Ausgabe 
26.7.1903
 
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Seite 2.

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Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung.

Nr. 30.

und rief unter tiefem Schweigen der Anwesenden dreimal laut den Namen des Papstes. Er öffnete sodann die Tür, trat, von dem ganzen Gefolge begleitet, an das Bett heran und klopfte mit einem silbernen Hämmerchen dreimal auf die Stirn des Toten, nachdem er ihn laut beim Namen gerufen hatte, während alle An⸗ wesenden niederknieten. Sodann verkündete der Kardinal den Versammelten, daß Papst Leo XIII. gestorben sei und verließ, von den Geistlichen begleitet, das Gemach.

Leo XIII. wurde 1810 geboren, hieß vor seiner Wahl Gioacchino Pecci(spr. Pektschi) und stammt aus altem Adelsgeschlecht. Im Jesuitenkolleg in Viterbo erzogen, erhielt er 1832 den theologischen Doktorgrad, wurde 1837 päpstlicher Hausprälat, 1843 Nuntius in Brüssel, 1846 Erzbischof von Perugia, 1853 Kardinal. Er folgte Pius IX. 1878 als Papst. 1893 beging Leo mit großem Pomp sein 50jähriges Bischofsjublläum, in diesem Jahre das in der Geschichte der Päpste seltene 25 jährige Papst⸗

jubiläum.

Politische Rundschau.

Gießen, 23. Juli. Gegnerisches Lob der Sozialdemokratie.

Wenn es die Gegner oder ihre Presse ein⸗ mal über sich gewinnen, die Tätigkeit unserer Partei anerkennend zu beurteilen, so schlagen wir das nicht allzu hoch an, wie wir uns auch wenig aus den viel zahlreicheren Schimpfereien machen, mit denen sie uns bedenken. Immerhin ist beachtenswert, wie die liberalenMünch. Neuest. Nachr. den Liberalen die Sozialdemo⸗ kraten als Muster vorführen:

Die größte Beachtung verdient aber die Energie, mit der die sozialdemokratischen Führer alle ihre An⸗ hänger zu disziplinieren und zu regelmäßigen Gel d⸗ beiträgen heranzuziehen wußten. Sozialdemokratische Versammlungen werden fortwährend veranstaltet, wissen⸗ schaftlich gebildete und redegewandte Agitatoren arbeiten nicht nur, um die Volksmassen, sondern auch die heran⸗ reifende Jugend für ihre Ideale zu begeistern, und es ist nicht zu leugnen, daß viele Sozialdemo⸗ kraten ihre Lehren glänzend verteidigen, und daß nicht nur Ungebildete vor ihnen die Segel streichen, sondern daß sie auch mit Gebildeten erfolgreich zu debattieren verstehen. Es muß zugegeben werden, daß durch den Eifer der sozial⸗ demokratischen Führer und ihrer Presse der politische Bildungsgrad der Arbeitermassen sich gehoben hat. Der Liberalismus kann von den Sozialdemokraten manches lernen; namentlich muß er sich an der Energie, der Opferwilligkeit und dem intensiven Vorwärtsstreben, dem Propagandamachen dieser Partei ein Beispiel nehmen, denn namentlich dadurch hat sie ihre Ausbreitung erlangt.

Solche Urteile über die Sozialdemokratie und ihren kulturfördernden Einfluß kann man ja jetzt nach den Wahlen von Gegnern ver⸗ schiedenster Schattierungen hören. Vor den Wahlen aber pflegten diese ehrenwerten liberalen Organe, ganz wie das übrige Reptiliengezücht der Kreis⸗ und Amtsblätter, unsere Partei und ihre Führer in der gemeinsten Weise anzupöbeln. Immerhin kann man sich für später obiges Zitat aus dem liberalen Blatte aufbewahren.

Reichstagsabgeordneter Richard Rösicke,

der Vertreter für Dessau, ist in Berlin plötz⸗ lich an einem Schlaganfall gestor ben. Rösicke war einer der wenigen bürgerlichen Politiker, welche für die Gleichberechtigung der Arbeiter eintreten. Er war ein guter Kenner der sozial⸗ politischen Gesetzgebung und sorgte, soviel er konnte, für deren Ausbau. Als großer Unter⸗ nehmer und reicher Mann war er gewissermaßen das Gegenteil des verstorbenen Stumm, wollte von Scharfmacherei nichts wissen, sondern wandte sich jederzeit mit Entschiedenheit gegen alle gegen die Arbeiter gerichteten reaktionären Maßnahmen und Ausnahmegesetze. Der Verstorbene erwies sich auch in rein menschlichen Dingen als ein vorurteilsfreier und edler Charakter. Er zählte zu den wenigen aus den bürgerlichen Kreisen, die unserem Liebknecht das letzte Geleite gaben. Die Sozialdemokratie wird deshalb das An⸗ denken dieses tüchtigen Mannes dauernd in Ehren halten.

