Ausgabe 
28.6.1903
 
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Seite 2.

Mtteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 26.

zu tun haben, nicht mehr von ihnen Euch leiten lassen! Sendet uns Eure Freunde und Kameraden aus Eurer Mitte, den einfachen, schlichten Mann aus der Werkstatt, der Euer Vertrauen besitzt, in die Volksvertretung; der stehe ein für Eure Wünsche und Interessen, und freudig werden wir ihn willkommen heißen als Arbeitervertreter des deutschen Arbeiter⸗ standes, nicht als Sozialdemokraten. Mit solchen Vertretern des Arbeiterstandes, so viele ihrer sein mögen, werden wir gern zusammen arbeiten für des Volkes und des Landes Wohl. Es wird so für Eure Zukunft gut gesorgt sein, zumal da sie natürlich fest fußen werden auf Königstreue, auf der Achtung vor dem Gesetz und dem Staate, vor der Ehre ihrer Mitbürger und Brüder, getreu dem Schriftwort: Fürchtet Gott, habt Eure Brüder lieb, ehret den König! Was das Volk antwortete:

Drei Millionen Arbeiter gaben am Wahltag ihre Stimmen für die Sozialdemokratie ab. 56Agitatoren der Sozialisten wurden im ersten Wahlgang gewählt. 3 Millionen deutscher Arbeiter wollen als ehrliebende Männer nur mit den Sozialisten zu tun haben!

Politische Rundschau. Gießen, den 25. Juni.

Zu den Wahl⸗ Erfolgen der deutschen Sozialdemokratie

haben die Bruderparteien fast aller Länder Glückwünsche an unsern Parteivorstand oder das Zentralorgan gelangen lassen. Aus allen europäischen Ländern, aus Amerika, sogar Australien trafen Glückwunsch⸗Depeschen oder -Schreiben der sozialdemokratischen Organisa⸗ tionen ein. Die dänische Parteileitung schrieb u. a.:

Als Deutschlands größte Partei seid Ihr ein Hort für den Frieden unter den Völkern Europas und ebnet mit Riesenschritten die Wege für den endlichen Sieg des Sozia⸗ lismus. An Eurer Seite kämpften auch wir am 16. Juni; wir erhöhten unsre Stimmen⸗ zahl mit Tausenden, vermehrten unsre Ver⸗ tretung in Dänemarks Reichstag. Hoch der internationale Sozialismus!

Und vom österreichischen Parteivorstand lief folgendes Schreiben ein:

Die österreichische Arbeiterschaft aller Zungen begrüßt mit jubelnder Bewunderung den über alle kühnsten Erwartungen hinaus⸗ fliegenden Sieg der deutschen Sozialdemokratie. Das kämpfende Proletariat beglückpwünscht mit freudigem Danke seine deutschen Genossen, die seine Hoffnung und sein Stolz sind! Mögen die Stichwahlen vollenden, was gestern so glorreich begonnen.

Dias österreichische Parteiorgan, dieWiener Arbeiterzeitung, begrüßte unseren Wahlsieg mit folgenden Worten:

Der so überwältigende, schier märchen⸗ hafte Erfolg, den die deutsche Sozial demokratie am Wahltag errang, hat hier den größten Eindruck gemacht; es war wie ein politisches Ereignis des eigenen Staates. Die freudige Genugtuung der Arbeiter ist nicht zu schildern; stolzer und ergriffener können auch die Berliner Arbeiter nicht an dem Tage gewesen sein, der ihnen und den Genossen im ganzen Reiche einen so un⸗ ermeßlichen Triumph beschied. DieArbeiter⸗ Zeitung gab um die Mittagsstunde ein Extrablat: heraus, das die freudige Kunde in die Proletarierbezirke trug und dessen 50,000 Exemplare blitzschnell vergriffen waren. In der ganzen Stadt wurde nur von den deutschen Wahlen gesprochen und überall, auch im feindlichen Lager, herrscht über diese gewaltige Beteiligung von Kraft, Begeisterung und Willen eee Bewunderung.

Außer den angeführten Kundgebungen sind von den Genossen einer großen Anzahl Städte des Auslandes Glückwunschschreiben eingelaufen, die beweisen, mit welch' lebhaftem Anteil die

Genossen des Auslandes unseren Kampf ver⸗ folgten.

Alles gegen die Sozialdemokratie.

