Ausgabe 
25.10.1903
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

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Nr. 43*

5 5 Unterhaltungs-Ceil. 7

weberlied.

Seht auf dem Felde die Lilien an:

Die arbeiten nicht

Und sie spinnen nicht Doch scheint ja die liebe Sonne sie an, Doch tragen sie Kleider, schön gemacht, Noch schöner als Salomo in seiner Pracht.

Seht auf den Bäumen die Vöglein an: Sie arbeiten nicht Und sie spinnen nicht Die singen nur froh zu dem Himmel hinan Und werden ja alle, all' ernährt Und nimmer wird ihnen das Leben erschwert!

Am Webstuhl aber da stehen wir,

Wir arbeiten früh

Und wir spinnen spät: Doch tragen wir Lumpen, doch hungern wir Doch finden wir nimmer des Lebens Freud'

8 Und schleppen mit uns ein nie endendes Leid!

Luise Otto in derGleichheit.

Der Sieg des Schwachen.

Erzählung von Melchior Meyr.

315(Fortsetzung.)

Der Alte sah ihn befremdet an, und Tobias, dem die Liebe den Mut zu einer Art von Widerspruch gab, fuhr fort:Ich muß dir sagen, Vater, die Sibylle ich weiß nicht aber sie gefällt mir nicht.

Das sind Redensarten, entgegnete der Alte, indem er die Stirn runzelte. Und ganz ernsthaft setzte er hinzu:Was fehlt dem Mädchen?

Nun, sagte Tobias mit halbem Lächeln, zum Lieben ist sie doch wahrhaftig nicht ge⸗ macht. Und wenn man eine heiratet und man sie haben muß sein ganzes Leben lang, da sollte man sie doch auch gern haben, sollt' ich meinen. Die Eh' ist am End' eine heilig Sach', und 9 8 hernach doch nicht so mir nichts dir nichts.

Das Befremden des Alten war bei diesen Worten in einem Grade gestiegen, daß er den Sohn braunern Gesichts mit großen Augen ansah und ihn unterbrechend rief:Was sind das für Einfäll'? Steckt dir von deinem Doten noch was im Kopfe? Die Sibylle ist brav, ist geschickt und fleißig bei der Arbeit, und ich hab' in meinem Leben gar manche gesehen, die lang nicht so schön gewesen ist und doch einen Mann gekriegt und gut mit ihm gehaust hat. Willst du etwa gar heikel sein und den Vornehmen spielen und aus dummem Stolze dein Glück verpassen? Oder hast du viel⸗ leicht eine andere?

Tobtas errötete bei dieser Frage, rief aber schnell mit so tiefer Empfindung:Ach, wie sollt' ich zu einer anderen kommen! daß der Vater bei der geringen Meinung, die er über⸗ haupt von seinen Fähigkeiten hatte, die Röte falsch deutete und spöttisch erwiderte:

Ja, das möcht ich auch wissen! Ernsthaft setzte er hinzu:Also laß diese Späß' jetzt mach' vorwärts! Du weißt, lang Streiten ist meine Sach' nicht. Ich hoff', ich hör' die Woch noch, daß du im Reinen bist!

Aber so schnell, Vater.

' ist schon ausg'red't jetzt, versetzte der Alte und kehrte ihm den Rücken zu.

Die Sache stand schlimm für Tobias. Der Vater hatte einen festen Beschluß gefaßt und ihm, obwohl er jetzt noch gar nichts wußte, schon eine Miene gezeigt, die ihn erschreckte; was war erst von ihm zu erwarten, wenn er die Wahrheit erfuhr? Das mußte jeder ein⸗ sehen: diese ihm jetzt zu sagen, war unmöglich! Ebenso unn öglich war es aber, seinen Willen zu tun und die Sibylle zu heiraten. Und was konnte sonst geschehen?

Nach einer Ueberlegung erhielt das erbangte! Gesicht des Guten einen getrösteren Ausdruck. Es war ihm ein schon früher erwogenes Mittel eingefallen. Ging's nicht mit der Wahrheit, so ging's mit dem Schein. Konnte er dem Alten nicht wirklich folgen, so konnt' er sich doch anstellen, als ob und das beschloß er. Er wollt' es klug machen und in Bezug auf den Fortgang der Bewerbung Hindernisse er⸗ finden, die ihn eben nicht zum Zwecke gelangen ließen; so hoffte er wenigstens für die nächsten Tage Frieden und zum Ausdenken von Rettungs⸗ gedanken Zeit zu gewinnen.

