Ausgabe 
27.9.1903
 
Einzelbild herunterladen

1 10 eint St. len,

er

ink, und

he,

len⸗ nem aun

daß che rer Han ten lus⸗

hing vol dem aten ger ten

5 mo-

ö

kale e- Tag eden

Nr. 39.

* Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

hat sich einer von uns geschämt, in die Arbeiterversamm⸗ lungen zu gehen. Früher ist die Beteiligung an den Klassenwahlen für die Kommunalvertretungen für programmwidrig erklärt worden, namentlich in Berlin. Jetzt hat man sich schon lange beteiligt. Ich kenne die internen preußischen Verhältnisse so wenig, wie Sie die bayrischen genau kennen.(Heiterkeit.) Aber es wird behauptet, daß fich die Berliner Stadtverordneten mit einer Amtskette behängen, die ein Königsbild trägt. Also der Wadenstrumpf soll die Waden brennen, aber das Königsbild auf der Brust soll keinen Schaden an⸗ richten.(Heiterkeit.) 1893 für den Parteitag in Köln hat Ede die Beteiligung an den Landtagswahlen empfohlen. Bebel und Liebknecht schrien Verrat, Ede bekam seinen Rüffel, die Beteiligung wurde abgelehnt. Später bekam Bebel ein kleines Sehnen nach diesem Gifttrank. Andere waren immer noch dagegen, wie z. B. Freund Zubeil.(Zubeil: Auch heute noch.) Bebel hat in Mainz schließlich erklärt, die Beteiligung an den Landtagswahlen ist Pflicht jedes Parteigenossen. Er hat sich für Kompromisse unumwunden ausgesprochen, daß wir Bayern beinahe eifersüchtig sein konnten. Unsre Bewegung war eben immer in Fluß und das wird immer so bleiben. Zwischen heute und dem Endziel ist so manches, wovon unsre Schulweisheit sich nichts träumen läßt. Aber manche Leute lernen nichts aus der Geschichte, sie fällen immer wieder voreilig die alten Verdammungsurteile. Dabei ist die Partei niemals einiger gewesen als jetzt. Der letzte Wahl⸗ kampf hat es bewiesen. Noch nie war das Ge⸗ schrei:Die Partei ist in Gefahr! unberechtigter erhoben worden als in diesem Augenblicke. Erst war Bebel ganz ruhig und friedlich, er schrieb ganz richtig: Vollmar hat nichts Neues gesagt. Ganz richtig und ruhig und gemütlich. Ich habe die Frage schon 1898, ja schon 1895 angeregt. Auer ist dafür eingetreten und Grillen⸗ berger hat sich auch mit einer Wendung über die Re⸗ präsentationspflichten ausgesprochen, die sehr interessant war, aber für die Oeffentlichkeit in Sachsen nicht geeignet. (Große Heiterkeit.) Wenn das Eintreten für den Vize⸗ präsidenten so abgrundtiefe Prinzipienlosigkeit war, so hätte man doch das damals schon sagen können. In der Fraktion gab es aber eine recht gemütliche Ausein⸗ andersetzung. Erst vier Wochen später ist bei Bebel eine Veränderung in der Beurteilung meiner Rede ein⸗ getreten. Da entdeckte er plötzlich, daß die Präsidenten⸗ frage eine Haupt⸗ und Staatsaktion sei, daß ich damit eine funkelnagelneue Taktik inaugurieren wollte. Davon weiß ich nichts. Der Masse schmeichele ich nicht, Schmeichelei halte ich für ebenso verwerflich, wenn sie für Potentaten, als wenn sie für die Massen aufgebraucht wird.(Sehr richtig.) Eine Schmeichelei der Massen ist es aber, wenn Bebel sagt, die Volksmassen treffen immer das Richtige. Ich weiß, daß das Volk sich schon hat täuschen lassen. Wir haben verschiedene Temperamente, Bebel und ich. Aber wenn bei uns jeder so losgehen wollte, wie es Bebel beliebt, dann würde in der Partei ganz andrer Krach sein, Wir nehmen alle Rücksicht auf Bebel, aber die Bescherung, die er uns diesmal hier angerichtet hat, geht doch über die Hutschnur.(Sehr richtig!) Ein Freibrief für all und jedes kann das Temperament nicht sein.(Bebel: Verlange ich auch nicht.) Die Partei darf nicht länger der Spielball der über⸗ stiegenen Einbildungskraft einzelner Menschen sein. Das impulsive ungezügelte Temperament schadet nicht nur auf Fürstenthronen, sondern auch auf Par⸗ teithronen.(Beifall.) Wer Dinge und Menschen leiten will, muß sich erst selbst beherrschen lernen,(Er⸗ neuter Beifall.)

