Ausgabe 
25.10.1903
 
Einzelbild herunterladen

K

.

e e

VT

n

e ..v

TTT

Nr. 43.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

Strafen an das Drama von Laurahütte er⸗

innert. Am Abend des Stichwahltages wurde bekannt, daß der Roßschlächter Korte über die Arbeiter abfällige Aeußerungen getan habe. Da bieser nur Arbeiterkundschaft 6 verur⸗ sachten seine Bemerkungen bei einigen Arbeitern tiefgehende Erregung und es wurde eine Flug⸗ schrift verfertigt, in dem zum Boykott des Korte aufgefordert wurde. Am Abend des 26. Juni sammelten sich eine Menge Leute vor der Roßschlächterei, es entstand Skandal und verschiedene Fensterscheiben wurden einge⸗ worfen. Als Angeklagte erschienen zum größ⸗ ten Teile junge Burschen von 1620 Jahren. Die dee bejahten die Schuld⸗ frage auf Landfriedens bruch und das Ur⸗ teil lautete: Gegen den Maler K. Müller auf 2 Jahre Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust und Polizeiaufsicht(); gegen den Arbeiter R. Schmidt auf 1 Jahr 3 Monate Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust und ebenfalls Stellung unter Polizeiaufsicht; gegen den Handschuhmacher Paul Friedrich Ewe auf 1 Jahr Gefängnis; gegen den Färber Rudolf Fredersdorf auf 6 Monate Gefängnis. Die übrigen Angeklagten: Arbeiter H. Horn, E. Brecht, A. Waage, Meyer, Hornung, May erhielten Gefängnisstrafen von 6 Wochen bis 12 Monaten. Im ganzen wurden verhängt: Jahr Zuchthaus, 10 Jahr Ehr⸗ verlust und 52½ Monat Gefängnks! Im Zuschauerraum spielten sich nach Ver⸗ kündigung des Urteils herzzerreißende Szenen ab, die sich bis auf die Straße fortsetzten. Auch hier müssen wir wieder zum Vergleiche auf das Friedberger Urteil gegen die Kriegervereinler und auf das Marburger gegen die Studenten hinweisen.

Die sächsische Wahlreform.

Wenn die sächsische Regierung Reformen ankündigt, gleichgültig auf welchem Gebiete, so hat die arbeitende Klasse zu dem allergrößten Mißtrauen Veranlassung. Besonders in Wahlrechtsfragen. Ueber die Regierungs⸗ vorlage, betr. Aenderung des Landtagswahl⸗ gesetzes, über welche vor einigen Wochen schon Andeutungen gemacht wurden, sind derLeipz. Volksztg. jetzt genauere Mitteilungen zuge⸗

angen. Danach sollen 16 Wahlkreise ge⸗ ildet werden, von denen jeder auf Grund eines direkten Dreiklassenwahlrechts drei Abgeordnete wählen soll. Zu diesen 48 Ab⸗ eordneten werden weitere 48, also insgesamt 6, von Interessengruppen gewählt. Davon sollen auf die Handels⸗ und Ge⸗ werbekammern 24 fallen, die übrigen 24 sind den landwirtschaftlichen Organi⸗ sationen zugedacht. 1

Wenn diese Vorlage Gesetz würde, so hätten die Agrarier und Konservativen die unbestrittene Mehrheit in der Zweiten Kammer. Sicher wären ihnen die 24 Mandate der landwirt⸗ schaftlichen Organisationen und die große Mehr⸗ heit der Mandate der landwirtschaftlichen Be⸗ zirke. Die Arbeiter könnten es im aller⸗ höchsten Falle auf 16 Vertreter bringen. Die Arbeiter wären nach wie vor entrechtet und die Industrie einflußlos. Wie es scheint, will man in Sachsen die unsinnigsten Wahl⸗ systeme ausprobieren. Den kleinen Leuten soll durch dieses System eine Schein vertretung gegeben werden, wie sie unter dem Dreiklassen⸗ wahlrechte ein Scheinwahlrecht hatten. Unsere Genossen werden nicht verfehlen, das gesamte Volk zum Protest gehn diese neue Ver⸗ gewaltigung aufzurufen. leiches, geheimes und direktes Wahlrecht ist unsere Parole!

Wahlrechtsbewegung in Bayern.

