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Mtteldentsche Sonntags⸗Zeituno.
Im Wahlkreise Dillenburg⸗ Herborn (5. nass.) stellt der Bund der Landwirte eben⸗ falls einen Kandidaten auf und zwar den Guts⸗ besitzer v. Levetzow, den sie aus der Gegend von Lübeck hergeholt haben. Unser Kandidat in diesem Kreise ist August Bebel.
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Aus dem Wahlkreis Limburg⸗Diez kommt die Mitteilung, daß der Bündlerkandidat Hatzmann verzichten werde. Die Bündler wollen mit den Nationalliberalen, die den Reut⸗ meister Buchsieb aufgestellt haben, zusammen gehen, während sie sich im Nachbarkreise Wetzlar wütend bekämpfen.
Im Offenbacher Kreise haben die Zent⸗ rumsleute den Stadtrechner Uebel in Dieburg als ihren Kandidaten proklamiert. Bei dem Gedanken, daß man ihm zumutet, unsern Ge⸗ nossen Ulrich den Wahlkreis zu entreißen, dürfte
es Herrn Uebel— übel werden. *
In Mainz hat das Zentrum einen Dr. König, Oberpostrat in Berlin, aufgestellt. Die Mainzer Zentrümler erkoren diesen Mann deshalb als Kandidaten, weil er der Schwieger⸗ sohn einer Mainzer Dame ist. Das ist ja immerhin schon etwas; ob es aber den Mainzern genügt, um ihm das Reichstagsmandat zu übertragen, ist sehr zweifelhaft.— Als Anti⸗ semit kandidiert im Mainzer Kreise der hess. Landtagsabgeordnete Wolf von Stadecken. Für ihm wird in dem Kreise wenig zu holen sein, bei der letzten Wahl wurden nur 202 antisemitische Stimmen abgegeben. Uebrigens erklärt Wolf in den Blättern, daß er nicht Antisemit, sondern„parteilos“ sei. Merkwürdig, bisher segelte Herr Wolf doch stets unter antisemitischer Flagge; was mag ihn veranlassen auf einmal parteilos erscheinen zu wollen? Schämt er sich etwa des Antisemitismus?
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Im Leipziger Landkreise, eine der sozial⸗ demokratischen Hochburgen, hatten die„Ord— nungs“ parteien ein Kartell zu Stande gebracht. Es ging aber wieder auseinander, die Antise⸗ miten beschlossen, einen Sonderkandidaten auf⸗ zustellen, jedenfalls Herrn Zimmermann. Für den Ausgang der Wahl ist das absolut gleich⸗ ültig. Dieser Kreis gehört der Sozialdemo⸗ ratie, mögen nun zehn oder sonstwieviel gegne⸗ rische Kandidaten aufgestellt werden.
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Wie die„geistigen Waffen“ aus⸗ schauen, die das Zentrum im Wahlkampfe führt, zeigt ein Bericht unseres Bielefelder Parteiorgans aus Münster. Kaum sind wir in die Wahlagitation eingetreten, heißt es dort, so ist auch schon über einen Fall schäbigster Kampfesweise unserer Gegner zu melden. Unserem Reichstagskandidaten Gen. Groene— wald wurde die seit 6 Jahren innegehabte Wohnung gekündigt. Daß es sich um einen ganz gewöhnlichen schäbigen Racheakt unserer Gegner handelt, geht daraus hervor, daß der Hauswirt bei der Kündigung die An⸗ gabe von Gründen verweigerte, und die Kündi⸗ gung ganz unnötiger Weise um fast 3 Monate zu früh anbrachte. Wenn unsere Gegner . dadurch unseren Genossen aus Münster erauszubeißen, so irren sie ganz gewaltig, sie könnten höchstens das grade Gegenteil erreichen. — Und mit solchen Nadelstichen glaubt man der Sozialdemokratie Abbruch zu tun!— Das ist aber noch nichts gegen den„geistigen Kampf“, wie er in Sach sen geführt wird. Im elften sächsischen Reichstagswahlkreise sind binnen Kurzem dreizehn Versammlungen ver⸗ boten worden. Da im Kreise wenig Lokale zur Verfügung stehen— nach der„Volksztg. für das Muldental“ erklären die meisten Wirte offen, sie würden die Amtshauptmannschaften und Gensdarmen nicht los, wenn sie das„Risiko“ wagten— so sind die Genossen gezwungen, ihre Versammlungen im Freien abzuhalten. Dagegen haben aber die Behörden alle möglichen und unmöglichen Bedenken geltend zu machen. Aber grade diese vielen Versammlungsverbote wirken außerordentlich aufreizend und agitieren für die davon betroffene Partei.
