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Nr. 26.

Mitteldentsche Sonntags ⸗Reitung.

Seite 3.

hat die Kampfesweise derKorrespondenz die Sozialdemokratie nur gefördert. Das Blatt ergeht sich in wilder Hetze nicht nur gegen die befehdete Partei selbst, sondern auch gegen diejenigen Organe, die in ruhiger, sachlicher Weise die Bekämpfung dieser Partei sich zur Ehrenpflicht anrechnen, dabei aber nicht in das Horn derAntisozialen Korre⸗ spondenz stoßen. DieKorrespondenz treibt ein Denunziantentum, das sich nicht nur gegen einen angeblichen Geheimbund innerhalb der Sozialdemokratie richtet, der sich schließlich als eine unschuldige Ver⸗ trauensmännerorganisation entpuppte, sondern auch gegen die bürgerliche Presse und schwächt sie in ihren Vorstößen gegen die Sozial⸗ demokratie. Wahrlich, die letzten Wahlen sollten zur Genüge gezeigt haben, daß der von derKorrespondenz betretene Weg ein

Irrweg ist.

Also:Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan! Braucht man ihn aber wieder einmal, wird man ihn wieder holen, denn einem solchen Menschen ist es gleichgültig, wie man ihn be⸗ handelt, er sieht blos auf Bezahlung, wie jeder Preßkuli der Kapitalisten, mag er nun in einem Amtsblatte sein Wesen treiben oder auf eigene Rechnung arbeiten.

Wie man Sozialdemokrat wird.

Ein alter Handwerker und Geschäftsmann schreibt dem HalleschenVolksblatt: 1. Als Sohn eines Demokraten von 28 glaubte ich, als ich wahlberechtigt war, mich an die da⸗ malige Fortschrittspartei anschließen zu müssen. Das habe ich getan, so lange ich wählen konnte. Ja-Sager mochte ich nicht wählen, weil ich da eine Wahl überhaupt für überflüssig hielt. Als meine erwachsenen Söhne, welche brave Menschen geworden sind, vom Militär und aus der Fremde zurückkamen, waren sie echte Sozial⸗ demokraten geworden, weshalb ich mich mit ihnen veruneinigte. Nun aber, nachdem ich durch Verluste im Geschäft, Krankheit in der Familie und verschiedene Unglücksfälle fast an den Bettelstab kam und sogar Armen⸗ unterstützung annehmen mußte, kam ich zur

Erkenntnis, daß meine Söhne, welche mich jetzt

in meiner Armut von ihrem bescheidenen Ein⸗ kommen freudig unterstützen, doch recht hatten, Sozialdemokrat zu werden. Nun bin ich auch Sozialdemokrat, aber ohne Stimmrecht, weil ich Armenunterstützung in Anspruch nehmen muß. Vielleicht kann noch mancher aus dem Mittelstande, zu welchem ich mich rechnete, zur richtigen Erkenntnis hierdurch kommen, ehe es auch bei ihm zu spät wird. 2. Ich habe einen Bruder, welcher im Anfange der fünf ziger Jahre steht. Seine Profession kann er noch recht gut versehen. Er beklagte sich, daß er mit mehreren Altersgenossen außerhalb Halle Arbeit suchen müsse. Hier war ihnen von einem sehr patriotischen Unternehmer zu ver⸗ stehen gegeben worden, sie sollten einen Strick nehmen oder ins Wasser gehen. 3. Einer meiner Bekannten hatte einen wohlgepflegten Vollbart, der sein Stolz war. Als ich ihn kürzlich ohne Bart traf und ihn kaum wieder erkannte, bekam ich auf meine Frage, wo er den Bart gelassen habe, die Antwort:Ja, der fing an grau zu werden; da mußte er fallen; sonst nimmt mich keiner in Arbeit.

Noch ein sozialdemokratischer Bürgermeister.

In Grüwinkel in Baden ist am Freitag der zweite sozialdemokratische Bürgermeister in Baden gewählt worden. Da in Baden die Bürgermeister nicht die Bestätigung der Regierung bedürfen, so ist diese Wahl eine definitive.

Deutsche Rechtsprechung.

Wegen was alles man heutzutage verurteilt werden kann, zeigte ein Prozeß in Berlin. Von der Strafkammer des Landgerichts dort⸗ selbst wurden am 18. Juni die Maurer Schmitt und Heinrich wegen Zertrümmerung einer Kaiser büste in einer Wirtschaft zu je

Jahren Gefängnis verurteilt. Von

dengbeiden Belastungszeugen wurde nun einer, namens Loesch, beeidigt, obgleich er zugeben mußte, daß er mit den Angeklagten ver⸗ feindet war und selbst nichts gesehen hatte. Er will vielmehr von dem anderen Zeugen namens Klamm auf den Vorgang be⸗ zügliche Mitteilungen erhalten haben. Klamm bestritt entschieden, diese Mitteilung gemacht zu haben, und wurde nicht vereidigt. Ein Be⸗ weisantrag des Verteidigers der die Unglaub⸗ würdigkeit des Zeugen Loesch nachweisen sollte, wurde abgelehnt. Der Verteidiger legte darauf sein Mandat nieder.

