Ausgabe 
26.7.1903
 
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Mitteldentsche Sountass⸗Zeitung.

Nr. 30.

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8 Unterhaltungs-Ceil. 7

Der Wunderschrank.

Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk. 1

In dem traulichen Raume des Schlafzimmers steht ein niedriger Eisenschrank. Fürsorgliche Hand hat ihm einen Platz angewiesen, der jene Sicherheit verspricht, ohne welche ein Be⸗ hältnis so kostbarer Art gar nicht gedacht werden kann: Dick und gedrückt wie ein Missetäter hinter dem Strauche, hockt er zwischen den blankpolierten Seitenflächen zweier reichverzierten Ehebetten, die an der Hauptwand dieses er⸗ habenen, teppichbelegten Gemaches aufgestellt

sind.

Die tiefen, gleichmäßigen Atemzüge eines alten Menschenpaares, das hier in den Armen des Schlummergottes die Mühseligkeiten des Daseins für einige Nachtstunden zu vergessen bemüht ist, umschweben ihn, und wirre, heisere Traumeslaute, die er ab und zu vernimmt, geben ihm Kunde von einer auch im Schlafe noch vorhandenen Gedankenarbeit, die unablässig darauf gerichtet scheint, seinen hohlen, gierigen Leib stets mit neuem Inhalte zu füllen.

Nach altfrommer Sitte blickt aus schwer vergoldetem Rahmen das Bild des hohen Mannes, der durch sein Leiden die Menschheit zu erlösen gedachte, aber an dem verbrecherischen Vorsatze scheiterte, mit jener Menschheit auch die Armut erlösen zu wollen, auf die friedliche Gruppe.

Eine Mordwaffe neuester Erfindung blitzt blank und drohend dem Eintretenden den Ent⸗ schluß der Schläfer entgegen, jeden Angriff auf das kleine eiserne Ungetüm in ihrer Mitte mit männlichem Mute abzuweisen.

So birgt der behagliche Raum dieses Ge⸗ maches die Symbole der drei Hauptgottheiten unseres herrlichen Zeitalters: Der historisch geheiligten Humanität, die zeitgemäß aus⸗ e vor dem Kreuze Halt macht; der

efruchtenden Flut des Geldes, aus den Adern der Welt in vier Eisenwände fürsorglich ein⸗ gefangen; der männlich ⸗soldatischen Gewalt, welche gleich dem Hammer Thors die seligen Gefilde Walhalls vor dem Einbruche zerstörender Mächte zu schützen hat.

In solch treuer Hut schläft die besitzende Menschheit den Schlaf des Gerechten. Der Zauberschrank aber war das Herz dieses vor⸗ nehmen, deutschen Hauses. Aus seinen Kammern quoll Leben in das fernste Winkelchen desselben. Er speiste und nährte mit seinem Wundersafte die golddurchwirkten Tapeten der Wände, die schweren Teppiche der kostbaren Fußböden, die kunstvollen Möbel der vielen Zimmer, die feinen, schneeweißen Leinenschätze in den ehrwürdigen Spinden der Hausfrau. Er unterhielt Leben und Kraft in den gefällig knixenden Leibern der vielen Dienstleute, welche Treppe, Flur und Küche des schönen, weiten Hauses durch⸗ eilten; er sorgte für das körperliche Gedeihen der beiden Eheleute, welche an seiner Seite jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstießen; und er unterschied sich obendrein von dem zähen, kränklichen Muskel, den man das Menschenherz genannt hat, durch die wun⸗ dersame Eigenschaft, daß er stets gesund war und sich selbst ernährte. Ihm war auch ge⸗ wissermaßen das Dasein des blassen jungen Menschen zu danken, der dem alten Ehepaare vor Schlafenszeit mit kindlicher Demut die welken Hände küßte und von den Dienstleuten der junge Herr genannt wurde.

Die alten Leute, welche jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstießen, mußten dieses Kind sehr lieb haben; denn die teuersten Gegenstände trägt man auf oder unter dem Herzen, und das Bild des vornehmen deutschen Jünglings, der von den Dienstleuten der junge Herr genannt wurde, prangte über dem Eisen⸗

schranke, diesem Herzen des vornehmen deutschen

auses.

