Ausgabe 
25.1.1903
 
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Seite 6.

Mitteldeulsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 4.

Von Nah und Lern Die Sittlichkeit auf dem Lande

wird durch eine Gerichtsverhandlung illustriert, die kürzlich vor der Strafkammer in Kassel stattfand. Es handelte sich um eine aufsehen⸗ erregende Bluttat, die in Kerstenhausen bei Fritzlar begangen worden war. Der Gutsbesitzer Georg H. Störmer war der lebensgefährlichen Körperverletzung angeklagt, weil er seiner Dienstmagd Martha Wilhelm des Nachts auf dem Futterboden den Hals abschneiden wollte. St. hatte mit dem 20jährigen Mädchen intim verkehrt, wie glaubte, aber auch noch Andere; er will deshalb in große Wut geraten sein. Als auf Vorhalt

über die Folgen dieses intimen Verkehrs das

Mädchen erklärte, ihn in Anspruch nehmen

zu wollen, warf er sich auf das Mädchen und

schnitt ihm mit seinem Messer an der Gurgel. Als das Mädchen schrie, ließ er von ihr ab. Er beschwichtigte es nachher durch Versprechen einer größeren Geldsumme, so daß es auf sein Ansinnen den Leuten und dem Arzte erklärte, es sei in das Futtermesser gefallen. Die Wunde ist inzwischen vernarbt. Die Tat ist bereits im Januar 1902 geschehen und bis zum Herbst verschwiegen geblieben. St. hatte dem Mäd⸗ chen noch vor der Geburt des Kindes im Juli Mk. 800 als Abfindung gegeben. Später ist aber der Vorfall angeblich durch den Vater des Mädchens zur Anzeige gelangt. Das Ge⸗ richt verurteilte Störmer, der 38 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kinder ist, zu drei Jahren Gefängnis.

Die geprellten Handschuhmacher.

Vor nicht langer Zeit meldeten die Zeitungen, daß der Handschuhfabrikant Franz Ranniger in Altenburg, nachdem er noch eine ausehnliche Summe Geld zu sich gesteckt, flüchtig gegangen ist. Der Durchbrenuer war nicht nur als Sozialistenfresser bekannt, sondern er hatte auch die in seiner Fabrik beschäftigten Handschuhmacher veranlaßt, aus dem Verbande auszutreten. R. hatte eine Zuschußkasse für nichtorganisierte Arbeiter gegründet, zu der er Zuschüsse leisten wollte. Um die Kasse der behördlichen Kontrolle zu entziehen, war bestimmt worden, daß kein Mitglied einen rechtlichen Anspruch an das Krankengeld hat. Nun verweigert der jetzige alleinige Inhaber der Firma Ranniger, der höchstwahrscheinlich auch gegen die Gründung der Kasse gewesen, Zuschüsse zu derselben. Infolge davon kann kein Krankengeld gezahlt werden. Das ist ein harter Schlag für die Handschuhmacher, die dem Verband den Rücken gekehrt haben.

Ein Amtsrichter als Sittlichketts⸗ verbrecher.

Vor dem Landgericht Augsburg stand der verheiratete Amtsrichter Georg Lippert in Schwabmünchen, früher in Bayreuth, um sich wegen verschiedener Sittlichkeitsdelikte zu verantworten. Der Angeklagte wurde nach 18 stündiger Verhandlung zu 3 Monaten Ge⸗ fäugnis verurteilt. Lippert hatte längere Zeit den ganzen Amtsbezirk Schwabmünchen unsicher gemacht, indem er Frauen auf dem Felde zu vergewaltigen suchte. Der Angeklagte leugnete hartnäckig, spielte denSchneidigen und mußte mehrmals vom Präsidenten darauf aufmerksam gemacht werden, daß er als Beschuldigter er⸗ scheint und nicht als Richter. Der Staatsan⸗ walt hatte 9 Monate Gefängnis und 5 Jahre Ehrverlust beantragt. Das sauberche Herr chen kam also sehr billig davon.

Eine Gefangenen⸗Re volte

brach am 15. Januar im Gefängnis zu Odessa aus. Die Aufrührer zertrümmerten die Zellen⸗ türen, zerschlugen die Fenster, zerbrachen die Möbel und befreiten die übrigen in den Zellen eingeschlossenen Gefangenen. Am andern Tage kam es zu ähnltchen Auftritten im Frauenge⸗ fänguis. Die Revolte, die jedenfalls ihren sehr berechtigten Grund hat, wurde nach russi⸗ scher Art unterdrückt, Militär schritt ein und tötete mehrere Gefangene.

