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Nr. 17.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

St. Maifeier. Unsere diesjährige Maifeier findet am Samstag, den 2. Mai, abends 9 Uhr im Jesberg'schen Lokale statt.(S. Ins.) Gen. Dr. R. Michels wird überdie Bedeutung des ersten Mai und die Reichs⸗ tagswahlen sprechen. Von einer größeren Festlichkeit, wie die Maifeier außerdem in früheren Jahren hier begangen wurde, ist in anbetracht der nahe bevorstehenden Reichstagswahl für diesesmal Abstand genommen worden. Ein recht zahlreicher Besuch der Maiversammlung wäre sehr wünschenswert.

Zur Reichstagswahl. Wie wir in voriger Nr. d. B. bereits ankündigten, haben die hiesigen Konservativen und Bündler ihre erste Versammlung zwecks Präsentation ihres gemeinsamen Kandidaten, Freiherrn Rabe von Pappenheim, am Samstag mittag im Saale des Schloßgartens abgehalt n. Dieser Tag und Stunde waren wahrscheinlich gewählt, weil die Herren recht gut wußten, daß zu einer solchen Zeit keine Arbeiter und Geschäftsleute u. dergl. anwesend sein konnten, andernfalls hätten sie auch wohl recht schlecht abgeschnitten. Von Gegnern waren nur einige Nationalsoztale anwesend, die den konservativbündlertschen Kandidaten, trotz Beschneidung der Redefreiheit auf 10 Minuten, gehörig zusetzten. Aehnlich war es in der am Sonntag in Kirchhain stattgefundenen Pappen⸗ heimer⸗Versammlung, in der sich derbunte Kandidat als frommer Christ und Antisemit anpries. Die Ver⸗ sammlung war übrigens von Kirchhain selbst nur schwach besucht, die Kirchhalner haben für die Konser⸗ vativen nicht viel übrig; dagegen waren die Bündler aus der Umgegend aufgeboten und spendeten den Aus⸗ führungen ihres Kandidaten regen Beifall. Das hiesige konservative Organ, dieOberhessg. Ztg. faselt natür⸗ lich seinen Lesern in einem langen Leitartikel vor, welch' großen Sieg ihre Sache in Kirchhafn erfochten habe. Wer's glaubt, wird selig. Bei der Wahl wird sich's schon zeigen, wie der Sieg in Kirchhain aussieht. Für wie dumm dieOberhess. Ztg. ihre Leser speziell die Beamten hält, geht daraus hervor, daß sie kürzlich schrieb, daß, während die Getreidepreise in der letzten Zeit sich ebenso wie ein Teil der Fleisch⸗ preise wenig verändert haben, trotz der Annahme des Zolltarifs die Preise der wichtigsten Lebensmittel zurück⸗ gingen oder mindestens auf ihrer Höhe blieben. Es sei dies ein Beweis, daß auch die Händler selbst nicht an die Verteuerung der Brot⸗ und Fleischpreise durch den Zolltarif glaubten, wie die liberalen Blätter ihren Lesern erzählten. Die Beamten dürften daraus die nötigen Schlußfolgerungen ziehen. Wir trauen den Beamten, wenigstens den Unterbeamten, soviel Verständ⸗ nis zu, daß sie die richtigen Schlußfolgerungen aus der(Unter-) Beamtenfreundlichkeit der Konservativen am Wahltage ziehen werden, denn diese haben für die Unterbeamten ebensowenig übrig(Frhr. v. Pappen⸗ heim erklärte sich in der hies. Versammlung gegen jede Aufbesserung der Gehälter der unteren Beamten), wie für uns Arbeiter.

Kriegervereins⸗Agitation. Am Festsamstag und am 3. Feiertage fanden im Exerzierhause die Frühjahrs⸗Kontrolversamm⸗ lungen statt, wobei es auch wieder nicht an eindrücklichen Ermahnungen der Vorgesetzten zum Beitritt zu den Kriegervereinen fehlte; ob aber diese Agitation wirkungsvoll ist, möchten wir stark bezweifeln. Die Anberaumung der Kontrolversammlungen auf den Festsamstag, wo die Geschäftsleute alle Hände voll zu tun hatten, hat übrigens auch unter der Bürgerschaft große Unzufriedenheit erregt.

Adlige Kindes mörderin.

Vor dem Schwurgericht in Hanau wurde am Mittwoch und Donnerstag gegen die Baronesse v. Seckendorf aus Rüsselsheim a. M. wegen Kindesmord verhandelt. Auf Antrag des Staatsanwaltes sprachen die Geschworenen die Baronesse frei.

Rücksicht gegen große Spitzbuben.

