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Seite 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
vergeßlich einprägen, daß an solchem Unheil nur der geminderte Profit und die frevelhafte Begehrlichkeit der Arbeiter schuld sei, deren Verbrechen Gott durch seine königlich sächsischen Stellvertreter gestraft und gesühnt habe, indem
er ihre Weihnachtslichter von Polizei wegen
auslöschte
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!
Wir sind es, die Sozialdemokraten, die dafür kämpfen. 5
Unsere Aufgabe sei aber, den Kampf für Gerechtigkeit und für Erlösung unablässig weiter zu führen. Und neue Hoffnung und Sieges⸗ gewißheit strömt in die Brust eines jeden Mit⸗ kämpfers am Tage der Wintersonnenwende. Es wird Frühling werden!
politische Rundschau.
Gießen, den 18. Dezember.
Bülow's Zukunfts⸗Staatsreden sollen dem deutschen Volke gewissermassen als Weihnachtsgabe in Massen bescheert werden. Durch die bürgerlichen Zeitungen läuft eine Notiz, daß jene Reden bei Mittler u. Sohn in Berlin erschienen seien. Hinzugefügt wird noch,„daß sich das kleine, billige Heftchen zur Massen verbreitung in Arbeiter⸗ kreisen eigne, wo es hoffentlich seine auf⸗ klärende Wirkung über die sozialistischen Uto⸗ pien nicht verfehlen wird.“— Gewiß nicht! Namentlich wenn, was sicher anzunehmen ist, die Buchhandlung Vorwärts jene Reden mit denen Bebels herausgiebt. Mit den Stram⸗ pel⸗Anni⸗Geschichten erregt man nur Heiterkeit bei den Arbeitern.
Ueber Bülow's Zukunfts⸗Staatsrede urteilt der Abg. für Marburg, v. Gerlach, in der„Nation“ folgendermaßen:
„Graf Bülow eröffnete den Kampf mit ei⸗ ner sehr sorgfältig, fast zu sorgfältig präparier⸗ ten Rede, die dem neuen Reichstag den Stem⸗ pel aufdrücken sollte: die Miquelsche Sammel⸗ politik in zwar nicht verbesserter, aber vermehr⸗ ter Auflage. Der ganze Reichstag soll es sein, von Adolf Stöcker bis Eugen Richter, der sich
zusammenschließt im Kampfe gegen die Sozial⸗
demokratie. Das war der Grundton der ersten Rede. Aber als es einige Herren selbst nach der zweiten Rede noch nicht völlig erfaßt zu haben schienen, da ergriff der Kanzler zum dritten Mal das Wort und wurde nun so deutlich, daß selbst die parlamentarischen Wai⸗ senknaben es kapieren mußten. Die„eine reaktionäre Masse“ unter dem wohl⸗ klingenden Namen des Zusammenschlusses aller „bürgerlichen Parteien“, das ist das Ideal der Bülowschen Politik. Um dieses Ideal zu fördern, hat sich Graf Bülow sogar der ihm gewiß recht unerfreulichen Mühe unter⸗ zogen, sich mit einzelnen Stellen der sozialdemo⸗ kratischen Literatur durch seine vortragenden Räte vertraut machen zu lassen. Ohne ihm nahe zu treten, darf man wohl behaupten, daß er, der sich sonst umfassenderer allgemeiner Bil⸗ gung als ein gewöhnlicher preutzischer Minister erfreut, zu der für einen gebildeten Menschen erforderlichen allgemeinen Bildung die Kenntnis der sozialdemokratischen Literatur nicht rechnet. Wenigstens merkt man aus seinen Reden von einer solchen Kenntnis nicht 8. Diesmal schwenk: er allerdings den „grünen Bädecker für die Reise nach Utopien“, wie er Kautskys letzte Schrift nannte, in seiner Hand. Ob er aber diesen Bädecker gelesen hat, ist mir zweifelhaft. Er hat wenig⸗ stens nichts daraus zitiert, und er hat doch sonst keine Abneigung gegen das Zitieren. Unter diesemMangel einer gründlichen Kenntnis der Sozialdemokratie litten die sämtlichen Bülowschen Reden erheb⸗ lich. Sie waren ja reizende Feuilletons. Aber geschadet haben sie der Sozial⸗ demokratie nichts. Und wenn Graf Bülow mit Engelszungen geredet hätte, so wäre es auch noch so gewesen. Denn was nützen die besten Reden und die feinsten Witze gegenüber den Tatsachen? Die einzige Tat⸗
sache„Crimmits hau“ hätte genügt, um,
jeder antisozialdemokratischen Rede die Spitze abzubrechen.“
So urteilt ein Mann, der ein Gegner
der Sozialdemokratie, gewiß kein„Reichsfeind“ ist. Sein Urteil sticht vorteilhaft von den Lob⸗ gesängen ab, die dem Reichskanzler von der bürgerlichen Presse bis in die Reihen der Frei⸗ sinnigen hinein wegen seiner Antisozialistenreden gespendet wurden. Man wird mit solcher Be⸗ kämpfung der Sozialdemokratie nicht weit kom⸗ men, das sollten die Freisinnigen aus Erfah⸗ rung wissen. Eugen Richters„Irrlehren der Sozialdemokratie“ und seine„Bilder aus dem Zukunftsstaat“, die trotz der daraus sprechen⸗ den kläglichen Unwissenheit ihres Erzeugers in bezug auf sozialistische Dinge noch hoch über Bülows Abklasch dieser Weisheit stehen, sind bei ihrem Erscheinen von der liberalen und der reaktionären Presse ebenso gepriesen wor den als das endlich gefundene Mittel zur Vernich⸗ tung der Sozialdemokratie. Sie sind heute vergessen. Und das Resultat der Sozia⸗ listenvernichtung? Die Sozialdemokratie musterte 3 Millionen ähler, während der Freisinn als eine politische Ruine dasteht und bald ganz verschwundeu sein wird.
