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Nr. 26.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 7.
auch nicht in wieweit man den Herren Ver⸗ trauen schenken konnte. Kontrollen, wie die der Landesdirektoren, Ausschuß ꝛc., sind für Pfleglinge wertlos, denn Gebäude und Ein⸗ richtung zu loben, hat für jene keinen Zweck. Nachher wird dann im Wirtshause ein gemein⸗ schaftliches Essen abgehalten, was mit der Reise extra auf Kosten des Kommunals geht.— Bald nachher machte mein Freund ein Gesuch mit der nötigen Beglaubigung an den Direktor. Er erhielt die Zusage, und holte er mich mit einem anderen jungen Manne von dort am 8. September 95 mittags ab.— In dem Dorfe meines Freundes war ich nun teils für das Geschäft, besonders aber in der Landwirtschaft 11 Wochen lang gegen Kost und Wohnung peschäftigt. Nebenbei suchte ich schriftlich eine Stelle, auch bemühte sich ein Reisender, mich unterzubringen, indem er auf eigne Kosten annoncierte. Auf letzteres liefen 7 Gesuche ein, doch hatte Niemand Lust, trotz der niedrigen Bedingungen, einen aus dem Irrenhause Ent⸗ jassenen anzunehmen. Ich selbst fuhr etliche Mal nach der Stadt und versuchte anzukommen, 8 war aber auch erfolglos. Schließlich ließ die Herbstarbeit in der Landwirtschaft nach, auch hatte ih ihm seine Buchführung soweit in's Reine, gebracht und konnte daher meinem Freunde keine längere Gastfreundschaft mehr zumuten. Mein Vormund zahlte wohl nachher eine Vergütung für diese Penston, aber nicht in dem Maße, wie nach dem Hospital, sonst hätte mich mein Freund behalten können, und blieb mir dann doch Zeit, eine Arbeitsgelegen⸗ heit ausfindig zu machen. Als nun der Ober⸗ vormund hörte, daß ich dort war, äußerte er sich zu Hause:„Ich möchte wissen, was das für eine Familie ist, die den Kerl aufnimmt.“ Auch meiner Schwester, welche von meiner Freilassung hörte, war es nicht recht, denn sie schrieb an den Vormund, ob es nicht möglich sei, daß ich wieder in's Irrenhaus zurück⸗ geschafft würde, wogegen der Vormund ant⸗ worlete, daß gegen die Bürgschaft nichts zu machen sei.— Leider durfte ich nicht mehr bleiben. Der mir wohlwollende Reisende kam nochmals extra zu meinem Freunde, sowie der Lehrer aus dem Dorfe und Nachbarn und berieten, was wohl zu tun sei, mich von der Anstalt unabhängig zu machen. Sie kamen zu dem Schluß, daß ich, mit ihren guten Zeuguissen ausgestattet, meine Entlassung von dort sicher erhalten würde, zumal vor Kurzem der Marien⸗ burger Prozeß die Behörden so bewegt hätte, daß manche Verbesserung getroffen worden sei. Ich fügte mich in's Unvermeidliche und wußte wohl, daß ich wieder in der alten Gefangenschaft weiter bleiben mußte; nur blieb mir der Trost, im nächsten Jahre wieder geholt zu werden. Am 23. November kehrte ich daher ins Hospital zurück. Dort erhielt ich wieder meine alte Beschäftigung und verbrachte eintönig und ergebungsvoll meine Tage.— Bezüglich der Verpflegung ist zu bemerken, daß die Kleider für den Werktag oft sehr mangelhaft waren; die Hemden, wenn auch desinfiziert, war es nicht gerade ein Vergnügen zu lragen, wenn man bedachte, daß vorher Kranke mit eiternden Wunden und Unreinliche dieselben angehabt hatten. Gebadet wurde alle 4 Wochen einmal. Anfangs wurde mir sogar im Ostbau zugemutet, in einem Wasser zu baden, das ein anderer schon benutzt hatte.— Ende März 96 kamen der Oberpräsident, Landesdirektor und Landesrat zur Revision. Auf meine Bitten, mich zu ent⸗ lassen und mir meine Mündigung wieder zurück⸗ zugeben, damit ich mir helfen könne, antworteten sie mir mit ganz gewöhnlichen Vertröstungen. Dann reichte ich ein Schreiben an die Staats⸗ anwaltschaft beim Direktor ein. Dasselbe legte er zu den Akten und sandte es nicht ab. Auf einen heimlichen Brief an den Vorsitzenden des Landgerichts kam endlich Antwort an dem Direktor.— Nun war er voll Zorn, als er die Anmeldung zum Mündigungsverfahren machen mußte, und nun gezwungen war, mir auch die Ergänzungsbriefe dahin zu besorgen. Am 1. Nov. nahm der Direktor Verschiedenes