Der vom Leipziger Schwurgericht zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis verurteilte Bankdirektor a. D. Exner ist zur Verbüßung seiner Strafe in die Landesanstalt nach Zwickau überführt worden. Sein Transport muß bei jedem rechtliebenden Menschen Aufsehen erregen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie mitunter soziademokratische Redakteure, die nur wegen ihrer politischen Gesinnung das Gefängnis besuchen müssen, transportiert werden. So ist Exner von Leipzig nach Zwickau im Eisen⸗ bahnkoupee zweiter Klasse gefahren. In Zwickau angekommen, bestieg er eine Droschke und wurde in dieser nach der Landesanstalt überführt. Er hatte zahlreiches 1 f bei sich, woraus zu schließen ist, daß er sich seine Inhaftierung

so bequem wie möglich einrichten wird.

Die unglaublichsten Dinge bringt die Juristerei fertig, was wir schon des Oefteren an drastischen Beispielen nach⸗ gewiesen haben. Eine Musterleistung auf diesem Gebiete hat kürzlich das Schöffengericht in Köln verübt. Ein Montör hatte von einem Herrn per Post Mk. 20 zugesandt erhalten mit dem Auftrage, Tauben zu kaufen. Der Montör verbrauchte jedoch das Geld für sich und hatte sich deshalb wegen Unterschlag⸗ ung zu verantworten. Das Schöffengericht sprach den Angeklagten auf Antrag des Staats⸗ anwalts jedoch kostenlos frei, mit der Be⸗ gründung, der Angeklagte habe kein Geld des Geschädigten unterschlagen, sondern anderes Geld, das er von der Post erhalten habe. Es scheint den Juristen, die das vorstehende Urteil verbrochen haben, völlig entgangen zu sein, daß dasselbe dem gesunden Menschenver⸗ stand sowohl als auch allen Grundsätzen von Rechtlichkeit und Ehrlichkeit ins Gesicht schlägt.

Kleine Mitteilungen.

** Blutige Köpfe gab es am Samstag in Dorf⸗ Gül. Junge Burs chen gerieten in Streit und griffen sich mit Heugabeln und anderen landesüblichen Waffen an. Zwei der Kämpfer blieben schwer verletzt auf dem Platze liegen.

* Selbstmord eines Einjährig⸗Frei⸗ willigen. Im Walde bei Marburg wurde am Samstag ein Einjähriger des dortigen Jägerbataillons erhängt aufgefunden. Man nimmt an, daß körperliches Leiden ihn zu diesem Schritte getrieben hat.

eGebildete Antisemiten Vorigen Sommer unternahmen der Amtsrichter Mahr, Rechtsanwalt Geßner und die beiden ebenfalls denbesseren Ständen angehörigen Brüder Reitzel aus Dar mstadt eine Weintour nach Mainz. Auf dem Rückweg beleidigten sie den im gleichen Coupee befindlichen Handlungsreisenden Hirsch in der gröblichsten Weise. Dafür wurden ste vom Darmstädter Landgericht zu 150, 75 und 50 Mark Geldstrafe verurteilt. Dagegen hatten sie noch Kühnheit Revision einzulegen, die aber gerechterweise vom Reichsgericht verworfen wurde.

. Der Raubmörder Detroit, welcher kürzlich seine Tante, die Rentuerin Steiner in Sponsheim bei Bingen ermordete, ist vorige Woche in Frankfurt verhaftet und der Staatsanwaltschaft in Mainz ausge⸗ liefert worden. Entgegen früherer Mitteilung hat der Mörder doch eine große Summe Geldes geraubt und davon seit der Tat in Mainzer und Frankfurter Damen⸗ kneipen viel verschwendet. Ca. 1300 Mk. wurden noch bei ihm vorgefunden.

e Gefährlicher Bulle. Den Wärter des Gemeindebullen in Balduinstein a. d. Lahn ver⸗ letzte das Tier mit seinen Hörnen derart, daß er starb.

* Ein Träger des vornehmsten Rockes, der Oberleutnant Taesner vom 77. Infanterie⸗Regi⸗ ment in Celle, wurde vom Kriegsgericht in Hannover wegen Sittlichkeitsvergehens und wegen Fahnenflucht zu einem Jahre Zuchthaus, drei Jahren Ehrverlust und Entfernung aus dem Heere verurteilt. Taesner ist Familienvater.

* Eine Liebestragödie in der Kaserne hat sich beim 4. Garderegiment zu Fuß in Berlin abgespielt. Der Leutnant von Cranach hatte ein Liebesverhältnis mit einer 19 jährigen Putzmacherin, die eines Abends voriger Woche in die Kaserne, in die Wohnung des Leutnants kam. Plötzlich hörte man Hülferufe und gleich darauf mehrere Schüsse. Als man in das Zimmer eindrang, war der Offizier tot und das junge Mädchen schwer verwundet.

Partei-Nachrichten.