Blutrünstige Reaktionäre.
Nächstens wird eine Flugschrift des be⸗ kannten Mlilitärschriftstellers General v. Bo⸗ gulowski erscheinen, in welcher, wie einige Zeitungen berichten, folgende Tollhäuslereien zu lesen sein werden:
„Wir brauchen ein Gesetz gegen die revolutionäre Sozialdemokratie, und ich bin überzeugt, daß es kommen muß und wird— möge es nicht zu spät sein. Es gilt die Autorität des Staates herzustellen. Millionen würden die Augen aufgehen, Mil⸗ lionen kleiner Gewerbetreibender und Hand⸗ werker würden vom Terrorismus befreit aufatmen.— Die Doktrinärs und Mauserungs⸗ männer werden jammern; Verbissenheit und Groll würden auch ihre Rolle spielen. Die Möglichkeit einzelner Ausbrüche, Verschwörungen, ist nicht abzu⸗ leugnen. Aber ste ist unwahrscheinlich. Wie das Gesetz beschaffen sein könnte, will ich hier nicht erörtern, unter allen Umständen müßte dos Leitmotiv sein: Zerstörung der sozialdemokratischen Organisationz Verhinderung weiterer Verhetzung, Bestrafung der Anstifter von Streiks ohne Innehalt der kontraktlichen Zeit. Der Moment für den entscheidenden Kampf wird sich finden. Und der Weg? Wo ein Wille ist, ist ein Weg! Daß man zuerst versuchen müßte, das neue Wahlgesetz, selbst um den Preis wiederholter Auflösungen des Reichstages durch zusetzen, ist ein Weg. Aber man muß sich bewußt sein, daß es dann kein Zurückweichen mehr gibt. Dann kann es nur heißen:„Nicht reden, sondern handeln!“
Aehnliches Zeug ungefähr faselte auch der Antisemitenhäuptling Lieber mann von Sonnenberg kürzlich im Reichstage, als er sagte:„Ich wünsche geradezu, daß es zur Revolution kommt— dann würde es endlich besser werden.“— Welche unglaubliche Borniertheit und Roheit zugleich liegt in solchen Worten! Indessen ist die Offenheit dieser Edelsten erfreulich, ste legen so ihre wahre Gesinnung an den Tag. Durch Wahlentrechtung, Ver⸗ gewaltigung, Zerstörung der gewerkschaftlichen und politischen Organisation ill man die Ar- beiter zu Verzweifelungsausbrüchen provozieren, um dann die Arbeiterbewegung im Blute zu ersticken! Aber dieses Indianergeheul wird die Sozialdemokratie nicht von ihrem vorgezeichneten Wege abbringen!
Stärke und Entwickelung der Parteien.
