Ausgabe 
26.4.1903
 
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Veitteldentsche Sountags⸗Jeitung.

Seite 3.

Sl* 56 Abg orbnete ce, lussen, daß sie die Rechte der Juben ernsthaft schützt und verteidigt, daß sie sogar die Stellung ausländischer Juden vor das Forum des Reichstags zieht. Gewiß, politisch wird die Sozialdemokralie immer für die volle Gleichberechtigung der Juden ein⸗ treten. Aber eins ist nicht zu ver essen. Die Sozialdemokratie steht auf dem Boden des Klassenkampfes, sie vertritt rein pr o⸗ letarische Arbeiter⸗Interessen. Da⸗ durch steht sie in vollem Gegensatz zur Mehrheit der deutschen Juden, die vorwiegend Handels⸗, jedenfalls kapitalistische In⸗ teressen haben. Jedes Vordringen der Sozialdemokratie bedeutet daher einen Schritt zur Vernichtung jüdischer Existenzen, einen Schritt zur Proletaristerung der deutschen Juden. Politisch werden sie durch den Sieg der Sozialdemokratie vielleicht völlig gleich⸗ berechtigt, wirtschaftlich jedoch ruiniert werden.

Unsinn ist, das durch das Vordringen der Sozialdemokratie jüdische Existenzen vernichtet würden. Durch die Sozialdemokratie werden überhaupt keine Existenzen vernichtet. Daß aber alle Kapitalisten, jüdische und christliche im trauten Vereine gegen die Sozialdemokratie für den heiligen Profit zu Felde ziehen, ist eine bekannte und selbstverständliche Erscheinung. Man machte ja bei den letzten Wahlen durch⸗ gängig die Erfahrung, daß die Juden in Stich- wahlen zwischen Sozialdemokraten und Antise⸗ miten stets für letztere eintraten, die ebenfalls Verfechter kapitalistischer Jateressen sind, wäh⸗ rend die Sozialdemokratie jede Ausbeutung, christliche und jüdische, bekämpft. Den Antise⸗ miten, die fortgesetzt das alberne Märchen ver⸗ breiten, die Sozialdemokraten seien dierote Schutzgarde des jüdischen Kapitals, paßt es allerdings nicht, wenn in jenem jüdischen Blatte zugestanden wird, daß die Sozialdemokratie von jüdisch⸗kapitalistischer Seite als schärfster Gegner erachtet wird.

Im Kampfe gegen den Alkohol.

Vorige Woche tagte in Bremen ein inter⸗ nationaler Anti⸗Alkohol⸗Kongreß, auf dem sich eine große Anzahl Gelehrte, Mediziner, Beamte ꝛc. aus allen Ländern zusammengefunden hatten, um gegen den Schnapsteufel zu Felde zu ziehen. Zweifellos wurde manches gute Wort gegen den Mißbrauch des Alkohols und die daraus sich ergebenden allgemeinen, sittlichen und gesundheitlichen Schäden gesagt. Welche Rückständigkeit auf sozialem Gebiete aber noch vielen der guten Anti⸗Alkoholisten aus der be⸗ sitzenden Klasse eigen ist, bewies ein Zwischenfall bei der Rede des Wiener Sozialdemokraten Dr. Fröhlich, der ausführte:Es ist nicht zu bestreiten, daß der Alkoholismus vielfach die Ursache der sozialen Verelendung ist und auch oftmals zur Erhöhung des soztalen Elends beiträgt. Aber meistens sind die soziale Ver⸗ elendung, die schlechten Wohnungen, die schlechte Ernährung usw, die Ursache der Trunksucht. Wenn man daher den Alkoholismus an der Wurzel ausrotten will, dann ist es erforderlich, die soziale Verelendung zu beseitigen, deshalb ist es notwendig, die Arbeiter in ihren Be⸗ strebungen zu unterstützen, die den Zweck haben, ihre Lebenslage zu verbessern. Wir Antialko⸗ holisten müssen die Bestrebungen der Arbeiter unterstützen, die zum Zweck haben, sich gewerk⸗ schaftlich und politisch zu organisteren, um höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Bildung usw. zu erreichen. Nicht Wohl⸗ taten von oben können den Arbeitern helfen, wir müssen die Arbeiter unterstützen, damit ste in der Lage sind, sich aus eigener Kraft eine menschenwürdige Existenz zu schaffen.

