Ausgabe 
26.7.1903
 
Einzelbild herunterladen

1

.......

e

F

eee

f 5

Seite 4.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 30.

die Errichtung eines gemeinschaftlichen Arbeiter⸗ sekretariats, das den weitgehendsten Anforde⸗ rungen entsprechen soll. 8

Das Streikpostenstehen hat wieder einmal ein Gericht und zwar das sächsische Oberlandesgericht für strafbar erklärt, weil es möglicherweise eine Störung der öffentlichen Ordnung herbeiführen könne. Diese Entscheidung bedeutet wiederum einen Rechtsbruch, durch welchen den Arbeitern das Recht geschmälert wird. Unsere Genossen werden das Urteil im Reichstage in nähere Beleuchtung rücken.

Eine internationale Gewerk⸗ schafts-Konferenz fand am 7. Juli in Dublin(Irland) statt. Anwesend waren die Vertreter der einzelnen gewerkschaftlichen Landeszentralen aus Deutschland, Oesterreich, Frankreich, Italien, England, Dänemark, Nor⸗ wegen und Holland. Beschlossen wurde, daß dem internationalen Gewerkschafts⸗ Sekretariat, das in Deutschland seinen Sitz hat, alljährlich Berichte über die Fortschritte der Gewerkschaftsbewegung in den einzelnen Ländern zugesandt werden sollen. Diese Berichte sollen dann den Gewerkschaften aller Länder zur allgemeinen Kenntnis gebracht werden. Ferner wurden Vereinbarungen getroffen über Streikunterstützung in den Fällen, wo die ausländischen Gewerkschaften zur Unter⸗ stützung in Anspruch genommen werden. Als internationaler Sekretär wurde Legien ge⸗ wählt. Nach einem weiteren Beschlusse sollen die Konferenzen alle 2 Jahre stattfinden. Die Konferenz wurde in einem Sitzungssaale des Dubliner Rathauses abgehalten und die Delegierten hatten während ihres Aufenthaltes in Dublin freie Fahrt auf den städtischen Eisenbahnen.

Pon Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Der Feind im Hause! Uns wird geschrieben: Jetzt nach der Wahl betreibt die Geschäftspresse vom Schlage derunpar⸗ teiischen, General-Anzeiger von Frankfurt, Wetzlar ꝛc., nicht minder auch derGieß. Anz., die Jagd nach Abonnenten unter ben Arbeitern. Jetzt kommen wieder die Schmeichelartikelchen über Arbeiterangelegenheiten, welche die bei der Wahl gegen die Arbeiter und ihre politische Vertretung verübten Schmutzereien vergessen machen sollen. 5 Jahre sind lang; in dieser Zeit kann man hübsch die Arbeitergroschen gebrauchen; gibts wieder Wahl, so schimpft man für dieLiberalen gegen die Sozial⸗ demokratie; nach der Wahl hält man die Roten dann wieder für dumm genug, dem Gegner die Waffen zu schärfen.

Parteigenossen! Setzt das Reinemachen herzhaft fort, unterstützt nicht mit Eurem Gelde jene Zeitungen, die mit öffentlicher Meinung wie mit alten Hosen handeln. Brauchen wir denn wirklich diese volksvergiftendenunpar⸗ tetischen Geschäftshuber? Wem dieMittel⸗ deutsche Sonntags-Zeitung zu wenig Lesestoff bietet, der halte die Frankfurter Volksstimme, das Offenbacher Abend blatt, die Mainzer Volkszeitung oder den Vorwärts ꝛc. Hier findet Ihr gute, geistige Kost, hier werden Eure Interessen vertreten und gefördert, hier hört Ihr die Wahrheit nicht eingewickelt in geschäftliche Rücksichten, hier wird geschriebenwas ist und nicht vor jedem roten Hosenstreifen zusam⸗ mengeknickt. Nur ganz dumme Schafe beschaffen das Futter für die Schäferhunde, deshalb nochmals Parteigenossen: Werft die Generalanzeiger-Gesellschaft aus dem Hause!