Unsere Genossen in Bayern leiten anläßlich der Einbringung des Wahlgesetzentwurfes eine nachhaltige Agitation für das allgemeine Wahl⸗ recht ein. In München fanden am Mittwoch fünf, in Nüenberg vier große Volksver⸗

sammlungen statt, in denen fast überall die Landtagsabgeordneten als Referenten auftraten, die auf die Mängel des Entwurfes hinwiesen. An zahlreichen anderen Orten finden weitere Versammlungen statt und überall soll das Volk

zum Protest gegen die im Entwurfe liegende Benachteiligung des arbeitenden Volkes aufge⸗ rufen werden.

Zu der Ersatzwahl im sächsischen Kreise Mittweida,

wo Göhre gewählt war, der aber bekanntlich das Mandat niedergelegt hat, schrieb die national⸗ sozialeHilfe, daß Göhre wahrscheinlich wieder kandidieren werde.Man wird von beiden Seiten scharf arbeiten und es ist an sich nicht ausgeschlossen, daß Sozialdemokrat gegen Sozialdemokrat kandidiert. Genosse Göhre hat denVorwärts ermächtigt, das ganze alshorrendesten Blödsinn zu bezeichnen. Wer bei den in den nächsten Tagen erfolgenden Kandidaten-Nominierung von unsern Genossen aufgestellt werden wird, ist noch nicht bekannt; Göhre aber bestimmt nicht. Kürzlich ging eine Notiz durch die Presse, nach welcher di? Antisemiten in diesem Kreise eine lebhafte Agitation entfalten wollten, um ihn uns zu entreißen. Dazu dürfen sie sich allerdings schon etwas anstrengen, denn unsere Partei stegte bei der letzten Hauptwahl mit 8000 Stimmen Mehrheit über die gesamten Gegner. Die Wahl ist auf den 17. Nobbr. festgesetzt.

Ein Parteitag der Antisemiten

von der Richtung Zimmermann⸗Hirschel hat vom Sonntag bis Dienstag in Berlin statt⸗ gefunden. Es sollen etwa 300 Personen daran teil genommen haben. Entsprechend einem Antrage der Parteileitung wurde der Name

der Partei inDeutsche Reformpartei

früher nannten sie sich deutsch⸗soziale Reformpartei umgeändert. Der Parteiname wurde geändert, weil er zu Mißverständnissen, besonders in der bäuerlichen Bevölkerung, Ver⸗ anlassung gegeben haben soll, die unter dem Worte Deutschsozial etwasSozialistisches vermutet hätten. Interessant war, was Zim⸗ mermann über das Verhandeln des Marburger Mandates durch Böckel erzählte:

Kontrollierbare und unkontrollierbare Ge⸗ rüchte durchschwirrten die Luft über die vielen Kandidaten, denen er das Mandat angeboten hatte, unter Voraussetzungen, die sehr merk⸗ würdiger Natur waren. Auch mir war das Mandat durch Vermittlung eines Berliner Herrn angeboten worden. Ich habe darauf gar nicht reagiert, weil ich von der Ansicht finden, daß Wahlkreise nicht zu kaufen sind.

Demnach wollte der ehemaligehessische Bauernkönig das Mandat nach Hebräer⸗-Art wie ein Paar alte Hosen verschachern. Er hätte sich unter den Reformparteileuten nur genau umsehen sollen, eine Quantität Schnaps und Bier hätte er gewiß herausgeschlagen.

Bezahlte Königsmörder.

Eine Wiener Zeitung veröffentlicht die Namen derjenigen serbischen Offiziere, welche sich für den Mord Alexanders bezahlen ließen. Diese Träger des vornehmsten Rockes erhielten für dasAbmurksen ihres angestammten Herrschers zusammen 300 000 Francs. Wer mag das Geld bezahlt haben? Die an dem Nischer Komplott beteiligten Offtziere, die zu Freiheitsstrafen von einem Jahr oder mehr verurteilt wurden und dadurch den Offiziers⸗ rang verloren, wurden aus der Armee ausge⸗ stoßen und an die Polizeidirektion ausgeliefert, um nach der Strafanstalt überführt zu werden. An eine Verfolgung der Königsmörder da⸗ gegen denkt niemand.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Kongreßgutgesinnter Arbeiter.