Politische Rundschan.
Gießen, den 23. April.
Die Auslegung der Wählerlisten hat nach einem Erlasse des Ministers des Innern vom 18. bis 25. Mai zu erfolgen. Durch dieselbe Bekanntmachung werden die Wahlkommissare angewiesen, die Termine für die Stichwahlen auf den 25. Juni anzuberaumen.
Der Reichstag
ist am Dienstag wieder zusammengetreten zu seiner letzten, voraussichtlich nur kurzen Tagung. Er erledigte die Verordnung betr. Sicherung des Wahlgeheimnisses, welche in das d zum Reichstagswahl⸗ esetze eingefügt wird. Für diese Bestimmungen, ie den Zweck haben, eine ungehörige Beein⸗ flussung der Wähler möglichst zu verhindern, traten natürlich unsere Parteigenossen ein, ob⸗ gleich die Vorlage noch manche Mängel aufweist. Auch die bürgerliche Linke mit samt dem Zen⸗ trum war dafür, so daß die Aenderung in einer einzigen Beratung erledigt und angenommen wurde. Natürlich, gegen die Stimmen der Konservativen, denen eine Sicherung des Wahlgeheimnisses nicht paßt, sondern die ihre gewohnten Praktiken, die von ihnen abhängigen Wähler wie die Hämmel zur Urne zu schleppen und zu zwingen den konservativen Stimmzettel abzugeben, weiter betätigen möchten.— Es gelangte noch eine Resolution des Welfen Hodenberg zur Annahme, die ganz berechtigt ist und für die ebenfalls unsere Genossen ein⸗ traten. Sie lautet:„Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, bei Ausführung der Bekanntmachung wegen Aenderung des Wahlreglements Anord⸗ nung zutreffen, wonach die Wahlgefäße so herzustellen sind, daß die Umschläge durch einen offenen Spalt im Deckel in dieselben zu stecken sind, der Deckel selbst jedoch bis zum Ende der Wahlhandlung geschlossen gehalten wird.“ — Mittwoch kam der Gesetzentwurf betr. Phosphorzündwaren zur zweiten Bera⸗ tung. Nach der Vorlage darf gelber und weißer Phosphor zur Herstellung von Zündwaren nicht mehr verwendet, auch dürfen solche Zündwaren weder feilgehalten noch ein⸗ geführt werden. Das Gesetz soll aber erst im Jahre 1907 in Kraft treten, weshalb unsere Genossen beantragten, es bereits Anfang 1904 einzuführen. Die großen„Sozialpolttiker“ des Zentrums machten dem Gesetz, das tausende Arbeiter vor schwerer gesundheitlicher Schädi⸗ gung schützen soll, Schwierigkeiten, doch wurden die drei Paragraphen des Gesetzes ange— nommen.
Noch mehr Soldaten.
Ein ganz neues Armeekorps soll, wie ein Mann verkündet hat, der es wissen kann, in der kommenden Militärvorlage vom neuen Reichstag gefordert werden. Der national⸗ liberale Abgeordnete Sieg hat die Sache an die Oeffentlichkeit gebracht in einer Wahlver⸗ sammlung zu Straßburg i. Westpr. Er berief sich auf besondere Informationen und teilte außerdem noch mit, daß das Generalkommando des neuen Armeekorps seinen Sitz in Allen⸗ stein haben solle.
Die Nachricht klingt durchaus nicht un⸗ glaublich. Eine neue Vorlage zur Vermehrung des Heeres kommt nach Ablauf des jetzt geltenden Quinquennats(der Festsetzung für fünf Jahre) so sicher wie das Amen in der Kirche. Aller⸗ dings, daß die Forderung so groß sein würde, hat wohl niemand gedacht. Ein neues Armee⸗ korps, das bedeutet eine Erhöhung der Heeres⸗ präsenz um etwa 30000 Mann und an 9000 Pferde. Dazu kommen gewaltige Ausgaben für Artillerie, Trainkolonnen, Intendantur usw. Das sind Millionenausgaben. Und dazu, wie schon im Leitartikel bemerkt, die neue Kavallerie⸗ vorlage, die auch schon angekündigt ist. Und die Forderung für die Auslandsflotte. Eine schöne Liste! Ein prächtiges Programm!
Aus dem Reiche des Militarismus.
