Se ite 4.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
— Landtagswahl in Darmstadt. Bei der am Donnerstag vorgenommenen Wahl der Abgeordneten, wurden, wie vorauszusehen war, die nationalliberalen Kandidaten Land⸗ gerichtsgerat Buff und Architekt Müller einstimmig gewählt. Dieses Resultat, was eine Stärkung der Reaktion bedeutet, hat der Frei⸗ sinn auf dem Gewissen. Wie wir schon in letzter Nr. bemerkten, wäre es ein Leichtes ge⸗ wesen, die Nationalliberalen, die mit nur 25
timmen Sieger blieben, aus dem Felde zu schlagen. Das geschah, wenn der Freisinn sich nicht geweigert hätte, der beinahe doppelt so starken Sozialdemokratie ein Mandat abzutreten. Beobachtet der preußische Freisinn bei den Land⸗ tagswahlen dasselbe Verhalten, so wird's ihm in den meisten Fällen wie in Darmstadt ergehen.
Gießener Angelegenheiten.
— An die Frauen richtet unser Magde⸗ burger Parteiblatt eine recht beherzigenswerte Mahnung. Es ist leider eine höchst bedauerliche Tatsache, schreibt es, daß noch sehr viele Frauen dem Freiheitsstreben ihres Mannes schwere Hindernisse bereiten. Mancher Mann möchte gern auf die Arbeiterpresse abonnieren, wenn die Frau nicht dagegen wetterte. Sie tut das in Unverstand. Sie meint, das Geld könne gespart werden, sie weiß aber nicht, daß sie dadurch viel mehr verliert, als sie an Verlust vermeiden möchte. Denn die arbeiterbedrückenden Zustände und arbeiterfeindlichen Gesetze lasten schwer auf der Tasche des Arbeiters. Sie lassen ihm gar nicht erst so viel zufließen, als bei freiheitlicheren Zuständen möglich wäre, und nehmen ihm das zehn⸗ und zwanzigfache aus der Tasche, was die Frau gern sparen möchte. Wer gar nichts für den Freiheitskampf ausgeben will, darf sich auch nicht beschweren, wenn Unterdrückung und Ausbeutung herrschen. Manche Frau will auch nicht, daß ihr Mann durch Abonnement auf die Arbeiterpresse oder sonstwie verrät, daß er Sozialdemokrat sei. Das ist eine jämmerliche Feigheit. Das heißt sich selber ducken und den andern den Kampf überlassen. Das ist höchst unrecht gegen diese andern. Wenn diese andern durch ihren Kampf für die Arbeiter etwas erringen, dann nimmt man ganz gern an dem Errungenen auch mit teil. Das ist aber verächtlich, sich
von andern etwas erobern zu lassen und selber
nicht mitzukämpfen.
Eine tapfere Frau steht ihrem Manne im Kampfe um Freiheit und Recht ehrlich bei. Sie bittet den Mann, selber mit teilnehmen zu dürfen. Sie liest die Arbeiterpresse selber mit Vergnügen und Genugtuung und freut sich mit dem Manne der Triumphe der kämpfenden Arbeiterklasse.
—Eine Erinnerungs feier an den Erlaß des Sozialistengesetzes veranstalten die hiesigen Parteigenossen am Sonntag Nachmittag um 4 Uhr in Lony's Bierkeller. Die Genossen Ulrich und Scheidemann aus Offenbach werden das Tema„Vor 25 Jahren“ behandeln. Umstände halber konnte diese Versammlung nicht, wie vorher geplant war, am Mittwoch, dem Geburtstage des Schandgesetzes stattfinden. Uebrigens dürfte der Sonntag für viele Arbeuer eine sein; es wird daher recht zahlreicher
esuch erwartet. Voraussichtlich wird der Arbeitergesangverein„Eintracht“ es sich nicht nehmen lassen, die Feier durch einige passende Lieder zu verschönern.
Hier in Gießen richtete das Schandgesetz nicht so große Verheerungen an, wie an vielen andern Orten. Es fanden zwar verschiedene Haussuchungen nach dem„Staatsanzeiger“ (Züricher„Sozialdemokrat“) statt, besonders Genosse Orbig mußte mehrfach solche über sich ergehen lassen, große Sozialistenprozesse schlossen sich aber nicht daran. Nur Genosse Petersen fiel einmal herein und er mußte wegen Verbreitung verbotener Schriften eine Woche brummen. Ende der achtziger Jahre wurden in Gießen etwa zwanzig Exemplare des„Sozialdemokrat“ gelesen.
