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Nr. 39.
Mitteldeuntsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 7.
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. Unterhaltungs-Ceil.
Ein rentables Wunder.
Giorgi Franchi war ein Maler, dem es fast immer am täglichen Brod gebrach, aber er be⸗ saß einen hellen Geist und dachte sich eines Tages: Nährt mich die Kunst nicht, so nährt mich die Frommheit! Und er setzte den Ge⸗ danken in die Tat um.
In einem kleinen Dörfchen unweit Neapel, las eines Morgens ein braver gläubiger Priester die Messe. Auf der obersten Stufe vor dem Altare kntete der Maler, die Hände über der Brust gekreuzt, das Gesicht in Verzückung, die Augen voll heiliger Begeisterung auf die Jung⸗ frau Maria gerichtet. Die Bauersleute hätten wohl der Gegenwart Giorgio Franchis kein be⸗ sonderes Gewicht beigelegt, wären sie nicht nach wenigen Minuten Zeugen eines wunderbaren, unerwarteten Schauspiels geworden. Der ver- zückte Fremde sprach mit der Jungfrau: kein Zweifel. Seine leuchtenden Augen, sein ver⸗ klärtes Gesicht, die ausgebreiteten Arme, die zuckenden Bewegungen seines Körpers: alles, alles wies deutlich. darauf hin, daß ihm die Gnade einer himmlischen Vision zu Teil ward. Und die Bauern drängten sich herbei, stellten sich um ihn herum und Porte ihn mit offenem Munde an. Der Priester selbst von Staunen erfaßt, gab, nachdem er in der Sakristei Chor- hemd und Stola abgelegt hatte, den Maler zu verstehen, daß er gern von ihm vernehmen würde, welcher Gnade und welchen Verdiensten er eine Unterredung mit der heiligen Jungfrau zu verdanken hätte. Und der arme Maler legte eine aufrichtige, demutsvolle Beichte ab.
Noch am selbigen Abend verkündigte der Priester seinen Pfarrkindern, daß der wunder- bare Fremde ein berühmter Maler sei, und daß ihm die Jungfrau Maria selbst in die kleine Kirche geführt habe, denn das in den letzten Jahren gesammelte Almosen erlaube es, die Decke bemalen, alles neu herrichten und aus dem Gotteshaus eines kleines Meisterwerk machen zu lassen. Begeistert stimmte die Ge⸗ meinde zu, alles Nötige wurde hergerichtet und die Kirchendecke durch ein Gerüst hermetisch für Alle außer dem Maler abgeschlossen.
Der Maler, den man zur Bestreitung der ersten persönlichen Bedürfnisse mit etwas Geld ausgestattet hatte, ergriff sofort Besitz von dem Gerüst, und von jenem Tage ab verbrachte er dort ununterbrochen viele Stunden in lobens⸗ wertem Fleiß. Alle, die mit ihm reden konnten, waren von einer scheuen Bewunderung gegen ihn erfüllt. Er veckehrte zwar freundlich mit ihnen, aber in Bezug auf die Fortschritte seiner Arbeit hüllte er sich in geheimnißvolles Schweigen und blieb stumm für alle indiskreten Fragen. Manchmal brach der Abend herein, Dämmerung senkte sich auf alle irdischen Dinge, und der Maler weilte noch immer oben auf seinem Gerüste, bis sich der Priester ernstlich Gedanken über ihn machte und ihn rufen ließ. Mit huld⸗ vollem Lächeln stieg er als dann herab und erklärte, daß seine Kunst ihn selbst die Bedürf⸗ nisse seines Lebens vergessen ließ. Und der gute Priester glaubte ihm gern und bemerkte nicht, daß die Augen des Malers vom Schlafe ganz verschwollen waren.