5 Der außerordentlichen Vervollkommung, zu welcher das nationale Kunstgewerbe durch die Einwirkung des vaterländischen Kapitals in unserer undankbaren Gegenwart gelangt ist, ver⸗ dankte der Eisenschrank eine Einrichtung, die als ein beredtes Zeugnis der Alles durchdringen⸗ den frommen Sitte und Einfalt gelten konnte, von denen jene Gegenwart so sehr erfüllt wird: an seinem unteren Ende trug er einen Bet⸗ schemel in zierlichster Arbeit. Denn selbst die stärkere Hälfte des alten Paares, daß jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstieß, unterließ es auch in den weinschwersten Abend⸗ stunden niemals, sich für den erquickenden Genuß des Schlafes durch eines jener stimmungs⸗ vollen Gebete zu rüsten, welche von einer be⸗ sonderen, so überaus nützlichen Menschenklasse eigens zu dem Zwecke erfunden, die individuellen Beteuerungen und Ansprüche der Menschen in eine der Gottheit genehme, allgemeine Form zu bringen.

Der Anblick des frommen Alten hatte in solchen Stunden etwas Erhabenes. Mit schwerem Körper, der unter der Last uns äglichen Leidens zu erliegen schien, ruhte er auf der soliden Stütze seines geliebten Schrankes und hob das begehrende Auge kummervoll zu dem Bilde des hohen Mannes, der die leidende Menschheit zu erlösen gedachte. Nie sah man Irdisches und Himmlisches so glücklich ver⸗ bunden; fast greifbar stiegen Gedanken und Begierden von der Macht, welche die Welt regiert, empor zu der göttlichen Gestalt, welche die Schätze der Welt so gering geachtet.

Es war ein Augenblicksbild, das der trägen Feder spottet und den Maler fordert, der die Fähigkeit besitzt, die kunstsinnigen Besucher unserer vaterländischen Gallerien mit einem betenden Geizhalz zu entzücken.

Die kleine, klugblickende Frau, welche die schwächere Hälfte des alten Paares vorstellte, das jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstieß, verglich den geliebten Eisenschrank einem Bienenstocke; denn sie besaß eine überaus lehrhafte Natur und liebte es, zur Erklärung und Belebung ihrer vielfältigen Ermahnungen das Walten und Weben jener Klasse der Tier⸗ welt heranzuziehen, welche die hohe Kultur der arischen Menschheit durch den innigen Anschluß an Haus und Hof so sehr gefördert hat.

Diese fürsorgliche, deutsche Hausfrau richtete jene Ermahnungen vorzüglich an die Dienstleute, welche Treppe, Flur und Küche des eleganten Hauses durcheilten. Sie wurde dabei von der so überaus wichtigen Erkenntnis geleitet, daß die Vorkommenheit und Erziehungsbedürftigkeit der Menschen in dem Grade zunimmt, als die Mittel ihres leiblichen Unterhaltes abnehmen. Wenn sie zu den weihevollen Stunden solcher Lehrtätigkeit im abendlichen Kreise ihrer er⸗ müdeten Mägde saß, strahlend von selbstgenüg⸗ samer Weisheit und durchdrungen von der Nützlichkeit und sozialen Bedeutung ihrer Existenz und ihrer Mitteilungen, glich sie einer vornehmen Gluckhenne, die ihrer exotischen Abstammung einen Augenblick vergessend sich plebejischen Küchlein zuwendet, dabei aber nicht unterläßt, die nährenden Würmer der Erde selbst zu ver⸗ speisen und jener gemeineren Brut den leiblichen Hunger mit moralischem Gegacker zu stillen.

Von den Tieren pflegte sie zu sagen hat der Mensch Alles gelernt, und wer die Tiere genau beobachtet, macht eine Schule der 1 durch, die durch nichts ersetzt werden ann!

Zur weiteren Ausführung dieser nützlichen Gedanken machte sie gewöhnlich eine unschuldige Anleihe bei den Sätzen einer Sonntagspredigt, die der würdige Pfarrer des kleinen deutschen Städchens einst über den Zusammenhang der Tierwelt mit dem Leben der Menschen gehalten hatte; ein Vorwurf, der die Klugheit und ge⸗ schmeidige Vorsicht jenes biederen Seelenhirten in das beste Licht stellt, wenn man bedenkt, daß der beschwerliche und gefährliche Weg durch die erschreckenden Wahrheiten der Gegen⸗ wart mit Hilfe eines kleinen stimmungsvollen Spazierganges in das göttliche Reich der Natur so leicht vermieden werden kann.

