Ausgabe 
27.9.1903
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 39.

euch, wenn Bernstein Führer der Revistonisten ist, dann könnt ihr ruhig schlafen. Wir haben einen Wahlkampf geführt, auf den wir stolz sein können, den wir in aller Eintracht geführt haben. Ich möchte vor allem die Frage aufwerfen, wer und was ist ein Revisionist? Ich habe noch keinen gesehen. Es ist wirklich eine Preisfrage! Ehe wir hier Beschlüsse fassen, müssen wir feststellen, was ein Revistonist ist. Soweit ich den Be⸗ griff definieren kann, möchte ich sagen, man wirft den Revistonisten vor, daß sie den Klassenkampf verleugnen und daß sie eine Angliederung an die bürgerliche Linke suchen. Wenn das wahr wäre, so wäre das Partei⸗ verrat. Ich werde zu den Revisionisten gerechnet, aber ich muß dagegen protestieren. Wer mir das nachsagt, verleumdet mich in elendester Weise. (Göhre ruft: Und uns alle!) Ich halte das Klassen⸗ bewußtsein für die Basis unserer Bewegung, der alle Erfolge zu danken sind. Wer glaubt, daß ich einen anderen Standpunkt einnehme, der kennt mich nicht. An wen sollen wir uns angliedern? Ich meine, man könnte mal nach einem Jahre den Herrn Naumann fragen, wie ihm die Annäherung, die er jetzt vollzogen hat, bekommen ist. Ich glaube, wir würden ein ab⸗ schreckendes Beispiel erleben.(Heiterkeit) Ich frage, wer ist gemeint? Man muß doch Personen nennen. Mit allgemeinen Redensarten ist nichts getan. Eine Prostriptionsliste ist aber noch nicht aufgestellt. Nur in der Presse sind Namen genannt worden.

Man hat gesagt, es muß Farbe bekannt werden. Gewiß, aber haben wir denn nicht Farbe bekannt im letzten Wahlkampf? Haben wir etwa vertuscht und Komödie gespielt, als wir die Fahne aufrollten zum Kampf und zum Sieg. Wer das behauptet, der muß in dem Moment, wo er das behauptete, sich der Trag⸗ weite seiner Worte nicht voll bewußt gewesen sein. (Bravo!) Der Gedanke, die Partei habe Komödie gespielt, ist mir einfach unfaßbar. Sehr gut!) Wenn Komödie gespielt wird, dann muß es doch Ko⸗ mödianten geben, dann sage man doch, bei welcher Gelegenheit Komödie gespielt worden ist. Heraus mit der Sprache, aber nicht diese allgemeinen Behauptungen. Wir verlangen Namen und Tatsache n!(Bravo!) Gewiß gibt es unter uns verschiedene Temperamente und Geschicklichkeiten. Aber das ist auch das einzige. Wer glaubte, es gibt unsichere Kantonisten in der Partei, der mußte früher mit solchen Anklagen kommen. Vor der Wahl, da hätte der Vorstand die beste Gelegenheit gehabt, diese unsicheren Kantonisten zu veranlassen, auf ein Mandat zu verzichten. Ich habe wirklich, trotz Aussicht auf Diäten, nicht danach gegeizt, wieder ein Mandat zu übernehmen.