Wie geht Bebel gegen einzelne Parteigenossen vor! Allein tut er doch schließlich auch nicht alles, es gibt doch auch noch andre Parteigenossen, die ihr ganzes Sein für die Partei einsetzen und die es sehr unan⸗ genehm empfinden müssen, wenn ihnen ihre ganze Partei⸗ tätigkeit vor den Gegnern verekelt wird. Bebel maßt sich sogar an, die persönliche Ehre von Genossen anzu⸗ greifen(Sehr wahr!), er erteilt hochmögende Warnungen, teilt die Parteigenossen in solche erster und zweiter Güte. Wie Bismarck s. Zt. von der faulen Zuchtlosigkeit des Südens, sprach Bebel von der Rückständigkeit Bayerns. Jedenfalls hat Bebel durch die Art, wie er die Angelegenheit gestern behandelte, unsern Gegnern in Bayern einen sehr großen Dienst geleistet, und das Waffenarsenal unsrer Gegner um einen fetten Brocken vermehrt.(Sehr wahr!) Bebel sagte fortwährend: Ich werde nicht dulden, ich werde ihnen den Kopf waschen und ich hoffe, meinen Freunden und Feinden noch manche böse Stunde zu bereiten; ich bin ehrlich. Ist das nicht die Sprache eines Diktators?(Sehr richtig!)

Um seine Auffassung zu beweisen, hat Bebel alles zusammengeholt, was in den letzten 12 Jahren je an Meinungsverschiedenheiten vorhanden gewesen ist, Dinge, die zum Teil längst von früheren Parteitagen entschieden waren. Vollmar führt dann an, wie Bebel auf dem Erfurter und Frankfurter Parteitag vorgegangen sei, wie er da schon überall opportunistischen Verrat gewittert habe. Es hat immer kleinere und größere Differenzen in der Fraktion gegeben.

