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Nr. 43.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 7.
und von dem wahren Verhältnis mit der Pfarrmagd hatte er noch keine Ahnung; daher
fsagte er nach kurzem Bedenken:„Nun gut; 1 ich will zeigen, daß ich auch dir deine Weis'
lassen kann. Acht Tag' will ich warten. Aber
dann hab' ich die Antwort?“
„Dann hast du die Antwort“, erwiderte der
ohn. Mit Nachdruck, obschon in etwas milderem Tone, setzte der Alte hinzu:„Das Reden mit
der Pfarrmagd laß jetzt unterwegs. Ein junger
ergehen lassen.
Mensch kann wohl einmal einen Unterhalt haben mit so einer— ich weiß wohl, wie man in den Jahren ist; für dich aber schickt sich's jetzt nicht mehr. So! ich geh' hinaus aufs Feld— und du mach das„Leible“(Weste) fertig. Wenn du verständig bist und mir folgst, dann sollst du sehen, daß auch ich als Vater an dir handeln kann. Willst du mir aber was vormachen und gehst mit Lügen um, dann sei dir unser Herr⸗ gott gnädig!“
Nachdem er dies mit entsprechendem Schwingen des Zeigefingers gesagt, setzte er den Schaufel⸗ hut auf und verließ die Stube.
Tobias fühlte sich tief niedergeschlagen oder, besser zu reden, vernichtet. Das letzte Mittel, wodurch er die Sache glaubte hinziehen zu können, bis irgend eine rettende Wendung ein⸗ trat, war ihm genommen. Er mußte sich ent⸗ scheiden, mußte entschlossen mit der Farbe her⸗ ausgehen— aber das war gerade das Unmög⸗ liche! Wenn er nach allem, was bisher geschehen und was er jetzt wieder versprochen hatte, vor seinen Vater hintrat und ihm erklärte, er wolle die Pfarrmagd heiraten— den Auftritt, den es da gab, wollte er nicht einmal denken, ge⸗ schweige denn erleben! Wenn er's aber doch tat, so half es nichts, denn der Alte gab nicht nach. — Er war ihm, als ob ihm Hände und Füße mit Stricken gebunden wären und er nichts tun könnte, als ruhig dasitzen und alles über sich Eine Zeitlang gab er sich stillem
Brüten hin und kostete das Gefühl der Rettungs⸗ losigkeit von Grund aus. Dann raffte er sich auf und arbeitete an dem Leibchen, und nähte hastige Stiche und riß wiederholt den Faden ab. Es war zu arg, wie es ihm ging! Sein Lebelang war er schlecht behandelt worden, und während andere ihr Glück machten, hatte er nur Verdruß und Unehr' gehabt in der Welt. Und jetzt, wo auch er glücklich werden konnte, sollte er dies expreß nicht, nein, sondern unglücklich sollte er werden! Das war ja doch, um ins Wasser zu springen. Wahrhaftig,
wenn er ein rechter Kerl war, lief er jetzt fort
und machte seinem Leben ein Ende! Gab's noch
einen Menschen, wie er einer war? Der Teufel hatte sein Spiel mit ihm ganz extra! Nur ihm
sollte alles konträr gehen— sonst niemand! — Der gute Tobias, auf dieser Höhe des Zornes angekommen, stieß einen Fluch aus, der einem Stärkern Ehre gemacht hätte, strampfte mit dem Fuße und warf die Arbeit auf den Tisch, daß es klatschte— zum Glücke für den Eigentümer des Leibchens, der ein kläglich genähtes Stück auf den Leib erhalten hätte.
Nach und nach legte sich der Sturm seiner
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Aufregung. Er begann wieder zu nähen und süuchte in akkurater Arbeit die Qualen seines
Innern zu vergessen. Als er so mit stillgefaßtem Duldergesicht
0 dasaß, kam die Walpurg von der Küche herein
und sah ihn von der Seite an. Sie wußte nichts von der Bäbe, kannte aber den Plan mit Sibylle und hatte als erfahrenes Weib
g ähre Gedanken. Mitleidig sagte sie:„Ja ja,
Tobias, ich glaub' schon, daß du nicht dran willst! Die Schönst ist sie freilich nicht, die
besser, als man's hätte denken sollen.
Sibylle; aber du mußt halt ein Aug' zudrücken. In der Eh' geht's manchmal gar kurios, und es hat schon manchem eine nachher besser ge⸗ heben 1215 vorher. Dir kann's wohl auch so gehen!“
Tobias starrte sie an.„'s mag sein,“ er⸗ widerte er und nähte weiter.