Die Frete Turnerschaft Gießen hatte am Sonntag einen Ausflug nach Wieseck unternommen, wo sich in dem hübschen und geräumigen Garten desGambrinus bald eine große Anzahl von Mitgliedern und Freunden des Vereins eingefunden hatten, daß zu Zeiten kaum noch ein Plätzchen im Garten zu haben war. Der Ausflug war als Ersatz für ein

Fest gedacht, das die Turnerschaft abhalten wollte, wozu man aber keinen passenden Platz Recht beifällig wurden die

bekommen konnte.

von den Turnern vorgeführten Uebungen auf⸗ genommen; man muß auch die Leistungen an⸗ erkennen, wenn mau in Betracht zieht, daß der Verein erst kurze Zeit besteht. In einer kleinen Ansprache betonte Red. Vetters, daß es für den Arbeiter sehr angebracht sei, sich in Arbeiterturnvereinen zusammenzu⸗ schließen um die Turnerei zu pflegen, der von alters her bei allen Völkern Aufmerksamkeit geschenkt worden sei. Heute müsse der Arbeiter mehr als früher auf die Ausbildung seines Körpers bedacht sein, weil die heutige Arbeits⸗ weise den Körper nachteilig beeinflußt.

Früher pflegten die Turner und ihre Ver⸗ eine freiheitliche Gestnnungen, im Jahre 1848 und vorher kämpften sie gegen Unterdrückung und Tyrannei. Das trifft heute aber nur noch auf die Arbeiterturner zu; dienationalen, imDeutschen Turnerbund vereinigten da⸗ gegen schwimmen im Fahrwasser der arbeiter⸗ feindlichenOrdnungsleute. Aufgabe der Turner unter den Arbeitern müsse daher sein, sich den Arbeiterturnvereinen anzuschließen, die sich daun wieder dem Arbeiter⸗Turnverbande anschließen müßten. Zum Schluß brachte Redner ein Hoch auf das fernere Gedeihen der Freien Turnerschaft Gießen aus. Im Uebrigen verlief die Unterhaltung aufs Beste. Hinzu⸗ gefügt sei noch, daß das Kreisamt die merkwürdige Verfügung erlassen hatte, daß nur Mitglieder der Freien Turner⸗ schaft Zutritt haben sollten. Unsere Genossen im Landtage werden sich wohl gelegentlich er⸗ 5 was für Gründe hierfür vorgelegen

aben.

Hoffentlich war die Aufforderung zur Grün⸗ dung von Arbeiterturnvereinen bei den Wiesecker Turnern nicht vergeblich, deren Verein vom Deutschen Turnerbunde aus⸗ geschlossen wurde. Und warum? Weil er bei dem vorjährigen Feste des Wahl vereins mit im Zuge ging! Wäre das wohl passiert, wenn der Verein sich an einem national⸗ liberalen Festzuge beteiligt hätte? Daran kann man so recht das Wesen des angeblich unpolitischen Deutschen Turnerbundes er⸗ kennen, dessen jetziger 2. Vorsitzender, Dr. Götz in Leipzig früher höchstvaterlandslosen Tendenzen huldigte, denen er noch kurz vor 1870 in Gedichten Ausdruck gab. Nach dem 66er Kriege verfaßte er zum Beispiel ein Lied⸗ chen, das nach derLoreley-Melodie geht und in dem folgende Strophe vorkommt:

Der Krieg hat im Lande gewütet,

Manch' prächtige Frucht brach er ab,

Manch' Sohn, den die Mutter gehütet,

Sank früher als nötig in's Grab,

Macht's anders und werdet gescheidter Und gebt Euch zum Krieg nicht mehr her, Denn fehlen zum Krieg erst die Streiter,

So streiten die Fürsten nicht mehr!

