rer gen tg. ge⸗
—ñ—..—
—. 2 1
— . —
2
—
* —
Nr. 39.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain.
W. Versammlung. Umständehalber findet nicht, wie bekannt gegeben, am Sonnabend den 26. September im Lokale des Herrn Jes⸗ berg eine Wahlvereins⸗Versammlung statt, son⸗ dern statt dessen eine Vol ks versammlung mit folgender Tagesordnung: 1. Vortrag der Genossin Frau Dr. Michels über„Sozialis⸗ mus und Schule.“ 2. Diskusston über den Vortrag. 3. Verschiedenes.
W. Der Arbeiter⸗Gesangve rein„Ein⸗ tracht“ feiert am 11. Oktober in den Räumen des Schloßgarten⸗Restauraut sein Stiftungs⸗ fest. Da durch die Leitung des neuen Dirigenten der Verein sich sehr gut eingeschult hat, steht
ewiß ein recht genußreicher Abend bevor. Alle unde des Vereins, Parteigenossen und Ge⸗ werkschaftsmitglieder werden darauf aufmerksam gemacht und um zahlreiche Beteiligung ersucht. R. R. Ein„christliches“ Lügenblatt schlimmster Sorte ist der vom ev. Verein für innere Mission in Kassel herausgegebene „Sonntagsbote“, der in unserm Wahlkreise besonders auf den Dörfern vielfach vertrieben wird. Das Blättchen, das angeblich kirchlichen Interessen dienen soll, leistet im Verleumden der Sozialdemokratie geradezu Unglaubliches. Keine Nummer erscheint, in der nicht unsere Partei und ihre Führer in der unchristlichsten heruntergerissen werden. Natürlich, dem frommen
Bruder in Christo, der das Blättchen redigiert, fehlen bessere Mittel zur Bekämpfung der
Sozialdemokratie und da muß er sich aufs Schwindeln und Schimpfen verlegen, wie das jederzeit die Methode der Sozialistenvernichter war.„Die Sozial demokratie will die Soldaten zum Treubruch verleiten, Religion und Christentum abschaffen; die Sozialdemokraten sind eine Bande von Heuchlern, Dumm⸗ köpfen, Komödianten und Rothäuten, Bebel ist der Oberhäuptling der Rothäute.“ In dieser Weise kämpft das saubere Organ für Christentum, Ordnung und Sitte. Wie die letzte Wahl gezeigt hat, schadet uns solches Geschimpfe selbst auf dem Lande nicht mehr. Wir müssen nur dafür sorgen, daß unsere Literatur, unsere Zeitungen und Broschüren größere Verbreitung gewinnen.
Opfer einer Zarenreise.
„Väterchen“ aus Rußland trifft demnächst in Hessen ein. Er ist noch nicht da und man ist schon sehr auf seine Sicherheit bedacht. Russische Geheimpolizei ist in mehr wie genü⸗ gender Menge vorhanden; russische Studierende werden mit bewunderungswürdiger Aufmerk⸗ samkeit und Fürsorge bedacht. Am Dienstag
ist ein russischer Studierender ohne eine be⸗
sondere Veranlassung aus Darmstadt und aus Hessen überhaupt ausgewiesen worden. Er wurde aus Hessen auf immer entfernt, wie es im amtlichen Befehl hieß. Man wollte dem Studirenden kaum ein paar Stunden Zeit ge⸗ währen, um die nötigen Reisevorbereitungen treffen zu können. Gründe für die Ausweisung wurden nicht angegeben. ö
Unpatriotischer Polizeibeamter.
Der Polizeiwachtmeister Joh. Gras⸗ sold in Germersheim hatte sich eines Ver⸗ brechens der Prinzenbeleidigung schuldig gemacht, indem er sich gelegentlich eines kürzeren Aufenthaltes mehrerer jüngerer bayerischer Prinzen am Germersheimer Bahnhofe einem Schutzmanne gegenüber über diese in nicht all⸗ zuliebenswürdiger Weise ausließ und sie auf die Kirchweih einlud. Der Schutzmann Lerchen⸗ müller, der das Gespräch mitanhörte, hatte nichts Eiligeres zu tun, als seinen Vorgesetzten, von dem er etwas stramm gehalten worden zu sein scheint, anzuzeigen. Der Angeklagte kam in der Verhandlung vor der Strafkammer des Landgerichts Landau noch glimpflich davon, nämlich mit einem Monat Festung.— Er kann froh sein. Wenn's ein Arbeiter war,
hätten wir auf wenigstens das Dreifache geraten.