— Die interessante Zeitung. Von einem Parteigenossen wird uns geschrieben: „Wer eine bessere Lektüre als Amts- und Kreisblätter gewohnt ist, manchmal aber wie ich in die Lage kommt, mangels anderen Lese⸗
stoffes ste durchstudieren zu müssen, der muß wirklich an sich halten, daß ihm ob der wider⸗ lichen Byzantinerei und Schweifwedelei nicht der Ekel überkommt. Das trifft be⸗ sonders zu, wenn sich hohe Personen auf Reisen befinden, was bekanntlich nicht selten vorkommt. Ganz richtig dichteten kürzlich die „Lustigen Blätter“: 8 Sie reisen hin, sie reisen her;
Von Ende Mai bis Herbstbeginn
Beschließt man meistens im Koupee
Der Völker Wohl, der Völker Weh.
Monarchen reisen massenweise
Auf diesem wie auf jenem Gleise
Der Telegraph erzählt geschwind,
Wo welche eingetroffen sind. Hochzeitsfeier in Darmstadt— Zar Nikolaus in Darmstadt— König von Italien in Paris — was dabei geredet, getoastet wurde, die Uniform der Herren, die Roben der Damen — alles wird bis in's Einzelne haarklein be⸗ schrieben. Was und wie sie aßen, wird den treuen Untertanen— die obendrein noch das Vergnügen haben, dafür zu bezahlen,— getreulich erzählt. Fehlt nur noch, daß der weitere Verdauungsprozeß bis in die intim⸗ sten Verrichtungen genau geschildert wird!“ So ist es in der Tat. Auch heute trifft noch zu, was der selige Hoffmann von Fallersleben vor einem halben Jahrhundert schrieb:
Wie ist doch die Zeitung interessant
Für unser liebes Vaterland!
Was haben wir heute nicht alles vernommen
Die Fürstin ist gestern niedergekommen,
Und morgen wird— ein Herzog kommen,
Hier ist der König heimgekommen,
Dort ist der Kaiser durchgekommen,
Bald werden sie— alle zusammenkommen—
Wie interessant! Wie interessant!
Gott segne das liebe Vaterland!
— Ein mutiger Mann ist der Mu⸗ seumsdirektor Hofrat Al denhoven in Köln. Er trat auf dem Parteitag der Freisinnigen Vereinigung für die Haltung Barths gegenüber der Sozialdemokratie ein und setzte dazu:„Pach⸗ nicke spricht von dem Honoratiorentisch. Nun, ich bin auch Beamter, und auf die Gefahr einer Maßregelung sage ich Ihnen: Ich habe es für meine Pflicht gehalten, bei der Reichstagswahl für einen Sozial⸗ demokraten zu stimmen. Angesichts dieses Hinweises Pachnickes auf die Nachteile, die den Wählern im Lande entstehen könnten, wenn ste einen Sozialdemokraten wählen, möchte ich mit einem guten Dichterwort schließen:
Der eine fragt: Was kommt danach? Der and're: Ist es recht?
Und damit unterscheidet stch
Der Freie von dem Knecht!“
Das ist recht und gu, und sehr anzuerkennen. Bei den Gießener Freisinnigen käme Herr Aldenhoven damit aber schön an. Er hätte nur die Rede des Herrn Gutfleisch in der en Wählerversammlung hören ollen!
— Die Bestattung unseres Parteige⸗ nossen Landtagsabgeordneten Haas in Mainz hat bereits am Donnerstag Nachmittag statt⸗ gefunden. Da dies dem Vorstand des Wahl⸗ vereins erst im Laufe des Vormittags bekannt wurde, war es nicht mehr möglich, eine Deputa⸗ tion oder wenigstens eine Kranzspende nach Mainz zu senden. Deshalb mußten die hiestgen Genossen es bei der Absendung einer Bei⸗ leidsdepesche lassen.
Das Leichenbegängnis fand zur festgesetzten Zeit unter außerordentlich zahlreicher Betetlig⸗ ung statt. Sämtliche Stadtverordnete ohne Unterschied der Parteirichtung, ein Vertreter der Bürgermeisterei, sowie Beigeordneter Haffner begleiteten die Leiche, welche von der Haas'schen Wohun z in der Frauenlobstraße nach dem Krenale rium überführt wurde, um dort ver⸗ brannt zu werden.— In der Versammlung, welche die Mainzer Parteigenossen am Mitt⸗ woch zur Erinnerung an den Erlaß des Sozial⸗ listengesetzes abhielten, widmete Genosse Dr. David unserm verstorbenen Freunde tiefem⸗ pfundene Worte des Nachrufs und schilderte
seine aufopfernde Tätigkeit als Politiker und Gewerkschaftler.
— Im Stadttheater wird am Mitt⸗ woch(28.) wieder eine Volksvorstellung gegeben. Zur Aufführung kommen:„Der zerbrochene Krug“ von Kleist;„Die Geschwister“ von Goethe und„Wallen⸗ steins Lager“ von Schiller.
Aus dem Rreise Wetzlar.