Diesen Sonntag tritt in Frankfurt ein Deutscher Arbeiterkongreß zusammen. Als Einberufer unterzeichnen auch der Zentrums⸗ mann Heil, sowie der christlich⸗soziale Werk⸗ meister Bärrn und danach kann man schon ungefähr beurteilen, welcher Geist auf dem

Kongresse herrschen wird. Delegierte sollen nur Arbeiter oder aus dem Arbeiterstande her⸗ vorgegangene Beamte sein. Nach dem Pro⸗ gramm soll der Kongreß die Wege zu einer geordnetenSelbsthilfe freimachen und be⸗ sonders uneingeschränktes Koalitions⸗ und Ver⸗ sammlungsrecht fordern. Was sich da in Frankfurt zusammenfindet, sind proletarische Mitläufer der herrschenden Klassen, sie stehen unter der Patronanz der Kirche, des Staates und staatserhaltender Parteien. Sobald sie sich aber erdreisten, irgendwelche Forderungen zu stellen, werden sie das Wohlwollen der be⸗ sitzenden Kreise sich sofort verscherzt haben.

Unternehmer⸗Terrorismus

schlimmster Art übt die GlashütteWil⸗ helmshütte in Nienburg aus. Dort ist folgendes Plakat ausgehängt:Bekanntmachungl Wir machen hiermit bekannt, daß wir auch fernerhin niemand beschäftigen werden, der die Henkelsche Gastwirtschaft besucht.

Nienburg, den 15. September 1903.

Homly, Holscher u. Cie.

Das ist denn doch die Kapitalisten⸗Frechheit auf die Spitze getrieben. Empörend muß es wirken, wenn die Gesellschaft, welche sich vom Schweiße der Arbeiter mästet, diesen solche Vor⸗ schriften zu machen wagt, die noch von der Niedertracht diktiert sind, einem armen Teufel die Existenz zu ruinieren. Und da wagen kapi⸗ talistische Soldschreiber noch von sozialdemo⸗ kratischen Terrorismus zu reden!

Die Crimmitschauer Textil⸗Ar⸗ beiter erlassen einen Aufruf an die Ar⸗ beiterschaft Deutschlands, in welcher dringend um Unterstützung gebeten wird.

Acht volle Wochen, heißt es darin, währt der Kampf der ausgesperrten 8000 Kollegen und Kolleginnen Crimmitschaus und noch immer ist ein Ende nicht abzusehen! Das vereinigte Unternehmertum rechnet mit Bestimmtheit dar⸗ auf, daß der Allbezwinger Hunger unsre Kämpfer für den Zehnstundentag, unsre Kämpfer für menschenwürdige Existenz mürbe machen werde, so daß sie bedingungslos zu Kreuze kriechen müßten. Und dann wehe, dreimal wehe den Besiegten!

Nicht das Crimmitschauer Unternehmertum

allein steht uns in diesem Kampfe gegenüber,

sondern das Unternehmertum ganz Deutschlands hat sich unverhohlen gegen jede Bestrebung nach Verkürzung der Arbeitszeit ausgesprochen. Der energischste Widerstand soll den Wünschen der Arbeiter ent⸗ gegengesetzt werden. Vom deutschen Textil⸗ unternehmertum ist das nicht anders zu erwarten!

Arbeiter Deutschlands! Mit unverhohlener Freude rechnet die Unternehmerpresse aus, daß der Kampf die Kasse des Verbandes bald leer machen werde und daß dann den Unternehmern ein mächtiger Bundesgenosse im Hunger er⸗ stehen werde! f 7

Es ist wohl nicht nötig, hinzuweisen auf die Proben unvergleichlicher Solidarität, welche die deutsche Arbeiterschaft bereits oft und gern gab. Ein gleiches ist auch im gegenwärtigen Kampfe zu erwarten. Allein die Tatsache, daß die am elendesten gestellten aller Arbeiter mit den protzigsten aller Unternehmer kämpfen für die Verkürzung der Arbeitszeit, diese Tat⸗ sache allein wird in jeder Proletarierbrust den heißen Wunsch wecken: Diesen Kämpfern für den Zehnstundentag muß der Sieg werden!

Von Nah und Lern.

Hessisches.

Ueber die Wahlrechtsvorlage hat der Ausschuß am Mittwoch seine Vorbe⸗ sprechungen mit der Regierung beendet. Zu⸗ nächst wird nun der Plan einer gleichmäßigen Wahlkreiseinteilung, die sich durch das Land erstrecken und 56 Bezirke mit je 20000 Ein⸗ wohnern umfassen soll, ausgearbeitet werden und in etwa 14 Tagen wird die Vorlage zur weiteren Beratung vor den Ausschuß gelangen.