So flossen vier Monate eines beneidenswerten, friedlichen Daseins dahin. Jeden Morgen be⸗ stieg der Maler sein Gerüst, kam nur herunter, um im Hause des Priesters sein Frühstück ein⸗ zunehmen, und stieg von Neuem hinauf, um bis zum Abend dort zu verweilen und nach Herzenslust mit den besten Speisen und Weinen sich zu stärken. 8
Der für die Arbeit festgesetzte Termin war fünf Monate, und mit ungemeinem Bedauern sah der Maler den größten Teil dieser Frist berstreichen. Als nur noch vierzehn Tage an
der Enthüllungsfeierlichkeiten fehlten, hatte der Maler noch einmal eine Viston. Vor dem Altar knieend, geriet er in dieselbe Verzückung wie das erste Mal, machte dieselben somnam⸗ bulischen Gesten und erweckte von Neuem das ehrfurchtsvolle Staunen und die größte Hoch⸗ achtung bei den Bauern, für welche dieser Mensch, der in ständiger Verbindung mit der heiligen Jungfrau stand, mehr als ein Heiliger war. Und auch dieses Mal griff der gute Priester ein und bat darum, daß ihm der Inhalt der Viston mitgeteilt würde.
„Vater“, antwortete ihm der Maler demuts⸗ voll,„noch einmal hat sich die Jungfrau Maria herabgelassen, mit mir zu reden, und mir kund zu tun, daß sie mit meinem Werke zufrieden sei. Indessen hat sie mir auch gesagt, daß nicht Alle ihr Bildnis schauen werden.“
„Und wer wird es nicht schauen, mein Sohn?“
„Alle Diejenigen, deren Mutter keinen ehr⸗ baren Lebenswandel geführt hat!“
„O, mein Sohn“, schloß der Priester in überzeugtem, salbungsvollem Tone,„o, mein Sohn, dann werden alle meine Pfarrkinder das heilige Bildnis der Madonna sehen, denn alle sind ehrbar gewesen.“
Auch dieser neue Wunsch der Jungfrau wurde dem Volke gleich mitgeteilt. Aber so⸗ wohl der Pfarrer wie die Dorfbewohner waren überzeugt, daß sie das Kunstwerk schauen dürften, denn Jeder hegte mit Recht eine große Achtung für seine Mutter.
Und der Tag kam heran, heiter, klar und warm. Seit Sonnenaufgang drängten sich die Bauern, mit festlichen Gewändern angetan, auf dem einzigen Platze des Dorfes. Eine Musik⸗ bande war aus dem benachbarte Orte gekommen, um fröhliche Weisen aufzuspielen. Eine ganze Reihe von Böllern war aufgestellt, um im feierlichen Augenblick losgeschossen zu werden, und auf dem Antlitz Aller war eine große Freude und eine noch größere Befriedigung zu lesen. Je mehr der große Augenblick heranrückte, desto größer wurde die ängstliche Spannung aller Beteiligten. Der Maler hatte die letzten Anordnungen getroffen, dann aber war er, ohne von irgend Jemand Abschied zu nehmen, ver⸗ schwunben. Eine Zeit lang erwartete ihn der Priester vergebens. Schließlich konnte er jedoch seine eigene Ungeduld nicht länger bezähmen und gab das Zeichen zur Eröffnung der Feierlich⸗ keit. Die große Glocke fing an zu läuten, die Trompeten schmetterten die Nationalhymne, die Böller krachten und knatterteu, und ein schön gewachsener, strammer Bauer schnitt mit einem einzigen Ruck das Seil durch, so daß die Lein⸗ wand herabfiel und die Decke enthüllte. Das Schauspiel war überwältigend, und Tausenden von Bauernkehlen entströmte der einzige Ruf:
„Schön! Wunderschön!“
Und die Decke der Kirche war weiß wie ein Linnen, weiß und unbefleckt wie frisch ge⸗ fallener Schnee. a
Auch der arme Priester schaute nach oben und rief mit den Anderen:
„Schön! Wunderschön!“
Aber das Herz blutete ihm bei dem Ge⸗ danken, daß seine Mutter, der er sein ganzes Dasein geweiht, in ihrer Jugend so leichtfertig gewesen war, und somit ihr Sohn das Bild⸗ nis der heiligen Madonna nicht schauen konnte. Gekr änkt und erbittert murmelte er vor sich hin.