* Parteiversammlung. Am Sonntag, den 8. November, nachmittags 3 Uhr, findet im Lokale Orbig in Gießen eine öffentliche Par⸗ teiversammlung für den Wahlkreis Wetzlar statt. Als Beratungsgegenstände sind vorge⸗ sehen: 1. Jahresbericht des Vertrauensmannes; 2. Bericht über den Parteitag; 3. Neuwahl des Vertrauensmannes; 4. Verschiedenes. Es wird erwartet, daß die Parteigenossen recht zahlreich erscheinen.
h. Die Lesevereinigung hat Herrn Schauspieler Walkotte auch dieses Jahr für eine Rezitation gewonnen. Der Künstler wird hier das Drama des russischen Dichters Maxim Gorcki„Nachtasyl“ zum Vortrag bringen. Auch diesmal findet der Vortrag wie die früheren im Schützengarten statt. Das Ein⸗ trittsgeld beträgt nur 30 Pfg., so daß ein zahl⸗ reicher Besuch erwartet werden darf.
h. Der Bürgermeister von Wetzlar versieht zugleich die Stelle eines Amtsanwaltes bei dem Schöffen⸗ gerichte. Dieser merkwürdige Zustand soll nun endlich beseitigt werden. Der Bürgermeister von Zengen hat auf Wunsch der Stadtverordneten die Justizbehörde er⸗ sucht, ihn von dem Posten eines Amtsanwalts zu ent⸗ binden.— Das war höchst notwendig! Man bedenke: Der Bürgermeister ist zugleich Chef der Polizei und als solcher fertigt er Strafmandate aus. Wenn nun dagegen Widerspruch eingelegt wird, so fungiert er bei der Ge⸗ richtsverhandlung als Staatsanwalt! Daß dabei seine Tätigkeit als Stadtoberhaupt erheblich beeinträchtigt wird, ist sehr erklärlich. Und dann: muß die Stadt den Amtsanwalt mitbezahlen?
— Dienstbotenlos. Daß die Lage der Dienstboten in sehr vielen Fällen eine wenig benetdenswerte ist und daß oft genug die Be⸗ handlung von Seiten der Herrschaft zu wünschen übrig läßt, ist eine bekannte Sache. Gewiß gibt es Herrschaften, die ihre Dienstboten als zur Familie gehörig ansehen, ihnen humane Behandlung angedeihen lassen und wie ihre Kinder halten. Die sind aber selten. Oft wird
kaum noch als menschenwürdig bezeichnen kann. So wird uns von glaubwürdiger Seite mitge⸗ teilt, daß das Dienstmädchen einer Wetzlarer „Herrschaft“— den Namen wollen wir vor⸗ läufig noch verschweigen— gar keine Lager⸗ stätte für die Nacht hat und sich bald hier und bald da Unterkunft suchen muß. Wenn die Leute kein Dienstmädchen beherbergen können, wäre es doch ihre Pflicht, für sonstige ordent⸗ liche Unterkunft zu sorgen, andernfalls muß die „gnädige Frau“ ihre Hausarbeit selbst verrichten. Es ist ja verwunderlich, daß sich das Mädchen so etwas bieten läßt; aber man muß berück⸗ sichtigen, wie schwer es bei öfterem Wechsel einem Mädchen hält, wieder eine ordentliche Stelle zu bekommen.
h. Der im Steinbruch verunglückte Rehm, dessen Tod wir in der letzten Nr. mit⸗ teilten, soll, wie uns weiter berichtet wird, sein Unglück selbst verschuldet haben. Er sei schon oft behördlicherseits aufgefordert worden, die nötige Vorsicht bei dem Steinbruchsbetriebe zu beobachten und für Schutzvorrichtungen zu sorgen. Rehm war nämlich selbstständig.— Was wir im Uebrigen über die Opfer der Ar⸗ beit gesagt, wird dadurch nicht berührt.
h. Gefallener Kämpfer. Am 19. Oktober wurde in Burg solms unser Genosse L. Schröder beerdigt, der in der Klinik in Gießen der tückischen Schwindsucht im Alter von nur 38 Jahren erlag. Beschäftigt war er als Schmied in der Maschinenfabrik von Momma in Wetzlar, wo noch einigermaßen an⸗ nehmbare Arbeits verhältnisse herrschen. Doch Schröder hatte so viele und schwere Arbeit zu leisten, Kraft bald aufgebraucht war. Als gesunder und kräftiger Mann trat er 1896 in das Geschäft ein und jetzt ist er dahin. Wie Arbeiter mitteilen, wären auf diesem Posten 2 Arbeitskräfte nötig!— Schröder war ein
eifriger und ehrlicher Genosse und wir werden ihm ein gutes Andenken bewahren.
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sogar bei„feinen“ Leuten den Dienstboten in Bezug auf Kost, Logis ꝛc. geboten, was man
daß seine
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