Nach der amtlichen vergleichenden Ueber⸗ sicht der Wahlen von 1898 und 1903 haben sich am ersten Termin 68,1 Prozent und am zweiten 76,1 Prozent der Wähler an den Reichstagswahlen beteiligt. Von den einzelnen Parteien giebt die amtliche Tabelle folgendes Entwicklungsbild:
Nr. 52. 1898 1903
Wählerzahl Proz. Wählerzahl Proz. Deutschkonserv. 859 222 11,1 948 448 10,0 Reichspartei 343 642 4,4 3330 Nationalliberale 971302 12,5 1313 051 13,8 Freis. Vereinig. 195 682 2,5 243 230 2,6 Freis. Volksp. 558314 7,2 542 556 5,7 Deutsche Volksp. 108 528 1,4 92110 Zentrum 1455 139 18,8 1875 292 19,7 Polen 244 128 3,1 347 784 3,7 Antisemiten. 284 250 3,7 244543 2,6 Bund d. Landw. 110 389 1.4 118 759 1,2 Bauernbund 140 304 1,8, Andere Part. (Nationalsoziale, Dänen, Welfen, Litauer, Els usw. 268 234 355 248 024 2,6 AUnbestimmt 92 137 1,2 55 249 0,6 Zersplittert 0 13 846 0,2 11884 CO, Sozialdem. 2107076 27,2 3010 771 31,7
Nach diesen amtlichen Feststellungen haben seit 1898 an Stimmenzahl absolut abge⸗ nommen: Reichspartei, Freisinnige Volkspartei, Antisemiten, Bauernbündler, Wilde. Absolute Zunahme, aber Abnahme im Verhältnts zur vermehrten Wählerzahl haben Konservatioe und Bund der Laadwirte. Absolut und
relatio gewachsen sind Nationalliberale,
Freisinnige Vereinigung, Zentrum, Polen und Soztaldemokraten. Die letzteren haben a m
stärksten zugenommen, nämlich auf je
100 abgegebene Stimmen 4,5.
Gewerbliche Berufe in der soztaldemo⸗ kratischen Reichstagsfraktion.
Nach einer Zusammenstellung sind in der sozialdemokratischen raktion 3 Maschinen⸗ schlosser, 2 Former, 1 Kunstgießer, 1 Klempner, 3 Gürtler, 1 Goldschläger, 1 Sattler, 1 Tape⸗ zierer, 4 Textilarbeiter, 1 Glaser, 2 Drechsler, 6 Tischler, 2 Klaviermacher, 1 Holzbildhauer, 1 Bürsteabinder, 1 Stellmacher, 1 Zim merer, 1 Maurer, 7 Schriftsetzer bezw. Buchdrucker, 1 Litograph, 1 Buchbinder, 1 Zigarrensortierer, 6 Zigarrenarbeiter, 1 Schuhmacher, 3 Schneider, 1 Handschuhmacher, 1 Töpfer, 1 Glasarbeiter, 1 Schlachter und 1 Kaufmann. Diese 58 Mit⸗
lieder der Fraktion haben sämtlich den vor⸗ stehend für sie angegebenen Beruf erlernt, wenn ste heute größtenteils nicht mehr in diesem Berufe tätig sind, so vermögen ste doch stets mit Sachkenntnis über die Berufsfragen der angeführten Berufe zu urteilen. Mit wel cher Sachkenntnis sie es können, das hat in jüng ster Zeit erst der Kampf gegen den Zolltarif be⸗ wiesen. Daraus erhellt zur Evidenz, daß es keine bessere Vertretung für die Gewerkschaften giebt, als die sozialdemokratische.— Auch der „Mittelstand“ sollte die Tatsache beachten, daß in der sozialdemokratischen Fraktion sich mehr „Leute der Praxis“ befinden, als in andern Parteien.
Militaristische Kultur.
Einjährige als Opfer seiner Schindereien hatte sich der Unteroffizier Heim der 12. Komp. des 3. bayr. Inf.⸗Regts. ausgesucht. Er hatte bei seinem Abgang von der Unteroffizierschule das Prädikat„guter energischer Abrichter“ erhalten und wollte nun auch diesem schöuen Titel Ehre machen. Die Einjährigen belegte er mit den unflätigsten Schimpfwörtern, ließ ste blödsinnige Sätze 300 mal abschreiben, stieß sie mit dem Seitengewehr vor die Brust und in die Kniekehlen, daß Blut floß usw. Der bodenlos rohe Patron versuchte vergebens„krankhafte Anfälle“ vorzuschützen, es gelang ihm aber nicht; denn er wurde wegen Dutzenden von Fällen des Mißbrauchs der Dienstgewalt und der Waffe usw. zu5 Monaten Gefängnis und Degradation verurteilt. Aus einer Reihe von Gründen erfreuen sich die Einjährigen in der Regel einer rücksichtsvolleren Behandlung durch die Unterofftziere. Darum verdient dieser Fall besonders der Erwähnung.
Ueber 1500 Soldatenmißhand⸗ lungen hat der Unteroffizier Frauzki in Rendsburg auf dem Kerbholz und damit den berichtigten Schinder Breidenbach in den Schatten gestellt. Wegen eintausendfünf⸗ hundertundzwanzig Fällen von Sol⸗ datenmißhandlun gen, achtzig Fällen von vorschriftswidriger Behandlung, zwanzig Fällen
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