Das halbamtliche Organ der Reichs regierung, dieNorddeutsche Allgem. Zeitung gab die Parole aus, bei den Stichwahlen allseitig gegen die Sozialdemokraten zu stimmen. Sie sagte:

Die Berechtigung unserer seit Monaten wiederholt ausgesprochenen Mahnung an die bürgerlichen Parteien, die Sozialdemokratie als gemeinsamen Gegner zu betrachten und bei der Wahltaktik danach zu verfahren, wird durch diese Tatsache erneut bekräftigt. Bei der gegen⸗ wärtigen Sachlage erscheint es uns als Pflicht aller Parteien, bei den Stichwahlen jede andere Rücksicht bei Seite zu lassen und, wo irgend sozialdemokratische Kandidaten in Frage kommen, geschlossen gegen diese zu stimmen.

Uns wundert diese Stellungnahme durchaus nicht, gewundert hätte es uns, wenn eine gegen⸗ teilige Parole ausgegeben worden wäre! Wenn aber die Liberalen darob in großen Jubel aus⸗ brechen, wird der Ausgang der Stichwahlen zeigen, daß es auch Wähler giebt, die sich nicht kommandieren lassen.

Druck vonOben.

Unserm Münchener Parteiblatt wird von seinem Berliner Gewährsmann, der in der Kruppangelegenheit sich als so durchaus wohl⸗ unterrichtet gezeigt hat, Nachstehendes mitgeteilt:

Als an die zuständigen Stellen die Aufgabe herantrat, den Kaiser vom Ausfall der Haupt⸗ wahlen zu unterrichten, befand man sich dort in begreiflicher Verlegenheit. Diese Verlegenheit wurde indessen recht bald beseitigt, als es sich herausstellte, daß der Katser über das Ergebnis in Berlin und Umgegend schon völlig informiert war. Er soll dann sofort angeordnet haben, daß ihmnicht theelöffelweise, sondern in voller Klarheit referiert werde. Er habe sodann die weiteren Mitteilungen mit großem Ernst und

unbeweglicher Miene entgegengenommen und

nach einer Pause tiefen Nachsinnens erklärt: Es muß jetzt Alles daran gesetzt werden, daß dieser(hier folgte eine kurze Pause) Ge⸗ sellschaft bei den Stichwahlen der Weg abgeschnitten wird. Besorgen Sie das!

Sofort nach dieser Unterredung erfolgte dann die Hinübergabe der Stichwahlparole der Re⸗ gierung an dieNordd. Allg. Ztg., sowie die Anknüpfung von Unterhandlungen durch einen Mittelsmann des Reichskanzlers mit verschiedenen Größen der bürgerlichen Parteien, darunter Herr Bachem aus Köln. Bei diesen Unter⸗ redungen, die nach Lage der Sache keinen vollen Erfolg haben konnten, sollen für einzelne Per⸗ sönlichkeiten sehr belangreiche Erklärungen er⸗ folgt sein, deren Inhalt nach dem etwa zu⸗ friedenstellenden Ergebnisse der Stichwahlen zu realisieren sein würde.

Die Rückberichterstattung au den Kaiser soll keineswegs volle Befriedigung geschaffen, beim Kaiser vielmehr den Eindruck einer erhöhten Mißstimmung hinterlassen haben.

Das zeigt jedenfalls, welchen Eindruck das Volksurteil gemacht hat.

Wahlrechtsfeinde.

Nachdem die Wahlen erneut den Beweis geliefert haben, daß die Sozialdemokratie un⸗ aufhaltsam vorwärts schreitet, der sozialistische Gedanke immer mehr und immer fester Wurzel faßt, sehen sich die Rückwärtser, die Vertreter und Wortführer der besitzenden Klassen, nach einem Rettungskahn um, der sie vor der sozia⸗ listischen Hochflut retten soll. Natürlich ver⸗ fallen sie auf das alte Mittel: Beseitigung des Reichstagswahlrechts! So schreiben dieHamburger Nachrichten, das frühere Bismarcksorgan, anschließend an den Zusammen⸗ bruch des Hamburger bürgerlichen Mischmasches:

Das heutige Wahlrecht gibt den⸗ jenigen den Sieg, welche die Massen für sich haben, die Stimmen werden mechanisch gezählt, nicht gewogen, die des Straßenkehrers gilt genau so viel, wie die des Handelsherrn, des Rechtsanwalts, des Professors usw. Die Sozialdemokratie aber hat die Massen für sich, folglich siegt sie und wird immer

nur mächtiger, so iange man nicht das Wahlrecht ändert. Wir glauben nicht, daß Aussicht besteht, jemals in Hamburg und anderen Hochburgen der Sozial demokratie wieder bürgerliche Kandidaten bei der Wahl durchzubringen, so lange das Wahlrecht im Reiche nicht einer gründlichen Revision nach Maßgabe des immer stärker fühlbaren Bedürfnisses unterzogen wird. Auch Bremen ist also jetzt sozfalistisch im Reichstage vertreten und die Hansestädte sind nun ganz in den Händen der Sozial⸗ demokratie.

