Ausgabe 
28.6.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 26.

fahren. In allen in Betracht kommenden Orten mit alleiniger Ausnahme von Londorf stieg unsere Stimmenzahl ganz bedeutend. Mainzlar von 11 auf 23; Kesselbach von 5 auf 26; Trais a. d. L. von 11 auf 24; Allendorf von 13 auf 26 ꝛc. Das schaut gerade nicht nachAbscheu aus!

An meine Wähler!

Die Wahl ist, wie zu erwarten war, zu Gunsten der liberalen Partei ausgefallen. Sie hat es durch die fast ausnahmslose Unterstützung der Antisemiten auf über 10% Tausend Stimmen gebracht. Ich finde es ganz natürlich, daß alle bürger⸗ lichen Parteien einig und geschlossen gegen uns vorgingen. Und nicht allein die Par⸗ teien, Beamtentum, Gewerbe- und Kriegervereine, Unternehmer, Geistliche, Lehrer, Bürgermeister, Polizeidiener, Nachtwächter, die ganze bürgerliche Presse sie alle haben gegen uns Partei genommen und nicht immer zeugten diegeistigen Waffen der Gegner von Bildung und Wahr⸗ heitsliebe.

Und trotzalledem für dievaterlands⸗ lose Sozialdemokratie nahezu 8000 Stimmen, und zwar aus eigner Kraft. Wir haben keinen Gegner um seine Stimme gebeten, wir haben auch den Wahlkampf unpersönlich und an⸗ ständig geführt. Nicht immer war uns dies leicht gegenüber den Provokationen, namentlich der liberalen Presse. Ebenso erfüllt es uns mit Genugtuung,

daß wir im Wahlkampfe unsere prinzi⸗

piellen Ziele immer und immer wieder betont haben. Jawohl, wir haben hunderte Mal erklärt, daß wir die kapitalistischen Produktionsmittel enteignen wollen; daß wir Republikaner sind usw. Und doch sind wir weitaus die stärkste Partei geworden. Nur noch der Zusammenschluß der bürgerlichen Krethi und Plethi, vom Bund der Landwirte bis hinüber zur GießenerDemokratie konnten das Mandat für die Kapitalisten retten.

Und nun Genossen, frisch ans Werk, sammelt und stärkt unsere Organisation, herein in die Gewerkschaften, in die Wahlvereine! Bedenkt, welche Massen noch den Tanz ums goldene Kalb mit⸗ machen; diesen irregeleiteten Brüdern aus den Kleinbauern- und Arbeiterstande müssen wir Aufklärung und Klassen gefühl beibringen. Sofort muß damit begonnen werden.

Und zum Schluß herzlichen Dank allen den braven Genossen, die als Redner, Flugblattverteiler und sonstwie für unsere Partei gearbeitet haben. Nicht umsonst haben wir gearbeitet, große Erfolge sind uns geworden! Daß auch im Gießener Wahlkreise in absehbarer Zeit das rote Banner siegreich weht, dafür wollen wir wie bisher fleißig und treu zusammen arbeiten.

Hoch die internationale Sozialdemokratie!

Gießen, den 26. Juni 1903.

Eduard Krumm.

175 Bei der Stichwahl im Wahlkreise Gseßen ist unsere Partei unterlegen. Unser Genosse Krumm erhielt gach vorläufiger Zählung 7833 Stimmen, während der Misch⸗

maschkandidat Heyligenstaedt es auf 10700 brachte, also eine Mehrheit von beinahe 3000 Stimmen erhielt. Vergleicht man das Stich⸗ wahlresultat mit dem der Hauptwahl, so ergibt sich, daß was übrigens vorauszusehen war sämtliche antisemitische Stimmen den Liberalen zugefallen sind. Die Hauptwahlstimmenzahl unserer beiden Gegner zusammen, ergiebt 10478 Stimmen, fast auf's Haar genau die gleiche Zahl, die Heyligenstaedt erhielt. Die 1500 Stimmen, welche wir gegen die Hauptwahl mehr erhielten, sind unsere Reserven; wir haben sie aus eigener Kraft aufgebracht. Heyligenstaedt ist Reichstagsabgeordneter. Man wird von seiner Tätigkeit als solcher so wenig oder noch weniger hören, als von der des Herrn Köhler. Es wird das letzte Mal sein, daß die Bürger⸗ lichen den Gießener Wahlkreis gewinnen! Wir sind mit der Zunahme unserer Stimmen bei der Haupt⸗ und bei der Stichwahl zufrieden, sie bürgt uns dafür, daß wir bei der nächsten Wahl den Sieg erringen.

