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Nr. 39.
Gießen, den 27. September 1903.
10. Jahrg.
Redaktion:
Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Sonnt
Mitteldeutsche
Mebaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
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Nach dem Parteitag.
Länger als bei einem früheren Parteitage waren unsere Delegierten diesmal in Dresden zusammen. Acht volle Tage mußten sie aus⸗ halten, für Erholung und Vergnügen wurde noch nicht eine einzige Stunde geopfert. Von den Parteigenossen wird nach dem Ergeb⸗ nis der Dresdener Tagung, nach dem Extrag der Stägigen Arbeit gefragt. Was ist das Resultat der dort gepflogenen heftigen Debatten? „Wir haben auf diesem Parteitag Fragen von fundamentaler Wichtigkeit verhandelt... Will man die Verhandlungen richtig beurteilen, dann darf man sich nicht darauf beschränken, die persönlichen Erscheinungen zu betrachten, sondern dann muß man dazu übergehen, die Sache selbst zu untersuchen und dann wird man zu der Ueberzeugung kommen, daß das, was als persönlich angesehen wird, notwendig war, daß es gegeben war durch den Umstand, daß wir über Fragen verhandelt haben, die für die Partei von fundamentaler Bedeutung waren. —— Der Parteitag und die durch den Partei⸗ tag vertretene Partei will in ihrer immensen Ma⸗ jorität, daß Programm, Taktik, Streben und Agitieren der Partei nicht geändert werden soll. Die Massen in der Partei stehen nach wie vor auf dem Boden des revolutionären e dessen Ziele die Befreiung des Proletariats aus dem Druck, aus dem Elend der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist.
Wir dürfen zufrieden sein damit, daß sich so glänzend dokumentiert hat der Wille der Partei, daß wir nicht diplomatisteren wollen, daß wir in unserer Partei keine Staatsmännelei haben wollen, sondern daß wir entschlossen sind, den geraden Weg weiter zu gehen, den Weg der dazu führen wird, unter Niederwerfung aller Gegner unser großes Ziel zu erreichen.“
Diese Worte richtete der Präsident des Parteitags, Genosse Singer in seiner Schluß⸗ rede an die Delegierten. Zweifellos hat Singer recht, wenn er sagt, daß Fragen von grund⸗ legender Bedeutung verhandelt und erledigt wurden, daß auch dieser Parteitag einen Mark⸗ stein in unserer Bewegung darstellt. Aber sein Verlauf befriedigt Singer, wie er durchblicken ließ, ebensowenig wie jeden andern Partei⸗ genossen.
Wie sollte es auch anders sein! Dieser Parteitag hat sich nicht zu dem Jubel⸗ und Freudenfeste gestaltet, das wir nach unsern gewaltigem Wahlsiege zu feiern ein Recht hatten. Heftige Kämpfe durchwühlten die Reihen der Parteivertreter, Kämpfe, die in einer so scharfen Form geführt wurden, wie sie selbst auf unsern Parteitagen, wo man gewohnt ist, sich offen und rückhaltlos auszusprechen, ungewöhnlich ist. Ost genug— das können wir ruhig aussprechen — nahmen die Wortgefechte einen persönlichen Charakter an, der der Würde des Parteitags nicht entsprach. Dies und manches andere bewirkt, daß der Genosse, der die Verhandlungen verfolgt hat, keine besondere Freude darüber empfinden wirb. Diese Mißstimmung kommt
auch in der Parteipresse zum Ausdruck. Fast alle Parteiblätter stellen dem Dresdener Tage kein günstiges Zeugnis aus. f Mit Recht sagte der Vorwärts, daß dieser Parteitag nicht mit hochgestimmten Freuden⸗
artikeln abgetan werden kann. waren es, die den Parteitag völlig beherrschten und eine volle Woche in ihren Bannkreis zwangen. Drei Tage lang debattierte man über die Mit⸗ arbeiterschaft von Parteigenossen an bürgerlichen Zeitschriften wie der Zukunft und drei weitere Tage nahm die Debatte über die Taktik, den „Revisionismus“, die Vizepräsidentenfrage und was drum und dran hängt, in Auspruch. Man kann die beiden Fragen unter Umständen für sehr wichtig halten, aber auf keinen Fall waren sie unter den gegebenen Verhältnissen von so außerordentlicher Wichtigkeit, daß sie die ganze schöpferische Kraft des Parteitags absorbierten. Heftig wurde gekämpft und manch hartes Wort ist gefallen. Und das Ergebnis! In der großen Masse der Parteigenossen, die keinen besonderen Gefallen findet an eitlem Literaten⸗ gezänk und an akademischen Erörterungen über theoretische Streitfragen, wird lebhaft bedauert, daß der Parteitag eigentlich so gar keine prak⸗ tische Arbeit geleistet hat. Eine Reihe von Auträgen betr. Agitation, Organisatton, Presse usw., deren eingehende Beratung der Partei gewiß nur förderlich gewesen wäre, mußten ihre Erledigung finden, indem sie sozusagen über's Knie abgebrochen wurden, weil die Zeit nicht mehr reichte. erwartet, daß die Delegierten nach dem Drei⸗ millionensieg in Dresden ernstlich darüber Rats pflegen würden, wie denn dieser gewaltige Er⸗ folg unserer Partei am besten zum Wohle der Arbeiterklasse ausgenützt würde. Doch nichts von alledem. Von der Ferne begreift man kaum die hitzigen Wortgefechte. In den Grund⸗ sätzen stehen wir alle einmütig auf dem Boden des Klassenkampfes, in der Wahl der Mittel zur Erreichung unserer Ziele gehen die Mei⸗ nungen auseinander, einig aber sind wir erst 1 71 im Kampfe gegen den gemeinsamen eind.“
Andere Parteiorgane sprachen sich noch weit schärfer aus, das in Hannover zum Beispiel bezeichnete die Debatten in Dresden als nieder⸗ drückend und die Genossen müßten verlangen, daß solche Debatten ein für allemal unmög⸗ lich gemacht würden. Kurz, in der ganzen Partei kommt das Bedauern über die heftigen Zusammenstöße zum Ausdruck.
