Ausgabe 
27.12.1903
 
Einzelbild herunterladen

f

rr

ee

krasser als je

Nr. 52.

Gießen, Weihnachten 1903.

10. Jahrg

Nedaktion:

Kichenplatz 11, Schloßgasse.

Solnt

Mitteldeutsche

8-30

Redaktionsschluß: Vonunerstag Nachmittag 4 Uhr.

itun

9

Abounementspreis:

Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.

Durch die Post bezogen vierteljährlich

ch 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition mmer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)

Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die

finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.

4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

2 Juserate 2 Die ögespalt.

9 a 5 8 8 8 i 5 5 5 5 0 i .

. Weihnachtslied.

m Kreise froher Weihnachtsgäste,

Sei uns gegrüßt o Lichterbaum! Verheißung strahlen Deine Aeste Manch' kindlichem Erlösungstraum. Doch was wir mild Beschertes fanden, Wie stolz das Halleluja klingt Der Heiland ist noch nicht erstanden, Der in die Welt die Freiheit bringt.

Wohl folgten, Lieder auf den Lippen, Die Weisen Bethleh'ms Leuchte gern; Wohl lag das Kindlein in der Krippen, Doch war sein Stern ein Wandelstern, Die heitern Strahlen flohen und schwanden, Wo schwarzer Wahn die Schleier schlingt Der Heiland ist noch nicht erstanden, Derfin die Welt die Freiheit bringt.

NN

Umsonst mit seines Purpurs Falten Bedeckt der Gott das Büßerkleid:

Die Gnade mag im Himmel walten, Die Erde braucht Gerechtigkeit. Die Liebe zwingt mit neuen Banden, Ob auch die alte Fessel springt Der Heiland ist noch nicht erstanden, Der in die Welt die Freiheit bringt.

Kein Jenseits kann den Helfer senden, Den Christ säugt jede Mutter groß;

Die Menschheit muß mit eignen Händen Erkämpfen sich ihr irdisch Los.

Er kommt in rußigen Gewanden,

Der Retter, der die Hölle zwingt Derz Heiland ist noch nicht erstanden, Der in die Welt die Freiheit bringt!

Erkenntnis heißt die Bundeslade,

Die Wahrheit gibt und Tugend schafft; Und Arbeit heißt die Wirkungsgnade, Die uns erlöst durch unsre Kraft. Wann wir den Erdfluch überwunden, Der Hand und Hirn der Not verdingt Dann ist der Heiland auferstanden,

Der in die Welt die Freiheit bringt.

Schon pflanzt der Geist, der Ueberwinder, Der Arbeit großen Weihnachtsbaum, Um den die Völker einst wie Kinder, Sich schaaren unter'm Himmelsraum. O Weiht ag! wann der ob den Landen Die ries'gen Lichteräste schwingt Dann ist in jeder Brust erstanden Der Heiland, der die Freiheit bringt.

Lu dwig Pfau.

Nc ccc

Friede auf Erden!

Wieder kam die fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit, das Fest der Liebe und Er⸗ lösung wie es genanntund tausendfach besungen wird. Friede auf Erden und dem Menschen ein Wohlgefallen! Seit zweitausend Jahren wird diese frohe Botschaft der leidenden Mensch⸗ heit verkündet, aber vergeblich warten wir auf ihre Erfüllung. 5 a

Er, zu dessen Gedächtnis die Christenheit dieses Fest begeht, predigte die reine Menschen⸗ liebe, forderte Gleichberechtigung der Aermsten und Niedrigsten mit den Reichsten und Mäch⸗ tigsten. Für seine Lehren erlitt er den Ver⸗ brechertod am Kreuze, zu dem ihn die herr⸗ schende Gesellschaft, dieOrdnungsleute seiner Zeit, verurteilten. Und käme er heute wieder, er würde ähnliche Perhältnisse vorfinden. Und gerade diejenigen, die sich dem Volke als Ver⸗ künder seiner Lehre vorstellen, handeln am Wenigsten in seinem Sinne, stehen vielmehr, genau wie damals die Pharisäer und Schrift⸗ gelehrten auf Seite der Mächtigen und Be⸗ sitzenden und treten den Bestrebungen der arbeitenden, unterdrückten Menschheit entgegen, die auf Friede, Gerechtigkeit und Wohlfahrt für alle Menschen gerichtet sind.