Obwohl er den Webersleuten rechtzeitig kondoltert hatte, sprach er jetzt doch wieder bei ihnen ein und drückte mit ernstem Gesicht und würdiger Haltung wieder sein Bedauern aus über das Unglück, daß sie betroffen, indem er die gewöhnlichen Trostgründe anfügte, die man auf dem Lande zu wiederholen nicht müde wird. Der alte Weber dankte und Sibylle sah ihn mit Augen an, als ob sie nun wenigstens eine Anspielung erwartete, die zu dem Heiratsantrag hinüberführte. Tobias behielt aber eine Miene, deren Ernst zu sagen schien, daß man jetzt an nichts anderes denken könne als an den Trauer⸗ fall; und Sibylle, die stcherer geworden war, fand sich auch nicht bewogen, ihm entgegenzu⸗ kommen. Man sprach nur einiges vom Wetter, das einige Tage trocken gewesen war, kam darin überein, daß jetzta kloes Regale(ein kleiner Regen) nicht schaden könnte, und Tobias ver⸗ abschiedete sich.

Heimgekehrt und vom Vater befragt, erzählte er, wo er gewesen, fügte jedoch hinzu, die Leute wären noch so traurig, daß es ihm jetzt nicht möglich gewesen sei, ihnen mit einem Heirats⸗ antrag zu kommen. Er habe indessen gesehen, wie es stände, und die Sache habe wirklich keine Eile. Bei der Sibylle werde ihm keiner den Weg verlegen, das wisse er nun genau.

Der Alte war beruhigt und prägte ihm nur noch ein, die nächste passende Gelegenheit ja nicht zu versäumen.

Tobias lächelte schlau für sich hin. Er fühlte zum erstenmal den Reiz, den es hat, einen Despoten, der auf seine Herrschaft los⸗ sündigt, durch List zu bekämpfen und ihn tüchtig anzuführen.

Was einmal gegangen war, konnte öfter gehen. Auch sollte ihm dann etwas Neues ein⸗ fallen, womit der Alte wieder zufrieden war; unterdessen wurde die Sibylle, die ihm schon diesmal nicht mehr so eifrig geschienen hatte, ungeduldig, es kam ein anderer an sie und nahm ste ihm weg, er hatte von dieser Seite minde⸗ stens Ruhe und konnte daran denken, die Heirat mit der Bäbe ebenso fein durchzusetzen.

In dem süßen Bewußtsein, für seine Liebe etwas getan zu haben, wollte er sich nun auch durch ihr Anschauen belohnen. Er wußte, daß die Bäbe in der Dämmrung Milch holen mußte, und fand sich rechtzeitig in dem Gäßchen ein, durch das der Weg zur Verkäuferin führte. Und richtig, sie kam daher mit dem leeren Ge⸗ fäß, und schon von weitem, als ste ihn erkannte, blinkten ihm ihre holden Augen entgegen! Nach⸗ dem sie sich vorsichtig nur wie Bekannte, nicht wie Liebende, gegrüßt, blieb Tobias doch um so mutiger bet ihr stehn, als ihm der von Gartenhecken eingeschlossenen Gasse niemand gewahrte. Und nun sahen sie sich wenigstens an wie Liebende, und Seligkeit füllte das Herz des Schneiders. Was war das, mit der Sibylle verglichen, für ein Mädchen! Wie schaute sie her, wie glänzte ihr Gesicht, wie lachte sie ihn an! Ach, ihr nur die Backen zu streicheln muß ja besser schmecken als Zucker! Ihr nur die Hand zu drücken, muß ein Glück sein für Kaiser und Könige! Und dieses Mädchen, das ihn liebte, sollte er nicht zum Weibe haben?

Er sollte dieWilde nehmen und die Schöne

einem andern lassen? Nein, dies geschah dies litt er nicht, und wenn er in Stücke zer⸗ rissen würde!

