Ausgabe 
27.9.1903
 
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Seite 10.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Deutschland lebt, außerordentlich an Kredit verloren und nicht zum mindesten bei seinen Freunden, den Revisionisten. Zuerst ein neuer Messias, heißt es nun, steiniget, steiniget ihn. Und weshalb, doch eigentlich nur, weil er das, was er früher gesagt, die Konsequenzen daraus nach Meinung seiner Freunde gar zu ungeschickt oder gar zu offen ausgesprochen hat. Aus der Mttte seiner eigenen Anhänger ist ihm zugerufen worden: Wenn das so weiter geht, muß er aus der Partei heraus. Unter diesen Umständen legte man auch seinem Artikel über die Vize⸗ präsidentenfrage mit der Verteidigung des Zuhofegehens in der Parteipresse fast gar keine Bedeutung bei. Ich war vor allem aufs tiefste erbittert, daß eine solche Frage aufgeworfen wurde in einem Moment, wo die ganze Partei der Ueberzeugung lebte, daß es nunmehr gelte, den Sieg auszunutzen und vorwärts zum Angriff überzugehen, wo die Reden von Breslau noch im Ange⸗ sicht jedes Sozialdemokraten wie eine physische Ohrfeige brannten,(lebh. Beifall) wo man sich sagen mußte, da haben wir es mit einem Repräsentanten der herrsch⸗ enden Macht zu tun, der gegebenenfalls das Kommando geben würde, auf Vater und Mutter zu schießen. Glaubt denn Bernstein, all das ist aus den Proletarierhirnen ausgelöscht? Wer das nicht weiß, der soll überhaupt aufhören Politiker zu spielen.(Stürm. Beifall.) Aus meiner Empörung heraus schrieb ich die Erklärung gegen Bernstein in derNeue Zeit. Dafür bin ich scharf an⸗ gegriffen worden, habe aber noch mehr Zustimmung erhalten. Man freute sich allgemein, daß ich endlich einmal der Katze die Schelle umgehängt hatte. Ein Sturm der Entrüstung erhob sich, wie selten noch gegen eine Ansicht. Vollmar liebt es ja, selten aufzutreten, namentlich in programmatischer Form. Wenn er aber

glaubt, daß jetzt die Stunde gekommen sei, wirft er sich N

feierlich nit der ganzen Größe seiner Person in die Wagschale und zahlreiche bürgerliche Journalisten bejubeln ihn. Jubel ist in München immer vorhanden, wenn Vollmar auftritt. München ist das deutsche Capua, dort wandelt keiner auf die Dauer ungestraft unter den Blerkrügen.(Heiterkeit) Dort geht die stolzeste Partei⸗ säule nach einiger Zeit zugrunde. Da seht euch diesen Parvus an,(Große Heiterkeit) auf den noch jeder ge⸗ schworen, daß er der Radikalsten einer und jetzt liegt auch diese stolze Säule gebrochen im Haidhäuser Moor- So mancher, der als prinzipientreuer Genosse nach München zog, nach ein paar Jahren war er an Seele und Geist verloren.(11! D. Red. d. M. S.⸗Ztg.) Und wenn ich selbst nach München ziehen könnte, ich würde mich vor mir selber fürchten.(Stürm. Heiterkeit.) Da hat Auer in denSoz. Monatsheften in seiner bekannten witzigen und geistreichen Art sich über die Sache ausgesprochen und es so dargestellt, als sei der Streit nur entbrannt, weil der Artikel gerade in die Sauregurkenzeit fiel. Ich bedaure es tief, daß Auer von einer die Partei so tief bewegenden Sache so sprechen konnte. Ein solches Urteil kann nur fällen, wer die eigentliche Grundlage, den prinzipiellen Boden verloren hat.(J)