Durch den Tod Rösickes wird im Wahlkreise Dessau⸗Zerbst eine Neuwahl erforderlich. Am 16. Juni d. J. erhielt Rösicke 11416 Stimmen, der nationalliberale Kandidat 5704 Stimmen, unser Parteigenosse Käppler 12 268 Stimmen. In der Stichwahl siegte Rösicke mit 16 211 gegen 12919 sozialdemokratische Stimmen.

Für die Kapitalisten Millionengewinne für die Arbeiter Entbehrung und Krankheit,

das ist das Ergebnis der heutigen Ordnung der Dinge. Das zeigt sich wieder bei der Wurmkrankheit der Bergleute, die nach dem BochumerVolksblatt einen immer hart⸗ näckigeren Charakter annimmt. Das einzige Mittel zur Abtreibung der Schmarotzer, die großen schwarzen Pillen, deren stärkster Teil von einem Farrnkraut gewonnen wird, versagt in vielen Fällen. Es gibt Kranke, die schon an vierzig solcher Pillen genommen haben, wovon manchmal einige genügen, um den Bandwurm abzutreiben, und doch werden sie ihre Würmer nicht los. Bergleute, die nach der ersten Kur für wurmfrei und arbeitsfähig erklärt wurden, mußten schon nach 14 Tagen als wurmbehaftet wieder das Krankenhaus aufsuchen; sie sind heute den Wurm noch nicht los. Die durch das Abtreibungsmittel künstlich hervorgerufene Diarrhoe bringt die Kranken furchtbar herunter und benimmt ihnen den Appetit zum Essen. Sie sind schließlich ge⸗ zwungen, die Kur auszusetzen, wenn sie sich nicht ganz zugrunde richten wollen. Was bleibt den Armen aber nun übrig? Solange sie wurmbehaftet sind, haben sie keine Aussicht, wieder in irgend ein Arbeitsverhältnis treten zu können. Der Krankenschein läuft in späte⸗ stens einem halben Jahre ab und dann müssen die Leute schließlich um Pensionierung nachsuchen. Wie sich die zum Teil noch im jugendlichen oder besten Mannesalter stehenden Leute mit ihrer kümmerlichen Pension durchschlagen, da⸗ nach fragt dann kein Mensch. Ein Teil solcher Erkrankten ist überhaupt nicht pensionsberechtigt. Und woher kommt diese scheußliche Krank- heit? Sie wurde durch ausländische, besonders russische Arbeiter eingeschleppt, welche das Unternehmertum herbeigezogen hat, um den einheimischen Arbeitern Konkurrenz zu schaffen und die Löhne zu drücken. Jetzt kann die Wurmseuche auch noch die übrige Bevölkerung ergreifen.

Der Bergarbeiterverband warnt die Arbeiter⸗ schaft im Ruhrkohlenrevier Arbeit zu nehmen, nachdem bekannt wurde, daß Zechenagenten unter Versprechung hoher Löhne sie dorthin zu locken suchen. Die Verhältnisse für die Berg⸗ leute haben sich in den letzten Jahren ver⸗ schlechtert.

Der Pommernbank⸗Prozeß

ist zu allgemeiner Ueberraschung vertagt worden, nachdem er fast ein Vierteljahr gedauert hat, und die Hauptangeklagten Romeick und Schultz sind aus der Haft entlassen worden. Der Strafantrag lautete gegen den Angeklagten Schultz auf 6Jahre Gefängnis, 6 Jahre Ehrverlust und 50 000 Mk. Geldstrafe, gegen Romeick auf 5 Jahre Gefängnis, 5 Jahre Ehrverlust und 30000 Mk. Geldstrafe. Die Akten wurden der Staatsanwaltschaft übergeben, damit diese über verschiedene Fragen Erhebungen anstelle. Mit andern Worten: Die Bank⸗ gauner haben den Schwindel so raffiniert an⸗ bk daß sich selbst das Gericht nicht zurecht⸗ ndet.

Geheime Wahl in Zentrumskreisen.