Die Partei soll von den Revisionisten geschädigt werden! O ja, die Partei wird schwer geschädigt. Oder kann es etwas Aergeres geben, als wenn man den 3 Millionen Wählern, die auf uns ihr Vertrauen gesetzt haben, die ihre Erlösung aus der ökonomischen Bedrückung von uns erhoffen, zuschreit, wir hätten bisher nur gegenseitig Komödie ge⸗ spielt, wenn man ihnen die Führer ihrer Partei in solch häßlichen Fratzen zeigt? Ich frage von wem, wann und wo ist ein derartiges Komödien⸗ spiel getrieben worden? Der Sinn dieser Beschul⸗ digung kann doch nur der sein, daß es Leute in der Partei gibt, die planen, durch Unschädlichmachung von Kollegen die Alleinherrschaft ihrer Auffassung in der Partei zu proklamieren. Ich protestiere auf das allerentschiedenste gegen diesen Ausdruck und sage, daß das ein Schaden ist gegen den Willen Bebels natürlich, wie er seit langem schwerer der Partei nicht zugefügt ist, und der uns noch jahrelang nachhäugen wird.(Sehr wahr!) Die einzige Gefahr für die Partei besteht darin, wenn es Leute in ihr gibt, die glauben, ihre eigene Meinung um jeden Preis durchsetzen zu müssen, die eigensinnig auf ihrer Meinung herharren, streitsüchtig sind und autoritär anstatt durch Ueberzeugung zu wirken suchen. Hauptperson in der Sache ist eigentlich nicht Bebel, sondern Kautsky, der konsequenter ist. Er ist der Fanatiker der Theorie, der Partei gewordene deutsche Professor, er will die Allein⸗ herrschaft seiner Ueberzeugung, das geht schon daraus hervor, daß er die neue Methode, wle er sie nennt, als Auflehnung gegen die echte Glaubenseinheit bezeichnet hat. Ich frage, wo und von wem sind jemals die Grundsätze in Deutschland befürwortet worden, die Kauksky als die Anschauungen der Revisionisten dargelegt hat, der Grundsatz der Anlehnung an die bürgerlichen Gesell⸗ schaft. Wenn man hier einen Tendenzprozeß schlimmster Art macht, dann solle man die Beweise auch beibringen. (Sehr richtig!) Kautsky schreibt, die Kritik muß eine zeitlang zurückgedämmt, dasAnzweifeln müsse zurück⸗ gestellt werden.(Hört, hört!) Ich habe mir das Wort anzweifeln genau gemerkt, weil es mich an meine Religionsstunde erinnerte.(Heiterkeit.) Die freie Meinungsäußernng ist die Lebenswurzel der Partei, sie kann nur ganz oder gar nicht bestehen. Ohne sie vecknöchert die Partei. Das aber sage ich: wenn man mir einen Maulkorb zumutet, so ist es mir ziemlich gleichgültig, ob das ein poltzeilicher, kirchlicher oder ein sogenannter demokratischer ist.(Beifall und Lachen.) Es wäre wahrlich nicht der Mühe wert, sein ganzes Leben zu opfern(Bebel: Dein Leben?) nun, opferst Du denn Dein Leben nicht der Partei, glaubst Du, das tun nicht andere auch? Also es wäre nicht der Mühe wert, sein ganzes Sein einzusetzen, einen Götzen umzuwerfen, um einen neuen Götzen an die Stelle zu setzen. Was nun die gestellte Resolution anlangt, so ist der erste Punkt, die Vizepräsidentenfrage für mich entschieden, nachdem die Partei gesprochen hat. Die folgenden Absätze halte ich für falsch, schon wegen zweimaligen Wiederholung des WortesRevisionismus, das ich für einen Popanz halte, aufgerichtet, damit man auf ihn losschlagen kann. Aber wenn es der Partei eine Beruhigung ist, Grundsätze, die ich als extstierend nicht ankennen kann, schon im Voraus zu verurteilen, ihnen einen Riegel vorzuschieben, so bin ich auch damit einverstanden. Zum letzten Absatz sage ich, der Ge⸗ mäßigte: er ist mir nicht radikal genug.(Heiterkeit.) Das WortWahrung von Arbeiterinteressen ist mir zu blaß und schal. Ich möchte darauf hinweisen, daß sich, nie bei einer praktischen Frage in der Fraktion die sogenannten Revisionisten und Radikalen streng ge⸗ schieden haben, stets gab es eine Mischung. Kommt

es doch sogar vor, daß unser Karl Kautsky einmal auf

hyperopportunistischen Pfaden wandelt. Hat er uns doch empfohlen, eine neue Einteilung der Wahlkreise nicht zu betreiben, da das Wahlrecht verschlechtert werden könnte.(Bebel: Da gebe ich Dir Recht.) Das ist doch bezeichnet bei Jemanden, der hinter jeder Aeußerung von uns Vertuschungen ꝛc. sucht. Aus der Resolution geht nicht hervor, daß sie persönliche Zwecke verfolgt. Ich nehme auch das nicht an. Wollen Sie Personen hinausdrängen, dann nennen Sie diese Personen. Diese müßten sich dann entweder unterwerfen oder den Saal verlassen. Ich hoffe, es wird dazu nicht kommen. Der Parteitag wird sich überzeugt haben, daß trotz mancher berechtigten Unzufriedenheit, z. B. darüber, daß ganz junge Parteigenossen in die höchsten Ehrenstellen gelangt sind, die Dinge aufgebauscht sind. Ich bin nämlich der Ueberzeugung, daß in Wahrheit die Partei zu keiner Zeit weniger Anlaß zu prinzipiellen Auseinander⸗ setzungen hatte, als gerade jetzt, daß die Einheit und Einheitlichkeit in der Partei größer ist als sie früher war.(Sehr richtig!) Angesichts der großen Aufgaben die uns erwarten, sollten wir dem törichten Bruder⸗ gezänk Einhalt gebieten. Ich meine, Jeder kann in seiner Art der Partei dienen, alle Kräfte müssen zu⸗ sammenwirken. Der Parteitag lasse sich nur von sach⸗ lichen Motiven leiten und rufe die Führer von rechts

und links auf ihre Posten zurück, auf ihren Posten zum Kampf gegen den gemeinsamen Feind. (Beifall.)