Das sind sehr verständige Worte und man hätte erwarten sollen, daß sie bei den Alkohol⸗ gegnern volle Zustimmung finden würden. Statt dessen gab es Lärm und ein hochmögender Teilnehmer, ein Admiral Thomson, verließ den Saal mit den Worten:Wenn sie eine politische Versammlung abhalten wollen, dann erlauben Sie wohl, daß ich den Saal verlasse. Das hielt aber den Dr. Fröhlich nicht ab, weiter zu erklären:Wenn man erwägt,

daß in Wien in einer Schule von 40 Kindern

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27 niemals ein Bett gesehen haben, dann wird man doch zugeben 105 daß, wenn man den Alkoholismus ausrotten will, man in erster Reihe der Verelendung des Volkes steuern muß. Wir Hygieniker, die da wissen, was Reinlichkeit, gute Wohnung, gute Ernährung für die Volks⸗ Ein bedeutet, sind verpflichtet, für die

rfüllung der sozialen Forderungen der Arbeiter einzutreten. Es kam auf dem Kongreß be⸗ sonders in der Schlußsitzung noch zu stürmischen Szenen. DieGemäßigten undRadikalen, welch' letztere vollständige Enthaltsamkeit pre⸗ digen, gerieten hart aneinander. Ebenso in einer soz.⸗dem. Versammlung, wo die Alkohol- frage auf der Tagesordnung stand und Dr. Fröhlich ebenfalls das Wort ergriff und der deutschen Sozialdemokratie nachsagte, daß sie diese Frage unterschätze. Das stimmt nun doch nicht. Mehrere Parteitage haben sich da⸗ mit beschäftigt. Man ist darüber einig, daß die Partei, wie sie es stets getan, auch ferner⸗ hin den übermäßigen Alkoholgenuß bekämpfen muß, daß aber die Partei ihre Anhänger nicht zur Enthaltsamkeit verpflichten kann. Wollte sie es tun, würde sie Unmögliches, Undurch⸗ führbares fordern.

Zwei Urteile.

Unter der schweren Beschuldigung, einen 82 jährigen Greis mittels eines gefährlichen Werkzeugs und in einer das Leben gefähr⸗ denden Weise mißhandelt zu haben, stand der Amts⸗ und Gemeindediener Johann Brauner aus Friedrichsfelde vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts II in Berlin. Der Staatsanwalt hielt die Schuld des Ange⸗ klagten für erwiesen und für so schwer, daß er gegen ihn ein Jahr sechs Monate Gefängnis bei sofortiger Verhaftung und dauernde Aberkennung zur Bekleidung eines Amtes beantragte. Der Gerichtshof hielt nur eine einfache Mißhandlung für dargetan, die mit einer Geldstrafe von Mk. 50 zu ahnden set. Welch ein auffällig mildes Urteil für eine schwere Mißhandlung eines gebrechlichen Greises! Vor der vierten Strafkammer desselben Landgerichts hatten sich dagegen die Rohrleger Bruno Hansadowsky und Alfred Grunberg wegen Verrufserklärung und Beleidi⸗ gung zu verantworten. Die beiden Ange⸗ klagten waren vom Spandauer Schöffengericht zu je einem Monat Gefängnis verurteilt worden und hatten dagegen Berufung eingelegt. Sie sollen einen Arbeitswilligen bedroht und beleidigt haben. Die Strafkammer verwarf die Berufung! Ja, dem streikenden Arbeiter trifft immer die ganze Schwere des Gesetzes!

Soziales.

Arbeiterinnenschutz.

Durch die Unternehmerpresse(auch das Gießener Amtsblatt) lief eine Notiz, wonach sich fast ausnahmslos alle Unternehmer gegen eine Herabsetzung der Arbeitszeit für Frauen ausgesprochen haben. Der Waschzettel schließt, daß demnach anzunehmen sei, daß von der geplanten Verkürzung der Arbeitszeit abge⸗ sehen werde. Natürlich! wenn sich die Herren der Unternehmer dagegen aussprechen, wird es wohl so kommen! Die eigentlichen Interessenten, die Arbeiterinnen, haben keinen Einfluß, sie werden überhaupt nicht gefragt; sagen die Unternehmernein, dann wird die Regierung schon klein beigeben müssen. Das schlimmste ist, daß noch Millionen Arbeiter durch ihren Indifferentismus einer derartigen Behand⸗ lung ihrer Wünsche Vorschub leisten. Jeder wird behandelt wie er es sich gefallen läßt.