„Ich hielt sie für einen Engel, und auch ste ist eine Sünderin!“
Alle Anderen jedoch sahen das Bildnis und verherrlichten den künstlerischen Genius des Malers. Einige behaupteten zwar, die heilige Jungfrau wäre blond, Andere bestanden hart⸗ näckig auf ihrer Meinung, daß sie braun wäre, aber der Pfarrer selbst legte sich ins Mittel und brachte es dahin, daß sie sich im Guten einigten. Scheinbar befriedigt zogen sie nach und nach und nach aus der Kirche ab, doch die Achtung vor der eigenen Mutter hatte bei Jedem einen gewaltigen Riß bekom nen.
Nur ein kleiner Knabe, der vielleicht die Bedingungen nicht kannte, unter denen es mög⸗ lich war, das Bildnis zu sehen, riß seine Augen weit auf und sagte schließlich zu seinem Vater;
„Papa, ich sehe gar nichts!“
Der Vater jedoch gab ihm einen tüchtigen Klaps und schrie ihn zornig an:
„Willst Du Dein Maul halten, Du dummer Bengel! Warte nur, wenn wir heimkommen, da will ich Deine Mutter grün und blau hauen— das infame Frauenzimmer, das.“
Wo wird der meiste Zucker gegessen.
Nach einer unlängst veranstalteten interna⸗ tionalen Statistik ist England entschieden das „süßeste“ Land der Erde. Jeder Bewohner Englands verzehrt nämlich im Durchschnitt jähr⸗ lich 30 kg Zucker und steht damit an der Spitze der Zuckerverbraucher der Bewohner aller anderen Länder. In den Vereinigten Staaten kommen pro Kopf der Bevölkerung im Jahre 29 kg, in Dänemark 22, in der Schweiz 21, in Schweden und Norwegen 15, in Frankreich 12, in Deut sch⸗ land ebenfalls 12, in Holland 11, in Italien und Belgien 11 und in Oesterreich 8 Kg. Der Russe endlich nimmt die letzte Stelle in dieser Beziehung ein. Dort kommen auf den Bewohner im Jahre 5 kg Zucker. Von der Gesamtpro⸗ duktion des Zuckers auf der ganzen Welt, die auf 12 Milliouen Tonnen geschätzt wird, ent⸗ fallen auf Deutschland, das damit die erste Stelle einnimmt, 2 300000 Tonnen, während Frankreich und Oesterreich 1300000 Tonnen produzieren. In, Deutschland wird am meisten Zucker erzeugt, die Deutschen genießen aber am wenigsten von der Frucht ihrer eigenen Arbeit. Hoffentlich wird das jetzt anders, nachdem der Zucker auch für die Deutschen wenigstens etwas verbilligt worden ist.
Humoristisches.
Fatale Verwechselung. Staatsanwalt: Ich bitte den Angeklagten wegen Erpressung zu ver⸗ urteilen. Er hat in seiner Eigenschaft als Arbeitgeber seinen Arbeitern mit Entlassung gedroht, wenn sie die Lohnherabsetzung nicht annehmen, er hat sich also durch Drohung einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu ver⸗ schaffen gesucht.—— Richter(einfallend): Aber Herr Staatsanwalt, was reden's denn wieder mal für Zeug daher! Der Arbeiter, der mit Streik gedroht hat, wenn er und seine Kollegen keine Lohnerhöhung kriegen, der kommt doch erst später dran!
(Südd. Postill.)
Aus der Amtskanzlei. Justizrat: „Müller, Sie haben in dem letzten Aktenstück „Thron“ ohne h geschrieben. Wenn Sie sich noch einmal unterstehen, am Throne zu rütteln, können Sie sich wo anders ein Unterkommen suchen.“—
Vorbeugung. Unteroffizier: Der Rekrut Meyer scheint desertieren zu wollen— ick wer ihm mal jleich jeheerig vor'n Bauch treten, det er die nächste Zeit nich lofen kann.
Im Elfer. Geschichtsprofessor: Kaiser Nero war eitel und genußsüchtig, grausam und
ungerecht, feige und wankelmütig——— mit einem Worte: er war ein geborener Herrscher. (W. Jak.)
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