Handbuch für sozialdemokr. Wähler. Wie bei jeder Wahl, so hat auch bei der bevorstehenden der Partelvorstand ein Handbuch herausgegeben, in dem die Tätigkeit des Reichstags, die verschiedenen Gesetze und Vorlagen, die ihn in den letzten 5 Jahren beschäftigt haben und die Stellung der Parteien dazu gründlich und sachlich erörtert werden. Die ganze Gesetzgebung, die gesammte innere und äußere Reichspolitik wird in dem über 400 Seiten starken Buche, einer umfassenden und eingehenden Kritik unterzogen. Ebenso werden die Bestrebungen und die Tätigkeit der bürgerlichen Parteien dargelegt. Jeder Parteigenosse, jeder Wähler müßte das Buch besitzen. Leider wird es aber seines hohen Preises wegen keine Massenverbreitung finden. Im Buchhandel kostet es 4 Mark, durch die Parteiver⸗ trauensleute können es die Genossen zum Selbstkosten⸗ preis von 2 Mark erhalten. Gewiß ist das Buch voll⸗ kommen preiswert, dabei für die Agitatoren in diesem Umfange notwendig. Aber die übergroße Mehrheit der

Arbeiter kann sich eine derartige Ausgabe nicht leisten. Es wäre daher sehr wünschenswert und für die Wahl⸗ agitation ungemein vorteilhaft, wenn sich der Partei⸗ vorstand zur Herausgabe einer billigen Broschüre entschlleßen wollte, in welcher unsere Forderungen, die Tätigkeit unsere Genossen im Reichstage gemeinver⸗ ständlich und kurz gefaßt dargelegt, sowie die von den Gegnern gegen die Sozialdemokratie erhobenen Vor⸗ würfe zurückgewiesen würden. Eine solche Broschüre, wie sie ähnlich bei der 1893er Wahl vom Parteivor⸗ stande herausgegeben wurde, könnte uns im Wahlkampfe nur die besten Dienste leisten.

Neues Arbeiterlied. Eidschwur am 1. Mai für Männerchor mit Soloq uartett betitelt sich die im Verlag von J. Günther, Dresden, erschienene Komposition von C. H. Frey. Die Dichtung von Robert Seidel, unserm Schweizer⸗Genossen, bezweckt, die Bewegung für den Achtstundentag zu unterstützen. Dem entspricht die frisch⸗feurig gehaltene Komposition.

Die Differenzen, welche in Schlesien und Posen zwischen den deutschen und polnischen Sozialisten aus⸗ gebrochen waren, sind nunmehr endgültig beigelegt. So selbstverständlich und unerläßlich die Einigung jetzt vor den Wahlen war, so nehmen wir doch mit großer Befriedigung von der Nachricht Kenntnis und begrüßen sie mit Freuden.

Versammlungskalender.

Samstag, den 25. April.

Gießen. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Wieseck. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei B. Wacker. T.⸗O.: Flugblatt⸗ verbreitung.

Steinberg. 8 Uhr Versammlung bei Kaspar Linn. ordnung: 1. Besprechung wegen der 2. Flugblattverteilung.

Mittwoch, den 29. April.

Gießen. Freie Turnerschaft. Mitgliederver⸗

sammlung Abends 9 Uhr im Vereinslokal.

Bei der Flugblattverteilung bitten wir die Genossen allerorts, den Verbreitern möglichst behülflich zu sein und mit dafür zu sorgen, daß die Flugblätter in die Hand jedes Wählers kommen.

Den Verbreitern überall sei auch bei dieser Wahl an's Herz gelegt, ihre Auf⸗ gabe gründlich und gewissenhaft zu erfüllen. Kommt stets den Leuten freundlich und anständig entgegen! Beleidigt und beschimpft man euch, so bleibt ruhig und geht weiter, laßt euch aber dadurch nicht abhalten, eure Arbeit zu tun. Laßt euch nicht auf Dis⸗ putationen ein, ihr habt dazu keine Zeit, gebt auf Fragen kurz und höflich Antwort. Wahret die Ehre der Partei und geht rüstig an die Arbeit Genossen!

Zur Beachtung! Wegen der Maifeier gelangt die nächste Nummer derMitteld. Sonntags-Zeitung (Nr. 18) am Donnerstag, den 30. April zur Ausgabe.

Arbeiterbildungs verein. Abends Tages⸗ Maifeier.

iefkasten.

D. in L. Ihr Brief hat uns viel Freude gemacht und wir danken Ihnen. Nur immer unabläffig und mit zäher Ausdauer gearbeitet! Dadurch allein ist es möglich, bessere Zustände herbeizuführen. Ganz besonders muß jeder Freund unserer Sache es für seine vornehmste Aufgabe halten an der Verbreitung unserer Presse sowie der übrigen Parteischriften, so gut und so viel er eben kann, mitzuwirken. Das Schreiben ist doch nicht zur Veröffentlichung bestimmt?

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Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds!

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

1 Der Glaserverband hielt an Ostern in Leipzig seinen Verbandstag ab. Aus dem Geschäftsbericht des Vorstandes, der sich auf Jahre erstreckt, geht hervor, daß der Verband trotz wirtschaftlichen Krise und anderer