5 Unterhaltungs-Ceil.

A

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vorkämpfer.

Und als die Ersten sind wir auserlesen

Die ersten Blöcke aus dem Weg zu räumen. Darum hinweg mit schwächlich feigen Träumen, Sie schwinden und wir fühlen uns genesen!

Warum denn noch mit Winseln und mit Jammern Uns an die Brust der müden Mutter klammern d Warum nicht frisch und stark auf eignen Wegen Dem Siel, das unsre Seit uns stellt, entgegen d

Das ist das Wahre: seiner Seit zu dienen Und dennoch sie beherrschen! Klaren Blicks In Sukunft schaun mit eisenharten Mienen, Und schnell mit kühner Hand in des Geschickes

Verworrne Fäden greifen, ehe sich Sum unlösbaren Knoten unser Leben

Verwirren kann wer feige rückwärts wich Der klage nicht der hat sich selbst ergeben! J. H. Mackay.

Aus einem deutschen Hause. Ein Familienbild aus dem neunzehnten Jahrhundert von Ludwig Schierk.

(Fortsetzung.) 3.

Der Träger dieses erlauchten Namens saß am Schreibtische, eine breitgemächliche Gestalt in tadellos modischem Anzuge. Oberhalb der feinsten Pariser Kravatte glühte ein behaglich und genährt Gesicht, dessen zahlreiche Falten und Fältchen als eine Versteinerung der per⸗ sönlichen Erlebnisse gelten konnten, welche die Lebenserfahrung des Mannes ausmachten, der da gedankenvoll oder gedankenlos vor sich hin⸗ staarte. Dies ungewöhnliche Gesicht war nur schwer mit der kunstgewerblichen Ausstattung des Arbeitszimmers in Einklang zu bringen. Man mußte, wenn man es fassen wollte, in die Gassen des Städchens hinabsteigen; mußte diese Gassen im Geiste durchwandern und sich dabei in die Zeit versetzt denken, da ihr weicher, durch den Regen gelöster Grund unter dem leichten Nordwinde des Novemberabends zu er⸗ starren begann.

1 Denn dies Gesicht glich gefrorenem Straßen⸗ ote.

Der lebenswarme Strahl der abendlichen Sommersonne, der durch das geöffnete Fenster fiel, vermochte in diesem vergnügungssatten, selbstsüchtigen Antlitze nicht die Spur, einer Teilnahme zu wecken.

Eben trat der Advokat ein und gab durch sein Erscheinen dem Manne am Schreibtische im Augenblicke die Selbstbeherrschung zurück.

Guten Abend, lieber Doktor! sagte der Fabrikant in gnädig⸗nachlässigem Tone, indem er aufstand, nicht ohne nach einem gleichgiltigen Schriftstück zu greifen, welches er dann in der Hand behielt, um sich den Anschein zu geben, als ob er eine bedeutende Beschäftigung zum Zwecke des vorliegenden Gespräches auf ein paar Augenblicke unterbreche.

Ich habe mir erlaubt, Sie um ihren Be⸗ such zu bitten, weil ich eine Angelegenheit, die mir im Sinne liegt, nicht ohne den Rat eines Mannes erledigen möchte, der in der Geschichte meines Hauses stets eine Rolle von Bedeutung gespielt hat.

Der Doktor nahm weihevoll Platz: diese Einleitung versprach etwas.

In wenig Tagen, hob der Firmenchef wieder an,sind es fünfundzwanzig Jahre; daß ich mein Geschäft in kleinen Verhältnissen übernahm. Ich möchte diesen Moment nicht vorübergehen lassen, ohne den braven Arbeitern meiner Fabriken ein Zeichen herzlicher Teil⸗ nahme zu geben.

Der kleine Rechtsfreund sprang auf.

Erlauben Sie mir, Herr v. Ostheim, bemerkte er schwungvoll,Ihnen vor Allem meine Glückwünsche, sowie meine Zustimmung zu Ihrem humanen Vorhaben auszusprechen!

Der Jubilar setzte den Kölner Dom vor seinen Sachwalter.

