Ausgabe 
27.12.1903
 
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Nr. 52.

Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung.

Zur Gewerbeinspektion haben die Abg. Frenah und Ülrich verschiedene Anträge gestellt. Der Ausschuß beantragt dazu, die Regierung zu ersuchen, der Kammer zu geeigneter Zeit Vorlage bezüglich Aenderung der Organi⸗ satlon der Gewerbeinspektion zu machen, sobald das Maß des Bedürfnisses feststehe. Abg. Dr. Frenay nimmt zur Begründung das Wort und weist darauf hin, daß die Anstellung weiterer Hilfskräfte notwendig sei. Dem Abg. Orb geht der Ausschußantrag nicht weit genug. Man müsse der Regierung offen erklären, was man wünsche. Die Regierung hätte schon früher Abhilfe schaffen müssen. Nach seiner Erfahrung können die Polizeibeamten die Kontrollen nicht in genügendem Maße ausüben. Im besonderen sei es nötig, die gefährlicheren Betriebe öfter zu revidieren. Dazu müßten Hilfsbeamten aus dem Arbeiterstand gewählt werden. Abg. Reinhart unterstützt diese Forderung und Abg. Ulrich sprach sich in demselben Sinne aus.

Von Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Fröhliche Weibnachten! Allen unseren Lesern und Genossen wünschen wir von ganzem Herzen ein glückliches, frohes Weih⸗ nachtsfest! Wir wissen sehr genau, daß bei den weitaus meisten unserer Freunde die Worte frohe undglückliche nur mit einer gewissen Einschränkung zu verstehen sind. Aber anderer⸗ seits stellt man in unseren Kreisen so beschei⸗ dene Ansprüche, daß wirklich nicht viel zu einem glücklichen Feste gehört. Dazu genügt schon, daß einer von außergewöhnlichen Schicksals⸗ schlägen, Krankheit ꝛc. verschont bleibt. Möge derartiges von Allen ferngehalten sein! Wenn dann auch die Bissen knapp ausfallen und vie⸗ les entbehrt werden muß, was bei besser Situ⸗ terten als selbstverständliches Erfordernis be⸗ trachtet wird, so weiß sich der Arbeiter doch zu trösten. Glücklicherweise machte es der Winter bisher auch noch gnädig zur Freude der Ar⸗ beiterfrauen, veren Haushaltungsetat durch hö⸗ here Ausgaben für Brennmaterial ganz bedeu⸗ tend belastet wird. Auf den Schlittschuhsport verzichtet der größte Teil der Arbeitsbienen, darum kann's ruhig gelinde bleiben, oder höch⸗ stens nur so viel Frost geben, daß der notwen⸗ dige Etsbedarf gedeckt werden kann!

Festliche Veranstaltungen sind für die Feier⸗ tage in der Gießener Gewerkschaft und den Parteikreisen nicht vorgesehen; es findet am 2. Januar nur das Gewerkschaftsfest statt, auf das wir schon hingewiesen haben.

In helle Begeisterung haben

Bülow's Zukunftsstaatsreden das Gießener Amtsblatt versetzt, es lobt sie über den Schellenkönig. Wir begreifen, daß dem Blatte die Reichskanzler⸗Weisheit impo⸗ niert und es glaubt, daß mit Bülow's inhalt⸗ schweren Sätzen:Wenn heute alles gletch gemacht würde, wäre morgen doch die Un⸗ gleichheit wieder da! oder:Glauben Sie ein Engel zu sein, Herr Bebel? der Sozial⸗ demokrati; eine empfindliche Schlappe beige⸗ bracht wurde. Derartige Mätzchen entsprechen dem sozialpolitischen Verständnis des Anzefgers und wir gönnen ihm neidlos die Freude die er darüber empfindet. An einigen Sätzen aber, die das Blatt dieser Tage produzierte, möchten wir unsern Lesern zu ihrer Erheiterung zeigen, wie der Anzeiger die Welt betrachtet oder richtiger die Dinge auf den Kopf stellt. Da hieß es z. Beispiel: iMag die Sozialdemokratie auch noch so unsozialistisch eine Bevölkerungsklasse absondern wollen vom übrigen Volke.... und weiter:Im übrigen hatte Graf Bülow vollkommen recht: unser Staatswesen und die Mehrheit der bürgerlichen Gesellschaft steht zu fest auf dem Boden der Gerechtigkeit und des soztalen Wohlwollens, als daß beide zu dem äußersten Mittel der Bekämpfung politischer Bestrebungen mit Gewalt schreiten müßten.

Gerechtigkeit und soziales Wohlwollen! Gerechtigkeit: Siehe Militärjustiz, Dreiklassen⸗

ahlrecht, Streikbrecherschutz; soztales Wohl⸗

Sozialdemokratie will eine Bevölkerungsklasse dom Volke absondern? Wir glaubten bisher, je Hesitzende Klasse hat sich schon längst selbst vom übrigen Volke abgesondert.