Trotzdem das Organ Hirschels die antisemitischen Wähler zur strikten Stimmen⸗ enthaltung aufforderte und Köhler ebenfalls Kundgebungen in diesem Sinne losließ, sind die Antisemiten sämtlich ins Lager des Misch⸗ masches übergelaufen. Das zeigt, daß von Disziplin bei den Reformern keine Spur vor⸗ handen ist. An den Resultaten der einzelnen Orte, auf die wir in der nächsten Nummer nachmals zurückkommen wollen, erkennt man sehr deutlich, daß Stim menenthaltung nur ver⸗ einzelt geübt wurde. Eine Anzahl Orte haben für unsere Partei ein geradezu glänzendes Er⸗ gebnis geliefert. Wieseck, Steinberg, Staufen⸗ berg, Lollar, Heuchelheim, Leihgesteru, Großen⸗ Buseck, Alten⸗Buseck, Reiskirchen und andere haben sich recht tapfer gehalten. Es muß unsere Aufgabe sein, unsere Organisation weiter auszustatten, damit wir das nächste Mal besser gerüstet sind und dem amtlichen Apparat, deren Tätigkeit den Sieg des Mischmasches herbei⸗ führte, das nötige Gegengewicht bieten können.

Die Kampfesweise des Misch⸗ masch⸗Organs, desGieß. Anzeigers war während der Wahlbewegung eine geradezu skandalöse. Die unglaublichsten Dinge, die gröbsten Schwindeleien wurden in die Welt gesetzt. In der pöbelhaftesten und dabei höchst plumpen Weise wurde unsere Partei beschimpft und verleumdet. Bald fabelte das Amtsblatt von sozialdemokratisch-antisemitischen Kom- promiß, vald brachte es Schauergeschichten über sozialdemokratische Ausschreitungen. Einzelne Blüten wollen wir uns gelegentlich noch etwas genauer ansehen. Hätte für Heyligenstgedts Wahl nicht die Beamtenschaft wie toll ge⸗ arbeitet, die Tölpelhaftigkeit der Amtsblatt⸗ Tintensklaven hätte unweigerlich seine Nieder lage herbeigeführt.

Einebittere Enttäuschung sollen wir nach demGieß. Anz. an dem Wahlergebnis im Wetzlarer Kreis erlebt haben. Das Amtsblatt schrieb bet Mitteilung des Resultats von Wetzlar:

Bitter enttäuscht sind die Sozialdemokraten, die sicher hofften, in die Stichwahl zu kommen. Während sie 1898 einen Stimmenzuwachs von etwa 125 Prozent hatten, haben sie diesmal nur einPlus von 599 Stimmen. Die 3106 sozialdemokratischen Stimmen sind mit einer Ausnahme von 120 im Kreise Wetzlar angegeben worden.

Unsere Genossen haben sich keineswegs der Hoffnung hingegeben, in die Stichwahl zu gelangen und konnten das gar nicht, wenn man sich die Stimmenzahl der Nationalliberalen und des Zentrums von 1898 vor Augen hält, von denen der eine 6100 und der andere 5200 erhielt. Wir sind mit unseren Erfolgen in Wetzlar, wo wir einen Zuwachs von mehr als 25 Prozent zu verzeichnen haben, sehr zu frieden.

Ebenso unrichtig ist es, wenn der elnzeiger von einerschweren Niederlage spricht, die wir in Frankfurt erlitten haben sollen. Gewiß, glänzend ist das Frankfurter Resultat für uns nicht, aber eineNiederlage sieht denn doch ein bißchen anders aus.

Zahlreiche Wählerversammlungen haben unsererseits in der Zwischenzeit von der Haupt⸗

wahl bis zur Stichwahl stattgefunden. Genosse Kru m m sprach in Londorf, Annerod, Göbelnrod, Queckborn, Bersrod, Beuern, Harbach. Ferner fanden Versamm⸗ lungen statt in Oberschmitten, Unterschmitten, Kohden, Odenhausen, Trais a. d. L., Ettingshausen, Merlau, Grünberg, Nidda, Großen⸗Buseck, Wieseck, Bingenheim und Echzell. In diesen Orten waren die Genossen Bartels, Spar r-Darmstadt, Dr. Michel s-Marburg, Trott⸗Haiger und Vetters die Rebner. Ueberall hatten die Versammlungen zahlreichen Besuch aufzuweisen und die Ausführungen unserer Redner wurden beifaͤllig aufge⸗ nommen. In einigen dieser Versammlungen traten Gegner auf. So hat derliberale Rechtskonsulent Jöckel am Sonntag in Queckborn unserm Genossen Bartels entgegen, der ihn natürlich gehörig heimleuchtete.