Das Pärchen wurde in ein Gespräch ver⸗ wickelt, das wir nicht weiter verfolgen wollen, da es den Lesern schwerlich so wunderschön vor⸗ kommen möchte wie ihm, und nichts zur Ge⸗ schichte Gehöriges darin verhandelt wurde. Sie

fragten sich, rühmten sich wechselseitig und fragten 5 sich noch einmal, wußten eigentlich selbst nicht,

was sie sagten, und fühlten nur, daß es köstlich war und daß man so fortreden konnte ohne aufzuhören. Und beide gefielen sich besser als je vorher. Der Bäbe kam das Gesicht des

Tobias heute entschlossener, männlicher vor;

und sie schten dem Tobias sogar bei der Liebes⸗ erklärung nicht so lieb gewesen zu sein wie jetzt zwischa' Liecht(zwischen Licht, in der Dämm⸗ rung). udlich hörten sie starke Schritte von weitem und schraken auf, Tobias, wenn ich die Wahrheit sagen soll, etwas lebhafter als die Bäbe. Ein Mann kam die Gasse herauf. Bäbe sagte mit gedämpft süßer Stimme Gute Nacht und ging mit ruhigem Schritt und unbefangener Haltung den Weg zur Bäuerin. Tobias eilte in die Hauptgasse zurück und begab sich heim. Es war das letzte reine Glück, welches unserm Paar das Schicksal gönnte. Der Mann, der die Gasse heraufkam, war jener Bekannte des

alten Schneiders, der ihm schon seine Beobacht⸗ ung wegen der Sibylle mitgeteilt hatte.

Den jungen Schneider so vertraulich bei der Pfarr⸗ magd stehn zu sehn, fiel ihm auf; und so un⸗ befangen die Bäbe an ihm vorüberging, so merkte der alte Praktikus doch aus einem ge⸗ wissen Leuchten des Gesichts, daß es keine ge⸗ wöhnliche Ansprache gewesen sein konnte, welche die beiden miteinander gehabt hatten.

Als Tobias am andern Morgen in die Stube trat, bemerkte er in dem Gesicht des Alten einen Ernst und zumal in den hängenden. Lippen eine Strenge, die ihm sehr verdächtig vorkam. Augenblicklich fielen ihm seine begangenen Sünden ein, und er harrte mit Bangigkeit auf die erste Rede. Sie kam schneller und schlimmer, als er gedacht. Mit der Miene des Anklägers fragte der Alte barsch:

Was hast Du denn des Abends um Bet⸗ läuten mit der Pfarrmagd zu reden?

Tobias fuhr zusammen und erblaßte.

Ich? brachte er endlich mit Mühe hervor. Ja Du! entgegnete der Vater.Von. Dir ist die Sprach'!

Nun, erwiderte der Gute, der sich einiger⸗ maßen gesammelt hatte,wie man eben in eine Ansprach' kommt miteinander. Ich hab' gefragt, wo sie hinginge, und sie hat gesagt: 15 Huftenbäurin; und wie eine Red' die andere gibt.

Der Alte, der aus dieser Erklärung und der ganzen schuldbewußten Haltung des Burschen gesehn, daß die hübsche Pfarrmagd ihm nicht e sei, fiel ihm ins Wort und ver⸗ etzte:

Los'(höre), wir wollen deutsch miteinander reden. Du hast mir versprochen, daß Du's mit der Sibylle sobald als möglich richtig machen willst; ist's so oder nicht?

Ja, erwiderte der der Ueberführte me⸗ chanisch.

Du hast nichts getan in der Sach'! Da⸗ für muß ich hören, daß Du mit der Pfarr⸗ magd vertraut diskurierst und daß sie aus⸗ sieht, als ob Du ihr, Gott weiß was, in den Kopf gesetzt hättest. Willst du mich hinters Licht führen? Willst Du Deinen Vater für'n Narr'n haben?

Ach, rief der erschreckte Tobias, warum nicht gar! Wie kannst Du nur.

Gut, versetzte der Alte.Wenn Du's nicht willst, so zeig's! Die Pfarrmagd hat nichts und paßt nichts für Dich: bei der Sibylle

bist Du versorgt, bleibst im Dorfe und kannst

einen rechten Mann machen. Ich verlang', daß Du zwischen heut und morgen mit den Leuten red'st, oder ich red' selber! 45

Aber mein Gott, rief der Unglückliche,so übers Knie kann man die Sache doch nicht ab⸗ brechen? f

Ich hoff' doch, entgegnete der Vater, ind m er den Widerstrebenden argwöhnisch betrachtete, f daß Du's kannst. Sonst könnt' ich am End Dich über's Knie nehmen und.

Er machte eine deutliche Bewegung.

Der Alte war kein böser Mann; er fühlte,

daß er am Ende nichts gut machte, wenn er den Sohn mit Gewalt zum Weber hinnötigte,

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