Eine„patriarchalische“ Lehrstelle.
In Nr. 50 der„Buchhändler⸗Warte“, den 9 75 für die Interessen der Gehülfenschaft,
wird berichtet:„Der mittlere Gauverband der Gewerbevereine des Handwerkskammerbezirks Ulm hielt vor einigen Tagen eine Versammlung ab, in welcher bei einem Referat über die Auf⸗ gaben der Beauftragten der Handelskammer Unter großer Heiterkeit der Anwesenden konsta⸗ tiert wurde, daß kürzlich dem Beauftragten des Oberamts Ehingen bei der Revision eines Gewerbebetriebes, als er nach der Schlafstelle des 16 jährigen Lehrlings fragte, mitgeteilt wurde,„er habe mit der Meisterin, einer 33 Jahre alten Witwe, das Bett zu teilen“. In diesem Falle könnte man also nicht viel von den„sittlichen Vorzügen“ reden, welche die Innungsleute dem Kost⸗ und Logiswesen bei dem Meister andichten.
Uusere Parteipresse zu verbreiten
und damit unsere Ideen, Grundsätze und Forderungen in immer weitere Volkskreise zu tragen, ist Pflicht eines jeden verständigen Arbeiters nicht nur, sondern auch aller derer, die mit uns bestrebt sind, bessere Zustände auf sozialem, wirtschaftlichem und politischem Gebiete herbeizuführen. Obwohl wir bei den Reichstagswahlen
einen großartigen Erfolg zu verzeichnen hatten, obgleich sich im Juni mehr als drei Millionen deutsche Männer
um unsere Fahne scharten, leben noch viele TDausende in Unwissenheit dahin und seufzen unter dem Drucke des Kapitalismus und der durch denselben hervorgerufenen menschenunwürdigen Zustände. Unablässiger Kampf
gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Aus⸗ beutung, energische Abwehr der in letzter Zeit aufgedeckten 5
volksfeindlichen Bestrebungen muß unser aller Aufgabe sein! In diesem gerechten, zum Wohle und im Interesse des gesamten Volkes geführten Kampfe hat sich die
Mitteldeutsche Honntags-Zeitung stets als zuverlässige Waffe bewährt. Ihr immer neue Leser zuzuführen, dazu rufen wir
zum Quartalswechsel alle Gesinnungsfreunde auf!
Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ erscheint wöchentlich einmal und kostet nur 23 Pfg. den Monat; 7s Pfg. das Vierteljahr.
Kleine Mitteilungen.
r Krieg im Frieden. Das Manöver hat in diesem Jahre wieder eine Reihe Opfer gekostet. In der Gegend von Weilburg erlagen zwei Soldaten, darunter ein verheirateter Unteroffizier dem Sonnenstich. Auch von anderen Manöverplätzen wurden tötlich ver⸗ laufene Unglücksfälle gemeldet.
* Messerstecherei. Am Montag Nacht wurde in Offenbach der Fabrikarbeiter Karl Möhler von dem 26 jährigen Taglöhner Bauer nach einem vorauf gegangenen Wortwechsel in den rechten Oberschenkel gestochen, sodaß die Schlagader getroffen wurde und ein furchtbarer Blutstrom sich aus der Wunde ergoß. Möhler starb im Krankenhause.
** Vom Zuge überfahren wurde auf einem Bahnübergange bei Cleve das Gefährt des Weinhändlers Obhaus aus Cleve. Seine Frau und 2 Töchter wurden sofort getötet,
kenhaus. Der Bahnwärter hatte die Schranke 0 135 vergessen, er wurde deshalb ver⸗ aftet.
Partei-Nachrichten.
——
Der sozialdemokratische Wahlverein in Hanau will gegen die letzte Reichs ⸗ tagswahl Prot est einlegen. Derselbe ist durch eine Menge Verstöße und Beeinflussungen begründet, die zur Wahl des Amtsrichters Lucas geführt haben.
Versammlungskalender.
Samstag, den 26. September. Gießen. Parteiversammlun g. Abends
9 Uhr bei Orbig. Tagesordnung: Bericht vom
Parteitag.
