Ausgabe 
27.12.1903
 
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Seite 6.

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Mitteldertsche Sountaas⸗Zeitung.

52.

n 8 Unterhaltungs-Cril. 7 Der Sieg des Schwachen.

Erzählung von Melchior Meyr.

13.(Fortsetzung.)

In die Hauptgasse einbiegend und im Schatten der Gebäude hinschlendernd, ward er frei von den letzten Spuren der Erregtheit, und seine Seele ging zurück in die Erlebnisse des Abends. Er vergegenwärtigte sich diese so deutlich, daß er sie ordentlich wiedererlebte. Er kam an im Hofe und im Pfarrhaus; er ward in die Kammer getragen; er saß neben der Geliebten auf dem Schrein! Hier blieb die Phantasie haften. Es war doch schön, als er so neben ihr saß! und daß sie so gestört wurden, fatal, über alle Maßen fatal! Am Ende was hatten sie denn vor? Sie wollten sich heiraten; und weil man ste nicht zusammenließ, wollten sie beraten, was ste zu tun hätten, um doch ans Ziel zu ge⸗ langen! Kann man etwas Besseres tun, als sich heiraten? Wenn man aber heiraten will, dann muß man doch notwendig vorher ein paarmal zusammen kommen und miteinander reden, und zwar allein und ungestört mit⸗ einander reden!

Als seine Gedanken diesen Lauf genommen hatten, fand es Tobias schwer begreiflich, daß die Menschen zweien Liebenden aus ihrem heimlichen Zusaumensein ein Verbrechen machen wollten. Ja, er fand es impertinent und lächer lich. Daß man sich heirate und zwar aus Liebe heirate, das verlangt man! Wenn aber dann zwei, die sich gern haben, das tun, was notwendig geschehen muß, damit das Heiraten vor sich gehen kann, dann soll das eine Missetat sein, als ob man einen hätte umbringen wollen! Ein offenbarer Unsinn!

Unser Bursche, auf dieser Höhe der Be⸗ trachtung angelangt, empfand die von den Liebenden aller Zeiten beklagte Anmaßung der Welt so tief er war von der Wahrheit, daß andere Leute hier eigentlich gar nichts drein zu reden haben, so gänzlich überzeugt, er war so voll von seinem Rechte, die Bäbe zu lieben und zu ihr zu gehen und glücklich zu sein, daß er sich nicht mehr begnügen konnte, bloß stille Gedanken zu bilden, sondern laut und mit kräftiger Betonug ausrief:Donner⸗ wetter! ich möcht' wirklich wissen, wen das was anging!

Auf einmal bekam er von hinten eine Ohr⸗ feige, daß ihm für den Moment Hören und Sehen verging. Rasch folgten zwei andere nach, und eine Stimme voll Wut und Hohn rief:Da, du Racker! Ich will dir zeigen, wen das was angeht! Es war der alte Schneider.

Tobias, durch die Stimme wieder zu sich gebracht, fühlte über die erlittene Beschimpfung einen Zorn, der sogar über seinen Schrecken Herr wurde; sich schnell umdrehend, streckte er dem Alten, der die Hand wieder erhob, den Arm entgegen, stieß ihm seinerseits unter das Kinn und rief ergrimmt:Ich bin kein Bub' mehr! Ich laß mich nicht schlagen!

So, rief der Alte, durch diese Abwehr völlig rasend gemacht,du läßt dich nicht schlagen? Dus wollen wir sehen! Und seinem tiefsten Gefühl nach doppelt und dreifach zu einer exemplarischen Abstrafung berechtigt, fiel er über den rebellischen Sohn her, faßte ihn, warf ihn zu Boden und zerdrosch ihn aufs jämmerlichste.

Tobias, von der ungeheuern Uebermacht bewältigt, konnte nichts tun, als in ohn⸗ mächtigem Grimm und Schmerz dumpf stöhnen und leiden als der ärmste aller Menschen.

Der alte Schneider hatte in der Freude seines Herzens im Wirtshaus fortgetrunken und war bis elf Uhr geblieben.

Als er gemütlich heimging, begegnete ihm ein junger Mensch, der mit ihm verwandt war und den er in seinem Behagen scherzend fragte: Nuu, Hans, was streichst denn du noch auf der Gass' herum? Kriegt etwa die Ev' noch eine Visit'?

