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Nr. 52.
Mitteldeutsche E ountags⸗Zeitung
Seite 3.
des Geldborgens, besser gesagt der Erpress⸗ ung an Untergebenen wurde die Bestie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.
Der Prozeßbericht liest sich wie der Bericht aus einer mittelalterlichen Folterkammer. Faust⸗ schläge, Prügel mit Klopfpeitschen, Besenstielen, Tritte gegen den Magen, mit dem Kopf an die Wand laufen lassen, Anspeien— das haben sich deutsche Soldaten, in 100 200 Fällen mancher Einzelne, widerstandslos ohne Klage, ohne Beschwerde gefallen lassen! Erst als ein Mißhandelter aus Furcht vor seinem Peiniger fahnenflüchtig wurde, kam die Sache ans Tages⸗ licht. Inzwischen hatte Franzki seine Unter⸗ offizierslaufhahn in aller Gemütsruhe beendet und war auf Grund günstiger Qualifikationen —— Schutzmann in Hamburg geworden. Für seine Folterwerkzeuge hatte die Bestie patriotische Kosenamen. Seinen Knüppel hatte er Friedrich Wilhelm getauft. Als„Friedrich Wilhelm“ am Rücken eines Soldaten entzwei gegangen war, bekam er in„Friedrich dem Großen“ einen kräftigeren Nachfolger.
So hat der Unteroffizier Franzki besser und richtiger preußische Geschichte geschrieben, als mancher königlich preußische Hofhitoriker. Der Reichskanzler sagt, Preußen set durch den Drill groß geworden, zum Drill aber gehören auch die Prügel. Die Macht des alten feudalen Preußen beruht allerdings auf„Friedrich Wil⸗ helm“ nach Franzkis Geschichtsauffassung und 10„Friedrich dem Großen“— dem Unzerbrech⸗
chen.
Hört man aber den Reichskanzler oder den preußischen Kriegsminister weiter, so ist das ein bedauerlicher„Einzelfall“. Die Sozialdemo⸗ kratie aber, die das Verdienst trägt an der Aufdeckung solcher entsetzlicher Zustände und der allein es zuzuschreiben ist, wenn dieser militä⸗ rische Sumpf einmal trocken gelegt werden sollte, ist gemeingefährlich, voltsfeindlich, gewalttätig, terroristisch!
Sozialdemokratische Wahlerfolge.
Bei den Gemeindewahlen in Württem⸗ berg haben unsere Genossen in einer Reihe Städte und Landgemeinden recht ansehnliche Erfolge errungen. In Stuttgart gingen sie mit der Volkspartei zusammen, es wurden von jeder der beiden Parteien 4 Kandidaten ge⸗ wählt.— In Heilbronn gewann unsere Partei zwei Sitze und noch in einer Reihe von anderer Orte brachte unsere Partei ihre Kandi⸗ daten durch oder erzielte Stimmenzuwachs.— Ferner siegten unsere Genossen in Rintheim bei Karlsruhe, wo fünf Sozialdemokraten in den Gemeinderat gewählt wurden, und wo diese jetzt die Mehrheit haben.— In Konstanz wurden durch gemeinsames Vorgehen mit den Demokraten und dem Zentrum erstmals vier F in den Bürgerausschuß ge⸗ wã lt.
Mit Landtagswahlrechtsreformen
beschäftigt man sich gegenwärtig in verschiedenen deu 1115 Vaterländern. Bayern, Baden, Sachsen, bekanntlich auch Hessen, wollen die bestehen⸗ den Wahlgesetze ändern. In Bayern haben die Liberalen erklärt, gegen das Wahlgesetz stimmen zu wollen und nehmen dabei die Wahlkreiseinteilung zur Ausrede, die allerdings das Zentrum begünstigt. In Wirklichkeit wollen die Herren nichts vom direkten Wahlrecht wissen, genau wie ihre Gleichgesinnten in Hessen. Oeffentlich in den Wahlversamm⸗ lungen stellten sie sich als Freunde des direkten Wahlrechts vor, seine Einführung suchen sie aber hinterrücks zu vereiteln.— Die schönste Sorte von Wahlgesetz, das sicher die Zustimmung der Dreiklassenmänner findet, bietet man den hellen Sachsen. Da werden die Wahlkörper nach„Ständen“ gebildet— als befände man sich im Mittelalter— und die Geschichte ist so eingerichtet, daß nur wenige oder gar keine Sozialdemokraten in den Landtag kommen. Im übrigen sieht das Ding den sächsischen Staatslenkern ähnlich.