Sonntag, den 27. September. Gießen. Konsum verein. Morgens 10 Uhr
Generalversammlung auf Lon y's Bierkeller. Großen⸗Buseck. Nachmittags 4 Uhr Versammlung
bei Wirt Größer.
Montag, den 28. September. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr
Versammlung bei Orbig.
D...... dd... Marktberichte.
Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 24. Septbr.:: Butter per Pfd. Mk. 1,10— 1,15, Hühnereier 2 St. 15 Pfg., Enteneier 1 St. 8—0 Pfg., Gänseeier 1 St. 00— 00 Pfg., Käse pr St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 5,00— 6,00 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,50—5,00, Zwetschen pr. Ztr. 4— 5 Mk., Birnen pr. Pfd. 12— 15 Pfg., Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,70 bis 0,90, Hühner per St. Mk. 1,30—1,80, Hahnen per St. Mk. 0,70— 1,50, Enten per St. Mk. 1,80 bis 2,40, Gänse per Pfd. 00— 00 Pfg.
Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 68— 78 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 60—66 Pfg., Schweinefleisch 66 bis 76 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 80 Pfg., Kalb⸗ fleisch 70— 74 Pfg., Hammelfleisch 56—74 Pfg.
——
Sozialdemokratischer Parteitag.
(Fortsetzung von Seite 3.)
Freitag Nachmittag sprach zuerst Kolb⸗Karlsruhe, der sich gegen Bebel wendet und den Standpunkt Voll⸗ mars vertritt. Unter anderem erklärte er:„Der ganze Revisionismus ist nichts als eine theoretische Katzbalgerei, die für unsere praktische Arbeit gar keine Bedeutung hat.“
Stücklen⸗ Altenburg, Meist⸗Köln und Katz en⸗ stein nahmen gegen den„Revisionismus“ Stellung, während Timm⸗München(früher in Berlin) gegen die Angriffe Bebels auftrat.
Hierauf nahm Auer das Wort.
Seine Ausfüh⸗ rungen werden mit großer Spannung verfolgt: Bebel hat mich getadelt, daß ich nicht das Lob bürgerlicher Blätter zurückweise. Na, man wird so oft schlecht gemacht, soll man sich da nicht auch einmal loben lassen. Aber die Sache liegt doch anders. Man lobt mich zu bestimmten politischen Zwecken. Das ist Bebel früher auch passiert Liebknecht gegenüber.— Ich hatte gedacht, es würde eine schöne Siegesfeier des Wahlsieges und des 25 jährigen Gedenktages des Inkrafttretens des Sozialistengesetzes werden. Es ist anders gekommen. Wir haben uns hier ordentlich heruntergerissen. Ich muß sagen, Bebel ist der Hauptschuldige an dem scharfen Ton durch seine Erklärungen und Artikel. Der Ton war so, daß man kaum noch ein Zusammenhalten der Partei für möglich halten konnte. Ich verstehe die ganze Sache nicht. Ich fragte mich, was ist denn dem guten August in den Leib gefahren?(Heiterkeit.) Er hat uns erzählt, daß ihm eine Laus über die Leber gelaufen ist.(Heiterkeit.) Das mag sehr kitzlich sein, aber wir können doch nicht dafür. Was ist denn eigent⸗ lch passiert? Bebel sagt, zwölf Jahre lang habe er so viel hinuntergeschluckt, jetzt platze die Bombe. Ich habe auch vieles hinunterschlucken müssen. Dafür entschädigten mich die ungeahnten Erfolge, die die Pertei im Laufe der Zeit errungen hat. Je größer die Partei wird, desto mehr können Schritte vorkommen, die nicht jedem gefallen. Man hat so auf Bernstein herumgehauen. Bebel nannte ihn den neuen Messias. Der Geburt und dem Geschlecht nach könnte ja Ede ein Messias sein. (Heiterkeit.) Tatsächlich hat er aber nicht den geringsten Beruf zum Messias. Ede ist mein alter Freund und Kampfgenosse, mit dem ich Schulter an Schulter stehe. Aber er hat menschliche Fehler, er ist von einer Tapsig⸗
Obhaus selbst erleg den Verletzungen im Kran- keit(Heiterkeit), die immer daneben greift. Ich sage
8211
.———— —ü—ü—·».ůvf‚˖T˖Ä
I*
—. ß
1 13 * 1 9 9—