Ein anderer Fall bietet ebenfalls Interesse. Das Schwurgericht Nürnberg verurteilte die geistesschwache Dienstmagd Lehner, die ihr eigenes einjähriges Kind in die Pegnitz ge⸗ worfen hatte, zu sieben Jahren Zucht⸗ haus. Dies Urteil ruft die kürzlich in Hanau erfolgte Freisprechung der Baronesse v. Seckendorff wieder in Erinnerung, die ihr neugeborenes Kind bekanntlich zum Fenster hinausgeworfen hatte.

Noch ein weiterer Fall ist bezeichnend: Während des Streiks bei Borsig in Tegel traf der Metallarbeiter F. zwei Arbeitswillige. Auf seine Frage:Ihr arbeitet in Tegel? erhielt er die höfliche Antwort:Das geht Dir'n Dreck an! Darauf bemerkte er:Wartet nur, einmal krie-en wir Euch doch, es kommt noch eine andere Zeit. Wegen dieser Aeußerung wurde F. vom Landgericht auf Grund des § 153 der Gewerbeordnung zu einer Ge⸗ fängnisstrafe von 14 Tagen verurteilt. Das Gericht führte aus, diese an die beiden arbeitswilligen Dreher gerichteten Worte stellten sich als eine Drohung dar und zwar als eine versteckte Androhung einer Schädigung. Es wäre auch anzunehmen, daß der Angeklagte beabsichtigt habe, durch diese Hrohung die Ar beitswilligen zu bestimmen, an einen Streik zwecks Aufbesserung von Lohn- und Arbeits⸗ bedingungen teilzunehmen. Angeklagter habe ihnen durch seine Aeußerung für den Fall, daß sie weiter arbeiteten, Unannehmlichkeiten und Chikanen in Aussicht gestellt. Rechtsanwalt Dr. Heinemann legte für den Angeklagten Re⸗ vision ein. Der Strafsenat des preußischen Kammergerichts verwarf jedoch das Rechtsmittel mit folgender Begründung: Die Revision scheitere an der tatsächlichen Fest⸗ stellung des Vorderrichters. Auch könne nicht der Nötigungsparagraph des Strafgesetzbuches (der eventuell Geldstrafe zuläßt) angewendet werden, denn die Arbeits willigen seien nicht mit einem bestimmten Vorgehen bedroht worden, sondern ganz allgemein mit Unannehmlichkeiten. Da wäre nur§ 153 der Gewerbeordnung an⸗ wendbar!! Die preußische Klassenjustiz ent⸗ wickelt sich ja immer netter!

Neue Art Soldatenschinderei.

Das ZentrumsblattDer Volksfreund berichtet über eine Soldatenmißhandlungsaffaire, welche ein Feldwebel der 12. Kompagnie des 40. Infanterieregiments sich zuschulden kommen ließ. Der Feldwebel hatte einen Soldaten, welcher das Gewehr mit Petroleum geputzt, nach einer dem kommandierenden General von dritter Seite erstatteten Anzeige genötigt, zur Strafe Petroleum zu trinken, wodurch der Soldat erkrankte. Das Kriegsgericht hatte sich bereits mit der Sache befaßt, über deren Aus⸗ de Einzelheiten nicht zu ermitteln gewesen ind.

Wahlerfolge der dänischen Sozialdemokratie.

Ueber die Fortschritte der dänischen Sozial⸗ demokratie bei den Folkethingwahlen am 16. Juni wird dem Vorwärts geschrieben: Seit 1902 hat die Partei 12,507 Stimmen gewonnen, 3 Mandate neu erobert und nur 1 verloren. Seit unsere dänischen Partei⸗ genossen an den Folkethingswahlen teilnehmen, wächst ihre Stimmenzahl ununterbrochen in starkem Maße: 1872 zählten sie nur 268 Stim⸗ men, 1876 waren es 1076; 1892 erhielten sie schon 20,094, 1895 24,508, 1898 31,8172,

1901 42,972 und nun 1903 sind es 55,479

sozialdemokratische Stimmen. Für die Linke wurden 118,826, für die Rechte 50,559, für die Moderaten 20,613 Stimmen abgegeben. Die Sozialdemokratie steht also, wie mit der Zahl ihrer Abgeordneten, auch mit ihrer Stimmenzahl an zweiter Stelle unter den Folkethingsparteien. Von besonderem Interesse ist es, daß der liberale Finanz⸗ und Verkehrs⸗ minister Hage sein Folkethingsmandat für den 7. Kopenhagener Wahlkreis an einen Sozial⸗ demokraten, den Tischler C. A. Schmidt, ver⸗ loren hat.