Das könnt' ich nicht sagen, Vetter, ent gegnete der Bursch, indem er ihm spöttisch lächelnd ins Gesicht sah;es sind nicht alle Leut' so keck wie Euer Tobias! Wißt Ihr, wo der ist?

Nun, versetzte der Schneider,ich kann mir's denken. Er macht's halt wie die andern!

So? erwiderte der Bursch,es ist Euch 5 ill, Vetter, daß er zu der Pfarrmagd ge 10

Was, rief der Schneider auffahrend,bei der Pfarrmagd ist er?

Allerdings; ich hab's mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ste ihn zur Haustür hinein⸗ gelassen hat!

2? kann nicht sein, schrie der Alte.Du hast dich versehen!

Nun, entgegnete der Bursche ruhig,Ihr könnt ja passen bis er wieder herauskommt wenn's Euch nicht zu lang dauert. Gut⸗ nacht, Vetter! Er ging behaglich weiter.

Der Alte war durch den Gedanken, von dem Sohne aufs neue und mit so ausstudierter Tücke genarrt zu sein, fast bis zur Sinnlosig⸗ keit aufgebracht. Er faßte den Entschluß, auf den Schändtichen zu warten, wenn er auch bis zum lichten Morgen warten und dastehen sollte, und ihm dann das Bad ordentlich zu gesegnen.

Doch es ging besser, als er dachte. Ueber⸗ raschend bald sah er von ber Ecke der Haupt⸗ und der Quergasse, wo er sich aufgestellt hatte, Tobias aus dem Pfarrhof schleichen, wodurch seine Wut freilich nicht gemindert wurde. Er eilte voraus, stellte sich in einem Winkel hinter seinem Nachbarhaus auf und lauerte mit ge⸗ ballten Fäusten, um auf sein Schlachtopfer hervorzustürzen.

Er schlug, bis der Zorn in ihm völlig satt war mehr als genug für Tobias. Als er endlich nachließ, erhob sich der Gezüchtigte mit Mühe und stieß, vor Wut und Scham heulend, die Worte aus:Das ist schändlich! Ich 18 mehr in dein Haus! Fort! Laß mich ort!

Du gehst mit mir, versetzte der Alte mit dem Tone der Allgewalt, faßte ihn mit seiner Rechten wie mit einem eisernen Haken und zog ihn mit sich.

Anfangs stemmte sich der Arme, dann ließ er sich zerren, und endlich ging er wie ein Lamm ins Haus. Todmüde, in jedem Betracht gemartert und zerschlagen, hatte er kein anderes Verlangen mehr, als zu Bette zu gehen, und tappte und taumelte in seine Kammer. Nach⸗ dem er noch eine Weile schmerzlich atmend sein ganzes Elend empfunden hatte, erbarmte sich der Schlaf über ihn und tauchte ihn und sein Leid ins Meer der Bewußtlosigkeit.

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Es giebt Menschen, denen alles hingeht; ste wagen unbedenklich das Keckste, und es ge⸗ lingt ihnen; ste greisen rücksichtslos durch, ohne sich im geringsten um die Ansprüche anderer zu kümmern, und werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Während ihre Ueber- schreitungen ohne Ahndung bleiben, ist ihre Kühnheit zuletzt mit Genuß und Ruhm gekrönt. Müßten ste Strafe leiden, sie würden sich nichts daraus machen aber sie werden nicht ge⸗ straft; es ist, als ob sie einen Freibrief er⸗ halten hätten oder die ausübende Macht der Gerechtigkeit Scheu trüge, sich mit ihnen ein⸗ zulassen. ö

Andere dagegen verfolgt die Nemests uner⸗ bitflich. Die geringste Abweichung von der Linie des Gesetzes wird gerächt; eine kleine Schelmerei wird als Vergehen, ja als Ver⸗ brechen behandelt; erdreisten sie sich aber ein⸗ mal eines kühnern Wagnisses, dann wirft die Göttin, gleichsam empört über solche Anmaßung,

ihre schärfsten Geschosse gegen sie und stürzt sie erbarmungslos in den Abgrund der Schmach

und der Schmerzen. Und sie begnügt sich nicht

mit der einmal verübten Rache; sie läßt aus

dem Leide sich Leid erzeugen, sie weidet sich an dem Opfer und scheint der Verfolgung

gar nicht satt werden zu können.