(Fortsetzung Seite 5.)

Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung.

Die Wurmkrankheit der Bergleute hat nun auch in sächsischen Schächten ihren Einzug gehalten. Auf dem Zwickauer Tief⸗ bauschacht ist bekannt gegen, daß ein bis vor Jahresfrist auf rheinisch⸗westfälischen Gruben

tätig gewesener Lehrhäuer als wurmkrank be⸗

funden worden ist, und der Belegschaft darob die gewissenhafte Beobachtung aller Vorschriften und Vorsichtsmaßregeln anempfohlen. Es soll sich im ganzen um etwa 75 wurmkranke Arbeiter handeln, die sämtlich zuvor in Westfalen be⸗ schäftigt waren.

Der grobe Unfug der Streiken⸗ den. Wegen Vergehen gegen den§ 153 der Gewerbeordnung hatten sich acht Maurer und zwei Taglöhner vor dem Schöffengericht in Mainz zu verantworten. Die Beweisaufnahme förderte ein wesentlich anderes Bild zutage, als es nach der Anklage anzunehmen war. Die Angeklagten bestritten vor allem, sich im Sinne der Anklage schuldig gemacht zu haben. Und mit Erfolg. Strafe mußte aber doch bei den meisten der Angeklagten sein. Aus dem Vergehen gegen den§8 153 wurde nämlich grober Unfug. So verkündete das Gericht nach kurzer Beratung, daß die Voraussetzungen des§ 153 der Gewerbeordnung als absolut nicht vorliegend zu erachten seien, eine Ver⸗ urteilung in diesem Sinne deshalb nicht ein⸗ treten könne. Wohl aber sei durch die Schutz⸗ leute der grobe Unfug festgestellt. Der grobe Unfug sei dadurch begangen, daß der eine An⸗ gelagte laut rief: Wenn die Italiener arbeiten, können sie auch unsere Steuern zahlen! Der zweite riß einem ansprengenden Gendarm gegenüber seine Jacke auf und schrie: Da, schieße einen Familienvater zusammen! Die große Erregung, die durch das Vorgehen der Bauunternehmer und Polizei bei den Aus⸗ gesperrten herrschte, müsse bei den Angeklagten bei dem Strafmaß in Berücksichtigung gezogen werden. Drei der Angeklagten bekamen je 15, einer 20 Mk. Geldstrafe, drei je eine Woche Haft, und drei wurden freigesprochen.

von Nah und Fern.

Hessisches.

Die Landtagsersatzwahl in Darm- stadt, die bekanntlich stattfinden muß, weil die Wahl der beiden freisinnigen elbgeord neten Langenbach und Saeng für ungültig erklärt wurde, ist auf den 15. Oktober festgesetzt. Unsere Genossen wollen diesmals selbständig vorgehen, nicht wie bei den letzten Wahlen mit den Freisinnigen zusammengehen. Das ist auch ganz richtig, denn der Freisinn hat sich immer mehr nach der reaktionären Seiteentwickelt; er unterscheidet sich kaum noch von dem National⸗ liberalismus.

Gießener Angelegenheiten.

Ein geschmackloser Witz. Unser Genosse Krumm schreibt uns:In der Nr. 19 des Süddeutschen Postillon steht folgen⸗ derWitz:

10 Ochsen und 1 Bauer sind 12 Stück Rindvieh sagt Mörike und da hat er ganz Recht.

Gegen eine derartige SorteWitze welche einen ganzen Stand des Volkes aufs gröbste beschimpfen lege ich Verwahrung ein. Weiß die RedaktionPostillon nichts besseres zu bieten, dann soll sie lieber den Raum leer lassen. Solche Schimpfereien gereichen der Partei zur Unehre.

Nun, unserer Ansicht nach ist die Sache nicht so schlimm gemeint. Es ist ein Zitat von dem schwäbischen Dichter Ed. Mörike, der in den vierziger Jahren Pfarrer in Cleversulzbach

N ö J 0 1 0 0

3

3

1

3