Ebenso erging es dem jungen Herrn in Grünberg, wo er in der am Mittwoch stattgefundenen, von über 200 Personen besuchten Versammlung das Wort ergriff. Dort hatten unsererseits Sparr⸗Darmstadt und Bartel s⸗ Berlin gesprochen. Die treffenden Ausführungen derselben über die indirekten Steuern, den Reichshaushaltsetat, das stehende Heer ꝛc. suchte Herr Jöckel durch nicht blos langweilige, sondern inhaltslose Redereien und unwahre Behauptungen zu entkräften. Von Bartels wurde er aber derart abgeführt, daß er selbst klein beigab.

In den von uns anberaumten Versammlungen in Bingenheim und Echzell am Dienstag und Mittwoch traten unsern Genossen Vetters, der dort sprach, ebenfalls Gegner entgegen. Pastor Hildebrand aus Echzell erschien mit noch einigen nationalliberalen Herren, die ihrepatriotischen Pauken losließen. Vetters fertigte sie gründlich ab. Wir kommen auf einzelne Episoden noch zurück.

5 Kreisfest. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich ist und von uns übrigens schon früher mitgeteilt wurde, findet das erste Partei-Kreisfest am Sonntag, den 5. Juli in Trohe statt. Damit verbunden ist das Stiftungsfest und Fahnenweihe des Arbeitergesangvereins. Es ist, wie bemerkt, das erste Mal, daß wir in unserem Kreise ein Kreisfest veranstalten. Im Offenbacher und Darmstädter Wahlkreise pflegen unsere Genossen schon seit langer Zeit alljährlich ihr Kreisfest zu feiern. Bei solchen Veran⸗ staltungen kommen zahlreiche Genossen aus den verschiedensten Ortschaften zusammen, lernen sich kennen, tauschen ihre Ansichten aus und das ist für unsere Agitation und Organisation zweifellos von größtem Nutzen. So hat auch unser Fest seinen agitatorischen Wert, wenn es auch zunächst bestimmt ist, unsern Freunden nebst ihren Familien ein paar frohe Stunden zu bereiten. Es darf wohl die Erwartung ausgesprochen werden, daß die Genossen des Gießener Wahlkreises und auch der Nachbarkreise sich recht zahlreich in Trohe einfinden. Da. Komitee wird alles tun, um ihnen den Aufenthalt dort angenehm zu machen und wenn wir, was wir hoffen wollen, gutes Wetter haben, so wird es ein herrliches Fest geben. Die Festrede wird Genosse Stadt⸗ verordneter Krumm halten.

Auch im dritten nassauischen Wahlkreise (St. Goarshausen⸗Montabaur) haben die sozialdemo⸗ kratischen Stimmen eine ganz respektable Zunahme auf⸗ zuweisen, was dort umsomehr in's Gewicht fällt, weil dieser Kreis mit zu den unbestrittensten Zentrums⸗ domänen gehört. Bei den drei vorhergegangenen Wahleu blieb unsere Stimmenzahl immer zwischen 650 und 700. Bei der diesmaligen Wahl erhielt Gen. Vetters 975 Stimmen. Der Zentrumsmann Dahlem wurde natürlich gewählt, wenn auch nur mit schwacher Mehr⸗ heit. Er erhielt 10,524, der Nationalliberale 5328 und der Kandidat des Bundes der Landwirte 4075. Unsere Genossen konnten nur eine geringe Agitation entfalten, sie mußten sich einzig auf die Verteilung eines Flugblattes beschränken. Versammlungslokale sind nur in 2 Orten des ausgedehnten Kreises zu haben. Der Wahlkreis Limburg weist eine verhältnis⸗ mäßige geringere Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen auf, trotz der rührigen Agitation die unsere Genossen entfalteten. Genosse Habicht brachte es nur auf 1900 Stimmen gegen 1829 im Jahre 1898. Der Zentrumsmann Cahensly, der bisherige Abg., ist der Stichwahl dem Nationalliberalen Buchsieb unterlegen.

Aus dem Nreise Marburg-NRirchhain.

R. Nachträgliches von der Wahlbewegung. In den letzten 8 Tagen vor der Reichstagswahl wurde in unserem Wahlkreise eine Agitation entfaltet, die wohl

einzig im ganzen Regierungsbezirk Kassel dasteht.

Namentlich waren es die sogenannten Nationalsozialen, welche den Wahlkreis mit Versammlungen überschwemmlen.