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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Abgeordnete durchbringen, so werden diese den Kampf gegen das Klassenwahlrecht aufzunehmen und das ganze Elend unsrer Zustände in der nötigen Weise zu schildern haben. Gegen die von Bebel in Bezug auf die allgemeine Taktik gemachten Ausführungen erhebt sich kein Wider⸗ spruch. Danach geht also die Partei überall selbständig vor. Arons Berlin bedauert, daß Bebel nnd Singer abgelehnt haben, Kandidaturen zu übernehmen. Wünschenswert wäre, wenn die beiden in allen Wahlkreisen aufgestellt würden und dann je nach dem Ausfall der Urwahl sich entscheiden, wo sie annehmen. Bebel erklärt, die Arbeitslast, die auf ihm und Singer ruhe, zwinge sie, von einer Kandidatur Abstand zu nehmen. Es würde ihnen ja eine wahre Woll⸗ lust bereiten, einmal im Landtag aufzutreten, aber sie müßten auf das Vergnügen verzichten. Schließlich wird beschlossen, einen besonderen Landtagswahlfonds zu schaffen.
Die sächsischen Landtagswahlen,
die bereits auf den 30. Sept. angesetzt waren, sind vom Ministerium„in Berücksichtigung von verschiedenen Seiten geäußerter beachtlicher Wünsche“ verlegt worden und zwar für die 3. Abteilung auf den 5. Oktober, für die 2. Abteilung auf den 6. Oktober und für die 1. Abteilung auf den 7. Oktober. Die Abge⸗ ordnetenwahlen sollen am 22 Oktober stattfinden. Die„beachtlichen Wünsche“ gingen vom Verband der Industriellen aus, der gegen Wahltage vor der Quartalswende geltend machte, daß sie für den Kaufmannsstand und viele Industrielle ge⸗ schäftlich ungünstig lägen.— Die Verlegung des Wahltermins erhält insofern noch eine be⸗ sondere Bedeutung, als am 1. Oktober der Kartellvertrag abläuft, den die bürgerlichen Parteien abgeschlossen hatten. Möglicherweise kann sich nun der Wahlkampf etwas kompli⸗ zierter gestalten.
1500 Soldatenmißhandlungen
wurden dem Unteroffizier Otto Breidenbach zur Last gelegt, gegen den vor dem Oberkriegs⸗ Fein in Berlin verhandelt wurde. Die
erhandlung ergab haarsträubende Einzelheiten. Etwa 300 Fälle unter den 1500 sind schwere, mit gefährlichen Werkzeugen wie Gewehr⸗ kolben, Seitengewehrklinge, Klopf⸗ peitsche, Besensttel usw. verübte Mißhand⸗ lungen. Eine derselben führte zum Selbstmord' des Füsiliers Hill, wofür der Angeklagte bereits zu 3½ Jahren Gefängnis und Degradation verurteilt wurde. Das Oberkriegsgericht er⸗ kannte auf 8 Jahre Gefängnis und De⸗ gradation.
Kulturbild aus dem Osten Deutschlands
In Gnesen(Provinz Posen) wurde dieser Tage ein Flucht⸗Begünstigungs⸗ Prozeß ver⸗ handelt, der sich aus dem vor längerer Zeit verhandelten Wreschener Schulkrawall⸗Prozeß entwickelt hat. Einer der damals Verurteilten soll von dem Hülfskomits Geld zur Flucht erhalten haben. Deshalb sind mehrere Komité⸗ mitglieder angeklagt. Einer der Angeklagten hatte in Untersuchungshaft gesessen. Dieser, der Händler Janikikkratzt sich während der Gerichtsverhandlung fortwährend. Die neben ihm sitzenden Angeklagten, das Herren⸗ hausmitglied v. Koscielski u. Propst Labedzki aus Wreschen, rücken ein Stück von ihm ab. Die Sache erregt großes Aufsehen. Auch dem Präsidenten fällt es auf. Da in der Runde nunmehr alle anfangen, sich zu kratzen, wird die Situation bedenklich. Endlich sagt Janickt:„Ich kann es nicht mehr aushalten, die Läuse beißen mich so furchtbar.“ Auf die Frage des Präsidenten, was es mit dem Ungeziefer für ein Bewandtnis habe, er⸗ wiederte Janicki, daß es in der Gefängnis⸗ zelle, in der er die Nacht hatte zubringen müssen, von Läusen wimmelte. Er streicht die Aermel hoch und zeigt die zerbissenen Arme, greift an den Kopf und bringt die Läuse herunter, greift dann hinter den Kragen, an
Niemand will neben Janicki auf der Anklage⸗ bank sitzen und der Präsident beschließt, daß der mit Läusen bedeckte Janicki abseits sitzen solle. Der Präsident welst dem Angeklagten nunmehr einen neuen Platz an und Janicki setzt sich jetzt in der Nähe des Tisches für die Berichterstatter und zwar in der Nähe der Ver⸗ treter der polnischen Presse, unter denen sich verschiedene Warschauer befinden. Janicki sagt, man habe ihm nicht Zeit gelassen, sich zu waschen und umzukleiden. Nach diesem Intermezzo geht die Verhandlung weiter.— Solche grauenhafte Zustände können unter den Augen der Behörden existieren!