Streikbrecher. Bekanntlich befinden sich die Schreiner in Kassel seit mehreren Wochen im Lohnkampfe. Die dortigen Unter⸗ nehmer suchen deshalb vielfach ihre Arbeit außerhalb herstellen zu lassen. Dem Vorstand der Zahlstelle Gießen des Holzarbeiter-Ver⸗ bandes war es bekannt geworden, daß in der Schreinerei von Müller, Schillerstraße, ein großer Posten Türen für Kassel in Arbeit be⸗ griffen ist und unterrichtete die dort arbeitenden Schreiner davon. Leider weigerte sich nur ein Teil derselben, die Arbeit fertig zu stellen, die übrigen hielten es traurigerweise nicht für ehrlos, ihren schwer kämpfenden Kollegen in Kassel in den Rücken zu fallen.

Arbeiter⸗Sängerfest in Dieburg. Der Vorstand des Arbeiter⸗Sängerbundes für den Rhein⸗ und Maingau versandte kürzlich sein zweites Rund⸗ schreiben, in welchem darauf hingewiesen wird, daß aus Anlaß der Reichstagswahlen das Fest, welches zum 21. Juni projektiert war, verschoben wurde und nun⸗ mehr am 8. 9. und 10. August d. J. in dem herrlich gelegenen großen Schloßgarten zu Dieburg stattfindet. Aus dem beigefügten Programm entnehmen wir, daß dieses Fest als großes Sänger⸗ und Volksfest geplant ist. Neben einem Konkurrenzsingen unter sämtlichen Bundesvereinen, zirka 80, welches Vormittags in ver⸗ schiedenen größeren Sälen sowie in der Festhalle statt⸗ findet, kommen Nachmittags Massenchöre in Gruppen von je 4600 Sängern zum Vortrag. Auch für sonstige Unterhaltung(Abends Feuerwerk und bengalische

Beleuchtung des Festplatzes) ist reichlich Sorge getragen. Der Bundes⸗Vorstand gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß sich sämtliche Acbeiterkorporationen des Bezirks (Partei, Gewerkschaft, Turn⸗ und Radfahrvereine) daran beteiligen. Für genügende Extrazüge wird Sorge ge⸗ tragen. Anfragen sind zu richten an den Vorsitzenden des Bundes, G. Fladung, Hausen bei Frankfurt a. M.

Aus dem Rreise gießen.

d. Ein Kriegerfest fand am Sonntag in Wieseck statt. In dem bei dieser Gelegenheit veranstalteten Festzuge sah man merkwürdigerweise verschiedene Leute mitmarschieren, die sich als Parteigenossen bezeichnen. Es ist möglich, daß diese sich ihren Bekannten ꝛc. zu Gefallen, an den Veranstaltungen des Kriegervereins beteiligten, vielleicht aus den gleichen Gründen Mitglieder desselben sind. Da muß notwendigerweise darauf hin⸗ gewiesen werden, daß nicht nur der Kriegervereins⸗ leitung unsere Genossen als Festgäste unwillkommen find, sondern daß auch bei den Wahlen von den angeblich unpolieischen Kriegervereinen eine Hetze ohnegleichen gegen die Arbeiterpartei betrieben wurde. Wenn nun auch alle Hetzerei und Gesinnungsschnüffelei in den meisten Fällen versagte, so muß sich doch jeder denkende Arbeiter darüber klar sein, daß er es bei den Krieger⸗ vereinen mit arbeiterfeindlichen Vereinigungen zu tun hat.