von mir zu Protokoll, indem er mich verhörte,
während des Verhörs die kaum ausgesprochenen Worte in's Fade herum. Daher war mein Vertrauen auf solche Protokollnahme nicht be⸗ sonders.— Am 2. Nov. kam der Amtsrichter des nächsten Städtchens, ein Studienfreund des Direktors, mit seinem Gerichtsschreiber, welch' letzterer das Wort führte. Er teilte mir zu⸗ nächst mit, daß mein Antrag abgelehnt sei, stellte mir jedoch in Aussicht, selbigen sofort erneuern zu können, was ich tat. Nun wurde ich Verschiedenes gefragt über das von mir angefochtene Urteil des Geh.⸗Rats T. und über Geschäftsfähigkeit. Der Direktor war dabei und brachte den Gerichtsschreiber mit seinen Bemerkungen dahin, daß eine überspannte Prüfung daraus gemacht wurde. Da gab er mir auf: Erklärungen über Themata aus der National⸗ Oekonomie zu machen. Es schien bald, als ob ich ein handels wissenschaftliches Professor⸗Examen ablegen sollte. Ich beant⸗ wortete ihre Fragen alle zur Genüge, obgleich ich in meinem früheren Geschäft solche Theorien gar nicht nötig hatte. Die ganze Verhandlung wurde in Folge der Bemerkungen des Direktors in einem ziemlich übermütigem Tone geführt, den ich mit Bescheidenheit erwiderte. Der Direktor blieb bei seiner Aussage, mein Zustand sei noch wie anfangs und er könne mich nicht gesund schreiben. Was er sich unter Gesundheit vorstellte, ist mir heute noch nicht begreiflich.
(Fortsetzung folgt).
Der Tabak als Heilmittel.
Im„Tabak-Arbeiter“ lesen wir: Bekanntlich wird der Tabak in großem Umfange als Heil⸗ oder Des infektionsmittel gegen die Schafräude gebraucht. In Ländern mit ausgedehnter Schafzucht, wie Argentinien, Australien, Südafrika, splelt daher der Tabak in der Schafwäsche eine besondere Rolle und meistens werden derartige Tabake oder aus Tabak hergestellte Extrakte zollfrei oder zu einem ermäßigten Satze eingelassen. In Argen⸗ tinien wurden in den beiden Jahren 1900 und 1901 für 6,2 Millionen Pesos Tabak und Tabakwaren eingeführt, darunter allein für über 3 Millionen Pesos Extrakte(Krätzemittel) zur Schafwäsche und außerdem für 1801 Pesos denaturalisierter Tabak, der wohl zu gleichem Zwecke Verwendung fand. Ein erheblicher Teil der Extrakte kam aus Deutschland.
Diese Heilmittel gegen die Schafräude(sarna) bestehen vorwiegend aus Tabakextrakten, doch werden auch alle möglichen andern Zusammen⸗ setzungen geheimer und nicht geheimer Herkunft, angewendet. In Argentinien bestehen verschie⸗ dene Fabriken, welche solche Antisarnicos herstellen. Jedoch werden die Hauptmengen vom Auslande bezogen und bedeutende deutsche Importfirmen haben darin einen großen Umsatz. Auf den Estancias bestehen beson dere Schaf⸗ bäder verschiedenartiger Konstruktionen, um die Tiere mehrere Male im Jahre mit dem Krätze⸗ mittel zu behandeln. Die Sarna soll bereits um das Jahr 1825 nach Argentinien einge⸗ schleppt worden sein. Antisarnicos werden vom vorsichtigen Landwirt auch als Vor⸗ beugungsmittel angewendet, und der Verbrauch muß mit dem Fortschreiten der rationellen Schafzucht noch weiter zunehmen.
Rechtssprechung.