Eine sozialistische Demonstration

fand am Sonntag in Brüssel statt. Auf dem Friedhof Evere waren trotz des schlechten Wetters 2000 Arbeiter erschienen, um der Ein⸗ weihung der Denkmäler beizuwohnen, welcke die soztaldemokratische Partei den voriges Jahr im Straßenkampf für das allgemeine Stimmrecht gefallenen Arbeitern errichtete. Es waren auch aus anderen Orten Deputationen erschienen. Die Feier nahm einen in jeder Hinsicht würdigen Verlauf. Nach der Ent⸗

hüllung der einfachen Denkmäler begab sich die Menge an die Gräber der sozialistischen Vor⸗ kämpfer Volders und de Paepe. Am Grabe Volders hielt Vandervelde eine große Rede, in welcher er die Arbeiterschaft beschwor, über der Politik des Tages die großen sozialdemo⸗ kratischen Ideale, wie sie Volders gepredigt habe, nicht 5 vergessen; nur in unsern Schöpfungen hätten wir Unsterblichkeit. Er schloß mit den Worten:

(Auf zur Arbeit!)

Den russischen Heukern entronnen

ist der neulich in Neapel verhaftete russische Sozialdemokrat Hotz. Seine Auslieferung an Rußland wurde von den italienischen Gerichten abgelehnt und seine Freilassung verfügt. Aller⸗ dings wurde er ausgewiesen, konnte sich aber sein Reiseziel beliebig wählen und begab sich wieder nach der Schweiz. Früher wurde in den Zeitungen behauptet, Hotz sei Anarchist, das ist aber unrichtig, er ist Sozialdemokrat. Allerdings betrachtet die russische Regierung, und zwar mit gutem Grund, die Sozialdemo⸗ kraten als ihre gefährlichsten Gegner und ver⸗ folgt sie mit allen Mitteln, aber ohne die Weiterverbreitung der sozialistischen Ideen hindern zu können.

Von Nah und Lern.

Hessisches.

Die hessischen Staatssteuern. An direkten Staatssteuern ist für das Etatsjahr 1903/04 insgesamt der Betrag von 11665 613,25 Mark veranlagt worden. Davon entfallen auf die Steuerkommissariatsbezirke in Oberhessen:

Allons travailler!

Steuer⸗ Vermögens⸗ Einkommen⸗ Kommissariate steuer steuer Alsfeld 50 482.50 91 574.50 Büdingen 59 956.50 93 978.50 Butzbach 54201. 88 218. Friedberg 169 218.25 378 766. Gießen 138 930.75 433 398. Grünberg 44 013. 64651. Hungen 76 188. 84 100. Lauterbach 60 906. 94 514. Nidda 56 720.25 98183 Schotten 23 687.15 25 499 50

Der Betrag, den die einzelnen Steuerpflichtigen zu entrichten haben, wird ihnen durch die Steuerzettel mitgeteilt. Die Bezirkskassen und Untererhebestellen sind außerdem verbunden, jedem Steuerpflichtigen die Einsicht des ihn betreffenden Heberegisterpostens auf sein Nach⸗ suchen unentgeltlich zu gestatten und die nötigen Erläuterungen zu geben.

Zum Wohnungsgesetz, das vor einiger Zeit in Hessen in Kraft getreten ist, sind kürz⸗ lich die Ausführungsbestimmungen bekannt ge⸗ geben worden. Dem durch das Gesetz einge führten Landes⸗Wohnungsinspektor werden folgende Aufgaben zugewiesen:

1) Die Errichtung gesunder und billiger Wohnungen für Minderbemittelte in Stadt und Land, namentlich bei Arbeitgebern und Arbeit⸗ nehmern, bei Gemeinden und kommunalen Ver- bänden anzuregen und diese sowohl, wie gemein⸗ nützige Vereinigungen und sonstige Interessenten in allen auf Verbesserung der Wohnungsver⸗

hältnisse der Minderbemittelten gerichteten Be⸗

strebungen mit Rat und Tat zu unterstützen; 2) die Gründung gemeinnütziger Baugenossen⸗ schaften oder sonstiger Vereinigungen zum Zwecke gemeinnütziger Bautätigkeit anzuregen und zu fördern; 3) die auf Grund des Wohnungs⸗ fürsorgegesetzes eingehenden Gesuche um Dar⸗ lehen aus der Landeskreditkasse zu begutachten; 4 bei der Ueberwachung der Verwendung dieser Darlehen und der Erfüllung der hierüber be stehenden gesetzlichen und vertragsmäßigen Vor⸗ schriften mitzuwirken; 5) in dem Zwangsver⸗ fahren gegen Gemeinden als Sachberständiger Gutachten abzugeben, und 6) statistische Nach⸗ weise auf allen Gebieten des Wohnungswesens zu beschaffen und über die sich ergebenden Fragen, sowie über seine eigene Tätigkeit all⸗ jährlich einen Jahresbericht zu erstatten.. Der Landeswohnungsinspektor soll die ört⸗ liche Wohnungsinspektion unterstützen und ausgestalten helfen. Zu Wohnungsinspektoren