Ausgabe 
27.9.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeulsche Sountags⸗ Zeitung.

Nr. 39.

war, und vielleicht wollte derPostillon damit nur andeuten, wie drastisch sich ein Pfarrer über die Bauern äußerte. Uebrigens existiert wohl bald über jeden Stand und Be⸗ ruf irgend ein Sprichwort, das bei einiger Empfindlichkeit als eine Beschimpfung des be⸗ treffenden Standes angesehen werden kann. Man denke nur an Advokaten, Apotheker, Schneider, Bäcker, Müller alle Handwerke! Kein Angehöriger dieser Berufsarten wird sich beleidigt fühlen, wenn irgendwo ein derartiges Sprichwort angeführt wird. Indessen auch wir halten mit Genossen Krumm den Witz für unpassend, doch kann die Partei in keiner Weise für den Inhalt des genannten Witz⸗ blattes verantwortlich gemacht werden.

Von dem Parteitage bringen wir in der vorliegenden Nummer einen ausführ⸗ licheren Bericht, um unsere Leser und Genossen über die dort gepflogenen Verhandlungen genauer zu unterrichten. Natürlich mußten wir trotzdem in Rücksicht auf den trotz der Beilage immer noch knappen Raum bedeutende Kürzungen vornehmen, wobei einer Reihe höchst interessanter Reden, namentlich diejenige Kautsky's und Bernstein's, zu kurz kamen. Unter den ob⸗ waltenden Umständen hat es seine Schwierig⸗ keiten, einen übersichtlichen, umfassenden Bericht zu geben, wir haben aber das Möglichste getan und empfehlen den Bericht unsern Freunden zum eingehenden Studium.

Einesozialdemokratische Aus⸗ schreitung weiß derGieß. Anz. wieder einmal zu vermelden. Er berichtet nach der Offenb. Ztg., die jederzeit ungeheuerlich über die Sozialdemokratie gelogen hat, Folgendes:

Reichstagsabg. Dr. Becker wurde, vorgestern

auf der Chaussee von Dreieichenhain nach

Sprendlingen gelegentlich eines Abendspazier⸗

ganges, den er mit seiner Frau und seiner

auf Besuch anwesenden Nichte unternahm, von einer Schar von sozialdemokratische Lieder singenden Leuten in der pöbelhaftesten

Weise belästigt und mit den gemeinsten

Schimpfworten überschüttet. Ein Teil

des feigen Gesindels entblödete sich sogar

nicht, die in der Begleitung unseres Abge⸗ ordneten befindlichen Damen zu insultieren.

Es scheint fast, als sollte die staatliche Au⸗

torität dem schmutzigen Treiben gewisser

Hetzapostel in Wort und Schrift gegenüber

nachgerade versagen.

Wenn der Tatbestand so ist, wie hier an⸗ gegeben, so sind das keine Sozialdemokraten gewesen, sondern Rüpel. Aber die Mord⸗ geschichte entstammt einem Blatte, dem wie dem Anzeiger der größte und dümmste Schwindel gegen die Sozialdemokratie recht ist. Unsere Genossen werden der Sache auf den Grund gehen. Es wird ähnlich sein, wie mit dem berühmten Felddiebstahl des Offenbacher sozial⸗ demokratischen Stadtverordneten.

Auf die Generalversammlung des Konsum vereins für Gießen und Umgegend, die am Sonntag Vormittag 10 Uhr im Lokale Lony's Bierkeller stattfindet, machen wir noch⸗ mals aufmerksam. Es liegt im Interesse der Mitglieder selber, daß sie zahlreich erscheinen und sich über den Stand des Vereins und den Gang des Geschäftes unterrichten. Ebenso hat jedes Mitglied Gelegenheit, seine etwaigen Be⸗ schwerden und Wünsche vorzubringen, welcher Art sie immer sein mögen. Nur wenn der Verwaltung Beschwerden rückhaltslos mitgeteilt werden, kann Abhülfe geschaffen werden. Selbstverständlich sind auch die Frauen der Mit⸗

lieder willkommen; leider konnte die Versamm⸗ ung nicht in eine für die Frauen günstigere Zeit festgesetzt werden.

Ueber die Friedhofsaffäre hat die evangelische Gemeinde eine vom Pfarrer Naumann verfaßte Flugschrift in der Stadt verteilt. Aber nur einem Teile der Einwohner ist die Broschüre zugegangen. Die Schrift richtet sich gegen Oberbürgermeister Mecum und bemüht sich, dessen Verhalten bei der ver⸗ suchten Friedhofseinweihung als ungerecht und gesetzwidrig darzustellen. Wir sind in der Sache noch derselben Meinung als früher.

Zum Quartalswechsel machen

natürlich alle bürgerlichen Blätter Anstreng⸗ ungen, neue Abonnenten einzufangen.