Tobias schlief ununterbrochen bis zum

hellen Morgen. Als er erwachte, hatte er ein dumpfes Gefühl von körperlichem und geistigem

Weh. Er erinnerte sich, die Erlebnisse der ver⸗ gangenen Nacht traten vor seine Seele bis

zum letzten, und die erlittene Schmach ging

ihm siedend heiß durch den Leib. Er atmete schwer und sah, aufs tiefste gekränkt und ge⸗ quält, vor sich hin.

Von den Empfindungen, die in schmerzender Verwirrung durch seine Seele gingen, blieb zuletzt eine stehen. Er hatte etwas erfahren, das sich niemand gefallen lassen darf, wenn noch ein Funke von Ehrgefühl in ihm ist. Eine solche Behandlung durfte nicht mehr vorkom men,

er durfte sie nicht dulden und wenn alles

zugrunde ging! Aus der Pein und der Entrüstung erhob sich der Geist des Trotzes

in ihm; ein Durst nach Rache erfaßte ihn, und

er befriedigte sein Gemüt nur durch den festen

Entschluß: nun auf keinen Fall nachzugeben,

sondern der Bäbe treu zu bleiben, und wenn

sich die ganze Welt darüber zu Tode ärgerte! (Fortsetzung folgt.)

Weihnachten

in einer Arbeiterfamilie. Eiu Textilarbeiter schreibt demArmen Teu⸗

fel aus der Oberlausitz: Wenn dasFest der

Freude und Wonne vor der Tür steht, so er⸗ innere ich mich allemal an die Weihnachten, die ich in meiner Kindheit erlebt habe. Unsere Familie bestand aus sieben Personen, darunter war ich der Jüngste. So war es auch in ei⸗ nem Jahre wie heute, als eine Krankheit den Vater hart an's Bett fesselte, so daß die Mut⸗ ter auf sich selbst angewiesen war, den Haus⸗ halt zu führen, was sebstverständlich ein großes Elend in der Familie herbetführte. Der Ver⸗

dienst belief sich auf M. 5.40 die Woche. Unter

diesem Verdienste mußte allemal in einer Woche

eine Kette geliefert werden, bei deren Herstel⸗ lung an eine zehnstündige Arbeitszeit nicht zu denken war. frühesten Morgen bis zum spätesten Abend, ja bis Mitternacht. Es war keine Seltenheit, daß die Mutter nur eine Stunde Schlaf hatte und die übrigen 23 Stunden der Arbeit gewid⸗ met waren. Die Schwächlichkeit der Mutter kann man sich unter solchen Umständen vorstel⸗ len. Es war, als wenn der Webstuhl von ei⸗ nem Schatten regiert würde. Wir Kinder

Der Webstuhl klapperte vom

mußten tüchtig treiben und spulen, damit der

Verdienst von 5.40 Mark jede Woche erhalten blieb. Auch der härteste Winter verhinderte nicht, daß wir den Wald aufsuchen mußten, der uns das Holz umsonst lieferte. ung war sehr schmal, indem sie nur aus Kar⸗

toffeln bestand. Fleisch und Wurst bekamen

wir gar nicht zu sehen und Brod nur in klei⸗ nem Maßstabe. Die hauptsächlichste Nahrung bestand wie gesagt aus Kartoffeln. Der

Lohn war nicht allein zum Lebensunterhalt

bestimmt, sondern es mußten auch damit die Abgaben und der Hauszins bestritten werden, und wir gingen der Kinder drei in die Schule, somit mußten auch jede Woche 30 Pfg. Schul⸗ geld entrichtet werden, Alles von diesen 5.40 Mark. So kam es öfters vor, daß wir in der Schule von den Lehrern gemahnt wurden, ihren Forderungen gerecht zu werden. Durch

diese Mahungen von den Lehrern und durch die

schlechten Schularbeiten, die entstehen mußten, weil wir keine Zeit dazu hatten, kamen wir in

ein schlechtes Licht und wurden als Schüler zweiter Klasse behandelt. So kam es auch öfters vor, wenn mir der Magen knurrte, da ich mit den Plätzen der besser begüterten Kinder Bekanntschaft machte und mich von den übrig

gebliebenen Brodsamen ernäherte. Fehlte nun

einmal dem Lehrer oder einem Schüler ein Gegenstand, so lenkte sich allemal der Verdacht auf mich, weil ich ja Derjenige war, der die

Plätze durchsuchte. So wär es auch in einem

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Die Nahr⸗