Ausland.
Frauenstimmrecht in Dänemark. Das dänische Folkething(Abgeordnetenkammer) hat die Vorlage betreffend die kommunale Wahlreform einstimmig angenommen. Die So⸗ zialdemokraten sind besonders mit der Bestimm⸗ ung, die den verheirateten Frauen das Wahl⸗ recht verleiht, sehr zufrieden. Nach der vom Folkething vor zwei Jahren angenommenen Vorlage sollte nämlich nur die Frau, die ihr besonderes Vermögen hat, nicht aber die, welche mit ihrem Manne in Gütergemeinschaft lebt, das Wahlrecht erhalten. Dadurch würden also nur die wohlhabenden Frauen der Bourgeoisie, nicht aber auch die Frauen der Arbeiter das Wahlrecht bekommen haben. Die ganze Vor⸗ lage wird nun dem Landsthing(Herrenhaus) überwiesen, wo sie aber auf starken Widerstand stoßen wird.
Revolutionäres aus Rußland.
In einer in Petersburg verteilten Prokla⸗ mation wird mitgeteilt, daß der Poltzeichef von Bjalystok, Metlenko, am 13. November ermordet worden sei, weil er unbewaffnete Ar⸗ beiter, die von einer Versammlung im Walde friedlich heimkehrten, durch die Polizei an⸗ greifen und schlagen ließ; selbst Frauen und Kinder seien dabei nicht geschont worden. In Sormowo, einer Vorstadt von Nishni⸗Nowgo⸗ rod, ist die Leiche eines gewissen Piatnitzki, der für einen Lockspitzel galt, gefunden worden und in Ufa ist der Prästdent des dortigen Ge⸗ richtshofes, Peslikow, von einem politischen Verbannten, Namens Pokroweki, ermordet worden; Letzterer erschoß sich dann selbst.— Die Universität in Warschau, sowie das Technikum in Kiew sind auf unbestimmte Zeit geschlossen worden.
Sie dienen dem Mammon.
Die würdigen Prälaten im Vatikan nämlich. In ben Kassen des Vatikans in Rom werden täglich neue Fehlbeträge entdeckt. Ein intimer Freund Leos XIII. ist vom Papste zur Rückerstattung von 10 Milliouen Lire, welche er entnommen hatte, aufgefordert wor⸗ den. Auch andere Prälaten sollen sich bedeu⸗ tende Beträge angeeignet haben. Papst Plus ist entschlossen, dieser Mißwirtschaft unter allen Umständen ein Ende zu bereiten. Die Nachrichten zeigen, daß man in der Umgebung des Papstes das„Teilen“ aus dem ff versteht.
Soziales.
Zum Klassenkampf in Crimmitschau. Die Chemnitzer Volksstimme meint zu dem Verbot des Weihnachtsfestes in Crimmitschau: „Die sächstschen Machthaber haben sich gerade⸗ zu selbst übertroffen. Eine Weihnachtsbescheer⸗ ung zu verbieten, in Deutschland, dem christ⸗ lichen Staate, in dem Deutschland, wo die Her⸗ zen angeblich gerade zu Weihnachten am ge⸗ fühlvollsten und am weichsten sind, das konnte nur im total verknöcherten und reaktionären Sach⸗ sen geschehen. Der Widerwille gegen das säch⸗ sische System wird jetzt kaum noch gesteigert werden können. Jede Spur einer Art von sächsischen Empfinden ist in der Brust der Bewohner dieses Landes ertötet worden. Die Regierung lasse am Weihnachtstage eine Ab⸗ stimmung darüber vornehmen, wer die Aufrecht⸗ erhaltung Sachsens mit eigener Regierung wünsche, wer nicht. Die große Masse des Volkes hat die Regierung gegen sich. Auf Bajonetten allein aber kann man nicht lange sitzen Wenn die Weihnachtsglocken tönen, in den Kirchen von den Kanzeln das„Friede auf Er⸗ den“ verkündet wird, dann werden Millionen von Arbeitern sich den heiligen Schwur leisten, Alles daran setzen zu wollen, daß dieser Kampf gegen die Kapitalisten und die sächsischen Macht⸗ haber zu einem siegreichen Ende geführt wird.“
Das Verbot der Weihnachtsbe— scheerung hat, wie man der Leipz. Volksztg. schreibt, innerhalb der Arbeiterschaft große Empörung hervorgerufen. Noch immer glaubte die Mehrzahl der Proletarier, daß wir in einem
Rechtsstaat leben. Sie hielten es nicht für möglich, daß eine derartige Feier untersagt werden könnte. Sie fühlten sich verletzt in ihrem religtösen Empfinden. Die Folge war, daß am Samstag gegen 1000 Personen ihren Austritt aus der Landeskirche anmeldeten und zwar geschah dies, ohne daß von irgend einer Seite hierzu die Anregung gegeben wurde. Alle gegenteiligen Meldungen bürgerlicher Blätter beruhen auf Unwahrheit. Die Sozialdemokratie oder die Streikleitung hat in keiner Weise ihre Hand im Spiele. Die behördlichen Maßnahmen bringen auch den letzten Arbeiter zum Bewußtsein, daß es im Klassenstaat ein Recht für die Unterdrückten nicht giebt. Der Kapitalismus kennt keine 1 außer der Religion des Geld⸗ a ck 8.