Er hatte einen elenden Tag, unser Schneider; aber das Elend, die andauernde Gesunkenheit seines Wesens, machte ihn müde, und er schlief
(Fortsetzung folgt.)
Eutfernungen im Weltraum.
Außerhalb des Sonnensystems wissen wir nicht viel von dem Vorhandensein ähnlicher Verbände von Weltkörpern, obgleich sich teils vermuten, teils mit Sicherheit hat nachweisen lassen, daß gewisse Fixsterne dunkle Begleiter haben, die wie die Planeten nur fremdes Licht empfangen. Die Veränderlichkeit im Glanz vieler Sterne ist auf ein deractiges Verhältnis zurückzuführen. In noch viel größerer Zahl sind Beispiele eigentlicher Doppelsterne bekannt, in denen sich zwei selbstleuchtende Sonnen um⸗ einander bewegen, und es gibt auch Verbindungen von drei, vier oder noch mehr Fixsternen unter⸗ einander. Mitunter sind diese aneinanderge⸗ fesselten Sonnen recht weit voneinander entfernt, viel weiter als einer der bekannten Planeten von unserem Muttergestirn. Die Erde hat von der Sonne einen Abstand von rund 150 Mil⸗ lionen Kilometern, der Saturn einen solchen von 1413 Millionen Kilometern. Der Doppel⸗ stern Procyon besteht aus zwei Weltkörpern, die 2573 Millionen Kilometer von einander entfernt sind. Bei den beiden Elementen des Sirius wächst die Distanz auf 3139 Millionen Kilometer. Auch dies sind aber immer noch verhältnismäßig geringe Abstände, die auch noch innerhalb der Enfernungen des Planetensystems bleiben, denn der fernste Sklave der Sonne, der Neptun, hat von dieser eine Distanz von 4467 Millionen Kilometern. Der allbekannte Polarstern im Sternbild des kleinen Bären ist gleichfalls ein Doppelstern, aber die beiden Himmelskörper, aus denen er besteht, sind über 37 Milliarden Kilometer von einander entfernt. Noch gewaltiger ist der Abstand zwischen den Elementen des mächtigen Doppelsternes Alde⸗ baran im Stier, der zu fast 42 Milliarden Kilometer bestimmt ist, und bei einem Doppel⸗ stern im Bild des Eridanus wächst er gar auf 70 Milliarden Kilometer. Unser Sonnensystem stellt also im Vergleich zu den anderen Welt⸗ systemen mit seiner Ausdehnung keine hervor⸗ ragende Größe dar.
n Humoristisches.
Die neuesten Litzen. Vater(Gum Sohn, dessen Militärrock auf dem Oberarm zwei Querlitzen zeigt):„Ja, Schorschl, was haben's denn Dir für zwoa Stroaflnu aufi g'flickt?“„Woaßt, Vota: weil d'Impf⸗ blattern so guat kemma san bei mir, hams mi dekoriert!“
(Jugend.)
Vom Kasernenplatz. Unteroffizier:„Stell' dich nur nicht ganz wie'n Rindvieh an, Meyer, dadurch hilfste der Fleischnot ja doch nicht ab!“—
Mildernder Umstand. Richter:„Sie geben also zu, die Zigarren gestohlen zu haben; haben Sie etwas anzuführen, was Ihre Strafe mildern könnte?“ — Angeklagter:„Jawohl, ich rauche sonst eine bessere Sorte!“
Geschichtskalender.
Glashütte in Albi. Leipzig.
26. 1894: Sturz des Reichskanzlers Caprivi.
27. 1902: Ende des amerikanischen Bergarbeiter⸗ streiks. 1553: Calvin läßt Hervet als Ketzer verbrennen.
23. 1901: Holländische Hafenarbeiter planen den Boykott der englischen Schiffe, um den Buren zu Hilfe zu kommen. 1878: Hamburg⸗Altonaer„Volksblatt“ sozlalistengesetzlich verboten.
29. 1897: Henry George, amerik. Arbeiterführer, F. 1477: Tizian Vezellio, berühmter ital. Maler,.
30. 1901: Bruno Schönlank, soz. Abg., F. 1880: Belagerungszustand über Hamburg verhängt.
31. 1884: Albert Dulk, sozialist. Schriftsteller, F. 1848: Windischgrätz unterwirft Wien. 1796: Hinrich⸗ tung der Girondisten.
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Litterarisches.