Es herrscht kein Friede auf Erden! Im Gegenteil, die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Kapital und Arbett treten in dieser Zeit zu tage. Gewiß, die Ent⸗ wickelung des Menschengeschlechts hat seit jener Zeit gewaltige Fortschritte gemacht, eine vorher nie geahnte Höhe erreicht. Die Naturkräfte wurden im weitesten Umfange dem Menschen

dienstbar gemacht und Reichtümer auf Reich⸗ tümer gehäuft. nur Einzelnen zu Gute

Aber dieser Reichtum kommt und diese benutzen

ihn, sich Herrschaft und Macht über die große Masse ihrer Mitmenschen, der Enterbten anzueignen. Ueppigkeit, Wohlleben auf der einen Seite,

auf der andern aber Not, niedrigste Lebens- haltung, von menschenwürdig m Lebensgenusse keine Rede! Unterdrückung und Unrecht lastet 500 denen, welche den Reichtum geschaffen aben.

Der christliche Staat hält es nicht für seine Aufgabe, den Bedrängten beizustehen und sie zu schützen. Er stellt sich im Gegenteil als eine Vertretung der besitzenden Klassen dar und erachtet es als seine Aufgabe, den Befreiungs⸗ bestrebungen der darbenden Massen die größten Hindernisse zu bereiten. Drohend richtet er seine Machtmittel gegen jene, welche diegott⸗ gewollte Ordnung nicht in Ordnung finden. Gefängnis und Kerker den Kämpfern für Frei⸗ heit, Menschenrecht und Völkerfrieden! Und die christliche Kirche? Zu welchem der einzelnen Bekenntnisse ihre Priester sich immer zählen mögen, sie predigen den Schw chen Demut, Gehorsam, Unterwürfigkeit, Zufriedenheit, denn im besseren Jenseits werden sie für alle er⸗ littene Uubill entschädigt.Es ist immer so gewesen und wird immer so bleiben! Damit glauben sie die heutigen ungerechten Zustände genügend erklärt und entschuldigt zu haben. Höchstens wird den Satten sanft nahe gelegt, den Hungernden und Durstigen einige Bettel⸗ brocken hinzuwerfen, womit sie ihre Christen⸗ pflicht erfüllt haben. Man giebt löffelweise, was man in Scheffeln nahm. Im Uebrigen heiligt die Kirche die verderbliche und dem Volksganzen nach jeder Richtung hin schädliche Ausbeutung des Menschen durch den Menschen als göttliches Recht.

Besser als wir es hier vermöchten, zeigen zahlreiche Vorkommnisse der letzten Monate die Schäden unsererherrlichen Gesellschaftsord nung. Die Soldatenquälereien, Prozeß Bilse und vieles andere müssen jedem einigermaßen um sich Blickenden davon überzeugen.

Wer den christlichen Staat aber in seiner ganzen Pracht sehen will, blicke nach Crim⸗

mitschau! Seit vier Monaten kämpfen dort über 7000 Lohnsklaven einen gerechten Kampf. Man wollte eine lächerlich geringfügige Besse⸗ rung der Arbeitsverhältnisse erreichen, den 10stündigen Arbeitstag! Es fanden Verhand⸗ lungen statt, die zu keinem Resultat führten, 600 Arbeiter kündigen. Sofort sperrten die Fabrikanten die sämtlichen Arbeiter aus! Wochenlang hungern die Entbehrungsgewohn⸗ ten Proleten um einer gerechten Sache willen. Und Ehre den deutschen Arbeitern! ihr Solidaritätsgefühl betätigt sich hier in groß⸗ artiger Weise! Hunderttausende Mark werden von denen, die selbst jeden Pfennig auf das Nötigste brauchen, zur Unterstützung ihrer kämp⸗ fenden Brüder aufgebracht. Die Armen setzen in höchsten Mute alles daran, um sich nicht völlig von den Fabrikbaronen knebeln zu lassen. Sie entbehren und leiden. Da kommt Weih⸗ nachten, wo die fromme Heilsbotschaft von der Geburt des Erlösers verkündet wird. Auch die Ausgesperrten wollen Weihnachten feiern. Nicht jeder kann für sich und seine Kinder einen Weihnachtsbaum anzünden. Man beschloß da⸗ her, gemeinsam das Christfest zu feiern, und traf die nötigen Vorbereitungen. Da was man nie für möglich gehalten hätte, der chpistliche söchsische Staat ver bietet die Weihnachtsfeier! Man sieht in der Weihnachtsfeier Betätigung revolu⸗ tionärer Gesinnung, Widerstand, Aufruhr! Das fromme LiedStille Nacht,heilige Nacht wird im Munde der ausgesperrten Arbeiter zum Umsturzlied.

In den Hütten der Armen darf kein Licht zu trügerischen Hoffnungen locken. Aber die Fabrikanten von Crimmitsckau werden froh⸗ lockend ihre Christbäume erstrahlen lassen, und wenn ihre Sprößlinge sich beklagen, daß sie nicht so viel geschenkt bekommen hätten, wie sonst, so werden sie eine Ansprache an sie halten und in ihr jugendliches Gemüt die Lehre un⸗

Bei mindestens