r. Opfer der Arbeit. Auf dem Güterbahnhof in Lollar ereignete sich am Mittwoch ein schwerer Unglücksfall. Mehrere Arbeiter der Main⸗Weser⸗ Hütte waren mit dem Aufladen eines ca. 12 Zentner schweren Heizkörpers beschäftigt, als der Transport- wagen plötzlich ins Rollen geriet. Das schwere Eisen⸗ stück stürzte auf drei Arbeiter, die fürchterlich ver⸗ letzt wurden. Dem einen davon, einem Familien vater, wurde der Brustkorb eingedrückt und der Kopf entsetzlich verstümmelt. Er wurde nach der Klinik gebracht, doch dürfte er kaum mit dem Leben davon kommen. Die Verletzungen der anderen beiden sind weniger schwer, doch so, daß auch sie als Invaliden zu betrachten sind. Das Verladen geschah nach Feierabend und da wird erfahrungsgemäß nicht mit der bei solchen Ar⸗ beiten nötigen Sorgfalt verfahren, weil die Leute gerne nach Hause wollen. Das Ueberstundenwesen ist auf der Main⸗Weser⸗Hütte, wie uns schon öfter mitgeteilt wurde, in der bedenklichsten Weise eingerissen. Sonntags wird gearbeitet in Werkstellen, wo es nicht unbedingt nötig wäre und während sonst für die Sonntagsarbeit ein Aufschlag bezahlt wurde, gibt's jetzt nur den ge⸗ wöhnlichen Stundenlohn. Wir kommen auf diese Zustände noch zurück.

Aus dem Rreise Friedherg⸗Püdingen.

* Friedberg. Der Voranschlag der Stadt Friedberg zeigt eine Gesamt⸗Einnahme von 435 6607 Mk., darunter Umlagen 176 500 Mark, aufzunehmende Kapitalien 114 240 Mk., Erträge aus dem Gas- und Wasserwerk 37600 Mark. Bei den Ausgaben betragen die Summen für Schulen 33075 Mk., Er⸗ bauung von Straßen, Brücken usw. 50 350 Mark, Ankauf von Grundstücken 35 500 Mk., Beiträge zur Kreiskasse 33700 Mark usw.

L Ueber nationalliberale Ge⸗ sinnungsriecherei und Unterdrückungswut schrieb man unserem Frankfurter Parteiblatte aus Büdes heim, wo der notleidende Agrarier Graf Oriola gebietet, dieser Tage Folgendes:

Trotzdem die Wahl nun schon einige Zeit vorüber ist, gährt es bei uns noch mächtig. Den Grafen mit seinem Anhang, vor allem einigen dicken Bauern, wurmt es noch immer, daß es 54 Wähler aus dem Orte wagten, für den Sozialdemokraten zu stimmen, wie das Gräflein in seiner Freibierrede sich ausdrückte. Wie es mit dem warmen Herzen für die Arbeiter aussieht, wo⸗ mit sich der Graf bei der Agitation so brüstete, können einzelne Arbeiter schon jetzt, kurz nach der Wahl, sehen. So der Milchfuhrmann des Pächters Draut, welcher die Volksstimme aus Frankfurt mitbrachte und dadurch einen kleinen Nebenverdienst hatte. Jetzt wurde ihm dieses durch den Grafen verboten. Wie unrecht der Graf dadurch handelt, weiß er ganz genau, denn er wußte von dem Botendienst schon vor der Wahl, verbot ihn aber erst nach der Wahl, weil er fürchtete, daß es sonst gegen ihn ausgenutzt werden würde. Auch die Bauern tun alles, um die Arbeiter ihreSünde büßen zu lassen. So beschlossen sie, daß in Zukunft kein Unkraut zum Füttern der Ziegen auf den Aeckern geholt werdern darf. Eigige, die sich ganz besonders hervortun wollten, verlangten sogar die Abschaffung der

Ortsbürgerrechte, welche den ärmeren Einwohnern zugute 1

kommen, u. A. das Lesen von dürrem Holz im Gemeinde⸗ wald, was jedoch nicht so leicht gehen dürfte. Dann sind noch einige Geschäftsleute, die nicht genug auf die Arbeiter schimpfen können, aber ruhig deren Geld ein⸗ stecken. Das Heitere dabei ist, daß diejenigen Arbeiter, die den Grafen gewählt haben, genau über denselben

.ñ+˖%ß⅛Ü['˖?s