kreisen ge⸗ siegt, so daß die Gesamtzahl der sozialdemo⸗ kratischen Mandate sich auf 82 beläuft. Leider haben wir einige schmerzliche Verluste zu ver⸗ zeichnen, denen allerdings erfreuliche und zahl⸗ reiche Gewinne gegenübersteheu. So haben wir Offenbach, Hanau und Fürth ver⸗ loren; Höchst nicht gewonnen, was wir gehofft hatten. Großartig haben wir in Sachsen abgeschnitten. Ganz Sachsen, mit Ausnahme eines einzigen Kreises Bautzen, wo der Antisemit gewählt wurde gehört der Sozialdemokratie! Leipzig⸗Stadt wählte unseren alten Motteler, denroten Post⸗ meister, Knuten⸗Oertel wurde von unseren Ge⸗ nossen Schulze hinausgeworfen. Borna und Oschatz fiel uns ebenfalls zu. 15

Ferner wurden Sozialdemokraten gewählt: Königsberg: Haase; Stettin: Herbert; Frankfurt a. O.: Braun; Breslau: Tutz⸗ auer; Magdeburg: Pfannkuch; Flensburg: Mahlke; Lennep: Meist; Bochum: Hus; Dortmund: Bömelburg; Frankfurt a. M.: Schmidt; Mannheim: Dreesbach; Karls⸗ ruhe: Geck; Pforzheim: Eichhorn; Eßlingen: Schlegel; Böblingen: Sperka; Göppingen: Lindemann; München 1: Birk; Ludwigs⸗ hafen: Ehrhardt. Mainz: Dr. David.

In Alsfeld fiel der Antisemit Bindewald durch; in Marburg wurde der Nationalsoziale v. Gerlach gewählt; in Friedberg siegte Graf 1 510 in Wetzlar ebenfalls der Nationalliberale

ramer.

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