Man hat gesagt, es sei eine falsche Auffassung von mir, daß eineVerschwörung bestehe. Eine solche braucht zwischen Gleichgesinnten nicht zu bestehen. In dem Augenblick, wo Genosse Vollmar auftrat, sprangen seine Freunde von überall her ihm bei und das war ganz in der Ordnung. Für Vollmar war die Frage des Vizepräsidenten erst eine Machterweiterung, dann als man sah, daß ¼ö0 der Partei andrer Meinung war, hatte die Sache keine Bedeutung. Von Geistesverwandten kam nun die Losung: Weg vom Parteitag, hinein in die Fraktion. Dem ist nun vorgebeugt worden. Die Vorgänge in der Partei werden von der bürgerlichen Presse beobachtet und alle diejenigen, die bei uns seit 12 Jahren Diskussionen anregen, werden von der bürger⸗ lichen Presse gelobt, daß einem oft der Ekel überkommt. (Beifall.) Dafür können nun freilich die Gelobten nichts. Ich werde nicht gelobt. Höchstens ausnahmsweise, wenn ich einmal auch das Herz des Bürgertums rühre, wie bei der Kaiserrede. Aber ich will kein Lob der bürger⸗ lichen Presse. Ich will bis zum letzten Atemzuge ein Feind der bürgerlichen Gesellschaft sein und sie untergraben und zu beseitigen helfen.(Stürmischer Beifall.) Würde ich aber so gelobt, wie es z. B. Heine von Herrn v. Gerlach passiert ist, müßte ich mich schütteln. Vollmar ergeht es in der bürgerlichen Presse ähnlich. Bis zum Ende der 8er Jahre stimmte ich mit Vollmar stets überein. Seitdem sind wir immer weiter auseinander⸗ gekommen in unsrer Ansicht. Ich will aber hinzufügen, das hat unsre persönliche Achtung nie beeinträchtigt. (Bebel führt dann eine Reihe Beispiele an, wo nach seiner Meinung einzelne Genossen und Preßorgane sich prinzipielle Verstöße zu schulden kommen ließen.)

Der Revisionismus ist ja sehr bescheiden, er ist mit dem geringsten zufrieden. Ich sage aber, je bescheibener wir sind, je weniger kriegen wir. Schon Marx hat gesagt: Entwicklungsphasen sind nicht zu überspringen, aber sie sind abzukürzen. Diesem Grundsatz huldige ich heute noch. Ihr sagt nun, die Massen seien uoch nicht reif. Ach was, zerbrecht euch doch nicht die Köpfe der andern. Was wißt ihr denn, was für Intelligenzen

bei uns sind, wenn wir erst die Macht haben. Welche Arbeit haben unsere Männer in der Zollkommission ge⸗ leistet, die Baudert, Zubeil, Antrick. Letzerer hat über eine Reihe hygienischer Fragen so sachverständig gesprochen, daß die Regierungsvertreter Mund und Nase aufgesperrt und gefragt haben: wo hat denn der Kerl das alles her?(Heiterkeit.) Was wißt ihr denn, was wir für Geister haben, ihr ahnt es ja gar nicht. Jede Zeit, jede Kulturbewegung gebiert die Männer, die sie not⸗ wendig hat, auch die Sozialdemokratie wird sie haben, wenn sie sie braucht. Aber immer das Beruhigen, das Diplomatisieren, das Kompromittieren, das geht nicht weiter. Alles staatsmännische Geschick soll ja auf seiten der Revisionisten sein, soviel Staatsmannskunst, daß man sie auf tausend Meter sieht und auf hundert rlecht.(Heiterkeit.) Aber ich sage euch: merkt man erst, daß einer ein Staatsmann ist, dann ist er es schon nicht mehr. Der Revisionismus bedeutetdie Annäherung an die bürgerliche Gesellschaft, die Ueber⸗ brückung der Kluft zur bürgerlichen Gesellschaft. Wenn ich einmal zweifle, so frage ich mich, wie werden meine Feinde urteilen, das ist für mich das beste Baro⸗ meter.

Wer gehört zu den Revisionisten? Da sind es zu⸗ nächst die Akademiker, dann die ehemaligen Proletarier in gehobener Lebensstellung. Geifall.) Natürlich sind auch Proletarier dabei, das sind die Unwissenden, die blinden Verehrer irgend eines Führers. Im großen Ganzen haben die Revisionisten aber nur einen General⸗ stab, die Armee ist aber verflucht klein. Wir vertuschen nichts mehr, wir spielen nicht mehr Komödie. Deshalb sage ich offen, hat es in der Fraktion fortwährend Streit und Reibungen gegeben; und weil in der Fraktion die revisionistische Strömung eine Stärkung erfahren hat, müssen wir endlich an den Parteitag, an das Volk appellieren. Es soll jetzt entscheiden und unsere Taktik festlegen. Die Fragen werden in letzter Instanz von der Gesamtpartei anders entschieden, als in der Fraktion und wir werden uns mehr als bisher an die Partei wenden müssen. Wenn Sie glauben, daß die Resolutton das ausspricht, was ausgesprochen werden muß, dann stimmen Sie ihr mit ungeheurer Mehrheit(Rufe: Ein⸗ stimmig) zu, und ich bin überzeugt, wenn diese Richt⸗ schnur gegeben ist und wenn die andern Maßregeln ergriffen sind, die notwendig sind, um künftig Klarheit, Wahrhéit und Wissen über alle wichtigen Parteifragen zu verbreiten, dann bin ich überzeugt, daß die Partei ihren stolzen Siegeslauf weiter fortsetzt und daß sie in der glänzendsten Weise ihre historische Mission erfüllen wird.(Stürmischer Beifall.)