Schon mein Freund Vollmar hat darauf hingewiesen, wie sich die Anschauungen im Laufe der Zeit ändern. Ich erinnere mich, daß zur Zeit der Einigung mit den Lassalleanern ich von Bebel, der in Zwickau im Gefäng⸗ nis saß, einen 18 Seiten langen Brief erhielt mit einem detaillierten Programm und der Bemerkung, daß, wenn dieses Programm nicht vollständig angenommen würde, er die Vereinigung nicht mitmache. Geib meinte, so gefährlich ist das nicht; Liebknecht war sehr für die Einigung, sie kam zustande und wenige Monate später gab es keinen aufrichtigeren Verfechter der Einigung als Bebel. Das soll gewiß kein Vorwurf sein, aber es zeigt doch, daß eben jeder Mensch, auch Bebel, irren kann. Auch Marx und Engels erhoben damals entschiedensten Einspruch, aber auch sie änderten nach lurzer Zeit ihre Ansicht. Und noch ein Beispiel aus neuster Zeit. Was man von der Beteiligung an den preußischen Landtagswahlen befürchtete, zeigt folgende Stelle aus einer Broschüre:Es handelt sich bei dem jetzigen Streit um eine vollständige Aenderung der alten Taktik, die eine Aenderung des Wesens der Partei bedeuten würde, es handelt sich um die Bei⸗ behaltung oder Freigabe des Klassenkampfstandpunktes, wir stehen vor der Entscheldung, ob wir eine sozial⸗ demokratische Partei bleiben wollen oder den Rubikon des Klassenkampfes überbrücken und der linke Flögel der bürgerlichen Linken werden sollen!(Hört! Hört!) Das sind also genau dieselben Schlagworte, und wer hat die Broschüre geschrieben? Der alte Lie b⸗ knecht im Auftrage der Genossen des sechsten Berliner Wahllreises. Und dieselben Genossen kämpfen heute mit uns für die Beteiligung an den preußischen Landtags⸗ wahlen! Sie sehen daraus, wohin man mit derartigen Prophezeiungen kommt, die vom Gang der Zeit über den Haufen geworfen werden, weil sie eben im inneren Wesen der Dinge nicht begründet sind. Ich schließe, indem ich den Vorwurf, daß der Klassenkampf für mich nicht mehr maßgebend sei und ich die Partei an die bürgerliche Linke verraten wolle, nochmals auf das entschiedenste als elende Verleumdung zurück⸗ weise.(Lebhafter Beifall.)

Ueber die Haltung der Berliner Delegierten Auer gegenüber die Berliner sollten gegen Auers Wieder⸗ wahl Stimmung gemacht haben eutspinnt sich nun eine längere, sehr erregte persönliche Auseinandersetzung.

Samstag spricht Kaut sky zur Taktik. Wir können aus seinen Ausführungen leider nur Auszüge

wiedergeben. Er vertritt die Ansicht, daß allerdings zwei Tendenzen in der Partei vorhanden seien, die im Gegensatz zu einander stünden. Die Leidenschaft, mit der gekämpft würde, sei keineswegs persönlicher Haß, sondern der Ausdruck des leidenschaftlichen Wunsches ist, dem Proletariat zu helfen, das Proletariat zu befreien. Deswegen ist die Leidenschaft eine edle. Immer mehr verschärsen sich die Klassengegensätze, das ist in der Natur der Tatsachen begründet. Das wollen die Revistonisten nicht anerkennen, also die Klassengegen⸗ sätze vertuschen. Bei der Resolution handelt es sich darum, daß die Hauptsache für uns die Er oberung der Staatsgewalt ist. Erst wenn wir diese haben, haben wir die Grundlage, um in den Sozialismus hinein uns zu entwickeln. Redner macht darüber sehr detaillierte Ausführungen und weist an Beispielen nach, wie in allen Ländern der Klassenkampf schärfere Formen annimmt. Wer auf dem Standpunkt der Revisionisten stehe, könne der Resolution nicht zustimmen. Natürlich wünschte er derselben große Mehrheit, denn dann wird die Einigkeit in der Partei gestärkt werden, dann wird es dazu kommen, daß den Revisionisten ihre ganze Revidiererei bald leid wird.