Wegen derGroßherzogsspende, jener widerlichen von den Heyl's Mannen in Worms in Szene gesetzten Bettelei hat Gen. Ulrich folgende dringliche Anfrage an die Re⸗ gierung gerichtet:

Hat Großherzogliche Regierung Kenntnis,

daß die Schüler zu einer von einem Wormser Komitee ausgehenden Sammlung für eine

Großherzogsspende gemißbraucht wird?

Diese Anfrage ist durchaus am Platze. Wo soll es hiuführen, wenn schließlich bei jeder der⸗ artigen Gelegenheit Schulkinder in Anspruch genommen und auf den Bettelgang geschickt werden? Außerdem dürfte eine solche Schnorrerei höchst nachteilig in moralischer Beziehung auf sie wirken. Aus Darmstadt wurde mitgeteilt, daß zahlreiche Beiträge von Fabrikarb eitern geleistet wurden. Ob das so ganz freiwillig geschah? DerGieß. Anz. besitzt die Un⸗ verschämtheit in Bezug auf die erwähnte Anfrage des Abg. Ulrich vonniedriger Gesinnung unserer Genossen zu sprechen. Wir sind der Meinung, daß niedrige Gesinnung eher dort zu suchen ist, wo man annimmt, einen Vater durch Ueberreichung von Geld über den Tod seines Kindes hinweg trösten zu können und nebenbei vielleicht noch auf Orden spekuliert.

Von Arbeiterunruhen in Crimmitschau redete der Gießener Anzeiger in seiner Montagsnummer. Das ist eine Unwahrheit, in Crimmitschau haben nicht die geringstenUnruhen stattgefunden. Fabrikanten haben allerdings Ausschreitungen begangen, indem sie Ausgesperrte auf der Straße angriffen und mißhandel⸗ ten. Die Sammlungen in Gießen und Umgegend lie⸗ fern, wie in ganz Deutschlaud recht erfreuliche Ergeb⸗ nisse. In Berlin lieferte sogar ein Obdachloser 70 Pfg. ab, die er unter seinen Leidensgenossen gesammelt hatte. Jeder hatte 1 Pfg. gegeben.

Ein Preßprozeß. Am Donnerstag kam die Beleidigungsklage der Lehrer der höheren Töchterschule gegen dieGießener Neuesten Nachrichten resp. die Herren Klein und Spieß zum Austrag. Es handelt sich um den bekanntenStreik des Lehrer⸗ Collegiums gegen die Teilnehmer am Jugend⸗ fest. Während die Lehrer ihre e nahme an diesem mit allerlei Bklästigungen der Mädchen durch Studenten, Gymnastasten motivierten, war man in der Gießener Stadt⸗ verordnetenversamlung ziemlich einmütig der Ansicht, daß es den Herren nicht passe mit dem übrigenVolke Feste zu feiern. Der Angeklagte Spieß gab in seinem Bericht über die Stadtverordnetensttzung noch einige saftige Zugaben, zu welchen e sich als Gießener und alsStudent berechtig glaubte. Sachlich wurden die Angaben der Angeklagten größten⸗ teils als erwiesen betrachtet. Aber die Form des Berichts findet der Staatsanwalt beleidigend und beantragt gegen Klein 40 Mk., gegen Spieß 60 Mk. Geldstrafe. Das am Dienstag verkündete Urteil ist uns noch nicht bekannt.

Wir müssen lebhaft bedauern, daß der Ver⸗ leger und Redakteur Klein Herrn Spieß als Verfasser des Artikels genannt hat, ohne dessen Einwilltgung. Ein solches Verfahren verstößt derartig gegen die Diskretionspflichten eines Redakteurs, daß man Herrn Klein gerade nicht als Zierde des Redakteurstandes betrachten kann. Ein Redakteur, der seine Mitarbeiter ohne weiteres preisgiebt, verdient nicht das Vertrauen, daß jeder e e in ihn setzi. Geradezu unerhört aber war es noch, daß der Verteidiger Kleins vor Gericht sich die größte Mühe gab, Spieß als den allein Schuldigen binzustellen und Klein zu ent⸗ lasten. Da hört wirklich-alles auf.

Wie es mit dem Vereinigungsrecht der Eisenbahne steht, wird durch folgende Zeitungs⸗ notiz illustiert:

Die Eisenbahndirektion warnt in einer besonder en Ausgabe des Amtsblattes nochmals die Eisenbahnarbei⸗ ter davor, demVerband der Eisenbahner Deutschlands beizutreten und bedroht gleich⸗ zeitig mit unnach sichtlicher Entlassung die⸗ jenigen Leute, welche sich trotzdem von den umherreisen⸗ deu Agitatoren des Verbandes zum Eintritt bewe gen

ollen: Siehe Crimmitschau usw. Und die

lassen. Sämtlichen Leuten, welche dem Verbande

beigetreten seien, ferner den Arbeitern, welche denWeck⸗ ruf verbreite: und die Beiträge s⸗sam:elt hätten, sei gekündigt worden.