Natürlich werden die Ausgesperrten trotz⸗ dem ihre Weihnachtsfeier abhalten. Sie wer⸗ den über die Grenze wandern in das Städt⸗ chen Schmölln, um dort dem Machtbereich ihrer vaterländischen Regierung entrückt, die Gaben der Arbeiterschaft Deutschlands zu em⸗ pfangen. Vertrieben von Haus und Hof, müs⸗ sen sie hinaus in die kalte Winternachk; müssen stundenweit wandern, um das erhabenste Fest begehen zu dürfen, welches die christliche Reli⸗ gion besitzt.
Gewerbegerichtswahlen nach dem Proportionalsystem fanden kürzlich in Karlsruhe statt und zwar dort zum ersten Male. Es wurden auf die Liste des Gewerk⸗ schaftskartells 2666 Stimmen abgegeben. Von den 12 zu wählenden Arbeiterbeisitzern entfallen 10 auf die vom Gewerkschaftskartell vorgeschlagenen Kandidaten, während die Christ⸗ lichen, Hirsch⸗Dunckerschen und evangelischen Arbeitervereinler mit 405 Stimmen 2 Vertreter erhalten. Bei der Wahl der Arbeitgeberbeisitzer wurden von den vom Gewerkschaftskartell vor- geschlagenen Kandidaten 2 gewählt; 10 ent⸗ fallen auf die Liste der Innungen und des Gewerbevereins.
Erntertrag in Preußen. Die entgiltig, Ernteschätzung für Preußen hat ergeben daß sett 1893, dem ersten Jahre der Ernte⸗ ertrag noch nie so bedeutend war, wie im Jahre 1903. Der Hektarertrag betrug nämlich bei Sommerweizen 2304 Kilogramm gegen 1936 im Jahre 1902, bei Wiaterroggen 1607 Kilo⸗ gramm gegen 1520, bei Sommerroggen 1023 gegen 989, bei Sommergerste 1988 gegen 1905, bei Hafer 1837 gegen 1801 Kilogramm. Nur bei Winterweizen und Kartoffeln trat eine kleine Abnahme des Hektarertrages ein und zwar ging der Ertrag bei Winterweizen von 2180 i. J. 1902 auf 2022 Kilogramm i. J., 1903, bet Kartoffeln von 13135 auf 13016 Kilogramm zurück.
Aus dem Hess. Landtage
haben wir von den Verhandlungen der vorigen Woche noch einiges nachzutragen. Am Diens⸗ tag kam noch der Antrag der sozialdemokra⸗ tischen Fraktion betreffend. 8
Vertretung der Arbeiterschaft im Großherzoglichen Ministerium des
Innern
zur Verhandlung. Der Ausschuß beantragt, mit Rücksicht darauf, daß die ganze Ar⸗ beiterfürsorge vom Reich aus geschehe, die Kammer wolle an die Regierung das Ersuchen richten, dieselbe möge im Bundesrat dahin wirken, daß diese Frage(Arbeitskammern) bal⸗ digst reichsgesetzlich geregelt werde; Hierzu be⸗ merkt Abg. Ulrich, daß ihm dieser Antrag nicht genüge, da von Reichswegen wahrschein⸗ lich nichts erreicht werde, ebenso wie Land⸗ wirtschaft und Gewerbe, müsse auch die Arbei⸗ terschaft ihre direkte Vertretung im Ministerium haben. Das Vorbild sei dadurch gegeben Redner gibt eine ausführliche Schilderung, wie er sich die Zusammensetzung gedacht und will bei Ablehnung demnächst einen neuen detaillir— ten Plan vorlegen. Der Antrag des Ausschus⸗
ses wird schließlich angenommen.