Bernstein erklärt: Wir können Kautsky dankbar sein, daß er die Diskussion auf das prinzipielle Gebiet geleitet hat. Ich war von Anfang an entschlossen, gegen die Resolution zu stimmen, ich bin Revisionist, ich bin sogar Bernsteinianer.(Heiterkeit.) Was ist Revistonismus 2 Schon in Breslau hat Schönlank von einer Revisionsbedürftigkeit unserer Grundsätze gesprochen. Es handelt sich nicht um Revision des Sozialismus, sondern um einzelner Probleme des Sozialismus. Es gibt sehr viele kritische Geister in der Partei, die die verschiedensten Richtungen repräsentieren, die kritischen Geister sind eben stets schwerer zusammenzuhalten als die dogmatischen. Es gibt auch keine revisio⸗ nistische Partei. Die Revisionisten stehen mir auch nicht etwa persönlich näher als andere Parteigenossen. Mein Vorschlag zur Vizepräsidentenfrage ist nur aus den Erfahrungen des praktischen Kampfes bei mir ent⸗ standen, hat mit meinen theoretischen Ansichten gar nichts zu tun. Die Zollkämpfe waren für uns eine faktische Niederlage, beigebracht uns durch brutale Gewalt. (Ledebour: Aber moralischer Sieg!) Gewiß, ein mora⸗ lischer Sieg. Wenn ich von milderen Formen der Klassen⸗ gegensätze sprach, so ist das Entscheidende für mich: Wir haben Kämpfe im Parlament, aber nicht blutige Kämpfe auf der Straße. Redner begründet seinen Vor⸗ schlag eingehend und erklärt, daß er ibn hochhalte. Er wäre ein Feigling, wollte er ihn aufgeben, weil sich eine Strömung dagegen geltend macht. Bebel sagte, mein Vorschlag habe einen Sturm der Entrüstung unter den Arbeitern erregt. Ich glaube, diese Erregung ist weniger durch meinen Artikel veranlaßt worden, als durch die Art, wie die bürgerliche Presse die Sache aus⸗ nutzte. Bernstein schließt: Es ist gar kein Anlaß für die Resolution vorhanden, sie ist aus einer Stimmung heraus geboren. Ein Mißtrauen aber gegen einzelne Gruppen in der Partei ist unberechtigt. Machen Sie also aus dieser unberechtigten Mißtrauen sstimmung keine Festlegung. Es kann der Partei nur schädlich und verderblich sein. Gerade vor 25 Jahren ist ein solches Gesetz aus der Stimmung heraus gemacht worden, das wir auf das schärfste bekämpft haben. Wir haben Schulter an Schulter gekämpft, wir gehen einer neuen schweren Zeit, die uns wieder Schulter an Schulter finden muß, entgegen. Es wäre das Beste, die Reso⸗ lution zurückzuziehen, damit wir gemeinsam als Kampf⸗ genossen unsre große Sache zum Siege führen können. (Beifall und Zischen.)

Molkenbuhr führt aus, Bernstein habe die Bedeutung des Vizepräsidenten bedeutend überschätzt. Nach der Geschäftsordnung gibt es nur einen Präsidenten, die Vizepräsidenten sind nur seine Vertreter. Er kann ihnen sofort jederzeit die Amtsführung aus der Hand nehmen. Das von Bernstein gewählte Beispiel Büsing ist ganz unglücklich. Büsing hat, obwohl er mit der Kardorfferei nicht einverstanden war, als Vizepräsident die Kardorfferei mitmachen müssen. Einem Vizepräsidenten aus unsern Reihen würde sofort vom Grafen Ballestrem die Glocke aus der Hand genommen worden sein, wenn er die Kardorfferei nicht mitgemacht hätte. Glaubt Bernstein, daß unser Vizepräsi⸗ dent sich dazu hergegeben hätte, die Kardorfferei mitzumachen? Sicherlich nicht, aber die Mehr⸗ heit wollte die Kardorfferei und hätte den Vizepräsidenten von seinem Stuhle niedergerissen. Singer, der Vorsitzender der Geschäftsordnungs⸗ kommission, warf sehr mit Recht den Leuten ihr Präsidium vor die Füße, weil er mit dem Bruch der Geschäftsordnung nichts zu tun haben wollte.(Sehr richtig!) Bei der Vizepräsidenten⸗ frage handelte es sich um einen alten Glauben,

der zerstört werden muß. Es ist nicht richtig,

daß ein Recht darauf besteht, daß die drei größten Parteien vertreten sein müssen. Dieses Recht ist noch nie in der Tat verwirklicht worden. In dem Kartellreichstag von 1887 lehnte das Zentrum, gegen das sich das Kartell richtete, die Teilnahme am Präsidium ab. So sollten auch wir so viel Taktgefühl besitzen, nicht einen Mann aus unsern Reihen dazu zu bestimmen, regelmäßig etwas als angenommen zu ver⸗ künden, wogegen er stimmen muß.