Diese wahlrechtsräuberischen Aeußerungen sind sehr dumm und anmaßend zugleich. Der Sieg der Sozialdemokratie, das Wachsen der sozialdemokratischen Stimmen und das Zurückgehen der bürgerlichen ist doch nur der öffentliche Ausdruck einer vorhandenen Tat- sache, der Tatsache nämlich, daß die Mehr⸗ heit der Bevölkerung kein Vertrauen mehr zu den bürgerlichen Parteien hat. Diese Tat⸗ sache bleibt bestehen, auch wenn das Wahl⸗ recht geändert und damit den rückschrittlichen Parteien bessere Wahl, erfolge verschafft würden. Das Wahlrecht wirkt gewissermaßen wie der Manometer am Dampfkessel, es zeigt die Stimmungen im Volke an, den vorhandenen Druck. Wer das Wahlrecht beseitigt, befindet sich dann eben im Unklaren über die Volls⸗ meinung und braucht sich nicht zu wundern, wenn esExplostonen giebt. Dann ist es aber doch auch eine unverschämte An⸗ maßung der handvoll Millioräre, dem ge⸗ samten millionenköpfigen Volke Gesetze vor schreiben und es bevormunden zu wollen. Das werktätige Volk braucht keinen Vormund, es verfügt über genügend Selbständigkeit, seine Geschicke sel bst zu leiten.

Dann ist aber auch der Wahlausfall und das Anwachsen der sozialdemokratischen Stim⸗ men nicht zum wenigsten eine Folge der Scharf⸗ macher. und Unterdrückungspolitik, die von Seiten der Industriekapitalisten betrieben wird. Dadurch spornt man die Arbeiter zum ent⸗ schiedensten Widerstand an und sie suchen durch Abgabe sozialdemokratischer Stimmzettel sich ihrer Unterdrücker zu erwehren. Gerade in Bremen, dessen Verlust von den Bürgerlichen so sehr beklagt wird, hat, wie unser Hamburger Parteiblatt richtig bemerkt, der von dem Unter⸗ nehmertum geübte Terrorismus, der die Ar⸗ beiter zu willenlosen Sklaven herabdrücken wollte, diese angestachelt, alle ihre Kraft einzu⸗ setzen, um den Wahlsieg zu erkämpfen und die neuesten Vertreter der alten Scharfmacherprak⸗ tiken aufs Haupt zu schlagen.

Man denke aber nur micht, daß etwa nur Junker und Konservative die Wahlrechts räuberei und Rechtlosmachung des Volkes betreiben. Im Grunde ihres Herzens sind die National⸗ liberalen ebensolche Feinde des Wahlrechts. Und wenn Herr Heyligenstaedt, der natio⸗ nalliberale Kandidat in seinemProgramm versprach, das Reichstagswahlrecht hochzuhalten, so hat eine solche Erklärung einen sehr frag⸗ würdigen Wert. Man muß sich vielmehr die Taten der Nationalliberalen und die Aeußerungen ihrer führenden Organe vor Augen halten und man erkennt sofort: Die National⸗ liberalen sind Feinde des geltenden Wahlrechts!

Fußtritt für den Sozialisteuvernichter.

Den Max Lorenz, der bei den Wahlen die schmutzige Arbeit der Sozialistenbeschimpfung und Verdächtigung für die Ordnungsparteien leistete, jagen die Leute, denen er Wahlhilfe leistete, jetzt zum Teufel. Ein Hamburger Ordnungsblatt schrieb dieser Tage:.

Zur Bekämpfung der Sozialdemokratie erscheint seit einigen Monaten dieAnti⸗ sozialdemokratische Korrespondenz, die ein tüchtiger Kopf, Max Lorenz herausgiebt. Nachdem die Reichstagswahlen vor⸗ über und die wichtigsten Entscheidungen ge⸗ fallen sind, muß es endlich einmal aus⸗ gesprochen werden, daß die Art, in der die Sozialdemokratie hier bekämpft wird, auf einen anständig en Leser n achgrade widerwärtig werden muß. Sicherlich