Wie auch in den Gegenden, wo das Zentrum, die Partei fürWahrheit, Freiheit und Recht das Heft in der Hand hat, Wahlbeeinflussung und Wahlkontrolle in ganz unverschämter Weise geübt wird, darüber plaudert das Pader⸗ borner Zentrumsblatt selbst höchst verdächtige Dinge aus. Es erzählt aus einem katholischen

Dorfe des Dortmunder Wahlkreises: In der hiesigen Gemeinde, wo in den ersten zwei Stunden fast sämtliche Polen an die Urne kamen, achtete man eigens darauf, wie

in dieser Zeit gewählt war. Die Kouverts, die nach der Reihenfolge der Wähler aufeinandergelegt waren, wurden nach Schluß der Wahl vom Wahlvorsteher zu⸗ sammen aus der Urne genommen und um⸗ gekehrt, so daß fast nur Polen⸗Kouverts nach oben kamen. Und was kam heraus? Bömel⸗ burg, Bömelburg, Bömelburg, Bömelburg und immer noch ein Bömelburg; der polnische Kandidat bekam nur knapp den fünften Teil der von den Polen abgegebenen Stimmen. Das Organfür Wahrheit und Recht sagt kein Wort dazu, daßman sich durch diese Manipulation höchst straffällig gemacht hat.

Die Zentrumsparade

soll vom 23. bis 27. August in Köln abge⸗ halten werden. Diese Veranstaltung, die offiziell alsGeneralversammlung der Katholiken Deutschlands bezeichnet wird, soll der Parteitag der Zentrumspartei sein, entspricht natürlich nicht dem, was wir unter Parteitag verstehen, sondern die Zentrumsführer halten einige schöne Reden und schicken dann ihre Schäfchen wieder nach Hause.

Der Majestätsbeleidigungsprozeß

gegen den Redakteur Peters von derDres⸗ dener Rundschau hat mit der Verurteilung des Angeklagten zu vier Monaten Gefäng⸗ nis geendet. Wir haben in der vorigen Nr. die Vorgeschichte dieses Prozesses dargelegt; er unterscheidet sich darin von der großen Zahl der Majestätsbeleidigungsprozesse, daß er auf Wunsch des Königs selbst, dessen Entscheidung der Angeklagte angerufen hatte, eingeleitet wurde. Die Anklage lautet auf Majestätsbeleidigung und Beleidigung der Prinzessin Mathilde, die Peters durch die Artikel:Wie man's treibt, so geht's undDas Märchen von der Prin⸗ zessin, die nicht beten konnte, begangen haben soll und wegen deren unbegreiflicherweise die Rundschau konfisziert wurde. Die Verhand⸗ lung fand trotz des Widerspruchs des Ver⸗ teidigers unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Wie bei dem vom König ausgesprochenen Wunsche vorauszusehen war, erfolgte die Ver⸗ urteilung zu der oben angegebenen Strafe.

Soldatenschinderei und kein Ende!

Am Morgen des 25. Februar d. J., während des Unterrichts, wurde der Musketier Wadle der 10. Kompagnie des Inf.⸗Regiments Nr. 70 in Saarbrücken durch den Serganten Opitz, der bereits 11 Jahre diente, schwer mißhandelt. Der Mann war Abends vorher nach Zapfen⸗ streich zur Kaserne gekommen; Sergeant Opitz befahl dem Rekruten sich 25 mal zur Erde zu legen, dann noch 100 mal; hierauf mußte er in Kniebeuge 10 Minuten lang stehen. Als er zu zittern anfing, versetzte ihm Opitz einen Fußtritt in die linke Brustseite, zog das Seiten⸗ gewehr und drohte den Mißhandelten zu erstechen, wenn er nicht weiter in der Kniebeuge verbleibe. Der Musketier fiel ohnmächtig zur Erde und wurde dann ins Lazarett gebracht, wo er sich erst wieder erholte. Wegen dieser dreiviertel Stunde dauernden Quälereien wurde der Sergeant O. zu 6 Monaten Gefängnis verur⸗ teilt. Gegen den Hauptmann der betr. Kompagnie wurde ein Ermittlungs⸗Verfahren eingeleitet, welches ergab, daß an dem betreffen⸗ den Morgen der Feldwebel Fleck mit der Oberaufsicht bei der Instruktionsstunde an Stelle eines Offiziers betraut war. Fleck hatte acht Stuben zu beaufsichtigen, will aber von der andauernden Mißhandlung des Wadle nichts wahrgenommen haben. Er war deshalb ange⸗ klagt, die ihm obliegende Beauffichtigung seiner Untergebenen in schuldhafter Weise verabsäumt zu haben. Das Kriegsgericht der 16. Division hatte den Angeklagten freigesprochen; gegen dieses Urteil erhob der Gerichtsherr Berufung. Das Oberkriegsgericht in Koblenz verwarf in seiner Sitzung vom 16. d. M. diese Berufung und erkannte gleichfalls auf Freisprechung. Wenn so die Vorgesetzten immer Frei⸗ sprechung erlangen, werden niemals die Schin⸗ dereien aufhören.

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