Begreiflicher Weise hat der feige Soldaten⸗ mord des 19 jährigen Fähnrichs Hüssener
in Essen wie auch anderwärts ungeheuere Er⸗ regung hervorgerufen. In Essen tagten am Mittwoch nach den Feiertagen zwei riesig be⸗ suchte, von der sozialdemokratischen Partei ein⸗ berufene Versammlungen, wo die Entrüstung der Massen über den unerhörten Fall in einer Resolution zum Ausdruck gebracht wurde, welche diese und ähnliche Taten als die Folgen des im Militarismus herrschenden Geistes der Anmaßung bezeichnet wird. Deshalb müsse der Militarismus bekämpft werden und diesen Kampf führe allein die Sozialdemokratie nach⸗ drücklich.— Ueber den Mörder macht die katholische„Volkszeitung“ Mitteilungen, nach welchen Hüssener ein Günstling Krupps war. Der Bursche hat seiner Zeit das Real⸗ gymnasium wegen leichtfertiger Streiche verlassen müssen.„Der Vater wandte sich an Excellenz Krupp, und Krupp erreichte beim Kaiser, daß der junge Hüssener, ohne das Eintrittsexamen abgelegt zu haben, in die Marineakademie auf⸗ genommen wurde. Wohl um den Mangel an Kenntnissen zu verdecken, trug Hüssener, wenn er auf Urlaub zu Hause weilte, ein Benehmen zur Schau, dessen Arroganz jeder Beschreibung spottet. Zur Kennzeichnung des Hüssener, der seine meuchlerische Tat als eine Tat„harter, harter Soldatenpflicht“ hinzustellen sich nicht entblödet, dienen folgende Beispiele, die wahllos der Unsumme ähnlicher Tatsachen entnommen sind, die uns von zuverlässiger Seite berichtet wurden. An einem der Weihnachtstage vorigen Jahres schrie der schneidige Fähnrich auf der Kettwigerstraße nahe der Einmündung der Surmannsgasse einen Gemeinen, der auf der anderen Straßenseite ging, trotz dem regen Verkehr an, ließ ihn vor sich treten und titulierte ihn wegen unvorschriftsmäßigen Grüßens als Schweinehund, Lump usw.— so laut, daß die Expektorationen nahebei vernehmlich waren.“— Das Blatt teilt noch weitere solcher Fälle mit, welche den Größenwahnstnn dieses Menschen bekunden.
Eine andere Brüsewitzerei wird aus Köln berichtet. In diesem Falle kam der Brüsewitz nicht so gut weg. Im Monopolhotel in Köln hatte ein Offizier in Zivil einen das Lokal verlassenden Einjährigen wegen dane des Grüßens, oder weil er die Mütze auf dem Kopf behalten hatte, mit an⸗ geblich beleidigenden Worten angerempelt, was zur Folge hatte, daß der Offizier von anderer Seite zur Rede gestellt wurde. Mehrere Gäste des Hotels fielen über den Offizier her und brachten diesem schwere Verletzungen bei, worauf ein anderer Einjähriger zum Schutze des Offiziers mit blanker Waffe auf die Zivilisten eindrang und einzelne Personen dabei verwundete. Der Offizier wurde einstweilen vom Dienste suspendiert, während gegen vier Zivilisten die Untersuchung wegen Ueberfalls schwebt.
Wegen Soldatenmißhandlung war der Unterofftzier des in Düsseldorf garnisonie⸗ renden Infanterie-Regts. Nr. 39, Sellien, zu vier Monaten Gefängnis und De⸗ gradatton verurteilt worden, weil er in einer großen Anzahl von Fällen seine Untergebenen mit der Fanst und der blanken Waffe in brutaler Weise mißhandelt, beschimpft und auf Wache in unerhörter Weise dran g⸗ saliert hatte. Gegen dieses Erkenntnis war seitens des Verurteilten Berufung eingelegt worden, die vor dem Oberkriegsgerichte unter Zuziehung von 54 Zeugen verhandelt wurde. Die zweite Instanz erkannte auf dieselbe Ge⸗ fängnisstrafe, sah indes,„angesichts der bis⸗ herigen guten Führung“, von einer Degra⸗ dation des Verurteilten ab.— Nach seiner Freilassung spielt er also wieder den Stell⸗ vertreter Gottes“ und es ist mehr als fraglich, ob er sich dann seine Leutequälerei abgewöhnt hat.
Judentum gegen die Sozialdemokratie.
Im„Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums“ schreibt ein Herr Felix Pinkus:
Zum vollen Ausbruch kommt der Gegensatz zwischen Wirtschaft und Politik bei den
Juden in ihrer Stellung zur Sozialdemokratie.
Man muß es dieser Partei, die 1898 2107 706.


