Ausgabe 
26.7.1903
 
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Nr. 30.

Gießen, den 26. Juli 1903.

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Mitteldeutsche

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Wer vernichtet den Mittel⸗ stand?

Das törichte Gerede, daß die Sozialdemo⸗ kratie den Mittelstand vernichten wolle, war im letzten Wahlkampfe wieder eines der Haupt⸗ argumente derliberalen und sonstigen Ord⸗ nungskandidaten und ihrer Redehelfer im Kampfe 91 unsere Partei. Fragt man allerdings ie Herren, was sie zur Hebung des Mittel⸗ standes und des Handwerks getan haben, so ist verlegenes Schweigen die Antwort oder es kommen die alten Ladenhüter der mittelstands⸗ retterischen Politik zum Vorschein. Wenn wir die Ursachen erklären und aufdecken, die zur Vernichtung des Mittelstands führen, so haben die Sozialdemokraten doch nicht diese Ursachen geschaffen. Hat doch kürzlich sogar der Handelsminister Möller in einer Rede in Osnabrück ebenfalls erklärt, daß die an die Industrie verloren gegangenen Gebiete nicht wieder vom Handwerk zurückerobert werden

könnten.

Der verstorbene Krupp und seine Hinter⸗ bliebenen sind gewiß keine Sozialdemokraten. Trotzdem ist gerade Krupp mit seinem Betriebe einer der eifrigsten Vernichter des Mittelstandes. In dem soeben erschienenen Jahresbericht der Handelskammer zu Essen werden wieder einige interessante Angaben über die geschäftliche Ent⸗ wicklung des Krupp'schen Riesenunternehmens gemacht. Wir geben daraus einige lehrreiche Zahlen wieder: ö i

Zu den Werken der Firma Fried. Krupp gehören zur Zeit: die Gußstahlfabrik in Essen mit einem Schießplatz in Meppen; das Kruppsche Stahlwerk in Annen i. W.; das Grusonwerk in Buckau bei Magdeburg; die Germaniawerft in Kiel; vier Hochofengaulagen bei Duisburg, Neuwied, Engers und Rheinhausen, eine Hütte bei Sayn mit Maschinenfabrik und Eisengießerei; drei Kohlenzechen, nämlich Zeche Hannover, Zeche Hannibal und Zeche Sälzer und Neuack; eine große Anzahl von Eisensteingruben in Deutschland, darunter 10 Tiefbauanlagen mit vollständiger maschineller Einrichtung; außerdem ist die Firma Fried. Krupp an Eisensteingruben bei Bilbao in Nord⸗Spanien beteiligt; eine Rhederei in Rotterdam mit Seedampfern.

Die hauptsächlichsten Erzeugnisse der Guß⸗ stahlfabrik in Essen sind Geschütze(bis 1. Jan. 1902 39876 Stück geliefert), Geschosse, Zünder und Zündungen, Gewehrläufe, Panzer in Form von gewalzten Blechen und Panzer für alle

eschützten Teile der Kriegsschiffe sowie für Fortiftkationszwecke, Eisenbahnmaterial, Schiffs⸗ baumaterial, Maschinenteile jeder Art, Stahl⸗ und Eisenbleche, Walzen, Werkzeugstahl, Hart⸗ stahl, Spezialstahle, Stahlknüppel und andres.

Auf der Gußstahlfabrik waren im Jahre 1901 in den etwa 60 Betrieben in Tätigkeit ca. 5300 Werkzeug- und Arbeitsmaschinen, 22 Walzenstraßen, 141 Dampfhämmer von 100 bis 50000 kg Fallgewicht, 53 hydraulische Pressen, darunter zwei Biegepressen zu 7000 t,*) 1 Schmiedepresse zu 5000 b und eine zu 2000 t Druckkraft, 323 stehende Dampfkessel, 513 Dampf⸗ maschiuen von 2 bis 2500 Ps mit zusammen 43848 PS, 369 Elektromotoren, 591 Krane

) 1 Tonne 20 Centner.

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von 400 bis 150000 kg Tragfähigkeit mit zu⸗

sammen 6 327 900 kg Tragfähigkeit.

Auf den Hüttenwerken wurden im Jahre 1902 im Durchschnitt täglich zusammen 1782 t Eisenerz aus eigenen Gruben verhüttet. Die Kohlenförderung aus den eigenen Zechen betrug im Jahre 1902 insgesamt 1643 576 t.

Der Gesamtverbrauch der Kruppschen Werke, soweit sie von der Gußstahlfabrik ver⸗ sorgt wurden, betrug 1902 an Kohlen 843 494k t, an Koks 369 201 t, an Brikett) 6630 t. Der jährliche Gesamtverbrauch an Wasser erreichte annähernd den Wasserverbrauch der Stadt Köln. Das Gaswerk der Gußstahlfabrik nimmt seiner Produktion nach die neunte Stelle unter den Gasanstalten des deutschen Reiches ein. Das Elektrizitätswerk leistete im Jahre 1902 7004939 Kilowattstunden, soviel wie eines in einer Großstadt.

Zur Vermittlung des Verkehrs auf der Gußstahlfabrik in Essen dienen unter anderem ein normalspuriges Eisenbahnnetz mit direktem Gleisanschluß an die Stationen der Staatsbahn Essen, Hauptbahnhof, Essen Nord und Berge⸗ borbeck(der Verkehr mit diesen drei Stationen geschieht zur Zeit durch täglich etwa 50 Züge) mit etwa 65 km Gleise, 16 Tenderlokomotiven und 14 Wagen; ferner ein schmalspuriges Eisenbahnnetz mit etwa 48 km Gleise, 27 Loko⸗ motiven und 1209 Wagen. Das Telegraphen⸗ netz der Gußstahlfabrik in Essen enthält 31 Stationen. Der telegraphische Verkehr zwischen dem kaiserlichen Telegraphenamt in Essen und der Fabrik belief sich im Jahre 1902 auf 22585 abgegebene und angekommene Depeschen.