Ein Wahlkrawall⸗Prozeß
hat sich dieser Tage in Beuthen, Oberschlesten, abgespielt. Es handelte sich um Tumulte, die eu an en einer polnischen Wahlversammlung in Laurahütte stattgefunden haben. Etwa 40 Personen, darunter eine große Anzahl jugendliche waren angeklagt, und Hunderte von Zeugen wurden vernommen. Unter den Angeklagten befand sich auch der polnische Reichstagsabgeordnete Korfanty der in jener Wählerversammlung gesprochen hatte. Nur sechs Angeklagte wurden freigesprochen, die übrigen von 3 Jahren bis herab zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Im Ganzen wurden etwa 40 Jahre Gefängnis verhängt. Sogar ein 12 jähriger Knabe erhielt 2 Monate. — Dabei war die Polizei bei jenem Krawall in einer Art aufgetreten, welche die Leute zum Widerstand reizen mußte; zwei Arbeiter wurden damals erschossen.— Die verhängten Strafen sind geradezu empörend hart.
Sächsische Staatsrettung.
In Dresden wollte unser österreichischer Genosse Viktor Adler einen Vortrag über Sozialdemokratie und Sozialreform halten. Adler durfte jedoch in Dresden nicht reden, während seinem Landsmann Perners⸗ dorfer ein Vortrag in dem nahen Löbtau erlaubt wurde. Natürlich hatten sich unsere Dresdener Genossen auf diesen Fall schon ein⸗ gerichtet, sodaß die Versammlung trotzdem statt⸗ finden konnte. Staunenswert sst die sächsische Polizeiweisheit!
„Etrafe“ für einen Mörder.
Gegen den Fähnrich Hüssener, der bekannt⸗ lich den Einjährigen Hartmann in Essen hinter⸗ rücks erstach, verhandelte am Mittwoch das Oberkriegsgericht in Kiel in der Berufungsin⸗ stanz. Das Urteil lautete auf ganze zwei Jahre nnd sieben Tage Festungshaft. Also dieselbe milde Strafe, die von der zweiten Instanz verhängt wurde. Sieht sie nicht bald wie eine Belobigung aus? Nach dem Rechts⸗ gefühl des Volkes hätten dem Mörder 10 Jahre Zuchthaus zudiktiert gehört.
Die Folterhaft
Neat den Berichterstatter des Vorwärts, Gen. ehbein ist am Samstag aufgehoben worden. Man hatte ihn 14 Tage lang eingesperrt, um ihn zum Verrat jenes Soldaten zu zwingen, der sich zugunsten seiner Mitkameraden an den „Vorwärts“ gewandt hatte. Rehbein hätte selbstverständlich den ihm zugemuteten journa⸗ listischen Treubruch nicht begangen, auch wenn man ihn volle sechs Wochen festgehalten hätte. Das hat wohl auch die Militär⸗Gerichtsbehörde allgemach eingesehen und darum dem grausamen Spiel bereits jetzt ein Ende gemacht. Die Sache wird natürlich noch ihr parlamentarisches Nachspiel haben. Jedenfalls aber hat die Militärbehörde durch ihr unglaubliches Vor⸗ Mon gegen Rehbein erreicht, daß es nun keinem
enschen mehr einfallen wird, ihm mitgeteilte Hilferufe verzweifelter oder mitleidiger Menschen der Militärbehörde zu unterbreiten. Da aber der Kiegsminister hierzu seinerzeit im Reichs⸗ tage aufgefordert hat, so wird sich der neue Herr beizeiten auf eine gelegene Ausrede be⸗ sinnen müssen.
Es geht vorwärts im Elsaß!