Ansteckung mit Geschlechtskrankheit als Körperverletzung bestraft. Eine be⸗ deutsame Gerichtsentscheid ung ist von dem Landgericht zu München gefällt worden. Dieses Gericht erklärte die Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit für eine„schwere Körperverletzung.“ Ein Postgehilfe be⸗ wog ein unbescholtenes Mädchen zu intimem Verkehr, obgleich er wußte, daß er von einer Geschlechtskrankheit noch nicht geheilt war. Das Mädchen erkrankte schwer. Auf den ge⸗ stellten Strafantrag hin verurteilte das Gericht den Angeklagten zu einer Strafe von fünf Monaten Gefängnis. Bei der leider sehr
des Gerichts war. denn er drehte mir
was doch eigentlich Sache Dies war mir nicht lieb,
roßen Ausdehnung der Geschlechtskrankheiten — Deutschland marschiert beinahe an der
Spitze der„Syphilisation“— iß diese Gerichts ⸗ entscheidung von ungeheuerer bk; Es ist zu erwarten, daß die Entscheidung, sollte sie etwa angefochten werden, vom Reichsgericht als zutreffend anerkannt werden wird. Es wäre damit ein großer Schritt vorwärts getan zur Eindämmung der mitunter geradezu frevel⸗ haft leichtsinnigen Verbreitung von gesundheits⸗ mörderischen Geschlechtskrankheiten. 1.
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Wahl-Katechismus für national⸗liberale Reichstags⸗Kandidaten. ö Bist Du Kandidat, so merke 7
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Dir genau, was Du zu tun,
Sei bedachtsam bei dem Werke;
Denn die Pflicht gebeut Dir nun: Agitieren, referieren 0 Und besonders imponieren, 1 Wenn es angeht, auch düpieren, 1 Aber niemals debattieren—*
Kandidat, das schreibe dir.
Groß und deutlich auf Papier! 45
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Wandern sollst Du rings im Kreise, 1 Selbstverständlich nie allein; N Immer sollen auf der Reise* Kund'ge Männer bei Dir sein. 1 Dich zu leiten, Dich zu schützen, Bravo rufend Dir zu nützen, Hüte schwenkend oder Mützen Kräftig Dich zu unterstützen— Werden Männer mit Dir geh'n Und Dir stets zur Seite steh'n.
Kommst Du so an Ort und Stelle, Steigst Du auf das Podium; Drauf der Leiter schwingt die Schelle Und begrüßt das Publikum. Meine Herren! Ernste Zeiten Kräftig wider Umsturz streiten Guter Sache Sieg bereiten. Mann für Mann zur Urne schreiten— Also spricht er, und sofort Giebt er Dir zum Speech das Wort.
Erst verneigst Du Dich mit Würde, Räusperst Dich und fängst dann an: Pflichtgefühl... gar schwere ürde. Bürgersinn... Kein eitler Wahn! Rote Rotte... Umsturzbande. Fort mit ihnen... aus dem Lande Männer aus dem Bürgerstande— Eine Stunde sprichst Du so, Setz'st Dich dann auf den——
Doch es ist Dir streng verboten,
Dich etwa aus Uebermut
Einzulassen mit den Roten
Weil das niemals endet gut Auf der Würde Gipfel steigen, Denkerhaupt bedeutsam neigen, Rückansicht verachtend zeigen, Doch vor Allem gänzlich schweigen—
Das ist Deine einz'ge Pflicht,
Falls etwa ein Roter spricht.
Vist Du Kandidat, halt' immer Dich an diese Vorschrift streng: Bet' Dein Sprüchlein; aber nimmer In ein Wortgefecht Dich men's!
Agitieren, referieren
Und besonders imponieren.
Wenn es angeht, auch düpieren,
Aber niemals debattieren— Weil Du, wenn Du debattierst, Unfehlbar Dich schwer blamierst!
Splitter. 1 Zu erobern ist wohl nicht das Hauptwerk:
Das Eroberte erhalten, 14 Dieses ist das Schwerere. 1 Herder. 1
Humoristisches.
Zu früh geiubelt. Unter nicht endenwollendem 0 Jubel wurde bei den Wahlkommersen der Gegner in N Dessau verkündet, daß Genosse Peus in Brandenburg unterlegen ei. Die Gegner hatten aber zu früh ge⸗ jubelt; denn Peus ist zum erstenmal im ersten Wahl⸗ gang gewählt worden. Die langen Gesichter sollen
beim Bekonntwerden dieser Tatsache ergöͤtzlich gewesen sein.