So setzt sich die Eisenbahndirektion über das Ge⸗ setz hinweg. Auch ein Beispiel vonArbeiterfürsorge.

Aus dem Mreise gießen.

5. Keine Almosen sondern ge⸗ rechten Lohn verlangen die Arbeiter! Vom Gießener Braunsteinbergwerk war dieser Tage zu lesen, daßsämtlichen Beamten und Ar⸗ beitern des Werkes aus Anlaß des Weihnachts⸗ festes eine außerordentliche Gratifikation ge⸗ währt werden solle. Welche Arbeiterfreund⸗ lichkeit! wird mancher denken, der das liest. Gemach, die Herren verschenken nichts, vom geschäftlichen Standpunkte aus können sie es schließlich auch nicht. Frühere Jahre sind ja auch Gratifikationen gegeben worden, aber nur vereinzelten Arbeitern, die schon längere Jahre auf dem Werke arbeiteten, wurden damit be⸗ glückt. Viel besser als mit einer derartigen Geschenkpolitik wäre allen Arbeitern mit einer Lohnerhöhung gedient, die sie wirk⸗ lich recht gut vertragen könnten. Die Arbeiter über Tage verdienen beispielsweise gegenwärtig ganze 4550 Mark den Monat, das macht die Woche 1112 Mark höchstens! Bei der⸗ artigem Lohn dürfte es selbst ein Arbeiter, der die Kochrezepte des Kaplan Hitze anwendet, seiner Lebtag nicht zum reichen Mann bringen. Die Geschenkpolitik ist blos geeignet, Zwistig⸗ keiten unter den Arbeitern zu schaffen. Recht gut wäre auch, wenn man den Leuten wenigstens eine Viertelstunde Frühstückspause äbe; jetzt muß von früh morgens bis mittags gearbeitet werden, ohne daß die Leute einen Bissen zu sich nehmen können! Natürlich wäre es auch Sache der Arbeiter, hier selbst bessernd einzugreifen!

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Biersteuer! Mit einer solchen will man die Wetzlarer beglücken. Der Regierungs⸗ präsident hat dem Bürgermeister erklärt, wie diesex in der letzten Stadtverordneten⸗Sitzung mitteilte, daß seitens des Oberpräsidenten die Genehmigung zu den Kommunalsteuerzuschlägen für die Folge nicht gegeben wird, wenn nicht die Einführung einer Biersteuer beschlossen wird. Also soll von oben herab die Stadtver⸗ waltung gezwungen werden noch mehr indi⸗ rekte Steuern einzuführen, als ob die Be⸗ völkerung nicht genug solcher zu tragen hätte! Daß die Wetzlarer Stadtväter diesem Ansinnen den nötigen Widerstand entgegensetzen werden, daran ist leider nicht zu denken. Hält doch der Stadtverordnete Kaiser das Bier für ein geeignetes Steuerobjekt. Er sagte:Die Brauer besäßen die Möglichkeit, die Steuer auf die Verbraucher abzuwälzen, die es dann ganz in der Hand hätten, wie weit sie davon betroffen sein wollten. Also der steinreiche Hüttendirektor ist bereit, die Lasten auf die Schultern der Armen zu wälzen, um die Reichen zu schonen! Mögen sich das die Wähler merken!

h. Die Viehseuchen zeigen keine Abnahme, trotz⸗ dem das Einfuhrverbot nun schon jahrelang in Kraft ist. In den Amtsblättern kann man zahlreiche Be⸗ kanntmachungen der Landräte lesen, daß bald hier die Rotlaufseuche, dort die Maul⸗ und Klauenseuche ausge⸗ brochen ist. Die Grenzsperre hat also die Viehseuchen nicht verhütet, wohl aber die Fleischnahrung verteuert und das war ja auch der Zweck der Agrarier.

h. In Konkurs geriet der Besitzer des Gasthofs zur Krone. Eine Reihe kleiner Handwerksmeister sind hierbei die Leidtragenden. g 5

Brüchige Staatsstütze. Bürger⸗ meister Lichtenthäler von Krofdorf ist am Samstag verhaftet und in das Wetz⸗ larer Untersuchungsgefängnis eingeliefert wor⸗ den. Es werden ihm, wie uns schon vor Mo⸗

naten mitgeteilt wurde, verschiedene Verfehlungen

im Amte(Unterschlagungen) zur Last gelegt. In der Bevölkerung sefnes Amtsbezirks er⸗ freute er sich keiner besonderen Beliebtheit und,

wie aus uns zugegangenen Zuschriften hervor⸗ 9 geht, empfindet man vielfach eine gewisse Ge⸗

nugtuung darüber, daß ihn das Geschick ereil hat. Es geht uns aber einigermaßenwide

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