Als ich das Wort vom Komödienspiel in der Partei las, war es mir, als ob ich eine Ohrseige bekäme und zwar eine ganz uner⸗ wartete. Als ich zuletzt mit Bebel in Elberfeld zusammen war, lasen wir ein Plakat, wonach der hauptsächlich in Betracht kommende Gegner einen Vortrag ankündigte mit dem Thema: Das Komödienspiel innerhalb der Sozialdemo⸗ kratie.(Heiterkeit.) Als Bebel das las, war er ganz aufgebracht über eine solche freche Be⸗ schimpfung(Hört, hört!) und meinte, dem solle ich aber einmal gründlich die Wahrheit sagen. (Große Heiterkeit.) Nach diesem Vorgang werden Sie verstehen, daß das Wort vom Komödienspiel innerhalb der Sozialdemokratie aus Bebels Munde auf mich einen ganz merk⸗ würdigen Eindruck machen mußte. Ebenso entschieden muß ich die Behauptung Bebels bestreiten, wir wären nie so uneinig gewesen, wie gerade jetzt. Dieser Ausdruck ist ja nicht neu. Bebel selbst hat genau denselben Ausdruck bereits einmal in St. Gallen gebraucht. Streitig⸗ keiten über die Taktik hat es ja stets gegeben. Redner führt zahlreiche Streitfälle in der Partei an und erwähnt u. A. den Kampf um das Agrarprogramm, wo Bebel auf dem revisio⸗ nistischen Standpunkt stand. Wären wir jetzt nicht einig wie noch nie gewesen, wie wäre dann der einmütige Protest gegen den Brot⸗ wucher, wie wäre der glänzende Sieg vom 16. Juni möglich gewesen.(Lebhafte Zustim⸗ mung.) Gerade weil wir so einig und geschlossen waren, wie noch nie zuvor, rief das Hinein⸗ werfen einer neuen Streitfrage eine solche Er⸗ regung hervor, gerade weil sonst jede Streitfrage fehlte, wurde der Knochen, der hineingeworfen wurde, von allen Seiten gepackt. Es sei nicht. unmöglich, daß wir in die Lage kommen, das Präsidium übernehmen zu müssen, ehe wir die Mehrheit haben. Molkenbuhr schließt unter Beifall: Ich halte die ganze Resolution für überflüssig. Gehen wir zur motivierten Tages⸗ ordnung über, indem wir einfach erklären: Wir lehnen es ab, die bisherige Taktik der Partei zu ändern, die uns zu so gewaltigen Erfolgen geführt und, wie ich glaube, auch weiter führen

wird.

Damit schließt endlich die Debatte. In der Abstimmung wird die Resolution Bebel sodann mit mehreren Amendements mit 288 Stimmen gegen 11 Stimmen angenommen. Dafür stimmen auch die meisten der als Revisionisten bezeichneten Genossen..

Die bisherigen Mitglieder des Partei⸗ vorstandes Singer, Bebel, Auer, Pfannkuch und Gerisch werden wiedergewählt, ebenso die bisherigen Kontrolleure.

Als Ort für den nächsten Parteitag ist Bremen mit 107 Stimmen gewählt. g

In der Frage der Maifeier findet eine Resolution Annahme, die Maifeier wie bisher, so auch fernerhin zu begehen.

Mit der Erledigung der noch vorliegenden Anträge beendet der Parteitag seine Arbeiten.

Singer betont in seinem Schlußwort, daß wir auf diesem Parteitag Fragen von funda⸗ mentaler Wichtigkeit behandelt gaben. Es ist die Frage aufzuwerfen: Was nun? Der Parteitag hat die Antwort darauf gegeben. Der Parteitag und die durch den Parteitag vertretene Partei will in ihrer immensen Ma⸗ jorität, daß Programm, Taktik, Streben und Agitieren nicht geändert werden soll.(Lebh. Zustimmung.) Nach wie vor: Vorwärts zum Kampf, vorwärts zum

Sieg!

Mit einem dreifachen Hoch auf die deutsche Sozialdemokratie wird der Parteitag Sonntag um 3 Uhr nachmittags geschlossen.