Der Arbeiter ⸗Notiz⸗ Kalender für 1904 ist— reichhaltig ausgestattet— bei der Buchhandlung Vorwärts erschienen. Die erste Seite bringt als Illu⸗ stration den Sitzungssaal des Reichstags, mit Angabe der den einzelnen Fraktionen zugewiesenen Plätze. — Wir finden dann im Kalender„Die Ergebnisse der Reichstagswahlen 1903“ nach den bisher veröffentlichten Resultaten mit Angabe der für unsere Partei bei den 1898er Wahlen abgegebenen Stimmen. Außerdem ist das Prozentverhältnis unserer Stimmen zu den überhaupt abgegebenen ersichtlich.
Daneben finden sich noch viele wissenswerte Notizen über die Reichstags wahlen, Fraktions⸗ stärken ꝛc. und endlich in vorzüglichem Druck die Por⸗ traits der soztaldemokratischen Reichtags⸗ abgeordneten. Vielen Parteigenossen werden auch die im Kalender enthaltenen Lebensschicksale unserer Abgeordneten von Interesse sein, bieten sie doch die beste Widerlegung der Behauptung unserer Gegner, daß die sozialdemoktratischen Abgeordneten keine Arbeiter seien.— Ferner enthält der Kalender: Das Kinder⸗Schutzgesetz, die Adressen der deutschen Gewerbe⸗Inspektoren, des Parteivorstandes, der Vorsitzenden der deutschen Gewerkschaften, der Mit⸗ glieder der Generalkommisston, der internationalen Sekre⸗ tariate, der deutschen Arbeiter⸗Sekretariate usw. Der textliche Inhalt ist dabei um 16 Seiten vermehrt und auch die äußere Ausstattung stellt sich bedeutend geschmackvoller dar, als in früheren Jahren. Der Kalender kann daher jedem Arbeiter als ein nützliches und praktisches Nachschlagebuch empfohlen werden. Der Preis ist wie bisher 60 Pfennig.
25 Jahre Kampf und Sieg. Unter diesem Titel hat die Buchhandlung„Vorwärts“ ein illustriertes Festblatt zur Erinnerung an den Erlaß und die Zeit des Sozialistengesetzes herausgegeben. Eingeleitet mit einem Gedicht von Clara Müller, gibt es in mehreren Artikeln von Bebel, Bernstein, Motteler, Singer und Auer Erinnerungen aus den Zeiten des schwersten Kampfes. Bernsteins Artikel ist der Geschichte des Züricher„Sozialdemokrat“ gewidmet, der, 1879 gegründet, vom Wydener Kongreß 1881 an bis zum Oktober 1886 offizielles Organ der deutschen Sozialdemokratie war, aber auch danach noch bis zu seinem Eingehen 1890 dasjenige Blatt blieb, in welchem die Interessen der Partei am rücksichtslosesten vertreten werden konnten. Der Artikel trägt an der Spitze eine verkleinerte Nachbildung des Kopfes des„Sozialdemokrat“. Als ein Dokument aus jener Zeit ist auch der„Rote Teufel“ zu bezeichnen, der die preußisch⸗deutschen Ge⸗ walthaber jener Zeit nicht wenig geärgert hat, von den heutigen Parteigenossen aber nur wenigen bekannt setn dürfte. Eine verkleinerte Abbildung seines Kopfes wird gleichfalls gegeben. Neben anderen Abbildungen bringt die Festschrift drei hübsche Bildchen als Proben des Humors, der die Genossen auch unter dem Sozialisten⸗ gesetz nicht verlassen hat. Cins derselben verspottet Kautsky als— Reformdudler und dieser selbst ist der Zeichner.— Möge das Erinnerungsblatt den Jüngeren, die jene Zeiten noch nicht als Parteigenossen mit durchlebten, ein Ansporn sein, denen nachzueifern, die Gut und Blut für ihr Ideal einsetzten; den Aelteren ist es eine stolze Genugtuung, zu sehen, daß nicht um⸗
1878: Verbot des„Vorwärts“,
25. Oktober. 1898: Sturz des französischen]sonst gekämpft wurde.— Das Blatt ist bei unserer Min isteriums Brisson. 1896: Eröffnung der Arbeiter⸗ Expedition erhältlich, der Preis beträgt 10 Pfg.
Sg 0 8 f 344 Empfehle 1 Dozld 0280 0 f Ia. Kornbrod 0 S 7 0 owie N 8 fr Grahambrödchen Taschen- u. Weeker-Uhren, Uhrketten als Spezialität Carl Geismar, Uhrmacher L. Müller i Seltersweg 46. Giessen Seltersweg 46. Gießen, Bahnhofstraße 61. 9 GSOc tages
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