Mittel der Reklame werden angewendet, um das Geschäft des Zeitungsbesitzers zu heben. Geld verdienen ist der Zweck jener Zeitungen, nicht etwa der Kampf für Ideale öder etwa Eintreten für Volksinteressen. Eine Reihe Blätter versucht zur Förderung des Ge⸗ schäfts die Maske derUnparteilichkeit vor⸗ zuhängen.

Wie über diese Presse vom sozialdemokratischen Stand⸗ punkt zu urteilen ist, das hat Lassalle schon vor vierzig Jahren mit den Worten gesagt:Wenn jemand Geld verdienen will, so mag er Cotton fabrizieren oder Tuche oder auf der Börse spielen. Aber daß man um schnöden Gewinnstes willen alle Brunnen des Volks⸗ geistes vergifte und dem Volke den geistigen Tod täglich aus tausend Röhren kredenze das ist das höchste Verbrechen, das ich fassen kann. Auf diesem Standpunkt steht die sozialdemo kratische Partei auch heute noch. In Tausenden von Arbeiterversamm⸗ lungen wird jahraus jahrein vor dieser parteilosen Presse als einem gemeingefährlichen Auswuchs des Kapitalismus, als einer giftigsten Gegnerin der Arbeiterbewegung ge⸗ warnt; Hunderte von Malen ist es in derM. S.⸗Z. und anderen Parteiblättern den Arbeitern, nun gar den ge⸗ werkschaftlich oder politisch organisierten Arbeitern als eine moralische und politische Blöße angerechnet worden, diese Presse durch ihr Abonnement zu unterstützen. Und mit vollem Rechte: denn unter allen Klassen der Be⸗ völkerung wird die sogenannte parteilose Presse gere de der Arbeiterklasse am gefährlichsten, weil sie gerade nur in dem verrottetsten Sumpfe des Kapitalis⸗ mus wuchert und wuchern kann, weil sie deshalb trotz ihrer angeblichen Parteilosigkeit immer die kapi⸗ talistischen Interessen verficht, weil sie sich von den ehrlichen Organen der Klassenherrschaft nur dadurch unterscheidet, daß sie den Giftstoff, den diese wenigstens offen verbreiten, so daß sich jeder vor ihm hüten kann, heimlich in die Adern des Volkes gießt.

Jeder Arbeiter muß solche Preßprodukte, die täglich seine Interessen mit Füßen treten, beim Quartalswechsel aus dem Hause hinaus⸗ werfen. Wer ein Tageblatt wünscht, abon⸗ niere: dasOffen b. Abendblatt, die Volksstimme Frankfurt,Mainzer Volkszeitung. Laßt die Bourgeois ihre journalistischen Hausknechte selbst bezahlen.

Aus dem Nreise gießen.

In Großenbuseck fand am Samstag die Wahl des Beigeordneten statt, aus welcher Wilh. Größer mit 110 Stimmen als gewählt hervorging. 95 Stimmen erhielt Herr Apotheker Manz, für welchen viele der als Antisemiten bekannten Einwohner eintraten. Von Parteigegensätzen merkte im Uebrigen man bei dieser Wahl nicht viel.

Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen tritt am Montag zur diesjährigen dritten Session zusammen. Als erster Fall kommt eine Sache wegen Brandstiftung zur Verhandlung. Es betrifft den Brand der Schwanschen Scheuer in Gießen.

Die Bahnstrecke Laubach⸗ Mücke wird am 1. Oktober dem Verkehr übergeben. Zwischenstationen sind Laubacher Wald, Freien⸗ seen, Weickardtshain, und Stockhausen. Von Grünberg und einigen andern Gemeinden wird um Weiterführung der Bahnlinie Butzbach⸗ Lich nach Grünberg petitioniert.

Aus dem Nreise griedberg⸗Büdingen.

p. Ein Wahlkrawall⸗Prozeß wurde am Dienstag vor dem Schöffengericht in Friedberg verhandelt. Nicht weniger als 16 Angeklagte hatten sich wegen grober Aus⸗ schreitungen, die sie sich am Abende der Stich⸗ wahl in Burggräfenrode zu schulden kommen ließen, zu verantworten. Die Anklage lautet auf Körperverletzung, Sachbeschädigung und groben Unfug. Die Verhandlung nahm den ganzen Tag in Anspruch, 25 Zeugen wurden vernommen. Die Angeklagten, Anhänger des nationalliberalen Grafen Oriola, feierten am 25. Juni den Sieg des Ordnungskandidaten und befanden sich in sehr gehobener Stimmung. Sie drangen in das Wirtslokal von Kohl ein, wo sich unsere Parteigenossen befanden, richteten dort eine arge Verwüstung an, und verletzten mehrere Personen. Vor Gericht versuchten die Helden auch unsere Parteigenossen zu belasten