Ganz falsch wäre es natürlich, wenn man die beiden Hauptdebatten, die über die Mit⸗ arbeit von Parteigenossen an bürgerlichen Blättern und die Taktik⸗Debatte als unnütz und bloßes persönliches Gezänke bezeichnen wollte. In der letzteren handelte es sich um die Grundlage, um die Grundsätze unserer Partei, darum, ob wir unsern Kampf als die Partei der arbeitenden Klasse wie bisher weiter führen oder eine gewisse Aussöhnung mit der bürgerlichen Gesellschaft, eine Ueberbrückung der doch nun einmal vorhandenen Klassen⸗ Gegensätze betreiben sollen. Bestrebungen im letzeren Sinne wurden einer Reihe in führen⸗ der Stellung befindlichen Genossen, den soge⸗ nannten„Revisionisten“ vorgeworfen. Sie haben es bestritten; Auer erklärte solche Vor⸗ würfe als elende Verleumdung. Mit erdrückender Mehrheit ist die Resolution ange; nommen worden, in der ausgesprochen wird, daß an der bisherigen Taktik nichts geändert
„Zwei Fragen
Allgemein hatte man auch
werden soll, daß wir bleiben, was wir waren! J gung an den Landtagswahlen.
Notwendig war diese Auseinandersetzung, nachdem besonders von Bebel so gewaltig in die Lärmtrompete gestoßen worden war. Bebels Befürchtungen haben stch als übertrieben heraus⸗ gestellt, er hätte nicht nötig gehabt von„Ko⸗ mödienspiel und Vertuschen“ zu reden, Aeußerungen, die uns bei der weiteren Agitation empfindlich schaden werden. Und es hat nichts geschadet, daß dem Genossen Bebel, dessen große Verdienste um die Partei und das arbeitende Volk sonst unbestritten sind, ein Dämpfer auf⸗ gesetzt und gesagt wurde, daß sein Auftreten
von andern Genossen als diktatorisch empfunden
werde.
Geradezu bewundernswerte Geduld und Langmut zeigte der Parteitag bei der Debatte über die Mitarbeit an bürgerlichen Blättern. Hier war es unseres Erachtens entschieden ein Fehler, daß unbeschränkte Redezeit beschlossen wurde; mit dem vierten Teile der tatsächlich aufgewendeten Zeit hätte man diese Angelegen⸗ heit erledigen können und sollen. Partei⸗ genössische Schriftsteller sollten es schon ganz von selbst unterlassen, an Blättern mitzuarbeiten, welche die Sozialdemokratie auf das nieder⸗ trächtigste beschimpfen. Was hier von Partei⸗ wegen verlaugt wurde, war berechtigt und eigentlich selbstverständlich. Verschlimmert wurde diese Auseinandersetzung noch durch die Hereinziehung der Mehringschen Angelegenheit. Pflicht der Genossen, die Mehring etwas vor⸗ zuwerfen hatten, wäre es gewesen, die Sache zunächst dem Parteivorstand zur Untersuchung und Erledigung zu unterbreiten und nicht den Parteitag damit zu behelligen, der darüber doch kein Urteil fällen konnte.
Bot der Dresdener Kongreß auch vieles Unerfreuliche, so hat er doch anderseits auch recht bedeutsame Arbeiten geleistet, die zur weiteren Förderung unserer Bewegung beitragen werden. Agitie ren und organisteren ist auch ferner⸗ hin unsere Anfgabe.
Politische Rundschau.
Die preußischen Landtagswahlen
waren Gegenstand einer Konferenz der preußtschen Parteitagsdelegirten, die im Anschluß an den Parteitag stattfand. Bebel, der den Vorsitz führte, gibt ein Bild der Sachlage und führt u. a. aus: Bis jetzt war die Situation die, daß den Konservativen nur 5 Stimmen an der absoluten Mehrheit fehlten. Käme es zu einem allgemeinen Kartell mit den Liberalen, so würde es leicht sein, die Konservativen erheblich zu schwächen. Da aber leider ein solches Kartell gar nicht oder nur sehr vereinzelt zustande kommen wird, so wird das Resultat das sein, daß das nächste Abgeordnetenhaus wahrschein⸗ lich eine konservative Mehrheit haben wird. Die Folge wird die sein, daß für reaktionäre Gesetze die Bahn frei sein wird. Sollen wir es auf solche neue reaktionäre Gesetze, etwa auf ein neues Vereinsgesetz ankommen lassen? Und da meine ich: Wir müssen mit den Libe⸗ ralen einmal Fraktur reden! Und wenn der Erfolg unsrer Beteiligung der wäre, daß der Liberale aus dem Abgeordnetenhause verschwindet, auch dann bin ich für eine selbständige Beteilt⸗ Wenn wir
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