Die gesamte Jahresleistung der Firma an Verstcherungs⸗ und Kassenbeiträgen und Mea betrug im Jahre 1901 3065 704

ark.

Nach der Aufnahme vom 1. April 1903 betrug die Gesamtzahl der auf den Krupp⸗ schen Werken beschäftigten Personen, einschließlich 4046 Beamten, 41013.

Wir meinen diese Zahlen sprechen ganze Bände. Die einzige selbständige Existenz Krupps ist durch die Abhängigkeit von über 40 000 anderer Menschen erkauft. Zahllose Mittel⸗ standsexistenzen könnten von dem existieren, was Krupp jetzt allein schafft.

Aber wäre es richtig, nunmehr die Zer⸗ schlagung derartiger Riesenbetriebe in zehn⸗ tausende von Zwergbetrieben zu verlangen? Derartigen Unsinn lehnt die Sozialdemokratie ab. Die moderne industrielle und technische Entwicklung war nur möglich auf dem Wege der ökonomischen Konzentration. Aber eben⸗ falls lehnt die Sozialdemokratie es ab, für wirtschaftliche Revolutionen, deren Wirkung sie erst ist, verantwortlich gemacht zu werden.

Nun ist die Firma Krupp in eine Aktien⸗ gesellschaft umgewandelt; ihre Jahresabschlüsse müssen also in Zukunft veröffentlicht werden und so der Oeffentlichkeit weiteren Einblick in das Unternehmen geben. Man wird also den nächsten Jahresbericht mit noch größerm In⸗ teresse entgegensehen dürfen.

Bei dieser Gelegenheit sei auf den Bericht der Offenbacher Handelskammer verwiesen, der es als eineGesundung der Verhältnisse bezeichnet, wenn kapitalkräftige Unternehmungen die kleineren ausschalten, also denMittelstand aufsaugen.

Trotzdem wird die Redensart von der Vernichtung des Mittelstandes durch die Sozialdemokratie weiterhin mit Vorliebe von nationalliberalen Mittelstandsrettern gegen uns 19 werden. Die Leute können nicht anders.

Papst Leo XIII.

ist am Montag Nachmittag endlich dem Tode anheimgefallen, nachdem die Zeitungen sich schon seit Wochen seine Auflösung als unmittelbar bevorstehend telegraphieren und schreiben ließen.

Nach hartnäckigem Kampfe mußte der 94⸗ jährige Mann dem Sensenmanne nachgeben.

Alle Zeitungen brachten zum Tode des Oberhauptes der katholischen Kirche lange Ab- handlungen, in welchem die 25 jährige Politik Leos besprochen wird, seine Erfolge und seine Mißerfolge aufgezählt werden.

Daß Leo XIII. ein bedeutender Mensch gewesen, kann nicht geleugnet werden. Eb enso erkennen wir, entschiedene Gegner der von ihm vertretenen Lebensanschauung, gerne an, daß er ein sittlich reiner, von der Wahrheit der Idee, die er verkörperte, völlig durch⸗ drungener Mann war. Er wurde zur Leitung der katholischen Kirche zu einer Zeit berufen, da diese sich in keiner günstigen Lage befand. In Frankreich war der Versuch der Restauration des katholischen Königsreichs gescheitert, in Deutschland tobte der Kulturkampf, die neue Weltanschauung des Sozialismus drang mehr und mehr auch in katholischen Gegenden vor. Es ist ihm gelungen, die Idee des Katholizismus nicht nur zu erhalten, nein auch zu stärken, dadurch, daß er, seine Zeit kennend, einen Tropfen demokratischen Oeles dieser Idee hin⸗ zufügte. Unser Zentralorgan sagt am Schlusse eines längeren Artikels:Leos XIII. Erfolge und Mißerfolge beruhen gleichermaßen darauf, daß er es verstand, sich mit den Mächtigen der Welt zu verstehen, sich mit den Unmäch⸗ tigen aber in immer tieferen Gegensatz zu setzen. Leos XIII. Enzykliken über die soziale Frage zeigen ihn stets als eifrigen Schutzhort der bestehenden Staats- und Gesell⸗ schaftsordnung, als Gegner der sozialen Fortentwicklung. Selbst gegen die belgi⸗ schen und französischen Bischöfe, welche im Namen des Christentums gegen den einseitigen Kapitalismus zu Felde zogen, richtete sich der Zorn dieses Stellvertreters Petri, dieses Ober⸗ hauptes der katholischen Christenheit. 5

Ein Personenwechsel auf dem Stuhle Petri ist den Völkern, die an der Hand der Wissen⸗ schaftsforschung nach Selbständigkeit und Geistes⸗ freiheit verlangen, eine Angelegenheit gerin gerer Bedeutung.

Gleich nach dem Tode des Papstes über⸗ nahm der Kardinalkämmerer Oreg lia die Leitung der Geschäfte. Er begab sich bald nach dem Tode, von Schweizer- und Nobel⸗ garden geleitet, mit dem Vizekämmerer der geistlichen apostolischen Kammer im veilchen⸗ blauen Trauerornat in die Sterbegemächer zur Feststellung des Todes des Papstes, die um 4 Uhr 30 Minuten erfolgte. Nach dem vor⸗ geschriebenen Zeremoniell trat der Kardinal an die verschlossene Pforte des Sterbezimmers

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