Die kleine, klugblickende Frau verstand es jedoch, ihren Ausfuhrungen eine solche Gestalt zu geben, daß sie sich besonders auf das elegante deutsche Sir zu beziehen schienen, dem sie seit dreißig Jahren vorstand; ja sie wußte es so einzurichten, daß Jedermann glauben konnte, der würdige Pfarrer des reizenden Städtchens habe jene Predigt nur in Hinsicht ihrer Familien⸗ verhältnisse abgefaßt. f

In dieser Richtung war sie ihrem frommen Gatten durchaus ebenbürtig: wie dieser die be⸗ fruchtende Flut des Geldes aus den Adern der Welt in den vier Wänden seines geliebten Eisenschrankes fürsorglich eingefangen hatte, so

elang es ihr, den vorsichtig regulierten Rede; strom des würdigen Pfarrers in kleine Flaschen abzuziehen, die sie in dem moralischen Keller des eleganten Hauses sorgfältig verwahrte und aus denen sie der eee eee Diener⸗ schaft jenes Hauses gelegentlich etliche lehrreiche Tropfen kredenzte.

Der Vergleich des Eisenschrankes mit einem Bienenstocke war aber ihre eigene Erfindung, vielleicht auch ihre u Erfindung.

Aber diese einzige Erfindung war um so nützlicher und wichtiger, weil sie sich auf das einzige Kind dieser seltenen Frau beziehen sollte, auf den blassen, vornehmen Menschen, der von den Dienstleuten der junge Herr genannt wurde.

Mein Kind! sagte sie, wenn er vor Schlafenszeit ihre welken Hände mit seinem parfümirten Schnurbärtchen berührt hatte, mein Kind, was tun die Bienen vor Einbruch des Winters? Sie sammeln unablässig für jene Zeit der Ruhe und des Todes in der Natur. Kein Weg ist ihnen zu lang, keine Blüte zu entfernt. Der Gedanke an die junge Nachkommenschaft, die sich im Lenz ein eigen Heim gründen soll, treibt sie zu Arbeit und Anstrengung. Mein Kind, anch wir haben in unseren jungen Jahren keine Mühe gescheut. Kein Weg war uns zu lang, keine Arbeit zu schwer, um Dich sicher zu stellen für Dein künftig Leben. Wir haben gesammelt, mein Kind, wir haben gesammelt!. 1

Der Leser hat ohne Zweifel bemerkt, mit welchem Fleiße die Sprecherin, die während ihrer Rede aufrecht im Bette zur rechten Seite des Wunderschrankes saß, die Sonntagspredigt besuchte, und darin den Einfluß wahrgenommen, den jene in unser urteilslosen Gegenwart so wenig gewürdigte Institution auf die Ent⸗ wicklung der Umgangssprache unserer bürger lichen Gesellschaft täglich und stündlich ausübt.

Aber der blasse, vornehme Mensch, der von den Dienstleuten des eleganten, deutschen Hauses der junge Herr genannt wurde, kannte diese Rede seit Jahr und Tag. Er ließ sie über sich ergehen wie die Fuhrleute den Herbstregen, den sie doch nicht bannen können. Und wie jene braven Leute der Landstraße bei solchem Ungemach fröhlich mit der Peitsche knallen und des wärmenden Trunkes in der Schenke gedenken, so stieg der ergriffene Jüngling nach jenem Ergusse mütterlicher Redekunst gemach die Treppe hinab, wobei er mit den Fingern schnippte und sich des Augenblickes freute, da er durch die Hintertüre des eleganten, deutschen Hauses ins Freie schleichen und seine Freunde im Hotel zurDeutschen Warte aufsuchen werde.

Aber um diese Zeit stieß das alte Paar bereits die wirren Laute des Traumes aus.

Auch der Wunderschrank schien zu träumen. Er glaubte sich umschwärmt von den fleißigen Arbeitsbienen, die seinen hohlen, gierigen Leib gefüllt hatten.

Aber diese Arbeitsbienen trugen blaue, flatternde Kittel und Holzpantoffeln und waren, nachdem sie ihre Schätze für fremde Hand und fremden Magen gesammelt hatte, durch den altersmüden Bienenzüchter, der sein Geschäft auflöste und sich auf seinen Eisenschrank zurück⸗ zog, in die vier Winde entlassen worden.

(Fortsetzung folgt.)

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