und besonders der Verteidiger, die berühmte 1

nationalliberale Leuchte Windecker leistete, was er nur konnte, unsere Genossen der Ueber⸗ treibung zu beschuldigen. Von Seite unserer Parteigenossen war nämlich Anzeige wegen Landfriedensbruch erhoben worden. Der Staats- anwalt beantragte gegen die meisten der Ange⸗ klagten Gefängnisstrafen. Doch es wurden nur 7 mit Geldstrafen bis zu 230 Mk. bestraft, die übrigen freigesprochen. Die Radaubrüder kamen also besser weg, wie die Polen in Laura⸗ hütte. Sozialdemokraten wäre es wohl auch schlechter gegangen.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Landtagswahlen. Als Wahlter⸗ min ist für die Wahlmännerwahlen der 12. November und für die Wahl der Abgeordneten der 20. November amtlich festgesetzt.

h. Uebersozial demokratischem Terrorismus wiffen die Kreisblätter und sonstige für Gottesfurcht, fromme Sitte und den geheiligten Profit kämpfende Preßerzeugnisse immer viel zu klagen. Neulich hatte wieder derWetzl. Anz. folgende schauerliche Ge⸗ schichte irgendwo ausgeschnitten:

Für den sozialdemokratischen Terrorismus bezeichnend ist die Art, wie in einer Quittung in der sozialdemokrat. Leipzig. Volkszeitung über Beträge für die in Crimmitschau Aus⸗

esperrten ein Arbeiter öffentlich an den

Pranger estellt wird. Die Quittung enthält

folgende Zeile:Von Bäckern des Konsum⸗

vereins Eutritzsch, außer Thieme, 8 Mk.

Der Wortlaut der Quittung ist richtig. Sie ist mit Ein verständnis des betr. Thieme, der jedenfalls an irgend einer andern Stelle seinen Beitrag leistete, in dieser Form veröffent⸗ licht worden. Uebrigens gehören die in den Konsumbäckereien von Leipzig und Umgebung beschäftigten Bäcker ihrer Gewerkschaft an und wissen schon von selbst, was sie zu tun haben, die lassen keinen Druck auf sich ausüben. Wenn doch dieOrdnungs leute nicht von Terrorismus reden wollten! Tagtäglich zeigen Hundecte von Beispielen, was von denStaats⸗ erhaltenden in dieser Beziehung geleistet wird. Hat man herausgeschnüffelt, daß ein, Krieger⸗ vereinsmitglied einenstaatsfeindlichen Stimm⸗ zettel abgegeben hat, wird er bald Terrorismus zu fühlen bekommen sozialdemokratischen allerdings nicht. Und wehe dem Handwerker, Kaufmann oder gar Beamten, der etwa eine sozialdemokratische Zeitung liest oder auch sonst nur freiere Ansichten äußert. Er wird von derguten Gesellschaft geächtet, boykottiert, wirtschaftlich ruiniert. Das passterte bekannt⸗ lich auch Herrn Löhning in Posen, der bloß das Verbrechen begangen hatte, eine Feldwebels⸗ tochter zu heiraten!

Aus Krofdorf schreibt man uns: Hier wird eine Unterschlagungssache, in die ein Angehöriger derbesseren Kreise ver⸗ wickelt sein soll, in der Einwohnerschaft viel besprochen. Es scheint jedoch, als wenn sich Einflüsse geltend machten, die eine Vertuschung der Sache bezwecken. Untersuchung wird jeden⸗ falls eingeleitet sein und Bestimmteres ergeben.

h. Traurigen Ausgang nahm am

Sonntag nachts ein Streit, der zwischen den Brüdern Walter in Nau born entstanden war. Beide kehrten gegen 3 Uhr nachts aus

dem Wirtshause heim und in der letzten Zeit in Wortwechsel. Im Ver⸗ lauf desselben zog der eine, der Besitzer der Nonnenmühle seinen Revolver und gab auf seinen Bruder einen Schuß ab, der ihn in den Unterleib traf. Der Schwerverletzte wurde in die Gießener Klinik gebracht, doch gelang es nicht, sein Leben zu erhalten, er starb am anderen Tage. Durch die jähzornige Tat sind zwei Familien ins Unglück gestürzt worden, auch der Getötete, von Beruf Mechaniker ist ebenso wie sein Bruder verheiratet. e hat sich der Behörde gestellt. Beide Brüder sollen in gutem Rufe gestanden haben; auf⸗ fällig und zu verurteilen ist aber, wenn sich einer den Revolver in die Tasche steckt, wenn er ins Wirtshaus geht.

gerieten wie öfter

Letzterer

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