Amtliche Wahlresultate der Nachbar kreise.

Höchst⸗Usingen: 32,844 Stimmen ab⸗ gegeben. Davon erhielten: Brühne(Soz.) 14,239, Itschert(Ztr.) 9496, Dr Lotichius(ntl.) 7242 und von Klöden(Bund der Landw.) 1867 Stimmen. Die Stichwahl fand am 25. Juai statt. Brühne unterlag leider.

Hanau⸗Gelnhausen: Hoch(Soz.) 15,470, Lucas(ntl.) 9762, Müller(Ztr.) 4814, Küstner(freis.) 1865 und Hirschel(Ant.) 517. Zersplittert waren 17 Stimmen. Unserem Genossen Hoch fehlen demnach 1505 Stimmen an der absoluten Majorität.

Wetzlar⸗ Altenkirchen: Abgegebene Stim⸗ men 22,788. Breidebach(Z.) 6192, Krämer(Il.) 5743, Dr. Giese(A.) 3901, Heckenroth(B. d. L.) 3828, Bebel(S.) 3106, zersplittert 18. Stich⸗ wahl zwischen Breidebach und Krämer.

Dillenburg⸗ Herborn(5. nassauischer): Der bisherige Abg. Hofmann(l.) erhielt 4933 Stimmen, Burckhardt(Stöckerianer) 4326, Wirth(Z.) 4089, Lucke(B. d. L.) 526, Alberti (Freis.) 809 und Genosse Bebel 1313. Gegen die Wahl von 1898, wo wir nur 841 erhielten, haben wir ganz erfreuliche Fortschritte gemacht.

Frankfurt a. Main: Die Wahlbeteiligung war in diesem Wahlkreise eine weniger zahlreiche als anderwärts. Von 72375 Wahlberechtigten haben nur 40853 abgestimmt. Davon erhielten Stimmen: Wilhelm Schmidt S.) 20 178, Dr. L. Bruck(Freis.⸗Dem.) 7543, Dr. H. Os⸗ walt(Natlib.) 5068, Dr. Heyder(Zentr.) 3550, Herm. Laaß(Antis.) 4506. Zu dem Wahl⸗ ergebnis bemerkt mit Recht unser Frankfurter Parteiblatt: Es fehlten ihm(unserem Kandi⸗ daten Schmidt) also genau 250 Stimmen, die mit Leichtigkeit in einem Bezirke hätten geholt werden können, wenn unsere Genossen etwas mehr Elfer entfaltet hätten.

Wiesbaden! 32,097 giltige Stimmen abgeben. Von den giltigen Stimmen enfielen 7607 auf Bartling(uat.), 7445 auf Imwalle (Str.), 6177 auf Krüger(frs. Volksp.) und 10,875 auf Lehmann(Soz.). 7 Stimmen sind zersplittert.

Kreuznach⸗Simmern: In diesem Kreise leistete sich das Zentrum merkwürdigerweise drei Kandidaten. Von 20719 abgegebene Stimmen erhielten: Dr. Paasche(l.) 9499, Fuchs(Z.) 3303, Marx(3.) 3127, Bley(B. d. L.) 2620, Bebel(S.) 1086, Capallo(Z.) 1054. Stich⸗ wahl zwischen Paasche und Fuchs.

Pon Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Was für blödsinniges Zeug der Soldschreiber des Mischmasches vor der Stich wahl zusammenschmieren mußte, davon legte eine Notiz in der Montagsnummer des Amts⸗ blattes Zeugnis ab. Da wurde erzählt, daß die Liberalen in Londorf, Trais, Allendorf ꝛc. am Sonntag Versammlungen abgehalten hätten und es habeein Häuflein Sozialdemo kraten dieVersammlungen von Ort zu Ort verfolgt und sie durch Verunglimpf⸗ ungen des liberalen Kandidaten Heyligenstaedt zu stören gesucht. Und dann wird weiter gekohlt: Aus Privatgesprächen erfuhr man, daß die Bewohnerschaft der ganzen Rabenau der Sozialdemokratie mit Abscheu gegenübersteht. Mit welchemAbscheu man in der Rabenan der Sozialdemokratie gegenübersteht, das hätte der Anzeiger genauer aus dem Wahlresultat der Hauptwahl als aus Privatgesprächen er⸗

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