Lieber Doktor! drohte er mit dem Finger, Sie werden mir vor Allem versprechen, reinen Mund zu halten! Ich habe wenig Lust, mir die offizielle Welt, die Gesang-, Krieger⸗ und Turnvereine mit ihren Gratulationen und Adressen auf den Hals zu laden!

Der Advokat kannte die Abneigung des bescheidenen Mannes gegen Ehrungen dieser Art, wußte aber auch, daß jene biederen Kor⸗ porationen keinen unfreundlichen Empfang zu fürchten haben würden.

Nun kam es zu eingehender Beratung, die dem rechtskundigen Beistande der Firma Ge⸗ legenheit gab, seine reiche Erfahrung und über⸗ zeugende Beredtsamkeit ins beste Licht zu stellen. Es war dabei auffallend, daß der dienstbeflissene Doktor eigentlich mehr die Rolle eines Zu⸗ stimmenden spielte; denn er überzeugte sich bald, daß der einsichtige Fabrikant ihm kurz und gut den bis in Einzelne feststehenden Plan eines Festes mitteilte, bei dem jede Tätigkeit in den Fabriken ruhen, die Arbeiter bewirtet, die Werkmeister gar beschenkt werden sollten.

Einen Atemzug lang überlegte der Doktor, ob die in Rede stehende Angelegenheit, die seiner Mitwirkung ganz und gar nicht bedurfte, in der Tat der Anlaß sein könne, der seine Anwesenheit in diesem Arbeitszimmer zu solch' ungewöhnlicher Stunde nötig gemacht hatte. Aber im nächsten Augenblicke lag auf seinem kleinen Gesichtchen wieder jene höfliche Mäßigung, die alle Bewegungen dieses außerordentlichen Mannes auszeichnete.

Der Chef der Firma C. v. O. erhob sich.

Lieber Doktor! sagte er zutraulich, indem 4

er seinem Hausfreunde die Hand reichte,Sie

sprechen vielleicht im Vorbeigehen bei meiner 94

Frau vor und weihen sie in die beregte Ange⸗ legenheit ein. Wer weiß, wann ich Gelegenheit

finde dies zu tun; ich ersticke in Arbeit!. Dem klugen Doktor stand das Herz still.

Wolken am Ehestandshimmel; was sollte das heißen? Aber mit vollendetem Gleichmute schritt er höflich grüßend nach der Tür.

In der nächsten Sekunde lag seine Hand auf dem silbernen Drücker.

Was ich noch sagen wollte! kam es vom Eines meiner Mädchen hat,

Schreibtische her.

wie ich höre, einen Fehltritt getan. Sie erinnern 4

sich des jungen Franz in meinem Komptoir; er unterhielt mit Martha ein Verhältnis, das Ein Grund mit, daß ich auf die tüchtige Arbeitskraft verzichtete, die

ich an dem strebsamen Menschen ohne Zweifel N

ich nicht dulden konnte.

besaß. Was raten Sie mir?

Der Sachwalter der Firma C. v. O. drehte

sein schönes Köpfchen dem Sprecher zu. Durch

die Fenster drang der Schimmer mild ver⸗

söhnenden Abendrotes und umgab die Geschichte

jener Firma, die in markigen Zügen an der

Hauptwand des Arbeitszimmers aufgerichtet war, mit lieblichem Heiligenschein. f

Aber auf dem gefurchten Antlitze des reichen

Handelsherrn glühte ein Kotfältchen.

Die Spanne eines Augenblickes genügte dem kleinen Advokaten, sich ein Familienbild zu komponiren, das von den Prachträumen dieses

deutschen Hauses eingerahmt war: die tiefge⸗ kränkte Hausfrau als Mittelpunkt; ein schuld⸗

bewußter Gemahl rechts vorn; im Hintergrunde die Gestalt Marthas mit dem totenblassen

Angesicht und den jammernden Gretchenaugen,

die ihm vorhin auf der kunstgewerblichen Treppe

den flüchtigen Schreck eingejagt.

Nach dieser kleinen gedankenvollen Vertiefung

wußte der Doktor zugleich, daß der Mann da vor im log, und dieser Mann wieder sagte sich, daß ihn sein Sachwalter durchschaute. 5 Entfernung und Unterstützung des Mäd⸗ chens auf kurze Zeit, um dem Gerede auszu⸗ weichen; jedenfalls eine Verbindung der jungen

Leute betreiben! sprach der Advokat gleich⸗

giltig.

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