Freitag Vormittag ergreift zu der Frage Genosse Vollmar als erster das Wort: Bebel hat gestern unsre innere Lage so geschildert, wie sie sich in seinem innern Sinne malt und hat damit naturgemäß großen äußeren Eindruck gemacht. Ich pflege mich nicht wie er vornehmlich an die Einbildungskraft und an das Gefühl zu wenden, sondern ich appelliere an die ruhige Ueberlegung. Ich suchte nicht mein Auditorium zu zwingen, sondern zu überreden. Nie ist in einer Debatte die Sachlage, um die es sich handelt, so schnell und so gründlich verschoben worden wie hier. Es ist also meine Auf⸗ gabe, daß ich die in blinder Hitze aus dem Zusammen⸗ hang gebrachten Glieder wieder einrenke. Aus ging die Vizepräsidentenfrage wie bekannt von dem Artikel Bernsteins, den ich nicht billigte, zu dem aber Bernstein zweifellos ein Recht hatte. Mich veranlaßt vor allem in die Debatte einzugreifen, die Art, wie man Bernstein geantwortet hat, wie man ihn auf diese Benutzung seines Rechtes hin behandelt hat. Bebel meinte, man wisse ja wie in München mein Auftreten inszeniert werde. Auf eine ähnliche Beschuldigung der Münchener Parteigenossen hat Bebel 1894 von dem dortigen Vertrauensmann eine Antwort erhalten hat, die er sich sicher nicht hinter den Spiegel gesteckt hat. Es kommt beinahe darauf hinaus, als ob die Münchener Genossen, wenn sie eine Versammlung einberufen wollen, erst die hohe Bebelsche Erlaubnis einzuholen haben,(Heiterkeit) und als ob dann diese Versammlung wie nach dem sächsischen Juwel verboten oder gestattet werden kann. Bebel meinte, ich spräche immer so, als wenn ein Evangelium zu ver⸗ künden hätte. Ich möchte sagen, daß ich die Evangelien, namentlich, was die apokalyptischen betrifft(Heiterkeit) viel zu sehr als seine Angelegenheit betrachte. Im übrigen zeigt diese Schilderung, daß, wenn einmal Bebels dichterische Kraft in Gang gekommen ist, er ganz und gar unfähig ist, die natürlichsten Dinge natürlich zu sehen. In seinem Artikel wirft mir Bebel Aplomb, Abkanzeln, Schulmeisterei gegen Ede vor. Nun, ich meine wirklich, daß wir in diesen Tagen übermäßig viel von diesem Kapitel, haben hören und sehen müssen. Nun hat sich Bebel auch darüber un⸗ zufrieden gezeigt, daß man sich bei dieser Gelegenheit wieder über eine Beschränkung der freien Meinungs- äußerung beklagt habe. Er meinte, mit dem immer wiederkehrenden Geschrei, die Meinungsfreiheit sei in

* geheimnisvoll.