1751 Stimmen gewählt. Jehl, von den gesamten bürgerlichen Parteien, mit Ausnahme der Demokraten, unterstützt, erhielt nur 1200 Stimmen. Mit Peirotes zieht der zweite Sozialdemokrat in den Landtag der Reichslande ein. Bisher war Genosse Emmel⸗ Mühlhausen dort unser einziger Abgeordneter. — In Mühlhausen⸗ Nord siegte leider der Mischmaschkandidat mit 2665 Stimmen gegen unsern Genossen Martin, der nur 2186 Stimmen erhielt.— Dieser Kreis wird auch bald reif für die Sozialdemokratie sein! Ueberall zeigte sich bei den allgemeinen Wahlen ein erfreuliches Anwachsen unserer Stimmen.
Christliche Nächstenliebe.
„Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen!“ Diesen christlichen Lehr⸗ und Grundsatz scheint der fromme Verfasser des katholischen St. Paulus⸗Kalenders für 1904 nicht zu kennen, wenigstens handelt er nicht darnach, denn er schreibt in der Rundschan jenes Kalenders: „Emil Zola, der literarische Schmutzfink, der seinen Judenschnabel am Felsen Petri und auch an der Lourdes⸗Grotte zu wetzen versuchte, erstickte im Oktober in Paris, wenn nicht an seinem eigenen Gestank, so doch an dem Kohlen⸗ dampf und Schwefelwasserstoffgas, das seinem Heizofen entströmte, als er schlief. Man kann das einen sehr natürlichen Tod nennen.“
Man wird kaum behaupten können, daß diese Sätze im Geiste der Religion der Liebe gehalten sind. Und wenn die christlichen Führer in dieser Weise predigen, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Geführten gegenüber Andersdenkenden die gröbsten Aus⸗ schreitungen begehen.
Die dänische Sozialdemokratie
erzielte bei zwei Ersatzwahlen zum Landsthing gute Erfolge insofern, als sie einen Zuwachs von 1330 Stimmen zu verzeichnen hat. Trotzdem aber für die sozialdemokratischen Kandidaten 6000 mehr als auf diejenigen der Gegner abgegeben sind, fielen infolge des indirekten Wahlsystems die Mandate Letzteren zu.— In 40 Städten sind zu den Steuerveranlagungs⸗ Kommissionen neue Mitglieder gewählt und in 24 dieser Städte haben die Sozial dem o⸗ kraten die Mehrheit erhalten.
Bei den Wahlen in Serbien,
die am Sonntag stattfanden, sind 133 Radikale und 14 Liberale und auch ein Sozialist ge⸗ wählt worden. Also fängt's auch dort an Tag zu werden! Nun kann König Peter Reden über vaterlandslose Gesellen halten.
Sozialdemokratischer Parteitag.
(Fortsetzung aus der Beilage.)
Vor Jahren hieß es: Die Beteiligung am Senioren⸗ konvent sei eine tiefe Verletzung der Parteiprinzipien. Schon damals hieß es: Dadurch wird uns der ganze Wahlerfolg verekelt. Genau wie heute war es damals im Jahre 1884. Seit der Zeit haben wir uns auch an diese Sache gewöhnt. Uebrigens viel wert ist die Teilnahme am Seniorenkonvent nicht. Man bekommt da aber Informationen, die man einmal gebrauchen kann. Was hat es in Fragen der Gewerkschaftsbewegung für Differenzen gegeben? Wie hat Bebel in Köln gegen die paritätischen Arbeitsnachweise gewettert, wie hat Bebel sich gegen das Zusammenarbeiten mit bürgerlichen Sozialreformern gewandt. Er hat es mit Wadelstrümpfelei bezeichnet. Derselbe Bebel ist ein Jahr später nach Zürich zum Sozialreform⸗Kongreß gereist und hat dort mit bürgerlichen Leuten verhandelt.(Bebel: Es war zwei Jahre später und du warst auch dabei. Heiterkeit.) Ja, ich hatte aber die Wadelstrümpfe schon, du hast sie dir erst damals erworben.(Groß: Heiterkeit) Wie hat man die Tarifgemeinschaften bekämpft, wie hat man den Niedergang der Gewerkschaftsbewegung
gesetzt, die Gewerkschaften sind zu ungeahnter Blüte
der Arbeiterschutzgesetze in der Fraktion heftige Kämpfe gehabt. Wir haben einzelnen Gesetzen zuge⸗
den Hals und zieht auch von dort ein paar Läuse hervor. Die Sache wird immer kritischer,
Bei den am Sonntag in Elsaß erfolgten
stimmt. Der Agitation hat es nichts geschadet, niemals
prophezeit. Die Tarifgemeinschaften haben sich durch⸗ g gelangt. Wir haben über die Ablehnung oder Annahme 1
Ar. 3.
Bezirkstagsnachwahlen wurde unser Genosse Peirotes in Straßburg⸗Süd mit Sein Gegenkandidat