Gefahr, stellt man der Partei nur ein Armutszeugnis aus. Gewiß, das tut man, aber nicht diejenigen, die sich gegen eine Beschränkung der Meinungsfreiheit wehren, sondern diejenigen, die die Meinungsfreiheit beeinträch⸗ tigen. Im übrigen ist diese Bemerkung gerade von Bebel wunderbar, weil er doch erst vor kurzem ein die ganze Welt erfüllendes Geschrei, darüber gemacht hat, daß derVorwärts ihm die Aufnahme von ein paar Erklärungen verweigert hat. Ich habe mich also zu der Sache geäußert, nicht nur weil ich von meinen Wählern dazu aufgefordert wurde, sondern auch weil ich bereits vor 5 Jahren, in der Fraktion die Sache be⸗ trieben hatte. Man hat gesagt, die Revisionisten hätten die Sache jetzt plötzlich so klein dargestellt, um sich aus ihrer üblen Lage herauszuziehen. Genossen, da ich weiß, wie dieser Parteitag schon mehr als sein Magen eigentlich vertragen kann, mit Personalien un⸗ angenehmster Art behelligt ist, so will ich mich aus Respekt vor dem Parteitag enthalten, für die Anschuldigung, als ob ich aus Mangel an Mut eine andere Stellung eingenommen hätte, die Antwort zu geben, wie ich sie sonst jedem geben würde, der sich etwas derartiges mir gegenüber herausnehmen würde. In meiner Münchener Rede habe ich bereits erklärt, die Frage sei für mich keineweltbewegende, keine Frage erster Ordnung. (Hört, hört!) Ich habe ausdrücklich darauf hingewiesen, daß nicht der Parlamentarismus die Hauptsache sei, sondern die sonstige Agitation und Organisation, damit wir wurzeln in der Bevölkerung. Ebensowenig aber stellte ich die Sache als gleichgiltig hin, weil ich aller dings weine, daß jede derartige Position bei ent⸗ sprechend geschickter Behandlung einen gewissen Einfluß zugunsten der Partei ausüben kann. Wenn die Sache wirklich so gleichgültig wäre, warum beanspruchen wir diesen Posten überhaupt.(Zuruf: Weil es unser gutes Recht ist!) Darauf kommt es nicht an, sondern nur auf die praktische Wirksamkeit, und wenn die Teilnahme am Präsidium wirklich nur dekorativ wäre, dann wäre es doch das einzige Folgerichtige, wenn wir diesen An⸗ spruch überhaupt gar nicht erheben würden, wie es doch immer geschehen ist. Es muß also doch an der Ge⸗ schichte etwas sein. Die Person, um die es sich bei der Sache dreht, ist mir ja natürlich auch bekannt, aber ich habe mich eben gewöhnt, in politischen Dingen das Gefühl zurückzustellen. Ich sehe die Sache als eine ganz untergeordnete Formalität an, wobei das Prinzip nicht in Frage kommt. Im übrigen ist die Sache durch die Art wie sie eingeleitet und wie sie nachher behandelt wurde, wie man den Gegnern weitere uns zu stellende Bedingungen geradezu in den Mund diktiert hat, so gründlich verpaßt, daß es nicht mehr der Mühe wert ist, darüber zu reden. Bebel macht mir und Göhre zum Vorwurf, daß wir die Staatsform für nebensächsich halten. Er sagt, diese Stellung zur Repu⸗ blik zeige, wie tief die Kluft innerhalb der Partei sei. Ich habe aber ausdrücklich darauf hingewiesen, daß wir nicht bürgerliche Republikaner sein können, da die Staats⸗ form nlicht das Primäre, sondern die Hauptsache die Ordnunig der Gesellschaft ist. Die ganze Sache hätte ruhig Herhandelt werden können, wenn das Vielen nicht zu nüchtern gewesen wäre. Der Parteitag hätte dann auf ne rvenerregende Sensationen verzichten müssen. Es ist manchen Leuten nicht wohl, wenn sie die Partei nicht als in Gefahr befindlich hinstellen können, aus der sie sie dann schleunigst retten müssen. Heiterkeit.) Es ist wirklich schade, daß noch keine Geschichte der Versunipfung geschrieben worden ist. Sie würde zeigen, daß schon oft eine Sache als Gift erklärt worden ist und derß dann die Partei den angeblichen Giftbecher geleert und sich sehr wohl dabei befunden hat. Aber bald da rauf ist die alte Giftetikette einem andern Glas umgehängt worden und auch dieses Glas ist dann wieder, ohne der Partei zu schaden, ausgetrunken worden. (Heiterkeit) (Fortsetzung im Hauptblatt Seite 2.)

Geschichtskalender.

27. September. 1890: Letzte Nummer des LondonerSozialdemokrat kommt zur Ausgabe. 1881: Chemnitzer Geheimbundsprozeß.

23. 1883: Niederwald⸗Attentats⸗Versuch. Gründunig der Internationale.

29. 1902: Emile Zola, ber. franz. Schrift⸗ steller,. 1899: Reichstagsabg. Schmidt⸗Magdeburg zu 3 Jahren Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung verurteklt. 1879: Nr. 1 desSozialdemokrat in Zürich erschi enen. N

30. 18390: Ende des Sozialisten⸗Gesetzes.

1. Okto ber. prokla miert d ie Menschenrechte.

1864:

Breslau. 18 81: Sozialist. Welt⸗Kongreß in Chur.

26. 1898: Parteitag in Stuttgart,

gung ab.

1789: Der franz. National⸗Konvent

2. 18813: Jul. Kräcker, sozialdem. Abg., f in

1896: Der Gemeinderat ien Lille(Frankreich) lehnt die Zarenhuldi⸗

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